| Arbogast Schmitt: Die Moderne und
Platon: Zwei Grundformen europäischer
Rationalität Stuttgart: Metzler, 2008. 596 Seiten, 2., überarb. Aufl. |
| Ähnlich wie jeweils die nächste politische Wahl immer epochalen Weichenstellcharakater hat, behauptet man von der eigenen Gegenwart (Schmitt datiert dies ab etwa 1800, S. 15), dass sie einen unvergleichlichen Umbruch gegen dem Vorherigen bedeutet. Seit Thomas Kuhn zurecht viel beachteten Werk The Structure of Scientific Revolutions, 1962, spricht man gar von Revolutionen in der Abfolge wissenschaftlicher Theorien und ihrer Inkommensurabilität zu den vorhergehenden bezüglich der verwendeten Begriffe. |
| Wenn eine Periode diesen Anspruch über die Jahrhunderte behalten hat, dann die Renaissance, die gemeinhin als Aufbruch in die Neuzeit Schmitt verwendet den Begriff der Moderne etwas vage angesehen wird. Das dunkle Mitteltalter ging zu Ende, die Antike wird wiedergeboren, Francis Bacon bringt das Experiment in die Wissenschaft, Nikolaus Kopernikus die Wende im Weltbild und die Empirie beginnt ihren Siegeslauf. Doch der Gräzist Arbogast Schmitt ruft mit dem Urtyp des deutschen Wissenschaftsjournalisten Heinz Haber: Das wollen wir uns einmal genauer ansehen! Er setzt der Revolution die Konstanz entgegen, tadelt die Verachtung des Mittelalters und fordert eine Rückbesinnung auf die Antike, doch nicht auf die zweite Reihe (S. 67), sondern auf das Gespann Platon Aristoteles. Die Renaissance wandte sich nicht so Schmitt der Antike sondern dem Hellenismus (Stoa, Skepsis, Epikureismus) zu. |
| Im Laufe des voluminösen und
gedankenreichen Werks stellt der Autor seine philosophischen Helden oft der
angeblichen Moderne (Descartes, Kant, Hegel,
Popper) und den hellenistischen Schulen, das sind die Stoiker,
Skeptiker und Epikuräer, entgegen. Dazu unterscheidet Schmitt zwei Formen der Rationalität, eine abstrakte und eine konkrete. Er führt sie unter den Begriffen Repräsentations- oder Vorstellungsphilosophie und Unterscheidungsphilosophie präzise aus. Er moniert den Anspruch der Moderne endlich der Vernunft zu ihrem Recht verholfen zu haben und reklamiert für Platon und Aristoteles auch die Vernunft, wenn auch unter etwas anderem Blickwinkel (Stichwort Bestimmtheitsaxiom, S. 65, 225, 506). Das Fundament der Moderne sieht Schmitt als erborgt aus einer verfälschten Auffassung der Antike. Die Moderne beansprucht sich von der Metaphysik abzuwenden (keine Begründung des Diesseits durch ein transzendentes Jenseits), hat aber nur Theorieelemente der Metaphysik auf die Welt der empirischen Einzeldinge verlegt (S. 70). Für diese Thesen liefert Schmitt zahlreiche Argumente und Beispiele. |
| Auf seinem langen Weg gibt er viele
(für mich manchmal staunenswerte) Einsichten. So führt die
neuzeitliche Forderung nach einer Kritik an der Subjektivität des
Erkennens paradoxerweise gerade zu einem unkritischen Absolutsetzen des
»ersten Subjektiven« (S. 157). Am derzeitigen Loblied auf die emotionale Intelligenz oder dem Bauchgefühl (da wird Gerd Gigerenzer wohl etwas falsch interpretiert) übt Schmitt auf Aristoteles verweisend Kritik (S. 472). Da wird er durchaus bestätigt, z.B. von Ori und Rom Brafman ( Ich habe nicht den Überblick über die Ideengeschichte der Philosophie um alles detailliert zu bewerten. Doch schießt Schmitt insgesamt und in einigen Einzelpunkten übers Ziel hinaus. So scheint er mir Kant an vielen Stellen nicht (wohlwollend genug) korrekt auszulegen. Den Philosophen der beginnenden Neuzeit (die ja oft auch Naturwissenschaftler waren) unterstellt Schmitt einen zu naiven induktiven Schluss von der kleinsten Einzelheit auf das Ganze (S. 61). Dabei ist der wissenserweiternde induktive Schluss immer ein Zankapfel geblieben, um den Rudolf Carnap und andere rangen und der von Karl Popper für die Wissenschaft vehement abgelehnt wurde. Wenden, Umbrüche und Paradigmenwechsel (Wendebewußtsein, S. 98) wiederholt an (z.B. S. 97), kommt aber nicht umhin selbst Umbrüche und Paradigmenwechsel zu beschreiben (z.B. S. 104, 308) die kurze Ideengeschichte zu Evolution und Zufall von der Antike (Abschnitt VIII Evolutionsbiologische Bedingungen ...) bringt feine Einsichten. Die Allmacht der Auslese von August Weismann (S. 464) scheint mir aber zu anthropomorph und antiquiert um es der heutigen Evolutionstheorie umzuhängen. An wenigen Stellen äußert sich Schmitt auch zur Diskrepanz zwischen dem idealistischen Platon und dem empirischen Aristoteles, so wie man die beiden aus der Schule kennt. Er versucht hier eine harmonische Brücke zu bauen. Diesem Vorhaben widerspricht mit Hinweis auf Schmitt Helmig (2007, S. 273; siehe |
| Kleinigkeiten
und Tippfehler S. 64 die evidenteste [...] Einsicht kann man evident steigern? Ich meine, man kann es nicht, ähnlich, wie man optimal nicht steigern kann. S. 465 statt Philsophie Philosophie S. 501 zwischen Auftauchens und dem Komma ist ein Leerzeichen S. 529 statt enstanden entstanden S. 536 Möglichen ist ohne Trennungsstrich getrennt |
| Arbogast Schmitt geht nicht so weit wie Alfred North Whitehead (1861-1947), der meinte, alle philosophischen Werke nach Platon wären nur Fussnoten zu ihm. Er versucht nachzuweisen, dass die platonisch-aristotelische Philosophie grundlegende Ansätze für die Moderne lieferte und auch weiterhin beachtenswerter ist, als es derzeit der Fall ist. Nicht zurück zu Platon Aroistoteles, sondern jederzeit vorwärts mit deren grundlegenden Ideen ist Schmitts Devise. Die Moderne und Platon bietet einen umfangreichen Fundus für die Ideengeschichte des Abendlandes. |
| Arbogast
Schmitt, Gräzist, Professor für Literatur und Philosophie
der griechischen Antike in Marburg
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| Rezensionen |
| Halfwassen, Jens (2005): Arbogast Schmitt, Die Moderne und Platon. Philosophische Rundschau 52:1, S. 72-77 |
| Hoffmann, Thomas Sören (2006): Arbogast Schmitt, Die Moderne und Platon. Archiv für Geschichte der Philosophie 88:1, S. 112-118 |
| Mueller-Goldingen, C. (2007): Rez. zu Arbogast Schmitt: "Die Moderne und Platon". Anzeiger für die Altertumswissenschaft |
| Siepe, Franz (2003): Neues zum Verständnis von Antike und Neuzeit aus Marburg. Rezension zu: Arbogast Schmitt (2003), Die Moderne und Platon. Zeitensprünge 3:15, S. 625-630 |
| Willms, Lothar (2005): Die Moderne und Platon / Schmitt, Arbogast. Philosophisches Jahrbuch 113:1, S. 186-188 |
| Links |
| Literatur |
| Norbert Blößner (2005): Platon gegen die Moderne. Diskussionsbeitrag zu: Arbogast Schmitt, Die Moderne und Platon, Stuttgart/Weimar 2003. Gymnasium 112. S. 469-473. |
| Christoph Helmig (2007): Der Gegensatz von Platon und Aristoteles in den neuplatonischen Interpretationen des Menonparadoxons und der Anamnesislehre. In: Michael Erler, Luc Brisson, Hg.: Gorgias Menon. Selected Papers form the Seventh Symposion Platonicum. St. Augustin: Academia. International Plato Studies, Vol.25, S. 273-277 |
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| Christoph Horn, Jörn
Müller, Joachim Söder, Hg.: Platon- Handbuch: Leben - Werk -
Wirkung. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2009. Gebunden, 537 Seiten
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Ori und Rom Brafman: Kopflos. Wie unser Bauchgefühl uns in die Irre führt und was wir dagegen tun können. Frankfurt am Main: Campus, 2008. Jürgen Neubauer, Übs. Gebunden, 216 Seiten | |
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| Thomas S. Kuhn: Die Struktur
wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt: Suhrkamp, 2007. Taschenbuch,
238 Seiten. 2. Auflage, um das Postskriptum von 1969 ergänzt |
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