| Norbert Hoerster: Was ist Moral?
Eine philosophische Einführung Stuttgart: Reclam, 2008. Broschiert, 103 Seiten |
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| Wer spricht vom Elfenbeinturm, aus dem unverständliche philosophische Traktakte kommen? Hier wird das Gegenteil bewiesen: klar, verständlich, informativ, nicht überredend, sondern überzeugend und zudem an machen Stellen Lücken bekennend. | |
| Nach der Einleitung gliedert der Autor
den Text wie folgt: I. Was bedeutet das Wort Moral? II. Ist die Moral den Menschen vorgegeben? III. Kann Religion die Moral begründen? IV. Was leistet die goldene Regel? V. Kann die Moral unseren Interessen dienen? VI. Muss die Moral alle gleich behandeln? VII. Warum soll man nicht Trittbrett fahren? VIII. Setzt die Moral Willensfreiheit voraus? |
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| Gleich ein Zugeständnis: viele Positionen des Autors stimmen mit meinen überein, für viele meiner offenen Fragen zur Ethik deutete er zumindest die Richtung der Antwort an und ich erkannnte, dass er grossenteils mit denselben Fragen kämpft. Anhand derer bespreche ich das Büchlein. Insofern ist meine Besprechung hier voreingenommen. Ich hoffe trotzdem, dass sie hilfreich ist. | |
Das sind meine Hauptfragen an den Text:
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| 1. Gibt es Tatsachen, die moralische Aussagen wahr machen? | |
| Allgemeingültige Moralnormen sind
irgendwie objektiv vorhanden und sind so mit empirischen Tatsachen
vergleichbar. Robert Spaemann (Gut
und böse, relativ?, auch in: Moralische Grundbegriffe, siehe
Literatur) antwortet mit "ja" und begründet damit, dass
gewisse Moralnormen als »natürliches Empfinden« den Menschen
als allgemeingültig vorgegeben sind. Hoerster kontert der Spaemannschen Position: "Eine Moralnorm ist nicht schon deshalb allgemeingültig und vorgegeben, weil jeder ihr tatsächlich zustimmt" (S. 25). Spaemann widerspricht sich auch selbst, da er zusätzlich darauf hinweist, dass das »natürliche Sittengesetz« als »göttliches Gesetz« am Berge Sinai verkündet wurde (Hoerster S. 26). Ein natürliches Sittengesetz, das jedem Menschen im natürlichen Empfinden vorgegeben ist, bedarf keiner göttlichen Übermittlung. Wenn es als göttliches Gesetz vorgegeben wurde ist es kein in der Natur ablesbares Gesetz. Zwei weitere Punkte die Hoerster im 2. Kapitel anspricht kommen im Falle des göttlichen Gesetzes hinzu: Warum gab es Gott so spät in der Menschheitsgeschichte vor? (S. 41) Warum informierte Gott nicht alle Menschen gleichzeitig? (S. 41-42) Ich wunderte mich schon lange, warum diese beiden wunden Punkte für jede Verkündigungsreligion nicht schon breiter diskutiert wurden; dazu auch meine dritte Frage in diese Kerbe (die Hoerster nicht stellt): Warum informiert Gott der Allmächtige nicht jeden Menschen in einer ihm zugänglichen Form? Etwa durch eine entsprechende Gewissenausstattung von Geburt an oder durch klare, ihm verständliche Sprache immer dann, wenn der Mensch die Bibel, den Katechismus, den Koran, den Wachtturm oder was immer ihm seine Religionsvertreter vorlegen aufschlägt und darin liest? Hoerster verneint also die Frage. Gleichzeitig nimmt er aber den Religiösen (die ohne Vorgabe der Moralnormen nicht zurecht kommen) den Wind aus den Segeln. Sie lamentieren auf die fehlenden moralischen Tatsachen, die jedermann erkennbar sind (zumindest im Prinzip) mit: "Keine Religion > keine Moral" (dazu kommt Hoerster auch im 2. Kapitel; siehe
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| 2. Müssen moralische Normen universal gelten? | |
| Da scheint mir eine der schwierigsten Fragen zu sein. Hoerster behandelt sie in verschiedenen Kapitel und kann sie so meine ich nicht befriedigend beantworten. Schon die Wandelbarkeit moralischer Ansichten (Sklaven, Tiere, ...) spricht gegen eine Universalität. Man kann wohl nur sagen: jede grundlegende moralische Norm hat zumindest einen universalen Anspruch. Ich bin aus moralischen Gründen Vegetarier, schaue aber niemand schief an, der diese Position nicht teilt. | |
| 3. Wenn die 1. Frage verneint wird: wie begründet man moralische Normen dann? | |
| Die 1. Frage wurde verneint, also
stellt sich die Begründungsfrage, zumal auch die Religion als
Begründungsinstanz als ungenügend zurückgewiesen wurde. Auch
diese Frage ist schwierig zu beantworten, wird von Hoerster aber
zufriedenstellend beanwortet. Die Kernthese ist, "dass die Moral Interessen der Menschen dient, die so elementar sind, dass sie so gut wie jeder Mensch besitzt" (S. 57). Die Zustimmung zu diesen Interessen gewährleistet die Zustimmung zu den entsprechenden Moralnormen. Sie "ist für jedermann subjektiv begründet und insofern intersubjektiv begründet" (S. 59). Daraus leiten sich dann Regelns für Sanktionen, Erzeihung und Sozialisation ab. Detailfragen wie die Interessen der Kleinkinder oder der stark Behinderten weicht Hoerster nicht aus. |
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| Goldene Regel | |
Die Goldene Regel (siehe
Exkurs: Ethos der Selbstbezogenheit In seiner Rede bei der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels forderte der Philosoph Hans Jonas 1987, das "Ethos der Selbstbezogenheit" durch Bemühungen um mehr Gerechtigkeit im politischen Bereich zu überwinden. Dankesrede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 11. Oktober 1987 in Frankfurt am Main Besser als die Goldene Regel das nur ein Ethos der Ich-Bezogenheit ist scheint das Prinzip von Hans Jonas: Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. |
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| Auf viele Punkte und Argumente konnte ich hier nicht eingehen. Man entnehme sie den Kapitelüberschriften oder noch besser: man lese das Büchlein. | |
| In erfreulich klarer
Sprache ohne zuviele Fachausdrücke behandelt Hoerster ein immer aktuelles
Thema. Dabei beantwortet er viele Fragen, kann jedoch nicht auf alle
trickreichen Fragen der heutigen Ethik eingehen. (Dazu z.B. Marcus Düwell:
Bioethik: Methoden, Theorien und Bereiche, siehe |
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| Links | |
| Norbert Hoerster:
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| Literatur | |
| Hoerster, Norbert (1983): "Moralbegründung ohne Metaphysik". Erkenntnis 19, S. 225-238. | |
| Hoerster, Norbert (1977): Utilitaristische Ethik und Verallgemeinerung. Freiburg: Alber. | |
| Hoerster, Norbert (1995):
Überwindung des Relativismus durch Metaphysik?
Aufklärung & Kritik 1, S. 24-29
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| Birnbacher, Dieter, Hoerster, Norbert, Hg. (1997): Texte zur Ethik. München: DTV. | |
| Schlögel, Herbert (2000): "Selbstbestimmung am Lebensende? Zur Auseinandersetzung mit Norbert Hoerster". Stimmen der Zeit 125:10, S. 703-710. | |
| Spaemann, Robert
(1992): Gut und böse, relativ? Über die Allgemeingültigkeit
sittlicher Normen. Antwort des Glaubens, 12. Freiburg im Breisgau: IBK,
1979. - 2. Auflage 1982- 2. Auflage 1992 Auch 1. Kapitel Philosophische Ethik oder: Sind Gut und böse, relativ? in: Moralische Grundbegriffe. |
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| Robert Spaemann: Moralische
Grundbegriffe: [Gut und Böse, Lustprinzip und Realitätsprinzip,
Eigeninteresse und Wertgefühl ...] München: Beck, 2004.
Taschenbuch 108 Seiten
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| Norbert Hoerster: Ethik und
Interesse. Ditzingen: Reclam, 2003. Taschenbuch: 231 Seiten
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