| Wolfgang
Balzer: Die Wissenschaft und ihre Methoden: Grundsätze der
Wissenschaftstheorie. Ein Lehrbuch Freiburg: Alber, 2009. 2., völlig überarb. Neuauflage Broschiert, 368 Seiten – |
| Das Lehrbuch zur Wissenschaftstheorie von 1997 liegt in einer zweiten, neu bearbeiteten Auflage von 2009 vor. Wie in der Erstauflage liegt der Schwerpunkt auf dem strukturalistischen wissenschaftstheoretischen Ansatz. Das muss kein Nachteil sein, wenn es der Leser nur vorher weiß. |
| Die
Wissenschaft und ihre Methoden gliedert sich in die Kapitel: 1 Soziales 2 Strukturen 3 Daten 4 Methoden |
| Im ersten
Kapitel wird zunächst der Wissenschaftsprozess dargestellt. Dazu
analysiert der Autor zwei Ebenen: die des Wissens und die der Menschen,
sozialen Gruppen und Organisationen. Die Wissenschaftstheorie
konzentrierte sich bisher hauptsächlich auf die erstgenannte Ebene.
Dieses Lehrbuch macht keine Ausnahme. Das erste Kapitel hat
Überblickscharakter. Balzer gibt kurze Einführungen zu Theorien und Modellen, Daten, intendierten Systemen,
Messmethoden und Wissen. In einem längeren Abschnitt geht der Autor auf die Wertediskussion der Wissenschaftstheorie ein. Es folgt eine Abgrenzung zwischen doktrinärem Wissen, Pseudowissenschaft und Offenbarung. Diese Abgrenzung gelingt erfreulich geradlinig. Balzer gesteht gleich zu, dass sie nicht durch Form und Struktur des Wissens erfolgen kann, sondern nur durch Bezug auf die soziale Interaktion (S. 34). Es versteht sich von selbst, dass er allen anderen "Wissens"-arten eine klare Absage erteilt und später auch nie mehr darauf zurückkommt, ausgenommen bei der Datengewinnung. Das erste Kapitel wird durch einen Abschnitt zur Verantwortung in der Wissenschaft abgeschlossen. |
| Die
weiteren Kapitel thematisieren dann ausschließlich den strukturalistischen Ansatz.
Dabei werden bei allem Tiefgang auch viele allgemein interessierenden
Probleme angesprochen. Zunächst zum zweiten Kapitel "Strukturen". Für den Strukturalisten besteht eine wissenschaftliche Theorie aus einer Klasse von Modellen, einer Menge intendierter Systeme, Datenstrukturen und einem Approximationsapparat. Modelle sind dabei geistige Konstrukte zur „Abbildung“ realer Systeme – einschließlich der Daten (!) – oder zum Umgang mit solchen Systemen (S. 15). Sie werden mittels einem geeigneten Repräsentationsformalismus ausgedrückt (S. 50-51) und enthalten die eigentlichen Sätze der Theorie, ihre Hypothesen. Die intendierten Systeme sind die realen Systeme, über die etwas aussagt wird, auf die Bezug genommen wird, die durch Modelle repräsentiert werden. „Ohne intendierte Systeme macht die Frage nach Richtigkeit (Wahrheit), aber auch die nach Brauchbarkeit einer Theorie keinen Sinn.“ (S. 52) Der Begriffsapparat wird ausführlich, teilweise recht anspruchsvoll eingeführt. Es kommen noch drei weitere Bedingungen hinzu: • Abstammungs-, • Passungs- und • Widerlegbarkeitsbedingung. (S. 56-57). Die Passung zwischen Hypothesen und Daten ist Hauptkriterium für die Akzeptanz dieser beiden Komponenten. Eine Theorie, deren Hypothesen zu ihren Daten passen, wird als brauchbar bezeichnet (S. 49). Im Abschnitt 2.5 Strukturen S. 78 ff wird's ziemlich abstrakt. Hier fehlten mir Beispiele zu jedem Abstraktionsschritt. Der zweite Untertitel lautet ja „Ein Lehrbuch“. Es folgen zwar ab S. 104 zwei ausführliche Beispiele (Stossmechanik und Wahlverhalten) aber bis dahin hat man eine lange Durststrecke zu durchlesen. Andrerseits sind die zahlreichen Beispiele – zusätzlich zu denen aus den „harten“ Wissenschaften – aus Psychologie und Sozialwissenschaften sehr instruktiv. Der Autor wird seiner Absicht auch den Sozialwissenschaften einen angemessenen Raum zu geben (S. 9) voll gerecht. Das Kapitel schließt mit einem Abschnitt zu Computerprogrammen und zu umfassenderen Theorienetzen bzw. Querverbindungen zwischen Theorien. |
| Das Kapitel 3
widmet sich den Daten,
die durch die Theorien erst ihre Bedeutung erhalten. Ein Datum ohne
Theorie ist allenfalls eine Zahl. Andrerseits ist jegliche
Datengewinnung schon theoriebeladen. Dies ist wieder ein Abschnitt, dessen Diskussion weit über den eigentlichen Strukturalismus hinausführt und den lapidaren Untertitel "Ein Lehrbuch" rechtfertigt. Es heißt ja nicht: "Das Lehrbuch". Der Klassifizierung in harte und weiche Daten folgt der aufschlussreiche Abschnitt zur Datengewinnung. Es sind dies: Messung, Experiment, reine Beobachtung, theoretische Bestimmung, Umfragen und das Lesen. Man merkt: der Bogen ist weit gespannt und wird durch einen nochmaligen kurzen Exkurs zur Offenbarung (S. 177) abgeschlossen. Hier fehlte – wenn schon Offenbarung – zuvor noch die Intuition. Eine sehr tief gehende Analyse zu Messung, Messproblemen, Datenstrukturen und Test der Hypothesen folgt. |
| Das vierte und letzte Kapitel widmet sich den Methoden: Induktion, maschinelle Entdeckung, Deduktion, Abduktion (nur sehr knapp), Konvergenzverhalten von Lernfunktionen, hermeneutische Methode und Computersimulation. Dazu kann man einiges über Bestätigung und Erklärung lesen. |
| Etwas lästig
ist, dass Balzer die Literatur zwar mit "Autor Jahr" angibt, man im
Literaturverzeichnis das Jahr aber irgendwo am Ende des Eintrags suchen
muss. Schade ist, dass viele Literaturangaben ohne Seitenangaben
erfolgen. Das Stichwortverzeichnis könnte ausführlicher sein. Ich habe
mir z.B. “Repräsentationstheorem S. 185” nachgetragen. Die weiterführende, kommentierte Literatur am Ende jedes Kapitels ist ausreichend und auf dem neuesten Stand, wie überhaupt die Überarbeitung zur Neuauflage an neuesten Ergänzungen erkennbar ist. Dass trotzdem einige wenige Druckfehler überlebten (z.B. „Labtop“, S. 135) stört nicht. Es bestätigt die universale Berechtigung des Vorwortparadoxons. |
| Wer
eine Einführung zum wissenschaftstheoretischen Strukturalismus sucht
hat hier gefunden. Wer auf diesem Gebiet weiterschreiten will wird im
Gesamt-Literaturverzeichnis fündig. Das Werk ist aber auch allen
Studierenden, die sich schon allgemein mit der Wissenschaftstheorie
(z.B. mit dem ganz anders aufgebautem und mit anderem Anspruch
antretenden Standardwerk von Lauth/Sareiter, siehe |
| Professor Dr. phil. Wolfgang Balzer (* 1947 in Darmstadt, Hessen) forschte und arbeitete von 1984-2001 im Bereich der Logik und Wissenschaftstheorie als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und arbeitet seit 2001 im Ruhestand hauptsächlich an Computersimulationen. Er hat mehrere Bücher und zahlreiche Artikel in international anerkannten Zeitschriften aus Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie, Soziologie, Naturwissenschaft und Informatik veröffentlicht. |
| Links |
| Wolfgang
Balzer: |
| Literatur |
| Klein, Carsten (2000): "Reviewed work(s): Die Wissenschaft und ihre Methoden. Grundsätze der Wissenschaftstheorie by Wolfgang Balzer". Journal for General Philosophy of Science 31:1, S. 179-186. (1. Auflage) |
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