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Damasio
Antonio R. Damasio: Descartes' Error. Emotion, Reason and the Human Brain
[Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn] New York: Avon, 1998. 312 Seiten
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Der Neurobiologie Antonio R. Damasio nutzt die Medien wirksam zur populären Darstellung seiner Forschungsergebnisse. Mit Descartes' Error bereitet er für den Laien neue, erstaunliche und wichtige Erkennntnisse aus seinem Labor auf.
Im ersten Teil legt er den berühmten Fall des hirnverletzten Phineas Gage aus dem 19. Jahrhundert dar. Trotz erheblicher Verletzung agierte und kommunizierte Gage erstaunlich normal. Hauptteil des Werks sind dann neurobiologische Ergebnisse zum Aufbau und Wirkungsweise des Hirns. Für den Philosophen erscheinen mir seine wichtigsten Erkenntnisse zu sein:
  1. Gefühle spielen für das Hirn, auch wenn es um rationale Überlegungen geht, eine starke Rolle;
  2. zum Hirn muß man unbedingt den gesamten Körper als Organ hinzunehmen;
  3. alles, was sich im "mind" abspielt, kann man im Hirn oder Körper orten;
  4. die Bewertung auszuwählender Handlungsoptionen geschieht mit "somatic markers".
Damasio nimmt den 3. Punkt als Widerlegung der cartesischen Unterscheidung zwischen res extensa und res cogitans. Insgesamt sind aber die Punkte 1 bis 3 nicht neu, vielleicht sind die beiden ersten Ansichten nicht so weit verbreitet, daß sie Damasio zurecht dem Leser einimpfen will. Mit der dritten These rennt der Autor jedoch (auch schon im Jahr der 1. Auflage 1994) offene Türen ein. Bernhard Lauth leitet ein noch zu veröffentliches Buch über dieses Thema ein mit: "Der cartesische Leib-Seele-Dualismus ist heute eine extrem unpopuläre Position" (als Manuskript vorliegend; inzwischen als Buch, siehe damasio Literatur). Ich weiß nicht, warum sich unter Naturwissenschaftler die Meinung nicht ausrotten läßt, daß die meisten Philosophen dualistische Positionen vertreten.
Neben den neurologischen Details war für mich Damasios Somatic-Marker Hypothese neu.
(1) Verfügbare Handlungsoptionen müssen geordnet werden. (2) Dazu werden Kriterien benötigt. (3)
Diese Kriterien werden durch somatic marker verwirklicht. Sie entsprechen den Präferenzen (des Individuums? des Hirns?) (S. 199).
Damasio drückt sich nicht um die Entstehung von Subjektivität. Dabei hat er das "Selbst" schon eingeführt (und nicht ausreichend erklärt). Subjektivität entsteht dann durch eine Abbildung des Organismus, im Akt der Wahrnehmung und Reaktion auf ein Objekt (S. 243).
Hervorzuheben ist , wie es Damasio in einer Art Plauderstunde mit seinem Leser gelingt, mit dem Stand der Hirnforschung vertraut zu machen.
Damasio ist auch Naturwissenschaftler genug um seine "Widerlegung" der abendländischen Philosophie (so meint er wohl) einzuschränken.
The reader may have been surprised at my insistence that so many "facts" are uncertain and that so much of what can be said about the brain is best stated as working hypotheses. Naturally, I wish I could say that we know with certainty how the brain goes about the business of making mins, but I cannot—and, I am afraid, no one can (S. 258).
Zusammenfassung
Descartes' Error ist eine äußerst lohnende Lektüre für alle, die sich für Hirn, Bewußtsein und den Menschen allgemein interessieren. Erkenntisse zu Descartes darf man sich freilich kaum erwarten. Der Titel ist irreführend, da Damasio einen nur noch von einer Minderheit vertretenen Dualismus drischt und zudem Descartes Lehre extrem verkürzt berücksichtigt. So expliziert Damasio den Irrtum Descartes' auch erst auf Seite 249.
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Links
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damasio Rezensionen und Bibliografien zum Bewusstsein
damasio Zitate von Antonio R. Damasio
DamasioBertram Köhler: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn
Literatur
Martin J. Jandl (2010): "Das antinomische Paradigma der Hirnforschung am Beispiel von Damasios Descartes’ Irrtum". e-Journal Philosophie der Psychologie 14. JandlOnline (pdf)
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Damasio DamasioAntonio R. Damasio: Descartes' Error: Emotion, Reason and the Human Brain. Vintage, 2006. Taschenbuch, 352 Seiten Verlag: Vintage (6. Juli 2006) Sprache: Englisch ISBN-10: Damasio
Antonio R. Damasio. Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Marion von Schroeder, 2004. Broschiert: 384 Seiten Damasio
Damasio DamasioAntonio R. Damasio. Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. List, 1997. Gebunden, 384 Seiten lauth
Bernhard Lauth: Descartes im Rückspiegel. Der Leib-Seele-Dualismus und das naturwissenschaftliche Weltbild. Paderborn: Mentis, 2006. Broschiert, 241 SeitenLauth
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