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Nida-Rümelin
Martine Nida-Rümelin: Farben und phänomenales Wissen
Wien: Verband der wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs, 1993. 98 Seiten
Wer sich mit Fragen des Bewußtseins oder mit der philosophischen Relevanz der Farben beschäftigt kennt die vieldiskutierten Artikel von Thomas Nagel und Frank Jackson (Frank Jackson Das Gedankenexperiment von Frank Jackson). Schon bevor David J. Chalmers in Conscius Mind die Bedeutung der phänomenalen Eigenschaften für die Bewusstseinsdiskussion, das Leib-Seele-Problem und in der Folge für den Physikalismus betonte, hat sich Martine Nida-Rümelin (derzeit Professorin am Lehrstuhl für Philosophie des Menschen und der Humanwissenschaften der Universität Fribourg, Schweiz) in ihrer Dissertation "Glaubenseinstellungen bezüglich Farbwahrnehmungen anderer Personen. Ein Beitrag zur Materialismuskritik", LMU München 1988, damit auseinandergesetzt. Farben und Phänomenales Wissen beruht auf dieser Arbeit.
Ausgehend von den klassischen Gedankenexperimenten präzisiert die Autorin das Argument des unvollständigen Wissens ("argument from knowledge") und erweitert es um das Gedankenexperiment mit Marion in verschiedenen Versionen. Im Nida-Rümelin-Raum (John Perry, S. 111) macht Marion, anders als Mary, Zwischenstation bevor sie mit der Aussenwelt konfrontiert wird. Hier sieht sie zwar zum ersten Mal Farben, doch so, daß sie ihr physikalisches Wissen dem nun dazu kommenden phänomenalen nicht zuordnen kann. Sie sieht Rot, Grün und Blau und weiß, daß reife Tomaten rot sind, bekommt aber die Farbeindrücke ohne konkreten Objekte, beispielsweise nur als Flächen auf der Tapete im Nida-Rümelin-Raum präsentiert.
Der Vorzug von Farben und Phänomenales Wissen ist es, daß mittels Indices streng zwischen nicht-phänomenalen und phänomenalen Farbwörtern und Überzeugungen, die das eine oder andere zum Inhalt haben, unterschieden wird. Damit wird dem engagierten Leser die Bedeutung der verschiedenen Überlegungen zur Gegenfarbentheorie, zum invertierten Spektrum, zum Problem des Fremdpsychischen usw. klarer. Martine Nida-Rümelin kommt zur Auffassung, daß es Tatsachen gibt, die nur phänomenal gewußt werden können; Argumente dafür und dagegen entbehren aber nicht der Zirkularität (S. 83).
Durch die begrifflich streng präzise Ausdrucksweise ist die Lektüre knifflig; die konsequente Benennung der Thesen und Argumente, die Gliederung und Nummerierung erleichtern aber die Arbeit des Lesers. Bei diesem Stoff aussagekrätig zu argumentieren und trotzdem unter hundert Seiten zu bleiben ist bemerkenswert. Für diese Arbeit gilt nicht der Vorwurf von Patrick Suppes: "Kant, like Hume, was long on talk and short on examples" (Patrick Suppes Zitate Patrick Suppes). Sehr lohnend.
Die Gesellschaft für Analytische Philosophie vergibt seit 1994 den Wolfgang-Stegmüller-Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Beim Kongress der GAP 1994 in Leipzig wurde er (geteilt) an Farben und Phänomenales Wissen von Martine Nida-Rümelin vergeben.
Wolfgang Stegmüller Preis Der Wolfgang-Stegmüller-Preis
Literatur
Jackson, Frank: "Epiphenomenal Qualia". Philosophical Quarterly 1984, S. 127-36
Jackson, Frank: "What Mary Didn't Know". Journal of Philosophy 1984, S. 291-95
Nagel, Thomas: "What Is It Like to Be A Bat?". Philosophical Review 1974, S. 435-50
Perry, John: Knowledge, Possibility, and Consciousness. Cambridge, Mass.: MIT, 2001.
Rezensionen Bibliografie Bewusstsein Rezensionen und Bibliografien zum Bewusstsein
Nida-Rümelin, Martine: Farben und phänomenales Wissen.
Wien: Verband der wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs (ISBN 3853699464) und Sankt Augustin: academia Richarz (ISBN 3883455997)
Derzeit (1/2004) nicht über amazon,
doch eventuell über den Buchhandel lieferbar

Nida-Rümelin
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 9.1.2004