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Kutschera
Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung
Berlin: Parey, 2001. Broschiert, 273 Seiten / Stuttgart: Ulmer, 2006. Gebunden, 303 Seiten. 2., aktualis. u. erw. Aufl.
Kutschera EvolutionskritikKutschera Hinweise auf ungelöste Fragen der Evolutionsbiologie Kutschera LinksKutschera Literatur
Die zweite Auflage 2006 in einem anderen Verlag wurde aktualisiert und überarbeitet. Die Kapiteleinteilung blieb im wesentlichen gleich, doch beispielsweise wurde die Anzahl der Abbildungen fast verdoppelt. Sehr hilfreich sind die Literaturhinweise am Ende jedes Kapitels und der Einbezug neuester Werke im Literaturverzeichnis. Das Urteil zur 1. Auflage (Kutschera Fazit) kann für die Neuauflage verstärkt werden: rundum aktuell und empfehlenswert.
Die Evolution des Lebens auf der Erde geriet in den letzten Jahren wieder in die Kritik. Um mitreden zu können sollte man sich mit der Evolutionsbiologie vertraut machen. Dazu ist das hier zu besprechende Werk bestens geeignet. Neben einer fundierten Darstellung der wichtigsten Prinzipien und der Erkenntnisse dieser Teildisziplin der Biologie gibt es den Einwänden der Kritiker und den Antworten darauf breiten Raum.
Die Hauptfragen der Evolutionsbiologie
  1. Wie verlief die Geschichte des Lebens auf der Erde?
  2. Welche Mechanismen führten überhaupt zum Leben und zur weiteren biologischen Evolution?
Ulrich Kutschera, Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe, Professor am Institut für Biologie an der Universität Kassel, gliedert das Thema wie folgt (meine Überschriften):
1 Einleitung und allgemeine Grundlagen
2 Kurze Historie zu den Theorien über den Ursprung der Arten
3 Geschichte des Darwinismus über Neodarwinismus zur Synthetischen Theorie
4 Paläobiologie: sie geht hauptsächlich der 1. Hauptfrage der Evolutionsbiologie nach
5-6 Chemische Evolution, Endosymbiose und Zellevolution (2. Hauptfrage)
7-8 Phylogenese bis zum Ursprung des Menschen
9 Experimentelle Evolutionsforschung
10-12 Evolutionskritik und Gegenargumente
Ein 15-seitiges Glossar dient zum späteren Nachschlagen der Stichwörter. Sechs Seiten Literaturverzeichnis sollten auch dem eifrigsten Leser beim Weiterstudium helfen.
Die fünf wesentlichen Komponenten der Evolutionstheorie sind
1. evolutionäre Entwicklung
2. gemeinsamer Ursprung allen Lebens
3. Artenvielfalt, Artenaufspaltung
4. Gradualismus: allmähliche Veränderung der Populationen
5. Selektion: Mutation, genetische Rekombination und natürliche Auslese
Kutschera dringt in manche Gebiete der Evolutionsbiologie recht tief ein. Angenehm ist, dass zahlreiche Abbildungen den Text nicht nur auflockern sondern vieles anschaulich machen und damit bereichern. Ich hätte mir öfters Zusammenfassungen der Art wie die eben genannten 5 Komponenten und Hervorhebungen gewünscht.
Kutschera weist auf die bestehenden Erklärungslücken beharrlich hin. Er gibt ihnen fast zu breiten Raum ein, wohl um sich hier keinen billigen Vorwurf einzuhandeln. Für die Evolutionstheorie insgesamt ist aber manche Feinheit des Stammbaums des Regenwurms oder der Stechmücke nicht von so grosser Bedeutung. Ein Beispiel für die Hinweise auf angehende Diskussionen ist der Gradualismus versus Punktualismus (S. 96). Die beiden amerikanischen Paläobiologen, die den Punktualismus vertreten bleiben unbenannt. Es sind wohl Niles Eldredge und Stephen Jay Gould.
Kutschera Anfang
Ich vermisste Angaben zum Artensterben jetzt und früher. Weltweit sind derzeit etwa 1,75 Millionen rezente Arten bekannt, man schätzt aber, dass noch 10-12 Millionen Arten unentdeckt sind (S. 40). Dem stehen 250.000 fossile Arten gegenüber (S. 50). Das ist prozentual recht wenig, doch wenn man bedenkt, dass mehr als 99,9 % der Organismen keine Spuren hinterlassen (S. 52) erstaunlich viele. Deshalb hätte mich interessiert, wie man darauf kommt, dass etwa 95 % aller Arten im Laufe der Lebensgeschichte ausgestorben sind.
Evolutionskritik
Wie man schon der oben skizzierte Kapitelüberblick zeigt, gibt Kutschera der Diskussion mit den Kritikern der Evolutionsbiologie breiten Raum. Drei der zwölf Kapiteln widmet er explizit der Kritik von Kreationisten und ID-lern (behandelt aber passim auch in den anderen Kapiteln – sozusagen vorbeugend – bekannte Kritikpunkte). Das ist ungewöhnlich für ein wissenschaftliches Lehrbuch. Oder kennen Sie ein Lehrbuch, sagen wir der Geologie oder Archäologie, dass über heilsame Tetraeder oder Glückssteine referiert? Wohl kaum. Doch hier ist die Sachlage anders. Die Kritiker sind keine Esoteriker im üblichen Sinne, sondern oft Fundamentalisten der Gross- und Kleinkirchen und haben damit gewaltigen Einfluss. Eine Bemerkung eines Kardinals über eine ihm fremde Disziplin löst ein umfangreiches Medienecho aus. Der Schwerpunkt Evolutionskritik und Antworten darauf zeigt sich auch am umfangreichen Literaturverzeichnis: Kutschera führt anteilmässig viel zweifelhafte (vom wissenschaftlichen Standpunkt aus) Literatur auf. Das ist die notwendige Folge davon, dass er die Einwände gegen die Evolution, obwohl schon in vielen Lehrwerken widerlegt, nochmals detailliert behandelt, deren Literatur nennt und sie dann auch aufführen muss.
Besonders geht Kutschera (neben spezieller evolutionsbiologischer Kritik) auf diese beiden bekannten Argumente ein. Ich rekapituliere nicht Kutscheras treffende Repliken, doch ich ergänze jeweils ein Argument.
Das Uhrmacherargument S. 208-209
"Design must have a designer" vom Theologen William Paley (1743-1805) ist tautologisch; besser ist meines Erachtens: "Keine Funktion ohne funktionsgebendes Subjekt" (Diese These von John Searle verteidige ich unter searle Keine Funktion ohne Beobachter). Der Apfelbaum ist keine Sonnenuhr, ausser der Mensch erklärt ihn dazu. Jede Funktion braucht notwendigerweise einen Funktionsgeber, einen Schöpfer. Da aber im Universum keine Funktion erkennbar ist, kann auch auf keinen Funktionsgeber geschlossen werden. Andrerseits besagt das nichts darüber, ob es nicht doch einen Schöpfer gibt.
Das Wahrscheinlichkeitsargument S. 212-214
Wer den unwahrscheinlichen Fall eines Lottogewinns oder gar zweier Sechser an zwei aufeinander folgenden Wochenenden hat, wird nicht sagen: "Nein, das ist zu unwahrscheinlich. Um mich nicht zu blamieren, hole ich den Gewinn nicht ab". D.h., wenn ein unwahrscheinlicher Fall mal eingetreten ist, hilft kein Jammern und kein Argumentieren: er ist da.
Da die Evolutionstheorie neben der Quantentheorie zu den bestbelegten Theorien der Wissenschaft überhaupt zählt, mag es wundern, dass gerade gegen sie (und nicht gegenüber der Quantentheorie oder der Newtonschen Mechanik oder ...) ständig – vornehmlich nicht von Biologen – Pauschalkritik laut wird. Nun, vielen Gottesgläubigen ist es ein Dorn im Auge, dass die Entstehungsgeschichte der Planzen und Tiere inklusive des Menschen natürlich erklärt werden kann. Ausserdem verweist die Evolutionstheorie den Homo sapiens ins Tierreich, der Mensch wird damit seiner Sonderstellung beraubt. Die Gottesgläubigen übersehen, dass dadurch nichts darüber gesagt wird, wie Gott gewirkt haben mag. Reißerische Magazintitel wie "Gott oder Darwin" (Der Spiegel, Dez. 2005) verkennen die Sachlage. Die Wissenschaft strebt nach Wahrheit. Unsere derzeit besten Theorien beschreiben die Wirklichkeit und sind im Sinne Karl Poppers (Kutschera Karl Popper) Annäherungen an die Wahrheit. Wie weit wir noch fehl liegen kann niemand sagen. Aber solange keine besseren Theorien vorliegen sind die derzeitigen Theorien das Wissen, das in der Schule abgefragt wird und an dem neue Theorien oder Theorienverbesserungen gemessen werden. Von den Kritikern wird keine brauchbare wissenschaftliche Alternative angeboten, von besseren ganz zu schweigen. Das bringt Kutschera etwas versteckt auf Seite 49. Bestenfalls werden von den Kritikern Lücken aufgezeigt, derer sich die Biologen wohl bewusst sind, die es in jeder Wissenschaft gibt (sonst könnten die Wissenschaftler einpacken) und die es immer geben wird. Also kein Grund eine Theorie pauschal in Frage zu stellen oder gar abzulehnen, sondern ein Ansporn zu weiterer Forschung.
Ulrich Kutschera geht in beiden Auflagen der Evolutionsbiologie kurz auf die Position der Katholischen Kirche zur Evolution ein. In der ersten Auflage nur knapp (S. 202), in der zweiten Auflage in einem eigenen Unterabschnitt "Position der Amtskirchen" (S. 238). Soweit ich das den Quellen studieren konnte, gibt Kutschera die wenigen Aussagen der katholischen Amtsträger angemessen wieder. Mit "Einer seiner Kardinäle" meint Kutschera natürlich Christoph Schönborn (siehe die Darstellung oben). In beiden Auflagen fehlen die Päpste im Index. Mehr zum Thema: Kutschera Links.
Fazit
Wer Evolutionsbiologie studiert, kann beurteilen, wie grundlegend die Evolutionslehre für Biologie und unser Weltbild ist. Er/sie ist gegen Pauschaleinwände gut gewappnet. Sehr empfehlenwert.
Kutschera Anfang
Links
kutscheraDaniel C. Dreesmann: Rezension bei Wissenschaft online, 20.9. 2006
kutscheraRalph Schill: Rezension im Laborjournal online, 20.10. 2006
Kutschera Hinweise auf ungelöste Fragen der Evolutionsbiologie
Kutschera Position der Katholischen Kirche zur Evolution
kutscheraHartmut Follmann: Rezension aus BIOspektrum 4/2008
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Kutschera Links zur Evolution
Kutschera Literatur zur Evolution
Kutschera Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
Kutschera weitere Links zum Autor Ulrich Kutschera
Literatur
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kutschera Kutschera Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie. Stuttgart: Ulmer, 2006. Gebunden, 303 Seiten. Utb, 2., aktualis. u. erw. Aufl. Kutschera
Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung. Berlin: Parey, 2001. Broschiert, 273 Seiten Kutschera
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