Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Gould
Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution
[Full House: The Spread of Excellence from Plato to Darwin, 1996] Frankfurt am Main: S. Fischer, 1998. Sebastian Vogel, Übs. 287 Seiten – gould Autorgould Linksgould Literaturgould Zitate
Stephen Jay Gould ist derzeit wohl der beliebteste und bekannteste Paläontologe, obwohl er 2002 verstarb. Er schrieb zahlreiche Werke, gerade auch populärwissenschaftliche und vertrat immer die Position des modernen Biologen, neuen Ideen aufgeschlossen und sie selbst hervorbringend.
In Illusion Fortschritt kommt beides exzellent zum Tragen: sein Sendungsauftrag und sein Ideenreichtum. Ziel ist es den Leser davon zu überzeugen, dass
  • es keinen Fortschritt innerhalb der biologischen Evolution gibt
  • auch kein Trend der Zunahme an Komplexität zu verzeichnen ist
  • es kurzum, weder treibende Kraft noch Plan hinter der Evolution steckt.
Dies macht Gould an vielen Befunden und Vergleichen in gewohnt klarer Vorgehensweise. Leider verwendet er auch ausgiebig Bilder aus dem für Nicht-USA-ler fremden Baseball. Gould schickt zwar für die europäischen Leser eine Einführung in diesen Sport voran, doch mir blieb das alles fremd.
Die Stossrichtung bezüglich der Adressaten in diesem Buch ist dreifach.
  1. Leugner der Evolution, die stattdessen auf der wörtlichen Auslegung der Genesis beharren, das sind also Kreationisten jeglicher Spielart; gould Geschichte des Kreationismus in den USA
  2. Leute, die meinen, eine intelligente Konstruktion zu erkennen, wie typischer Weise die Vertreter des Intelligent Design; gould Intelligent Design« – »Intelligentes Design«
  3. Interpretation eines Ziels in der Evolution, also die teleologische Position; darunter fallen diejenigen, die eine Höherstellung des Homo sapiens propagieren oder überhaupt der Illusion Fortschritt anhängen.
Zur Behauptung eines Fortschritts oder Trends in der Evolution
  • ... beruft man sich auf Besonderheiten und Extravaganzen wie die Entwicklung der Säugetiere und der Ausbildung eines Bewusstseins. dabei übersieht oder verschweigt man, dass die überwiegende Mehrzahl der Arten ohne Bewusstsein auskommen; dass die Bakterien – eine relativ unkomplexe Lebensform – seit Millionen Jahren nach denselben Prinzipien existieren.
  • ... sollte man sich bewusst machen, dass der Mensch nicht, wie die Bibel suggeriert, zwei Tage von sieben auf der Erde anwesend ist, sondern ein paar Sekunden, wenn man von einem 24-Stunden-Massstab ausgeht.
  • Die Erfolgsgeschichten innerhalb der Evolution sieht Gould auch (bei der Kürze seines Auftretens ist noch nicht erwiesen, ob der Homo sapiens ebenfalls ein Erfolg ist) bei den Ratten, Fledermäusen und Antilopen (S. 88).
  • Die Selektion greift nur auf lokaler Ebene (Artbildung durch geographische Isolation durch Verdriftung, geographische Barriere oder sympatrische Speziation; siehe Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie, S. 42; gould Rezension). Ein globaler und allgemeiner Fortschritt oder eine Planerfüllung wäre nur durch ständige Synchronisation denkbar (S. 172).
  • ... ergänzend zum ersten Punkt in dieser Liste plädiert Gould dafür statt einzelner Zweige des riesigen Lebensbaums den gesamten Baum (als Buch) zu betrachten und nicht dem Bild zu verfallen, die Zweigspitzen seien in irgendeiner Weise höher oben oder wertvoller.
Gould motiviert auch, warum viele so am Fortschrittsglauben hängen: "Wir sehnen uns nach Fortschritt, weil er in einer Welt der Evolution die besten Aussichten bietet, die Arroganz beizubehalten" (S. 48).
Goulds wertvollster Beitrag in diesem Werk ist aber nicht, dass er Fehleinschätzungen aufzeigt, sondern dass er an zwei Bildern klarlegt, warum es im Laufe der Zeit komplexere Organismen geben muss. Ich übergehe das Baseballbeispiel und bringe nur das Gedankenexperiment des Betrunkenen.
Dieser wankt aus dem Wirtshaus und schwankt zufällig nach links und rechts. Links hat er eine unüberwindbare Mauer, rechts den Rinnstein, in dem er lieben bleibt. Es leuchtet ein, dass er notwendiger Weise im Rinnstein landet, vorausgesetzt der Gehsteig ist nicht zu breit und sein Nachhauseweg ist nicht zu kurz.
Meine Ergänzung als Baseballersatz gould
Man übertrage das Bild des Betrunkenen auf ein Würfelexperiment. Jeder Wurf gebe abwechselnd die Links- bzw. Rechtsschritte (hier: Subtraktion bzw. Addition) an. Man starte bei – sagen wir – 4; weniger als 0 kann man nicht haben, bei 9 ist man im "Aus". Irgendwann landet man bei diesem Experiment mit Sicherheit im "Aus".
Für mich brachten Goulds Ausführungen ein zusätzliches Aha-Erlebnis. Vor Jahrzehnten las ich von einer sicheren Roulette-Strategie. Sie arbeitet mit einem festen Betriebskapital, einer Untergrenze (man darf sich kein Geld leihen) und einer Gewinnobergrenze (man muß nach Überschreiten dieser mit dem Spiel aufhören). Der Autor Max Woitschach ergänzte dies noch mit ein paar verblüffenden Accessoires, wie Übernahme des Eintrittsgeldes in Spielsalon und verdeutlichte, dass man damit nur gewinnen kann. Es beruht auf demselben Prinzip wie Goulds Weg des Betrunkenen, nur die einzelnen Grössen (Betriebskapital, Gewinnobergrenze) müssen sorgfältiger kalkuliert werden, damit Verluste durch Gewinne ausgeglichen werden. Max Woitschach: Strategie des Spiels. , S. 16-21, siehe gould Literatur.
Bei der Evolution gibt es eine strenge linke Begrenzung: einfacher als einzellige Protocyten geht es beim Leben offensichtlich nicht. Das Bild des Betrunkenen und der Roulettestrategie ist daher auf die Evolution übertragbar. Allerdings muß die Evolution – soweit man bisher sieht – keine rechte Grenze (Rinnstein bzw. Gewinnobergrenze) beachten. Die Lebewesen können daher komplexer werden. Bei zufälligen Schritten nach links und rechts (= Schwankungsbreiten der Lebensformen durch Mutation und Rekombination) müssen sie aber auch, zumindest in einzelnen Fällen, komplexer werden, sofern es nicht rechts auch eine natürliche Obergrenze der Komplexität des Lebens gibt.
Gould zieht das Fazit seiner Überlegungen:
"Der angesehenste Beleg für allgemeinen Fortschritt – die zunehmende Komplexität des Komplexesten – wird zur passiven Folge des Wachstums in einem System, dessen Bestandteile keinerlei Vorliebe für eine bestimmte Richtung haben" (S. 212)
"Könnten wir das Spiel des Lebens immer wieder spielen, wobei wir jedesmal an der linken Wand beginnen und die Formenvielfalt dann erweitern, würden wir fast immer einen rechten Schwanz beobachten, aber die Bewohner dieses Bereiches größter Komplexität wären in jedem Durchlauf völlig unterschiedlich und nicht vorhersagbar ..." (S. 214).
Kritik
Neben der erwähnten unpassenden Baseball-Vergleiche scheint mir Gould nicht immer sauber zu trennen zwischen der Argumentation gegen die Behauptungen eines Fortschritts und einer Zunahme der Komplexität (als Trend oder bloße Besonderheit). Er bestreitet keinesfalls, dass es heute komplexere Lebewesen gibt als vor Millionen von Jahren. Das ist ja schon eine implizite These bei Darwin (ein Ursprung). Am deutlichesten wird Gould zu seinen Hauptaussagen auf S. 242. Ich habe diese in meiner obigen Rezension herausgestellt.
Im 14. Kapitel "Die Macht der bakteriellen Form" wiederholt Gould einige Argumente, so den Einschmuggelversuch des Fortschritts (S. 212), der auf S. 244 wieder behandelt wird. Dieses Kapitel scheint allgemein nicht so sorgfältig durchdacht zu sein; vielleicht ist es eine spätere Ergänzung. So lobt er die Literatur und wirft den wissenschaftlichen Arbeiten im selben Satz Verschwommenheit vor (S. 249).
Letzte Bemerkung
Gleich eingangs (S. 23) zitiert Gould William Shakespeare aus As You Like It; ein Zitat, das auch schon Schreiber von Popsongs ausbeuteten: gould "Are You Lonesome Tonight"
Für jeden, der es bezüglich Fortschritt oder Trend zur Komplexität in der Evolution genauer wissen will, ist Illusion Fortschritt als Einstieg unzichtbar.
gould Anfang
Stephen Jay Gould
10.9. 1941 New York City – 20.5. 2002; Paläontologe, Evolutionsbiologe, Professor für Zoologie, Geologie, Biologie und Wissenschaftsgeschichte an der Harvard University, USA.
Links
GouldThe Unofficial Stephen Jay Gould ArchiveBiography: Stephen Jay Gould & audio interview –
GouldPaläontologe und Publizist. Begründer der Punctuated Equilibrium-Theorie
Wikipedia: GouldenglischGoulddeutsch
GouldPresidential Lectures: Stephen Jay Gould
Online von Stephen Jay Gould:
Gould"Darwinian Fundamentalism". The New York Review of Books, 44.10, 1997
GouldGould & Richard C. Lewontin: "The Spandrels of San Marco and the Panglossian Paradigm: A Critique of the Adaptationist Programme". Proceedings of the Royal Society of London, Series B, 205.1161 (1979). S. 581-598
GouldIllusion Fortschritt. Rezension von Reinhard Junker
GouldDoug Brown, Powells.com: "Stephen Jay Gould, From Brachiopods to Baseball"
Zillmer Links zur Evolution
Zillmer Literatur zur Evolution
gould Zitate von Stephen Jay Gould
Literatur
Max Woitschach: Strategie des Spiels. Berechenbares und Unberechenbares vom Glücksspiel bis zum unternehmerischen Wettbewerb. Stuttgart: DVA, 1968. 112 Seiten. – Taschenbuch: Reinbek, Rowohlt, 1982.
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Gould GouldStephen Jay Gould: Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution. Frankfurt am Main: Fischer, 1999. Broschiert, 287 Seiten. 3. Aufl. Gould
Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1998. Sebastian Vogel, Übs. Gebunden, 287 Seiten Gould
Gould GouldStephen Jay Gould: Full House: The Spread of Excellence from Plato to Darwin. Three Rivers Press, CA, 1997. Taschenbuch, 256 Seiten
gould Anfang

Gould
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.3.2006