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Kummer
Christian Kummer: Philosophie der organischen Entwicklung
Stuttgart: Kohlhammer, 1996. 271 Seiten – kummer Linkskummer Literatur
In Philosophie der organischen Entwicklung diskutiert Christian Kummer die Funktionsprinzipien der Embryogenese (siehe kummer Links).
Im ersten Kapitel geht er auf die "Evolution als Dimension des Lebendigen" ein. Durch die Evolutionstheorie wurde die Biologie von einer beschreibenden Klassifizierungsdisziplin zu einer echten Wissenschaft, die die Vielfalt des Lebendigen mittels Prinzipien erklären kann (S. 15). Kummer meint, die Evolution ist eine Tatsache, aber keineswegs so wie die Bewegung der Erde um die Sonne oder die Kugelförmigkeit der Erde. Seine Begründung: die Evolution beruht auf Indizien (S. 15).
Anmerkung – Dagegen ist zu überlegen,
  • ob nicht auch andere wissenschaftlichen Disziplinen auf Indizien beruhen.
  • Teile der Evolution sind zudem experimentell überprüfbar.
  • Volker Storch, Biologe: "Die Wahrscheinlichkeit der Existenz einer biologischen Evolution ist nur graduell geringer als die Wahrscheinlichkeit der Existenz der Menschheitsgeschichte. Beides kann nur mit Indizien belegt werden, beides entzieht sich der kontrollierten Wiederholung", Ethik und Sozialwissenschaften 4.1 (1993), S. 80; siehe kummer Links.
Zunächst behandelt Kummer die Evolutionstheorie immer gesamt, ohne die diversen Thesen getrennt zu behandeln; später differenziert er: "Wenn es nicht um den Gesamtablauf der Evolution geht, sondern um einen gewissen, definierbaren Ausschnitt, kann Evolution sehr wohl ein beobachtbares Phänomen sein" (S. 20) und "Unter der Voraussetzung eines bestimmten endlichen Auflösungsvermögen [...] und eines eingeschränkten Geltungsbereichs ist Evolution zweifellos eine beobachtbare Tatsache" (S. 22).
Eingehend behandelt der Autor das Prinzip des Aktualismus (siehe kummer Links): Die Gegenwart wird als Schlüssel zur Vergangenheit aufgefasst. Das Prinzip des Aktualismus ist eine in der Paläontologie (und auch in anderen Wissenschaften) oft angewandte Methode. Man geht davon aus, dass in der heutigen Zeit zu beobachtende biologische Phänomene grundsätzlich denselben Gesetzmässigkeiten unterliegen, wie in der erdgeschichtlichen Vergangenheit. Die grosse Ähnlichkeit der Skelette von höheren Wirbeltieren untereinander beruht auf ihrer gemeinsamen Abstammung. Das Prinzip des Aktualismus muss jedoch stets kritisch angewendet werden.
Der Bioevolution wird für die Entstehung des Lebens eine Chemoevolution vorausgelagert, die aus den Entstehungsbedingungen der Erde abzuleiten; diese wiederum ist das Ergebnis einer galaktischen und letzlich kosmischen Evolution. "Leben wird damit eingeordnet in einen universalen Zusammenhang wachsender materieller Selbstorganisation, der vom Urknall an aus wenigen allgemeinen Prinzipien bzw. Naturkonstanten abgeleitet werden kann" (S. 26). Diese Ableitung einer universalen wachsenden materiellen Selbstorganisation bleibt Kummer schuldig.
Lücken in der Evolutionstheorie (S. 27 ff):
  1. die Entstehung zellulärer Organisation
  2. die Ableitung von Grossbauplänen. Dazu meint Kummer anhand eines Beispiels, dass dem Problem nicht mit dem Mechanismus additiver Anpassungen beizukommen ist (S. 28). Zumindest das angegebene Beispiel scheint mir nicht gegen die additive Anpassung zu sprechen
  3. die Herkunft des Mentalen
Kritik am Schöpfungsmodell Junker / Scherer (siehe kummer Rezension: Evolution. Ein kritisches Lehrbuch)
Das Unzureichende der Evolutionstheorie wird von Reinhard Junker und Siegfried Scherer aufgedeckt und als Beweis für das Vorliegen von Schöpfung genommen. Doch empirisch testbar ist am Schöpfungsmodell nichts (S. 30).
In der "Metaphysik des Werdens" unterscheidet der Autor System und Subjekt. Wie ist die Eigenart der Individualität zu fassen, die mit der Zeugung auftritt und mindestens bis zum Tod währt? Ist dafür ein eigener Träger (Subjekt) anzunehmen? Ein System verschwindet mit der Auflösung seiner Elemente rückstandslos und macht die Annahme eines eigenen Trägers hinter den Elementen überflüssig (S. 33) Das Dimensionsproblem der Ontogenese: sind Lebewesen Systeme oder Subjekte? (S. 33)
Dazu verwendet Kummer ein gutes Bild. In manchen geometrischen Rätseln muss man aus der geometrischen Figur (z.B. einem Quadrat) heraustreten und von einem Punkt ausserhalb eine Lösung finden.
"Entwicklungsmechanik"
In welcher Weise enthält der Keim die Form des ganzen Organismus? Kummer hält sich an die vier Fälle der Komplexitätszunahme eines materiellen Systems nach Hans Driesch: Philosophie des Organischen (1928; siehe kummer Links).
  1. Summierung von Einzelwirkungen, die von aussen erfolgen oder sich durch Bezogenheit der Elemente aufeinander (Rückkoppelung) ergeben: Kumulation. Die Form ergibt sich beiläufig.
  2. Präformation, das ist das Auswachsen einer Vororganisation.
  3. Präformierte Entwicklung: Abhängigkeit der Mannigfaltigkeit eines Systems von einem zweiten, immer schon ganzen Systems, welches seine Ganzheit dem anderen aufdrückt. Das ganze System ist der Entwicklungsplan in den Genen (S. 72).
  4. 4. Entelechiale oder nicht-präformierte Entwicklung, epigenetische Entwicklung (S. 73).
Der Vorläufer der Epigenetik (Epigenese) und damit auch die Gegentheorie war die Präformationslehre. Der Göttinger Ordinarius für Medizin Johann Friedrich Blumenbach (11.5. 1752 – 22.1. 1850; siehe kummer Links) sah die Regenerationsexperimente (Salamander, Süsswasserpolypen) als eindeutige Beweise der Epigenese an.
kummer Anfang
Ausführlich behandelt Kummer die »zelluläre Exekutive« im 4. Kapitel "Die Rolle der Proteine" und die »genetische Legislative« in 5. "Die Architektur der chromosomalen DNA" zuerst theoretisch und dann am Beispiel der Embryogenese der Fliege: 6. Kapitel "Wie man eine Fliege macht".
In der abschliessenden "Bestandsaufnahme: Organisation und Ganzheit" fragt Kummer:
Was im Keim garantiert die Aufrechterhaltung und 'organische' Entfaltung des anfänglichen Beziehungsgefüges bei Zunahme seiner materiellen Bestandteil? Die Ganzheit
  1. resultiert bei gegebenen Anfangsbedingungen aus der Kombinatorik der Elemente (S. 228). Komplexität erklärt sich so als Kombinatorik. Unsere Unfähigkeit, die organische Komplexität zu erkennen oder manipulatorisch zu beherrschen, hat ihren Grund in der grossen Zahl kombinatorischer Möglichkeiten. Das Ganze ist demnach die Summe seiner Teile.
  2. ist in der Bionomie der mechanischen Konstruktion begründet (S. 229)
    Bionomie: Lehre vom gesetzmässigen Ablauf des Lebens im Tierreich.
    »Kritische Evolutionstheorie«, »Frankfurter Theorie«: Jeder Organismus ist wesentlich als hydraulische Konstruktion zu begreifen, wodurch sowohl seine Form als auch seine phylo- wie ontognetischen Möglichkeiten der Formveränderung bestimmt werden (S. 229).
    Gutmann, W. F.: Die Evolution hydraulischer Konstruktionen (siehe kummer Literatur).
  3. Die Formganzheit von Lebewesen könnte sich als bewusstseinsanaloger Akt erweisen (S. 236). Kummer beruft sich dabei neben Aristoteles (anima) auf Hans Spemann (1869 – 1941): Experimentelle Beiträge zu einer Theorie der Entwicklung. Berlin 1934 (siehe kummer Literatur) und Pierre Teilhard de Chardin: Comment je vois. In: Les Directions de l'Avenir. Paris 1973.
Kummer stellt fest, dass die mechanistische Interpretation bisher noch vor keiner Fragestellung kapitulieren musste (S. 223). Er lässt die Beantwortung offen, neigt aber zur Lösung Teilhard de Chardins.
Die Philosophie der organischen Entwicklung behandelt ein Thema, dass in sonstigen Werken zur Evolution (soweit ich dies überblicke) zu kurz kommt. Für mich geht Kummer zu unbesorgt von einer Höherentwicklung innerhalb der Evolution aus. Je nachdem, wie man diese auffasst, spricht doch einiges gegen diese Prämisse, siehe kummer Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt. Der Mittelteil (4. und 5. Kapitel) schürft tief, doch ist er für die Entwicklung der Argumentation wichtig. Ich muß dort mit einer Zweitlektüre noch genauer einsteigen.
Links

Christian Kummer: Kummeram Institut für naturwissenschaftliche GrenzfragenKummerChristian Kummer
Wikipedia: KummerAktualismusKummerJ. F. BlumenbachKummerHans DrieschKummerEmbryogeneseKummerEpigenese
kummer Christian Kummer: Evolution als Höherentwicklung des Bewusstseins
kummer Walter Nagl: "Grenzen unseres Wissens am Beispiel der Evolutionstheorie"
evolution Links zur Evolution
evolution Literatur zur Evolution
Literatur
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Kummer Kummer Christian Kummer: Philosophie der organischen Entwicklung Stuttgart: Kohlhammer, 2001. 271 Seiten Kummer
Wolfgang F Gutmann: Die Evolution hydraulischer Konstruktionen. Organismische Wandlung statt altdarwinistischer Anpassung. Frankfurt: Kramer, 1989 201 Seiten Gutmann
Kummer Kummer Hans Spemann: Experimentelle Beiträge zu einer Theorie der Entwicklung. Berlin: Springer 1968, Gebunden, 296 Seiten  
     
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.4.2006