Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
mayr
Ernst Mayr: "Evolution - Grundfragen und Mißverständnisse"
mit kritischen Folgeartikeln.
Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur 5 (1994). S. 203-209
mayr Links
Im Jahre 1993 entspannte sich in der Zeitschrift Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur eine rege Diskussion um die Evolutionstheorie (Walter Nagl: "Grenzen unseres Wissens am Beispiel der Evolutionstheorie; mayr Rezension). Ein Jahr später legte dieselbe Zeitschrift mit einem Hauptartikel des Doyen der Evolutionstheorie Ernst Mayr nach. Das Thema gibt immer wieder Anlass zwiespältigen Reaktionen. Sie reichen von voller Zustimmung bis zu strikter Ablehnung.
Inhaltsübersicht
Ernst Mayr: Evolution –Grundfragen und Mißverständnisse 203-209
Wolf-Rüdiger Arendholz: Die Evolution ein Faktum? Zum Selbstverständnis der Synthetischen Theorie 209-211
Dieter Bierlein: “Tatsachen”, “Beweise” und Theorien. Über Quellen von Mißverständnissen 211-214
Andreas Dally: Drei Fragen, Euer Ehren! 214
Michael Drieschner: Die begriffliche Struktur der (neo-) darwinistischen Theorie 214-217
Hans-Joachim Gläser: Evolutionstheorie ohne fachübergreifende Bedeutung? 217-220
Wolfgang Friedrich Gutmann: Evolution von Konstruktionen: der Abriß der Darwinschen Tradition 220-223
Hans Kuhn: Ursprung des Lebens – Ausbruch aus der Enge 223-224
Wolfgang Kuhn: Eine “Herausforderung des Denkens” 224-226
Christian Kummer: Synthetische Evolutionstheorie: die Litanei und ihre Lücken 226-228
Alfred Locker: “Evolutions”-Theorie als Paradigma für endgültigen Wissenschaftsverfall? 228-231
Rolf Löther: Die Synthese geht weiter 231-232
Sievert Lorenzen: An der Schwelle von der Speziellen zur Allgemeinen Evolutionstheorie: Über die universelle Gültigkeit des Evolutionsprinzips in der belebten und unbelebten Welt 232-234
Martin Mahner: Anmerkungen zu Ernst Mayrs “Evolution - Grundfragen und Mißverständnisse” 234-237
Wolfgang Maier: Kritische Anmerkungen zu E. Mayr und zur “synthetischen” Theorie der Evolution 237-240
Hans Mohr: Warum wird die Evolutionäre Ethik ausgespart? 240-242
Horst Nöthel: Evolution – nicht Revolution einer Theorie 242-243
Olivier Rieppel: Wiederholung ist keine Begründung 243-245
Siegfried Scherer: Evolution: Zwischen Wissenschaft und Wahrheit 245-246
Ferdinand Schmidt: Einige kritische Bemerkungen zur “Synthetischen Theorie” der Evolution 246-248
Volker Schurig: Evolutionstheorie: Kritizismus, Kritik und Metakritik 249-252
Werner Schwemmler: Ist der Darwinismus wirklich die ganze Wahrheit? 252-253
Peter Sitte: Wissen wir genug vom “Yang” der Evolution? 253-255
Diether Sperlich: Die molekulare Evolutionsforschung hat Darwin nicht nur bestätigt 255-257
Burkhard Stephan: Grundfragen der Evolution und die Weiterentwicklung der Theorie 257-259
Walter Sudhaus: Evolutionsforschung und die Vermittlung von Evolutionsverständnis sind Lebensaufgabe 259-261
Günter P. Wagner und Manfred D. Laubichler: Kontext und Organisation 261-263
Gerd von Wahlert: Die Diskussion geht weiter 263-266
Michael Weingarten: Konstruktionsmorphologie als Typologie – Ein Mißverständnis 266-268
Wolfgang Wieser: Die Evolution der Evolutionstheorie bedarf einer Evolution der Sprache, in der wir über Evolution sprechen 268-270
Ernst Mayr: Antworten 270-279
Auf dem begrenzten Raum kann Ernst Mayr keine vollständige Darstellung der Evolution und ihrer Geschichte geben. Wohl aus diesem Grund vertritt er seinen Standpunkt mit gehörigem Nachdruck. Gelegentlich trumpft er zu stark auf. Zu Recht wird ihm von den Kritikern vorgehalten, er verwende ungerechtfertigt und zu häufig "Tatsache" und "Beweise".
Ich gebe zu dem genannten Zwang zur Konzentration zwei weitere Überlegungen zu seiner Entlastung zu bedenken.
  1. Es ist unklar, ob Mayr seinen Essay in Deutsch der Englisch geschrieben hat. Vielleicht war das Original (wie seine Bücher) in Englisch und es liegt mit "Beweis" ein Übersetzungsfehler vor. Das englische "evidence" ist ein Beleg oder Indiz. Nur im juristischen Sinn sollte man es mit "Beweis" übersetzen.
  2. Meine Vermutung, dass es eine Übersetzung ist, wird erhärtet durch den im Deutschen nur in Ausnahmefällen erlaubten sächsischen Genitiv, der hier mit "Darwin's" und "Dobzhansky's" durchwegs eingesetzt wird.
Andrerseits geht Mayr in seiner Replik bei den "Beweis"-Vorwurf nicht auf die Übersetzung ein.
Mayr relativiert seine "Tatsache" selbst mit zwei Vergleichen.
Die Evolution ist ebenso eine Tatsache, wie dass die Erde nicht flach ist und um die Sonne kreist (S. 204).
Ich finde das Herumreiten aus der Evolutionstheorie (und damit unausgesprochen auf einer Stufe mit der Theorie, dass die Jahre 800 bis 1100 in die Geschichte hingeschwindelt wurden) und auf fehlenden Beweisen (die es in der Naturwissenschaft wohl selten gibt) allmählich tröge.
Von den ersten 3 Kritiken ist die von Andreas Dally (S. 214) ein Totalausfall: er kritisiert nicht, sondern stellt drei Fragen. Diese Methode kenne ich aus Internet-Diskussionsforen. Widerlegt man die den Fragen unterliegenden Vermutungen (oder gar Unterstellungen), so kann sich der Fragende elegant zurückziehen: Ich habe ja nur gefragt. Beantwortet man die Fragen nicht vollkommen zufriedenstellend bleibt immer ein Schatten auf den eigenen Thesen. Der Fragende verpflichtet sich selbst zu nichts.
Die Antwort von Michael Drieschner war dann Balsam für mich. Insbesondere weist er am Ende seines Beitrags darauf hin, dass eine vernünftige, sehr gut bewährte Theorie vorliegt, die ihre Lücken haben mag. Die Beweislast liegt aber beim Totalkritiker, solange er keine mindestens adäquate alternative Theorie vorlegt.
Manche Kritiker werfen Mayr vor, er habe diesen oder jenen Punkt zu wenig Raum gegeben oder gar nicht erwähnt. Meist sind das diejenigen Punkte die in der Forschungsarbeit des jeweiligen Kritikers im Vordergrund standen oder stehen. Diese Vorwürfe sind schon aus den erwähnten Raumgründen wenig gerechtfertigt. Andrerseits könnten die Evolutionstheoretiker ihren Gegnern viel Schaum ersparen, wenn sie auf Superlative wie "der Angepasseste", "der Tüchtigste" oder "größter Fortpflanzungserfolg" verzichten würden. Es gibt sehr viele Arten im Tier- und Planzenreich. Sie können nicht alle in der Topklasse des Superlativs liegen.
Allgemein zeigt die Diskussion (wieder einmal): wer sich weit aus dem Fenster lehnt und Thesen mit wenig Wenn und Aber vertritt, auf den wird eingedroschen.
Mir brachten vor allem die Beiträge viel, die auf einer begrifflichen und wissenschaftstheoretischen Ebene argumentieren. Schon weil ich die biologischen Fachdetails nicht so beurteilen kann. In der Auswahl der Kritiker überwiegen die scharfen Kritiker bestimmter Thesen der Evolutionstheorie stärker als es in einer repräsentativen Auswahl der Fall wäre.
Nur so wurde die Diskussion aber rege, hart und für den Leser extrem lesenswert.
Links
mayrErwägen Wissen Ethik Vormals: Ethik und Sozialwissenschaften - Streitforum für Erwägungskultur
mayrDritte Diskussionseinheit (1994) Heft 2
evolution Charles Darwin: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl
evolution Jerry Fodor, Massimo Piattelli-Palmarini: What Darwin Got Wrong
evolution Links zur Evolution
evolution Literatur zur Evolution
mayr Walter Nagl: "Grenzen unseres Wissens am Beispiel der Evolutionstheorie"
mayr Anfang

mayr
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 3.8.2010