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Kreationismus
Ulrich Kutschera, Hg.: Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen
Berlin: Lit, 2007. Broschiert, 370 Seiten – kutschera Linkskutschera Literatur
Noch ein Buch über Kreationismus? Es gibt doch genug (kutschera Vergleichsliteratur)! Vier Punkte sprechen für eine weitere Streitschrift gegen den Kreationismus und für die Vernunft:
  1. Kreationismus gibt es nicht nur in den fernen USA; er darf auch in Deutschland nicht unterschätzt werden
  2. während man unterschiedlicher Meinung sein kann, mit / gegen die Kreationisten auf Podiumsdiskussionen usw. anzutreten, sollte man die anderen Medien verstärkt nutzen
  3. im Sammelband kommen viele unterschiedliche Autoren zu Wort, dadurch auch ganz verschiedene Aspekte. Das ist immer hilfreich
  4. das "Lehrbuch" Reinhard Junker, Siegfried Scherer: Evolution - ein kritisches Lehrbuch. erschien im Herbst 2006 in 6., aktualisierter Auflage: darauf wird in dem vorliegenden Werk ausführlich eingegangen.
Da viele Punkte von Kreationismus in Deutschland nachfolgend besprochen werden, vorab das Fazit: die Lektüre lohnt sich; ich meine sowohl für Leser, die vor der Frage stehen: “Evolution oder Kreationismus?”, aber auch für Leser, die Hintergründe des Kreationismus und ID kennenlernen wollen oder die von kompetenter fachspezifischer Seite die Schwachpunkte der 6. Auflage von Evolution - ein kritisches Lehrbuch aufgezeigt bekommen wollen.
Die Ziele des Werks legt Herausgeber Ulrich Kutschera zu Beginn fest:
  • Hintergründe der Anti-Evolutionsbewegung erhellen
  • Unterwanderungsstrategien in den Medien offen legen
  • Analogien zu anderen Wissenschaften aufzeigen
  • die Unwissenschaftlichkeit der Anti-Evolutionsbewegung aufzeigen
  • die Unverzichtbarkeit des methodologischen Naturalismus in der Wissenschaft verdeutlichen.
Nach der Lektüre stellt man fest: Ziele erreicht, Gegner jedoch nicht KO; daher muss man dranbleiben.
Die Beiträgen stammen durchwegs von Biologen oder Wissenschaftstheoretikern: Andreas Beyer, Uwe Hoßfeld, Hans-Jörg Jacobsen, Thomas Junker, Ulrich Kutschera, Reinhold Leinfelder, Martin Mahner, Axel Meyer und Martin Neukamm.
Ich kann nur auf einige Punkte des reichhaltigen Sammelbands eingehen.
Der Beitrag von Thomas Junker war erhellend und erheiternd, kurzum super.
Die Kontroverse um Christoph Schönborn habe ich verfolgt und kommentiert (kutschera Links). Besonders möchte ich auf Schönborns Verwechslung (oder die seines Übersetzers) zwischen dem englischen "evidence" (Beleg; Beweisstück im juristischen Sinn) und dem deutschen "Evidenz" und "evident" hinweisen. Das deutsche Wort meint: für jeden bei klarem Verstand unmittelbar einleuchtend. Das Taschentuch am Tatort ist "evidence" für (oder gegen evidence) den Besitzer, aber keineswegs ist dessen Täterschaft dadurch evident.
Das von Thomas Junker behandelte TV-Gespräch sah ich zweimal: einmal der "normale" Beitrag im Philosophicum, ein zweites Mal die ausführliche Version mit den Gesprächen im Hintergrund. Junkers Beitrag erhellte einiges, was im TV-Beitrag für mich – vielleicht aus Respekt vor dem teilnehmenden Kardinal – nicht so klar herauskam.
Bei Andreas Beyer bewunderte ich wie detailreich er auf den vielen Mist, zum Beispiel in Hans Krause’s Research Reports (kutschera Links) eingeht. Boshaft könnte man zu Hans Krauses Webauftritt sagen: wer schon in der Titelzeile den Tölpelapostroph für den Genitiv setzt, der kann inhaltlich auch nicht viel bieten. Dabei fiel mir auf, mit welch einfachen Bildern Andreas Beyer den Stümpern den Löffel aus der Hand schlägt.
Martin Neukamm greift einen extrem wichtigen Punkt in der ganzen Auseinandersetzung auf; ja, es ist vielleicht der wichtigste, der – da ihn die Kontrahenten nicht vorab klären – oft zu unnötigen Schlagabtauschen führt. Der methodologische Naturalismus ist in den Wissenschaften nicht eine beliebige, sondern eine notwendige Nullhypothese. Der beliebte Einwand der Anti-Evolutionisten, man kann das glauben oder jenes, ist damit vom Tisch. Eugenie Scott bezeichnet die Einführung supranaturalistischer Mächte als "science stopper". Anti-Evolutionisten, die trotzdem als wissenschaftlich gelten wollen, bestreiten, dass man diese Mächte beliebig (jokermässig) einsetzen könne, vermögen aber kein Kriterium anzugeben, wann man sie nun einsetzen darf und wann nicht; zumal sie den "Lückenbüsser-Gott"-Vorwurf meist vehement ablehnen.
Die empirischen Daten lassen immer beliebig viele Interpretation (= Theorien) zu. Dabei ist wichtig, dass die Evolution sehr wohl falsifizierbar ist (siehe die Liste von Beyer, S. 156). Die Theoriewahl muss sich daher an Kriterien, wie sie allgemein in der Wissenschaft üblich sind orientieren: Einfachheit, ontologische Sparsamkeit, auch Eleganz, usw. wie sie Neukamm anführt (S. 195).
Eine der schlagendsten rhetorischen Hiebe wird mit dem Orkantief "Lothar" (S. 246) geführt. Die Wissenschaftler und die meteorologischen Theorien können weder dieses Sturmtief noch den Orkan "Kyrill" (Januar 2007) vollständig erklären. Niemand hätte sie konkret im – sagen wir – Jahr 1980 voraussagen können. Das gibt aber nicht den geringsten Grund deshalb wieder die Donnergötter Thor oder Donar einzuführen.
Kritik
Zum Teil durch die Vielzahl von Autoren entschuldigt, gingen mir doch einige oft wiederholte Floskeln – so sehr berechtigt sie sind – gegen den Strich; ich nenne: bei Werken von "Wort und Wissen" (kutschera Links): werden zum Herstellungspreis abgegeben; beim Anti-Evolutionisten Wolf-Ekkehard Lönnig (kutschera Links): ist Zeuge Jehovas.
Als Vegetarier stimme ich Kutscheras These, dass Vegetarier aus rational nicht nachvollziehbaren Gründen den Fleischkonsum ablehnen (S. 39), nicht zu. In aller Kürze: die Argumente, die viele Menschen vom Konsum von Menschenfleisch abhalten, führe ich analog für die Tiere an. Sind jene rational, so reklamiere ich dies auch für meine.
Aus dem sechsten Kapitel "Die Affäre Max Planck" fehlen einige Namen im Index (z.B. S. 262, 264); "Popper 1994" (S. 254) muss wohl "Popper 1984" lauten. da ließ die lektorische Sorgfalt nach.
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Gesamtbewertung
Für den eiligen Leser der Besprechung gab ich schon eingangs ein kutscheraFazit. Bewunderswert erschien mir die Geduld, mit der die Autoren dieses Sammelbands auf die teilweise dilettantischen Essays vieler Evolutionskritiker eingehen. Dies mag besonders für absolute Laien (oben genannte Frage: “Evolution oder Kreationismus?”) wertvoll sein. Wichtiger waren mir selbst die wissenschaftstheoretisch orientierten Beiträge oder die der "seriösen" Literatur der Anti-Evolutionisten (Junker, Scherer, 6. Auflage) Paroli boten. Wer sich auch nur entfernt für die Thematik Evolution, Kreationismus, Naturwissenschaft, Pseudowissenschaft, Wissen, Glaube, ... interessiert findet in Kreationismus in Deutschland anregende Lektüre. Besonders empfehlenswert für die Entscheidungsträger für unsere Schulen (Pädagogen, Politiker, Verwaltung), die oft nur schwer zwischen Kanzel, Esoteriksofa und Lehrpult unterscheiden können.
Links
designUlrich Kutschera: "Götter, Geister und Designer müssen draußen bleiben", Laborjournal online
kutschera Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
kutschera Links zur Evolution
kutschera Literatur zur Evolution
kutschera Christoph Schönborn
designHans Krause’s Research Reports
designWolf-Ekkehard Lönnig: Internet Library
kutscheraRezension: Kreationismus in Deutschland, hpd 15 Mär 2007
designStudiengemeinschaft Wort und Wissen
Vergleichsliteratur
kutschera Jochem Kotthaus: Propheten des Aberglaubens. Der deutsche Kreationismus zwischen Mystizismus und Pseudowissenschaft. Münster: Lit, 2003. Broschiert, 156 Seiten
Kutschera Ulrich Kutschera: Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution
kutschera Ulrich Kutschera: Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design
kutschera Ulrich Lüke, Jürgen Schnakenberg, Georg Souvignier, Hg.: Darwin und Gott. Das Verhältnis von Evolution und Religion
Literatur
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kutschera KutscheraUlrich Kutschera, Hg.: Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen. Berlin: Lit, 2007. Broschiert, 370 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.3.2007