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Rammerstorfer
Ausführliche Besprechung von
Markus Rammerstorfer: Nur eine Illusion? Biologie und Design

Marburg: Tectum, 2006. Taschenbuch, 152 Seiten – design Linksdesign Literatur
Für eilige Leser: Design überblicksartige Besprechung
Inhaltsverzeichnis
Bekannte unzulässige ForderungenSuggestivitätVoraussetzung des zu ZeigendenZitierungBegriffsverwirrungKomplexitätDenkfehlerBeweislastHauptargumente gegen echte Zielgerichtetheit
1. Die Evolution beschreibt einen plausiblen, belegbaren Mechanismus für alles Lebendige
2. Zwecklosigkeit und Designfehler sprechen gegen Intelligent Design
3. Übernatürliche Instanzen sind unwissenschaftlich
Diskussion des teleologischen Gottesbeweises bei David Hume und das naturtheologische Argument bei William PaleyFazit und Schluss (im Buch) – Wer schuf den Designer? - Infiniter Regressmein Fazit

Mottos auf dem Vorsatzblatt
Ich weiß vor der Lektüre, dass Nur eine Illusion? evolutionskritisch ist, deshalb nehme ich erstaunt und wohlwollend die vier vorangestellten Zitate zur Kenntnis: sie sind alle ziemlich neutral, wenn nicht sogar kontra Intelligent Design (ID). Später bringt der Autor allerdings das Zitat von Michael Behe ausführlicher und erstaunlicherweise wendet Behe es pro ID. Diese Vorsatzseite lässt auf eine faire Erörterung hoffen. Abgesehen von den design Denkblockaden und design Denkfehlern des Autors, seiner oftmaligen design Voraussetzung des zu Zeigenden und seinen design unzulässigen Forderungen ist dies dann auch der Fall design.
S. 3 – Zur biologische Ursprungsfrage siehe design Überblick
Ab Seite 4 fällt auf, dass MR den "Schein von Planung" oder auch "Anschein von Zielgerichtetheit und Planung" recht ambivalent einsetzt. Einmal so, dass man als Evolutionsvertreter zustimmend mit dem Kopf nickt (Betonung auf "Schein"), ein andermal so, dass es eben kein Schein sondern harte Realität ist (Betonung auf "Planung").
Beispiel: Biologen meinen, der Anschein der Planung bedarf einer Erklärung (S. 4). Volle Zustimmung und übrigens der Grund warum Francis Crick (Zitat auf S. 10) vor Darwin das Designargument überzeugend gefunden hätte (ich komme darauf gleich zurück): es gab keine passable Erklärung ausser einem Designer. Im nächsten Satz behauptet MR genau das Gegenteil: Biologen vertreten jedoch (warum: jedoch?) die Position, dass der Anschein bereits erklärt ist, also doch keiner weiteren Erklärung bedarf (S. 4-5). Auch wieder – für sich genommen – zustimmungsfähig: wenn man eine passable Erklärung hat sucht man nach keiner neuen, ausser wichtige Indizien zwingen dazu. Dann aber sucht man nach einer besseren Erklärung und geht möglichst nicht Jahrhunderte zurück. Zusammen gelesen widersprechen sich beide Sätze und erwecken den Eindruck, als ob trotz der Erklärung "durch ungelenkte evolutionäre Prozesse" (S. 5) noch nach einer Erklärung gesucht werden würde.
Der Begriff "ungelenkt" ist zweideutig. In gewissem Sinne sind evolutiven Prozesse ungelenkt: es ist kein Ziel erkennbar auf das die Lebensformen hinsteuern. Andrerseits findet durch die Selektion, wie schon der Name sagt, eine Selektion, eine Auswahl, eine Begradigung statt. MR benennt die Prozesse (kennt also wohl die Mechanismen) und blendet die Lenkung a posteriori aus. Damit stellt er sich selbst ein Bein: er hat ein design Verständnisproblem.
S. 6 – MR gibt eine hilfreiche Absichtserklärung zur reichlichen Verwendung von Zitaten. Sowohl die Verwendung als auch seine Begründung dafür finde ich akzeptabel. An einigen Stellen wären mir weniger Zitate lieber gewesen, bei der design Diskussion zu Hume und Paley wäre ein Primärzitat hilfreich gewesen.
design Anfang
Bekannte unzulässige Forderungen
Keine Beweise
Oft verrät MR dem Leser, dass er das zu Zeigende (z.B.: die Belege dafür, dass molekulare Maschinen evolutiv entstanden sind, reichen nicht aus) von vornherein voraussetzt. Er bezeichnet es als "unbewiesene Behauptung" (S. 20). Die Forderung nach Beweisen (im strengsten Sinn!) ist eine beliebte unzulässige Taktik der Anti-Evolutionisten. In diesem strengen Sinne gibt es in der Naturwissenschaft keine Beweise (siehe auch: beweis Suggestivität).
Keiner war dabei
Ähnliches gilt für MRs Vorwurf gemerkt, Evolutionsbiologen argumentieren so, "als wären sie selbst als Beobachter in der Erdvergangenheit dabei gewesen" (S. 5). Ich nehme mal an, kein Vertreter des Intelligent Design war beim Design oder dessen Ausformung dabei.
Suggestivität
Oftmals arbeite MR auch mit Überredung bzw. kleinen Tricks. So überraschte mich ein scheinbares Zitat von Josef H. Reichholf, Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung, München, bis sich ergab, dass es nicht von ihm ist (S. 50 im Kasten).
Innerhalb des Zitats benutzt der eigentliche Autor Brian Goodwin eine oft gebrauchte, leicht zu überlesende Begriffsverschiebung. Er zitiert Ernst Mayr, den Doyen der Evolutionsbiologie des 20. Jhdts., also wohl über alle Zweifel des Zweifels an der Evolution erhaben: es gibt keine "eindeutigen Beweise ... für das allmähliche Entstehen irgendeiner neuartigen Lebensform". Daraus wird kurz darauf, dass der Stammbau des Lebens, wie ihn Darwin darlegte, "offenbar empirisch nicht ausreichend abgesichert" ist. Wow! Zwischen "eindeutigen Beweisen" und "ausreichend abgesichert" ist eine weite Kluft (siehe oben: beweis "Keine Beweise").
Doch MR treibt es dann noch ein Stufe krasser. Obwohl Goodwin das offensichtlich nicht im Sinn hatte, stellt MR am Ende des langen Zitats die Frage, könnte der Lückenschluß in Richtung Planung gehen kann? Nochmals: wow! Vor allem wegen der Keckheit, einem anders intendierten Zitat die eigene Lösung unterzuschieben, und der bekannten Taktik: hier ist ein vermeintliche Lücke, die schliessen wir durch den Designer. Zudem macht der Designer erst recht nicht aus extrem gut (!) empirisch abgesicherten Belegen den "eindeutigen Beweis", den Ernst Mayr vermisste (S. 50).
Voraussetzung des zu Zeigenden (Petitio principii - begging the question)
Obwohl sich MR den Anschein (sic!) der unvereingenommenen Diskussion gibt, lässt er immer wieder seine Voreinstellung einfliessen. Im Kapitel 4, treffend mit "Teleologie? Teleonomie!" überschrieben, wirft er gleich im ersten Absatz ein: "Organismen haben mit der Technik einen wesentlichen Aspekt gemein: Teleologie" (S. 23). Genau dies sollte MR dem Leser zeigen, nicht nur behaupten!
   Entkräftung der Schneeflocken-Analogie
MR will zeigen, das Lebendiges noch komplexer sei als beispielsweise Schneeflocken. Das gelingt ihm. Warum auch nicht? Allerdings schwingt dabei mit (oder meint es MR sogar stärker als "mitschwingen"?), dass Zellvorgänge nicht nur Effekte von Naturgesetzlichkeiten sind. Da schiebt MR das zu Zeigende heimlich in den Text hinein. So als ob die lebende Zelle ausserhalb der Naturgesetz agiert und selbst etwas durchsetzt. Leider steht vieles des nachfolgenden Textes unter dieser erst zu zeigenden Prämisse: im Bereich des Lebendigen gibt es mehr als es die Postulate der Evolution erklären können. Typisch dafür ist die Kritik MRs an Adam S. Wilkins. MR bemerkt völlig zutreffend – da trivial – dass keine "molekulare Maschinerie" ein Schild "designed by evolution" trägt. Genau deshalb weist Wilkins darauf hin, wie "die molekularen Maschinen als Produkt ungelenkter Prozesse" erklärbar sind (S. 20).
Zitierung
Gerade im Kapitel 4 zitiert MR sehr oft. Er hat diese Vorgehen in der Einleitung begründet (S. 6). Doch gerade im vierten Kapitel wäre weniger vielleicht mehr gewesen oder MR hätte die unterschiedliche Wortwahl, die oft auf dasselbe hinausläuft, zusammenfassen müssen.
Francisco Ayalas Zitat (S. 27-28) hätte MR mit dessen eigenen Worten so ergänzen können:
"The features of organisms that may be said to be teleological are those that can be identified as adaptations, whether they are structures like a wing or a hand, or organs like a kidney, or behaviors like the courtship displays of a peacock. Adaptations are features of organisms that have come about by natural selection because they serve certain functions and thus increase the reproductive success of their carriers." Teleology and Teleological Explanations, siehe design Links
Selektive Wahrnehmung von Zitaten
Seit den Mottos auf dem Vorsatzblatt (design Mottos) grübelte ich,warum der Autor Zitate verwendet, die dem Intelligent Design Vertreter Waffen aus der Hand nehmen. Der Grund ist, dass MR sie je nach Bedürfnis für seine Zwecke einsetzt und wenn nötig auch ignoriert. So zitiert er Ferdinand Schmidt als vermeintlich schwerwiegenden Kritiker der Evolutionstheorie mit "In Ermangelung einer besseren Erklärung dürften deshalb die ersten primintiven Regelkreise in der Tat durch Zufall und Selektion entstanden sein" (S. 32). Im Kapitel 7 stellt er die Urentstehung des Lebens (für die MR den veralteten undüberholten Begriff »Abiogenese« einführt) grundsätzlich in Frage ohne auf Ferdinand Schmidt zu verweisen.
design Anfang
Begriffsverwirrung
   »Teleologie« – »Telenomie«
MR stellt – für den Leser irritierend – fest, dass Ayala "den Begriff »Teleologie« nicht scheut bzw. durch »Telenomie« ersetzt" (also doch Teleologie meidet!?) und "zwischen »interner« und »externer« Teleologie" unterscheidet.
Den Absatz unter Ayalas Zitat schliesst er mit einer nochmals verwirrenden Reihenfolge der Begriffe ab. Es stellt sich überblicksmässig so dar:
Begriffe bei Ayala Objekt-
eigenschaft
Designer
Teleologie extern künstlich ja
Teleonomie intern natürlich nein
Klarer wäre es auch geworden, wenn MR das Zitat von Georg Toepfer (S. 29) weiter wiedergegeben hätte (und dafür vielleicht andere, die in dieselbe Richtung gehen, weggelassen hätte). Teopfer setzt fort:
"Weil in der Theorie aber gleichzeitig die zweckmäßige Organisation der Lebewesen nicht geleugnet wird, sondern mit dem Wechselspiel von Variation und Selektion sogar ein natürlicher Mechanismus als Erklärung für ihre jeweilige Entstehung gegeben wird, kann ausgehend von der Evolutionstheorie eine Begründung und Rechtfertigung der Teleologie in der Biologie versucht werden. Die Evolutionstheorie gilt daher heute, v.a. unter Biologen, als die Theorie, die der Teleologie im Bereich des Lebendigen ein solides Fundament geliefert hat."
Georg Toepfer: "Teleologie", S. 42, siehe design Literatur
MR verhält sich wieder zweispältig. Er meint, "ein eigener Begriff wie Teleonomie würde hier jegliche Unklarheiten vermeiden" (S. 29), plädiert aber dann für die Position Ferdinand Schmidts, der diese Wortwahl für Sophistik hält (S. 30). Seine Auswahl von Zitaten Schmidts belegen nicht seine Bemerkung, dass "Schmidt meint, dass die herkömmlichen neodarwinistischen Mechanismen die Zielgerichtetheit der Organismenwelt nicht erklären können" (S. 31). Kurzum: Auswahl und Interpretation der Zitate Schmidts durch den Autor verwirren viel mehr als sie klären. Zumal das letzte vom Autor eingeworfene Zitat Schmidts die evolutive Entstehung betont (S. 32).
   »Funktion«
MR verwechselt oft die Funktion oder den Zweck a posteriori mit einer Funktion a priori. Der von ihm postulierte Zweck des Herzens (S. 36) ergibt sich eben nur – entgegen MRs Argumentation gegen die Projektion von Zwecken (S. 35) – aus der (menschlichen) Interpretation, dass der Zweck des Gesamtorganismus das Leben ist. MR: "Wer meint, etwas sei nur eine Projektion, ist begründungspflichtig" (S. 35). So formuliert klingt das einleuchtend, ist es aber nicht. Wer behauptet, etwas habe eine bestimmte Funktion ist begründungspflichtig. Wer behauptet, etwas habe eine bestimmte Funktion per se (a priori) ist erst recht begründungspflichtig.
Ob das Herz die Funktion Blut pumpen hat oder Geräusche abzugeben oder einen Hohlraum auszufüllen oder ... ist Ansichtssache des Betrachters. Sieht man im Verlauf der Evolution den sehr viel häufigeren Sachverhalt des Artensterbens als Gesamtzweck an, so ist das Herz dysfunktional, da es das Artensterben vereitelt oder verzögert.
Es gibt keine Funktion ohne den Betrachter oder den Designer (design Keine Funktion ohne Beobachter). Eine Rauchsäule hat keine Funktion ausser beispielsweise ein Jäger nutzt sie als Windrichtungsanzeige. MR kommt auf diese Idee mehrfach selbst. Zuerst in der Zusammenfassung: "Echte Teleologie – Zielgerichtetheit – deutet klarerweise logisch auf eine zielsetzende Instanz hin" (S. 43). Richtig. Zum zweiten Mal unterstellt MR den Slogan von John Searle "All functions are observer-relative" (Searle 1999, S. 121) bezeichnenderweise wenn er ein Argument ("Es gibt sehr viele Designschwächen") der Evolutionsvertreter angreift. Er schreibt: "Daraus wird auch klar, dass es so etwas wie »optimales« Design für sich genommen gar nicht geben kann" (S. 73). Völlige Zustimmung. Wem dieses klar ist, der kann den Design-Begriff oder die Funktion eines Objekts nicht mehr für sich genommen diskutieren. Er muss unbedingt die Absicht des Designers oder die Verwendungsabsicht des Benutzers oder Betrachters einbeziehen.
Diese Erkenntnis hat einen Vorteil: finden wir eine Funktion per se (a priori) irgendwo im Universum, so haben wir ein Zeichen für einen Designer. Um diesen Punkt dreht sich ja ein Großteil der Diskussion in Nur eine Illusion? Doch MR bleibt genau diesen Nachweis schuldig.
Komplexität
Die Komplexität in der unbelebten Natur versucht MR klein zu reden (um die Kluft zum Lebendigen zu vergrössern) , bzw. er stellt gleich die Frage, wer sich für die Anordung der Moleküle im Schneekristall interessiert. Und ergibt die Antwort: niemand (S. 33).
Doch so einfach ist es nicht. Schon ein simples Geröllfeld im Gebirge führt zur Frage, wer die Steine am Ende des Feldes teilweise über weite Strecken so auffallend nach Grösse sortiert hat. Das ist sehr wohl ein erklärungsheischender Sachverhalt und er kann rein mechanistisch erklärt werden. Ein unsichtbarer Steinesortierer wird nicht benötigt.
Denkfehler
Die design Denkblockaden des Autors wurden schon angerissen. Hier werden sie ergänzt.
Sie zeigen sich bei der Verwendung der (für MR) festverdrahteten Ausdrücke “ungelenkte Prozesse“, “ungerichtete Prozesse” und “blinde Mutation” oder diese Verwendung ist Ursache für seine Denkfehler. Jedenfalls sieht er die teleologische Betrachtungsweise als konträr zur evolutiven. Er reduziert – wie viele Anti-Evolutionisten – die Evolution auf den Zufall und vergisst völlig, dass neben der zufälligen Mutation die Vererbung und die Selektion unerlässlich für eine Anpassung sind. Ansonsten blieben alle (positiven) Veränderungen Einzelexemplare. Die Natur benutzt aber eher den Mechanismus der Massenfertigung.
Für MR haben diese Ausdrücke einen negativen Anstrich. Man hat den Eindruck, sie stören seine Sicht auf das Universum und die Natur. Fast als ob eine böse Macht (der hypostasierte blinde Zufall) die Natur zu Mutationen zwänge. Oder wie manche meinen, die Erde werde in die Bahn um die Sonne gezwungen; so als ob sie eigentlich woanders hin wollte. Diese Denkweise ist verquer und verkehrt.
Ein weiterer Denkfehler (der aber in dieselbe Richtung geht) zeigt sich im Kapitel 6 "Zwischenstand". Im ersten Absatz liefert der Autor eine gute Zusammenfassung der bisherigen Diskussion (S. 42-43). Er bringt auch noch gut die zwei möglichen Erklärungen (Folgerung) für den Anschein von Zielgerichtetheit:
  1. natürlicher (zielloser) Prozess
  2. Intelligent Design durch einen Designer
Unerklärlich ist mir, warum die zweite Option eleganter sein soll (S. 43). Ich empfinde eine unnatürliche Erklärung als holprig. Ähnliches gilt in der Verteidigung in einem Kriminalfall. Wer die belastenden Indizien natürlich erklären kann, scheint meist glaubwürdiger, als eine Erzählung mit dem sprichwörtlichen "grossen Unbekannten". Noch unklarer ist, warum die zweite Option die nahe liegende Möglichkeit ist (S. 43). Wenn man an eine Felsnadel kommt, deren Schatten mittags exakt auf die Mitte eines gedachten Halbkreises zeigt, so kann man annehmen:
  1. hier entstand aufgrund langer geologischer Prozesse eine Felsnadel, die man ausgezeichnet als Sonnenuhr verwenden kann oder
  2. hier haben Einheimische bewusst eine Felsnadel aufgestellt um die Tageszeit abzulesen.
Warum hier die zweite Option eleganter sein soll oder naheliegender ist mir ebenso unerklärlich wie in den zwei Optionen oben.
Beweislast
Mehrfach spricht MR die Frage an, wer zu einer bestimmten These die Hauptlast trage. Hier meine ich, dass derjenige, der eine Existenzbehauptung aufstellt, ganz klar die Beweislast trägt. Wer angeblich den Yeti gesehen hat oder vom Ungeheuer in Loch Ness schreibt, der muss deren Existenz nachweisen. Das Umgekehrte zu fordern (also den Nachweis, dass es keinen Yeti gibt) ist sehr viel schwieriger, zumal wenn man sich – wie MR es tut – darauf beruft, dass man über die Eigenschaften des behaupteten Designers nichts aussagen will.
MR diskutiert, wer nun im Falle des Anscheins von Zielgerichtetheit und den dafür möglichen zwei Erklärungen (design Denkfehler) die "Bringschuld" (S. 43) hat: derjenige, der aus dem offensichtlichen Anschein von Planung die Folgerung 1 zieht oder derjenige, der daraus die Folgerung 2 zieht. Die Antwort scheint mir eindeutig: die Bringschuld hat der ID-Vertreter aus drei Gründen:
  • er postuliert einen Designer für den es – ausser dem festgestellten Anschein von Planung – kein Indiz gibt (zumindest solange nicht, solange der Vertreter solches nicht beibringt);
  • die methodologische Grundposition der Wissenschaft ist es ohne "höhere Mächte" auszukommen;
  • die Folgerung 2 auf eine natürliche Erklärung wird durch die bewährte Evolutionstheorie geliefert.
design Anfang
Hauptargumente gegen echte Zielgerichtetheit
Schon eingangs (S. 5) nennt MR nennt "drei primäre Argumente" "gegen echte Zielgerichtetheit". Die Betonung liegt auf "echte" (wobei das erste Argument ungenau formuliert ist: wer oder was sollte Teleologie – ein abstrakter Begriff – produzieren?). MR strukturiert seine Abhandlung sehr klar; allerdings hat er einige der nachfolgenden Themen auch schon in früheren Kapiteln behandelt. Er formuliert lobenswert die drei Argumente nochmals (S. 46) und behandelt sie in den Kapitel 7, 8 und 10. Ich wähle als Überschriften jeweils meine Formulierung
1. Die Evolution beschreibt einen plausiblen, belegbaren Mechanismus für alles Lebendige (Kap. 7)
Den impliziten Gedanken von Francis Crick (S. 10), dass Darwin eine Erklärung für den Schein der Zielgerichtetheit in der lebendigen Natur liefert, schiebt MR beiseite. Hätte der Autor ihn beachtet, wäre der Rest seines Buches, insbesondere das Kapitel 7, überfüssig. Ein Hauptmanko des Werks: der Autor akzeptiert die unübersehbaren Mechanismen der Evolution, sie überzeugen ihn aber nicht. Das ist als ob jemand zu den Belege gegen die flache Erde bejahend mit dem Kopf nickt, am Ende aber doch sagt: sie reichen nicht aus um den Schein weg zu diskutieren.
Das Problem ist es, dass der Autor Variation, Vererbung und Selektion sieht und zugesteht. Er muss nur noch erkennen: Das ist es. Wenn er manches als "unspektakulär" abtut (waschke Hinweis von Thomas Waschke), so schmälert das nicht die Effektiviät der evolutiven Mechanismen.
MR schiebt Cricks Gedanken nicht nur beiseite, sondern er beachtet sie nicht oder schlimmer: er hat sie nicht einmal erkannt. Das Designargument in der Evolution lässt sich – analog zum Design in der Schneeflocke (Ulrich Kutschera, S. 9) – nur entkräften, wenn man eine passable (bessere) Erklärung hat. Solange man für einen natürlichen Vorgang keine Erklärung hat, kann man an ein Wunder glauben oder eine unbekannte Macht dafür verantwortlich machen; kritischere oder optimistische Menschen werden darauf verweisen, dass man dafür noch eine natürliche Erklärung finden wird. Man erinnere sich an die Vorgänge 1982 in der Zahnarztpraxis in Neutraubling bei Regensburg: der sogenannte Chopper (siehe design Links). Wenn man die natürliche Erklärung gefunden hat, sollte man die Erklärung mit der unbekannten Macht fallen lassen. Nach zwei Wochen stellte sich heraus, dass die Zahnarzthelferin, zusammen mit dem Zahnarztehepaar für das gespensterhafte Treiben verantwortlich war. Spätestens ab da war es müßig und unvernünftig weiter nach einer transzendenten Erklärung zu forschen. Dies als Hintergrund erkennt man, dass MR weder Kutscheras Analogie noch Cricks zeitliche Einschränkung verstanden hat. Nochmals zum Mitschreiben: ohne Vorliegen einer Erklärung könnte man das Design der Schneeflocke als noch zu erforschendes Rätsel betrachten oder auch als Zeichen für eine unbekannte Macht; mit einer brauchbaren Erklärung aber nicht mehr. Kutschera führt das Analogiebeispiel an um Leichtgläubigen zu zeigen: schau her: auch da scheint es Design zu geben. Im Fall der Schneeflocke wird die natürliche Erklärung wohl den allermeisten Menschen einleuchten. Der Anschein des Design im Bereich des Lebendigen hat auch eine natürliche Erklärung, die vielleicht nicht ganz so offen liegt.
Ich meine, die evolutive Erklärung wäre vielleicht schon viel früher gefunden worden, wenn nicht der Schöpfungsglaube so tief verwurzelt gewesen wäre.
Den Hinweis von Thomas Waschke, dass man es in der heute üblichen, erstaunenswerten Technik mit Ein-Generationen-Systemen, in der Biologie dagegen mit Viel-Generationen-Systemen zu tun hat, spielt MR als zwar zutreffend aber "unspektakulär" (S. 48) herunter. Dabei ist das ein extrem wichtiger Unterschied, den viele Evolutionsbiologen betonen. Wäre ein Säugetier ohne Vorfahren, also in nur 1 Generation aufgetaucht, wäre die evolutive Erklärung hinfällig. Die Natur hatte aber Milliarden von Jahren und sehr viele Generationen Zeit (design Darwins Hinweis).
Im Kasten mit der fett gedruckten Überschrift "Vom Tod der Synthetischen Theorie" (S. 52) wird erläutert, dass Stephen Jay Gould einst in seinem Verdikt über die Synthetische Theorie zu weit ging. Er meinte damit das Beharren auf der ausschließlichen Kumulierung kleinster evolutiver Schritte; also einem Teilproblem der Evolutionstheorie: Gab es nur kleine Schritte oder auch grosse Veränderungssprünge? Der flüchtige Leser gewinnt den Eindruck, dass ein so integrer Wissenschaftler wie Stephen Jay Gould den Tod (!) der Evolutionstheorie proklamierte.
   Zwei prinzipielle Taktiken der Anti-Evolutionisten
  1. man zitiert (leise) Kritik an Einzelpunkten und suggeriert so einen prinzipiellen Streit um die Evolution in Expertenkreisen (design Keine Einigkeit unter den Evolutionstheoretikern).
  2. mit der bisherigen Fehlbarkeit wissenschaftlicher Theorien und ihrer Revision wird in einer Metainduktion die Korrektheit der heutigen wissenschaftlichen Theorien (hier natürlich: die Evolutionstheorie) bezwweifelt.
MR bringt also eine Fülle von Zitaten mit Diskussion und Fragen zum Zusammenhang von Mikro- und Makroevolution. Es soll wohl suggerieren, all diese Autoren (oft nur mit Fragen zitiert, z.B. S. 54, oder über die Diskussion darüber berichtend, so Ernst Mayr, S. 53) bezweifeln das Kontinuum des Lebendigen (siehe design Anmerkung zum Zitat von Lewin). Aus Erklärungsrevisionen und -verbesserungen (und sie geschehen täglich!) innerhalb der Evolutionstheorie folgert MR: Wird nicht behauptet, alles sei geklärt (Fn 12, S. 54)? Mitnichten! Also hatten wohl doch die Kritiker recht!
Aus der Kritikfähigkeit der Wissenschaft und ihrer ständige Korrektur wird gefolgert: also war doch nicht alles geklärt; also sind auch die heutigen Erklärungen fragwürdig. Es ist die bekannte und zutreffende (!) Metainduktion: Unsere Theorien der Vergangenheit wurden oft revidiert oder gar völlig umgekrempelt. Daher wird das auch mit den heutigen so sein. Sehr wohl. Doch das sollte uns nicht verleiten, wohl etablierte und belegte Theorien mit der Einführung transzendenter Designer zu verkleistern.
Von den Debatten innerhalb der Wissenschaft schliesst MR auf wesentliche Lücken. Das ist eindeutig falsch. Richtig ist: derzeitig akzeptierte Erklärungen stehen unter kritischem Feuer. Sie werden aber erst dann verworfen und ausgetauscht, wenn brauchbarere Erklärungen vorliegen. Die Berufung auf übernatürliche Mächte stellt keine brauchbare Alternative da; allenfalls, wenn man als Wissenschaftler gar nichts vorzuweisen hätte.
Im Zitat von Roger Lewin hat MR vor lauter eigener Hervorhebung (übrigens gesteht Lewin darin zu, dass seine Antwort:"No" zur Extrapolation der Mikro- in die Makroevolution, der Ansicht einiger Konferenzteilnehmer entgegensteht) einen wichtigen Satz nicht hervorgehoben. Ich hole es nach: "the two [micro- and macroevolution] can more probably be seen as a contiunuum with a notable overlap" (S. 51).
Die Überredungstaktik, Zermürbung und auch Hilflosigkeit des Autors zu seinem Punkt zeigt sich darin, dass er nach über zehn Seiten im Kapitel 7 "Mechanismus: Gesucht oder gefunden?" immer noch nicht weiter ist. Er stellt fest: "Was sich jedenfalls zeigt, ist die Aktualität des Themas – wie entstehen komplex organisierte Systeme in einem ungerichteten evolutionären Prozess?" (S. 57).
Wieso das dann folgende lange Zitat von Richard Dawkins für MR punkten soll, bleibt das Geheimnis des Autors. Dawkins betont die graduellen Schritte, die notwendig sind. Er meint bildlich geschrieben, dass manche Organe jenseits des Mount Improbable liegen und daher selten oder nie in der Natur realisiert werden.
Im Unterabschnitt "Die Mechanismenfrage als Brennpunkt" (S. 63) geht MR zur unseligen Forderung nach Evidenz über. Ich weiß nicht, ob das – ähnlich wie bei Christoph Schönborn (siehe design Links) – auf eine falsche Übersetzung des englischen "evidence" zurückgeht. Es könnte auch sein, dass MR schon vorher das Wort (falsch) gebraucht. An meheren Stellen stellt er explizit oder implizit die Frage oder Forderung nach Beweisen (design Keine Beweisedesign Suggestivität). In der Naturwissenschaft geht es selten um Evidenz: es geht um Belege.
MR schreibt also keck: "Man benötig also Evidenz für den Mechanismus..." (S. 63). Nein, Herr Rammerstorfer rammerstorfer ! Belege, Begründungen, brauchbare Erklärungen reichen völlig. Die Forderung nach Evidenz wiederholt MR (S. 64).
   Keine Einigkeit unter den Evolutionstheoretikern
Nachdem MR viele Fragen und Zweifel zitiert hat, stellt er fest, dass keine Einigkeit unter den Evolutionstheoretikern herrscht (S. 65). Daraus wird dann kurz darauf, Darwin habe "keinen Mechanismus geliefert, der den massiven teleologische Anschein in der Biologie erklären kann" (S. 65).
keine Einigkeit —> erhebliche Zweifel —> keine ausreichende Erklärung
Na, das geht aber einfach. Fällt wirklich jeder Apfel, wenn er reif ist vom Baum? Herr Hintertupfinger hat erhebliche Zweifel, denn er lag lange unterm Baum und kein Apfel fiel; ausserdem wurden noch nicht alle Äpfel ausprobiert. Man sieht: Uneinigkeit. Isaac Newton: "Back to the drawing-board!" newton
2. Zwecklosigkeit und Designfehler sprechen gegen Intelligent Design (Kap. 8)
Dieses Argument gegen Intelligent Design sieht der Autor als vielleicht stärkstes an. Sein erster und der "vermutlich wichtigste Punkt ist: Solche Argumente beruhen auf bestimmten Vorstellungen der »planenden Instanz«" (S. 68). Sehr wohl, Euer Gnaden. Doch die gesamte ID-Argumentation beruht auf denselben Vorstellungen. Wir und der Autor sehen die Greifzangen der Seeigel als intelligente Werkzeuge an (S. 58-60). Das Opfer des Seeigels sieht in den Greifzangen Horrorwerkzeuge, die der Lebensabsicht des Opfers zuwider laufen. Bei anderen Vorstellungen einer planenden Instanz sieht das – zugegeben – vielleicht anders aus. Wer Vorstellungen von Zweckhaftigkeit und intelligentem Design hat (wie es MR durchwegs zeigt), pflegt damit automatisch Vorstellungen von der planenden Instanz. Meist wird dabei recht anthropomorph vorgegangen. Damit ist MRs wichtigster Gegenpunkt aus dem Felde. Wer die unzulänglichen Vorstellungen der planerischen Instanz ins Felde führt, muss dies redlicherweise schon dann machen, wenn von den vermeintlich positiven Auswirkungen derselben geredet wird.
Ähnlich ist es mit dem nächsten Argument des Autors, dass den Boden aus dem Fass schlägt. Die Argumente mit schlechtem Design sind theologischer Natur (S. 68). Fürwahr, MR verweist die Argumentation für und gegen Intelligent Design in die Theologie. Genauso sahen es auch die Richter in Dover, Pennsylvania, und verbannten Intelligent Design aus dem Klassenzimmer.
Trotzdem also MRs Einwände gegen die zahlreichen Designfehler also an ihm selbst scheitern (beide Punkte: a) bestimmte Vorstellungen der planenden Instanz; b) theologische Natur des ID; treffen voll auf seine Argumentation selbst zu), will zu seinen Unterpunkten konkret Stellung beziehen.
   Nachforschungen anstellen, S. 69
Wer Design zu erkennen vermeint, sollte weiter nachforschen. Die Seite, welches dieses Argument bringt, übersieht etwas oder kennt etwas nicht (S. 69ff). Design ist immer nur in Bezug aus bestimmte Ansprüche denkbar (S. 73). Diesen Grundgedanken führte ich schon vorher aus (design »Funktion«). Hier – als Argument gegen ein evolutives Argument – verwendet diese Erkenntnis der Autor für sich; sie gilt ebenso schon für das Design.
  • Mit dem Beispiel des Autors: der Ferrari ist gut konstruiert für eine Fahrt auf der leeren Autobahn. Beim Einkaufen in der Stadt oder gar im freien Gelände ist der Ferrari nur noch suboptimal.
  • Mein Beispiel: Als Sonnenuhr ist der Ferrari jeder freistehenden Felsnadel (design Beispiel weiter oben) unterlegen und als Giftzange ist er völlig fehlkonstruiert (obwohl: als Tötungswerkzeug mag der Ferrari manchmal sehr wohl brauchbar sein).
   Design-Kompromiss und -fehler, S. 72ff und 82ff
Rührend ist dann der zweite Unterpunkt zu den Designschwächen und der fünfte zu Designfehlern, die ich hier zusammenfasse. MR nutzt zum Abschluss ein Zitat von Ernst Mayr für seine Position. Auf den ersten Blick zurecht. Wenn Biologen gegen Intelligent Design zu Felde führen, dass es doch in der Natur sehr viele (fragwürdige) Designkompromisse gibt, so kann dies ein ID-Vertreter auch aufgreifen um eben diese Designschwächen als bestmögliche Kompromisse darzustellen.
Es wirft aber ein recht merkwürdiges Licht auf den Designer, hinter dem im nächstfolgenden Schritt oft ein allmächtiger Gott gesehen wird. Mit den Fähigkeiten eines Designers, der zu Kompromissen gezwungen wird (die sogar wir armselige menschliche Würstchen sofort als solche erkennen), kann es nicht weit her sein; von Allmacht ganz zu schweigen.
Gestehen wird dem ID-Verfechter einmal zu, dass unsere anthropomorphen Vorstellungen nicht auf den Designer übertragbar sind. Vielleicht wollte der Designer nichts Optimales (nach unseren Massstäben) schaffen. Leider steht dieses Argument aber der Erkennbarkeit des Designs überhaupt entgegen. Wenn die Designvorstellungen des Designers andere sind als unsere: wie könnte wir dann je das Design in der Natur erkennen? Hier steht der ID-Vertreter vor einem – so scheint mir – unauflösbarem Dilemma: entweder wir sind in der Lage Design eines übernatürlichen Schöpfers zu erkennen, dann erkennen wir auch Designfehler; oder man sagt: die scheinbaren Designfehler sind keine, da wir nicht unsere Massstäbe anlegen dürfen, dann gelten unsere Massstäbe auch nicht bei der Erkennbarkeit von Design.
Auf die konkreten zahlreichen Designfehler oder -kompromisse (Hirngrösse, Schädelgrösse, Geburtskanal der Frau) geht der Autor kaum ein. In der Fussnote 15 (S. 85) erdreistet er sich eine evolutionäre Erklärung für designmässig nicht erklärbare Sachverhalte, für eine Entlastung des Designers zu verwenden. In aller Kürze: Nicht der Designer ist für die Toten durch Geburt wegen zu engem Geburtskanal verantwortlich, sondern die Designmängel bei der menschlichen Geburt sind evolutiv erklärbar. Im Bayern sagt man (mit Blick aufs Schafkopfen): der Designer spatzt sich ab = er stiehlt sich aus der Verantwortung. Das ist noch blendendes Beispiel zur design selektive Wahrnehmung von Zitaten.
   Andersartigkeit, S. 77ff
Wie so oft formuliert MR diesen Einwand (oder ist es ein Einwand gegen einen Einwand?) nicht. Er nennt auch keinen derartigen Einwand von einem Evolutionsvertreter. Ich formuliere ihn mal so als Verteidigung gegen Hinweise auf Dysfunktion: Organismen sind anders. Man kann sie nicht 1 zu 1 mit künstlichen Systemen aus der Hand des Menschen vergleichen. Hinweis aus schlechtes Design im organischen Bereich orientiert sich oft an den Artefakten der Menschen. Das ist nicht angemessen.
Dieser Einwand scheint mir nur eine schwächere Variante des obigen Unterpunkts "Designfehler" zu sein. Man verweist auf eine – in unseren Augen – überflüssige Eigenschaft (z.B. knackende Geräusche der Gelenke) und bezeichnet sie als Designfehler. Allerdings läuft auch hier die Rückweisung des Autors zum Teil wieder in schon genannte Falle. Er meint (meine Worte): Na ja, wenn man Gelenke mit Titan macht! Dann entfallen knackende Geräusche. Wer kann Titan an Haltbarkeit schon überbieten? – Nun, niemand hinderte den Designer daran die Gelenke aus Titan zu fertigen. Wenn das Metallvorkommen der Erde nicht ausreicht, wäre es für den Designer leicht, Titan aus einer anderen Galaxie herbeizuschaffen. Ein wirklich sehr guter Designer hätte Kritierien wie hohe Funktionalität, Übersichtlichkeit, Ästhetik und Ergonomie locker in unüberbietbare Höhen gesteigert.
Ein Rückweisungsargument MRs beruft sich auf die Berücksichtung aller Punkte. Mit einem holistischen Anspruch hat der natürliche Knochen dem Titan eventuell etwas voraus. Auch dieses Argument ist schwach: schließlich hat der Designer z.B. die Gelenke für uns gemacht. Er hätte sie also sehr wohl besser (in jeder Beziehung!) machen können.
   Heuristischer Wert, S. 79ff
Hier streicht MR heraus, dass die echt teleologische Sichtweise positive Rückwirkungen auf die Forschung hat. Mit einem evolutiven Ansatz könne man Fehlfunktionen schneller "entschuldigen", die echt teleologische Sichtweise erheischt aber auch bei scheinbar funktionslosen Organen weitere Forschung und ist damit wertvoller.
Das ist nun völlig daneben. Der evolutive Ansatz fordert immer Erklärungen heraus, während der Autor, siehe oben, Dysfunktion damit "erklärte", dass wir die Absichten des Designers nicht kennen.
Die zweckhafte Denkweise hat aber unbestritten Vorteile. Deshalb bleibt man ja in der Biologie (und nicht nur dort: oft auch in den übrigen Naturwissenschaften) bei dieser »facon de parler«.
   Degeneration, S. 86ff
Den Hinweis auf degenerierte Organe, Glieder oder Funktionen (als Argument gegen intelligentes Design) wehrt MR damit ab, dass das ursprünglich durchaus planmässig gewesen sein mag. Man unterstellt damit dem Designer unzulässigerweise – so MR –, dass er etwas Zeitloses und Unvergängliches hatte schaffen wollen.
Dieses Argument untergräbt ebenfalls (ähnlich wie schon bei der Dysfunktion) das Designargument auf zweierlei Art.
  1. Wenn alles, was nicht planmässig ist, mit der eventuellen Absicht des Designers Unplanmässiges oder nur zeitlich begrenzt Planvolles zu schaffen, wegargumentiert wird, dann ist alles ein Anzeichen für einen Designer. Das schier absurde am Bau des Tintenfisches fällt unter die Absicht des Designers auch mal was Unzweckmässiges zu schaffen design. Zudem unterstellt man damit dem Designer Unvollkommenes (zumindest unvollkommen nach unseren Massstäben), ja Stümperhaftes geschaffen zu haben. Was ist das für ein Designer?
  2. Das Designargument wird wertlos, denn alles und nichts weist auf einen Designer hin. Auch Stümperhaftes kann dann ein Hinweis auf einen Designer sein. Hier, wo es der Autor braucht um den Wandel in der Zeit vom Planvollen zum Rudimentären oder Überflüssigen zu erklären, meint er, das sei "durch ungerichtete Prozesse – blinde Mutation und Selektion – verursacht, wie man an vielen Beispielen belegen kann" (S. 87). Da ist an Dreistigkeit in der Argumentation kaum überbietbar.
Also Biologen aufgepasst: wo etwas unplanmässig erscheint gibt es zwei Möglichkeiten: nur uns erscheint es unplanmässig; oder es war einst planmässig ist es jetzt aber nicht mehr.
Rundheraus: alles ist planmässig design.
   Relationen, S. 87ff
Der letzte Unterpunkt zur Dysfunktion, den der Autor mit "Relationen" überschreibt war mir unklar. Er beklagt darin die bereits mehrfach angesprochen »facon de parler« in der Biologie, die intentionale Sprechweise. Allerdings offenbart sie stark den wunden Punkt in des Autors Verständnis von der Evolution (siehe auch dysfunktion Verständnisproblem des Autors und dysfunktion Denkfehler). Er fragt ob gutes Design als das Ergebnis eines ungelenkten Prozesses zu erwarten sei (S. 88)? Wie so viele Anti-Evolutionsautoren vergisst er die Selektion. Sie lässt auf lange Sicht gutes Design überleben; als"gut" sehen wir genau das an, was dem Überleben zuträglich ist. Völlig unverständlich ist – hat MR es wirklich nicht begriffen oder will er es nur nicht, damit seine Argumentationslinie glaubhaft wird? – wenn seine "daraus resultierende logische Erwartung" (S. 88) ein erbärmliches Design ist. Eher trifft der umgekehrte Vorwurf zu: die Selektion macht das Überleben derüberlebensdienlichen Funktionen, Organe und Verhaltensweisen geradezu tautologisch.
   Zwei Möglichkeiten des Autors als Einwände gegen die teleologische Position, S. 89ff
Ebenso unklar waren mir die beiden Einwände des Autors um die Position der Evolution zu stärken. Er wiederholt damit Einwände ("Design-Fehler", "offensichtliche Fehlkonstruktionen") die sich nicht nur selbst ähnlich sind, sondern schon zuvor vom Autor behandelt und verworfen wurden. Oder wollte er nur zeigen, das teleologische Argumente nicht automatisch theologische sind? Darüber könnte man diskutieren.
Zum Abschluss dieses wichtigen Einwands gegen Design wiederholt MR den berechtigten Vorwurf, dass die Argumente mit schlechtem Design ganz spezifische Grundannahmen bezüglich des Designers machen, beispielsweise schlicht, dass er gut planen wollte. Völlig richtig ist auch seine Anmerkung, dass schlechtes Design in Teilbereichen logisch nicht ausschließt, dass in anderen Bereichen ein Schöpfer am Werk war.
Doch – auch hier wiederhole ich mich – wenn man zum Schöpfer keine Grundannahmen macht, beispielsweise: a) plant absichtlich gut; b) ist allmächtig, dann ist nicht zu sehen, wie man
a) einen Designer je nachweisen kann, denn alles liegt dann "im Plan"; manches wollte er eben "schlecht" planen;
b) einem nicht allmächtigen Schöpfer all die wunderbaren und großartigen Geschöpfe und die herrliche Natur zuschreiben kann.
3. Übernatürliche Instanzen sind unwissenschaftlich (Kap. 10)
Die Ausführungen zur Frage der Wissenschaftlichkeit von übernatürlichen Instanzen zeigen, dass MR das Thema etwas schief angeht. Er kommt von seinen "ungelenkten Prozessen" nicht los. Seine Auffassung des methodischen Naturalismus, es seien nur "ungelenkte Prozesse" gefragt, ist falsch, wenn man "ungelenkt" nicht zu metaphorisch versteht. Richtig ist im Gegenteil (!), dass der methodische Naturalismus von der Gesetzmässigkeit in der Natur ausgeht. Eingriffe übernatürlicher Mächte, die keinen Gesetzen unterliegen, sind nicht vorgesehen. Insofern fühlen sich auch die Forscher nach Intelligenz im All (unsere Erde ausgenommen) der naturalistischen Erklärung verpflichtet; entgegen der Behauptung des Autors (S. 111). Sie senden Signale an möglicherweise natürliche Intelligenzien im Universum aus; wenn wir morgen strukturierte Signale empfangen, die keine andere Erklärung zulassen, wird die Arbeitshypothese eine natürliche Intelligenz im Universum sein und keine übernatürliche Macht. Ob Theisten dann hinter den Naturgesetzen eine übernatürliche Instanz sehen, sei ihnen unbenommen. Das Analogiebeispiel mit den biologischen Waffen, das MR anführt (S. 112), liegt völlig falsch. Die dort beschriebene Suche nach den Designer der biologischen Waffen hat ja den sehr konkreten Hintergrund, dass der angegriffene Staat von anderen Staaten (mit Einwohnern) umgeben ist. Es gäbe also überwältigende Anzeichen – abgesehen von den biologischen Waffen – dass andere intelligente Lebewesen vorhanden sind.
Ein weiterer Mangel ist hier, dass MR wieder – salopp gesagt – Evolution oder Intelligent Design in die Beliebigkeit des Forschenden stellt (S. 113). Das gerade erlaubt der wissenschaftliche Ansatz nicht. Selbst wenn eine natürliche Erklärung für einen Zustand oder Vorgang nicht gegeben werden kann, so wird defaultmässig die Position eingenommen: die (natürliche) Erklärung werden wir schon noch finden.
In zwei Punkten gebe ich dem Autor recht:
  • Wenn überzeugende Belege für Intelligent Design vorliegen und keine natürliche Erklärung in Aussicht ist, wird man sich wohl vom methodischen Naturalismus verabschieden. Dabei müssen beide Bedingungen gleichzeitig zutreffen.
  • Die Konstruktion des Tintenfisches lässt sich durch die Evolution erklären, sie widerspricht dem Intelligent Design (siehe Gerhard Haszprunar unter design Links). Das schließt nicht aus, dass der intelligente Designer andere Lebewesen geplant hat.
Wichtig ist es sich die nachfolgende Grundhaltung der Wissenschaft einzuprägen. Es würde vielen Fehleinschätzungen (Glauben Sie wirklich an die Evolution? Ansichtssache: Evolution oder Intelligent Design?) vorbeugen.
Metaphysischer Naturalismus als methodologische Grundposition der Wissenschaft
Die Begründung für die methodologische Grundposition der Wissenschaft ohne übernatürliche Mächte auszukommen ist so vielfältig und einleuchtend, dass ich sie hier nicht wiederhole.
Der metaphysische Naturalismus besteht darauf für Erklärungen und Geltungsansprüche nur wissenschaftlich erfaßbare Tatbestände heranzuziehen. Zudem geht er davon aus, dass diese natürlichen Tatbestände ausreichend für die Erklärung aller Dinge und Sachverhalte sind.
Sehr gerne verweise ich ergänzend auf einen einzigen Aspekt: wenn wir in der Wissenschaft unbelegte transzendete Mächte zulassen, so ist das – nach der US-amerikanischen Biologin Eugenie Scott – ein "science stopper" (siehe design Links). Man könnte diesen "Joker" mit genau demselben Recht immer einsetzen. Ein Fallgesetz ist unnötig, da ein Designer bewirkt, dass Obekte genau so fallen, dass es den Schein einer Beschleunigung im Quadrat ergibt. Auf das Felsnadelbeispiel zurückkommend: wer die Auftürmung der zehntnerschweren Felsnadel durch die Irokesen behauptet, müsste – in Abwesenheit irgendwelcher anderer Anzeichen von Indianern – Old Shatterhand erst mal erklären, wann Irokesen da waren und warum sie jetzt nicht mehr da sind.
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Diskussion des teleologischen Gottesbeweises bei David Hume und das naturtheologische Argument bei William Paley, S. 93-109
Schade ist es – und seine Diskussion hemmend – dass MR weder David Hume noch William Paley zitiert. Er bemüht nur sekundäre Stimmen dazu. Gerade bei Hume ist nicht leicht lokalisierbar, auf welche Passage aus Dialoge über die natürliche Religion [Dialogues Concerning Natural Religion, 1779]. Einschlägig ist sowohl der 2. als auch der 4.-8. Teil dieses Dialogs. Ich gebe daraus einen kurzen Texte zur Einstimmung
"Man werfe einige Stücke Eisen zusammen, ohne Gestalt oder Form, sie werden nie sich so anordnen, daß sie eine Uhr zusammensetzen. Steine und Mörtel und Holz werden ohne Baumeister nie ein Haus errichten." design David Hume: Dialoge über die natürliche Religion, Auszüge
In der Diskussion zu Hume und Paley hat MR einige Punkte für sich, aber insgesamt überzeugt seine Verteidigung Paleys nicht.
Ohne eine Erklärung für die offensichtliche Zweckmässigkeit in der Natur gibt es mit Richard Dawkins nur zwei Standpunkte:
  1. Man sagt: die natürliche Erklärung werden wir schon noch finden
  2. Man postuliert einen Designer / Schöpfer
Das entspricht den zwei möglichen Erklärungen für den Anschein von Zielgerichtetheit (anschein Denkfehler):
  1. natürlicher (zielloser) Prozess
  2. Intelligent Design durch einen Designer
Allerdings gibt es zwei Einwände.
  1. Vernarrt in seine Floskel "ungelenkte Prozesse" (mindestens einmal zielgenauer auch "ziellose Prozesse") merkt MR zweierlei nicht:
    a) Darwin hat einige Hypothesen vorgelegt, die das scheinbare Design ohne Designer erklären, die sich in 150 Jahren millionenfach bestätigten und die durch die Forschung erweitert und verbesert wurden.
    b) Der Autor selbst akzeptiert an vielen Stellen die Mechanismen von Variation, Vererbung und Selektion; man sie ja schlichtweg nicht bestreiten.
    Die erste Option Dawkins' ist daher nicht nötig: man hat eine Erklärung. Man müßte diese Option schon stark abschwächen zu: Was noch offen oder zweifelhaft ist an der evolutiven Erklärung werden wir schon noch finden. Das ändert aber wenig an der prinzipiellen Lösung.
  2. Selbst wenn man trotz dem Vorliegen einer naturalistischen Erklärung die zweite Position einnimmt und zudem oder statt Evolution einen Schöpfer annimmt, kann man es nicht so einfach machen, wie es MR an vielen Stellen im Buch, besonders aber im Kapitel 9, tut. Er blendet die Identität der planenden Instanz aus (S. 98), ja sogar Grundannahmen (z.B. die Annahme, der Designer wollte etwas andauerndes Intelligentes erschaffen) lehnt MR an vielen Stellen ab. So geht es nicht. Wenn ich meine ein Ungeheuer in Loch Ness nachgewiesen zu haben (empirisch oder durch zwingende Überlegungen), so will die Wissenschaft selbstverständlich wissen: Wie schaut es aus? Welche Eigenschaften hat es sonst noch?
    Wo es MR braucht – das weiß man inzwischen schon – akzeptiert er jedoch solche Grundannahmen von Eigenschaften der vermuteten Intelligenz. Beispielsweise wird beim Projekt SETI angenommen, dass andere Intelligenzien im All sich auch zu erkennen geben (S. 100). Ansonsten könnte man aus beliebigen Radiosignalen aus dem All folgern: die stammen von Intelligenzien, die halt die Signale nicht intelligent strukturieren wollten (ein Standpunkt, den MR bei der Dysfunktion und beim unintelligenten Design in der Natur ohne zu erröten einnimmt).
    Nebenbemerkung: beim vermuteten Designer müßte man – gegensätzlich zu SETI – geradezu annehmen, dass sich der Designer nicht klar zu erkennen gibt (er tut es offensichtlich nicht).
Doch MR nimmt Darwin (und seine Nachfolger) einfach hierin nicht zur Kenntnis, obwohl er ein kaum zu überbietend eindeutiges Zitat anführt:
"Darwin explained the teleological character of the living world non- teleologically"
David L. Hull, nach MR, S. 105
Ohne Kommentar schreibt MR unmittelbar danach, dass dieser Mechanismus noch nicht gefunden wurde. Las MR das selbst niedergeschriebene Zitat von Hull nicht? Zumindest müßte er seine krasse Ablehnung hier begründen! Die ebenso unmittelbar folgende, fettgedruckte Frage: "Was ist also mit dem »Schluss auf die beste Erklärung«?" hat die Antwort: Darwin und seine Nachfolger gaben eine Erklärung; eine bessere wurde bisher nicht gefunden. Damit ist die Evolution die (nach heutigem Stand) beste Erklärung. Darwins Mechanismus funktioniert, MR gestand es an einigen Stellen in seinem Werk zu: Variation von Eigenschaften, Vererbung und Selektion sind kein bloßer Schein. Jeder Züchter kann es bestätigen; im Labor wurde es milliardenfach wiederholt.
Zur Diskussion von Hume und Darwin (S. 103)
David Hume wandte sich in Dialogues Concerning Natural Religion von einem philosophischen Standpunkt aus gegen teleologische Gottesbeweise. Charles Darwin gab als Biologe eine naturalistische Erklärung, die die Annahme von Teleologie (Design 2. Standpunkt oben) in der Natur entbehrlich machte. Das sind zwei Paar Stiefel. Die Folgerung MRs, Humes philosophischer Kritik fehlte die Substanz (S. 103) ist daher IMO völlig daneben. Das wäre wie – um im selben gedanklichen Bereich zu bleiben – wenn man Darwin vorwürfe, er hatte keine Ahnung von Genetik. Mit Darwin kam keine echte Herausforderung für Paley – wie MR meint (S. 103) – sondern das naturtheologische Argument, das von Hume gedanklich vom Sockel gestürzt wurde, ist seit Darwin endgültig in der Mottenkammer.
MR streicht zum Ende des 9. Kapitels die Vorteile für die Wissenschaft heraus, die bei einem Planungsverdacht entstehen. Keinem Forschenden wird verwehrt, diesen Verdacht zu erhärten. Auch heute kann jedermann noch Beweise für die flache Erde suchen oder in seiner Kammer probieren, wie man aus Lehm Gold macht. Solange die dabei angezweifelten Thesen der jeweiligen Wissenschaft (Die Erde ist annähernd kugelförmig – Aus Lehm kann man kein Gold gewinnen) überragend bestätigt sind, werden diese Forschenden aber innerhalb der Wissenschaftsgemeinde nicht gehört. Zurecht, wie ich meine.
Die Annahme eines unbekannten Planers in der Wissenschaft als "science stopper" (Eugenie C. Scott, siehe DesignLinks) greift MR leider nicht auf. Er müßte zumindest ein Kritierium angeben, wann man bei offenen wissenschaftlichen Fragen den Planer in der Antwort verwenden darf. Ein Beispiel aus der Softwareproduktion scheint mir einschlägig. Oftmals, wenn ich einen (vermeintlichen) Fehler in einem Produkt entdecke (vornehmlich – aber nicht nur – aus dem Hause, auf das sich MR in der Fussnote 18 auf S. 89 bezieht), ist die Antwort: "works as designed". Zahlreiche Witze kursieren darüber, wie dann der Defekt zum Standard erklärt wird (ähnlich wie es MR mit der Dysfunktion macht; siehe Design Zwecklosigkeit und Designfehler). Weitere Fehleranalyse oder gar -behebung erübrigt sich. Ähnlich in der Biologie. Wenn die Antwort "works as designed by the designer" – ohne weitere Nachfrage nach dem Designer (gerade gegen die wehrt sich MR an verschiedenen Stellen)– zugelassen wird, ist weitere Ursachenforschung überflüssig Wenn der Planer erstmal in die wissenschaftliche Ontologie aufgenommen ist, hindert mich nichts daran, ihn immer wieder einzusetzen. Oder?
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Fazit und Schluss, S. 115ff
Den Anspruch, der Evolution das Intelligent Design als gleichberechtigte Alternative gegenüberzustellen hat MR nur sehr bedingt erfüllt.
  1. MR unterschätzt (zumindest erwähnt er es nie), dass die Evolution milliardenfach belegt ist; ein ID-Ansatz ist daher unnötig.
  2. Für den Eingriff einer übernatürlichen Intelligenz gibt es – ausser für einige vom Autor angeführten Sachverhalte, die aber immer auch und meist besser durch die Evolution erklärbar sind – keine Belege.
  3. Die Einführung einer übernatürlichen Intelligenz hätte verheerende Auswirkungen für die Wissenschaft: alles bisher Erreichte wäre in Frage zu stellen. Dabei gebe ich dem Autor prinzipiell recht: für sich genommen, ist das nicht ausreichend. Nur weil uns die Folgen nicht passen, können wir einen Forschungsansatz nicht verwerfen. Doch da greift Punkt 1.
  4. Einen Teil der Auswirkungen stellt der Autor selbst dar: er skizziert künftige Forschungsfragen für das Intelligent Design. Genau das hätte zur Folge, dass wichtige wissenschaftlich Kräfte damit gebunden wären. Das ist vergleichbar, wie wenn heute junge Chemiker sich auf die Herstellung von Gold aus Lehm stürzen würden. Oder wenn Schachtheoretiker dem Gerücht nachgingen, in Kasachstan wurde das erzwungene Zweispringermatt gefunden. Wertvolle Kräfte wären mit aussichtslosen Forschungsvorhaben gebunden.
  5. Vor allem – und das unterschlägt MR im gesamten Buch – wäre es für Intelligent Design Vertreter wesentlich, den nächsten Schritt zu nehmen und den vermuteten Designer zu erforschen. Ich gewann die Vermutung, dass MR diesen nächsten Schritt bewusst vermied, da sich dann sofort die Junge-Erde-Kreationisten von den ID-lern, den kreationistischen Muslimen, den Raelisten und Däniken-Anhängern abtrenne und untereinander zerkriegen würden. Auhc der letzte Laie würde erkennen: nicht die Biologen sind zerstritten, die Gottesgläubigen auf dieser Welt sind es und sie bekämpfen sich – zum Leidwesen der anderen – nicht nur mit Argumenten.
Der Abschlussbemerkung des Autors (S. 118) kann man sehr einschränkend zustimmen. Es ist primär nicht die Weltanschauung, sondern die Auffassung von Wissenschaft, die die Wissenschaftsgesellschaft den ID-Ansatz ausschliessen lässt (Hier ist MR ungenau: kaum jemand will den Anschein von Planung ausräumen; es geht um die These einer übernatürlichen Planungsinstanz). Selbstverständlich auch nicht um jeden Preis. Auch der methodische Naturalismus ist revidierbar. Dazu genügte es, wenn uns der Planer nicht nur mit mehrdeutigen Indizien abspeist und seine Spuren nicht so legt, als ginge alles mit natürlichen Dingen zu.
Wer schuf den Designer? - Infiniter Regress, S. 122-130
Eine unerlässliche (hier widerspreche ich MR vehement) Ergänzung zu den übernatürlichen Eingriffe als Antwort auf ungelöste wissenschaftliche Fragen ist, dass man beim Postulat des Designers nicht stehenbleiben kann. Wer Planung erkennt und daher auf einen Planer schliesst, kann den Planer weder offen halten (wie es MR macht) noch ihn auf "ungelenkte Prozesse" oder "blinden Zufall" zurückführen (Wenn man das vorschlägt, hätte man das Postulat nicht benötigt; lies nach bei Hume). Warum sollte man auf niedriger Stufe Naturgesetze und natürliche Prozesse als nicht ausreichend für eine Erklärung ansehen, auf höherer Stufe aber alles offen lassen oder diese Prozesse wieder einführen? Dazu eignet sich auch das Beispiel der Holzstöcke des Autors (S. 123). Jeder, der annimmt, die vier Holzstöcke wurden bewusst so in den Garten gelegt, fragt sofort: wer war es? wo wohnt er? wie heisst er?
MR plädiert dafür, nur aufgrund der unangenehmen und absurden (S. 122) Konsequenzen (infiniter Regress) nicht vorm Designer zurückzuschrecken (S. 123). Einverstanden. Trotzdem will MR verständlicherweise diese absurden Konsequenzen ausräumen oder zumindest entkräften. Seine Vorgehensweise ist dreifach:
  1. Wieso ist zwingend hinter dem Planer eine weitere Planungsinstanz anzunehmen (S. 124)?
  2. Und wenn, warum sollte man dem Planer Komplexität oder andere Eigenschaften zubilligen (S. 122-124)?
  3. Einen weitere Falldifferenzierung trifft der Autor im nächsten Einwand gegen den infiniten Regress (S. 127ff). Sie läuft in etwa auf Punkt 2 hinaus ("Nur keine Blösse geben durch Festlegung auf Eigenschaften des Designers!"). MR meint es sei ein Unterschied, ob man von Beobachtbarem (das offensichtliche Planvolle in der Natur) auf Unbeobachtbares schliesst oder von Unbeachtbarem weiter folgert.
Ich meine, da macht es sich MR bei weitem zu einfach.
  • zu 1) Der Schluß auf eine weitere Planungsinstanz kann – um einiges berechtigter – die Argumente des Schlusses auf die Erstplanungsinstanz verwenden. Wenn MR beim Planer den zwingenden Schluss nicht sieht, dann kann man schon den Schluss von biologischen Sachverhalten auf eine übernatürliche Instanz als nicht zwingend ablehnen. Zumal bei diesem ersten Schluß eine brauchbare Erklärung (Variation, Vererbung, Selektion) vorliegt, die MR stellenweise durchaus eingesteht. Das ganze Intelligent Design beruht darauf, dass ein Designer vorhanden sein muss.
  • zu 2) Zunächst stellt MR in den Raum, dass der Planer keineswegs die vermuteten Eigenschaften (komplex, intelligent, ...) haben muss. Das erscheint mir zweifach zu billig: während man von intelligenter Planung auf den Designer schliesst, könnte dieser nun auch "doof" sein!? Und den Designer bezüglich seiner Eigenschaft völlig offen zu lassen ist unwissenschaftlich.
Dann trifft MR eine Fallunterscheidung:
2a) Designer innerhalb der Natur: Das ist eine nur verschiebende (Nicht)Lösung. Die natürlichen Ausserirdischen (nach Däniken, Raeliten oder anderen) erklären nichts. Plötzlich akzeptiert MR für diese möglichen Ausserterrestrischen "ungerichtete Prozesse" (S. 125)!? Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Gegebenheiten der Natur im gesamten bekannten Universum herrschen. Wenn der "blinde Zufall" irgendwo im All Intelligenz hervorbringt, dann kann "er" es wohl auch auf der Erde. MR, setzen, sechs!
2b) Designer ausserhalb der Natur: warum hier die Frage nach dem Designer für den Designer nicht gelten soll (wie MR behauptet) ist mir unklar; zumal die Argumentation des gesamten Buches (unausgesprochen) unterstellt: was ist, muss geschaffen oder irgendwie entstanden sein. MR gibt dem ID-Vertreter gleich die Immunisierungsantwort. Immer wenn jemand behauptet, der Designer müsse ziemlich clever und mächtig sein, reicht es – so MR – das abzuwehren indem man die impliziten Designer-Vorstellungen nicht teilt (S. 127). Kurzum: die Frage nach den Herkunft und Eigenschaft des Designers beantwortet MR völlig ungenügend. Eine Abtrennung dieser Fragen (S. 126) ist wissenschaftlich unstatthaft. Er plädiert damit für den "Meinungsmonopolismus de facto an Stelle solcher anregender Fragen" (S. 115), den er selbst zuvor anprangerte.
  • zu 3) Ich meine gerade umgekehrt. Nicht derjenige ist in der Belegpflicht der die Existenz von beobachtbaren Bäumen, Steinen, Wasserfällen usw. behauptet, sondern derjenige, der die Existenz von Molekülen und Atom behauptet, aus denen all diese Objekte zusammengesetzt sind. Die Wissenschaft muss beides erklären; gerade deshalb hatte die Teilchenphysik so einen grossen Aufschwung und uferte so aus. Sie gibt sich nie damit zufrieden, dass irgendetwas nachweisbar ist, sondern fragt dann weiter: Was ist es?
Mein Fazit ist in der Überblicksbesprechung festgehalten: design Mein Fazit
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Rammerstorfer
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