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Zufall
Christoph Schönborn: Ziel oder Zufall? Schöpfung und Evolution aus der Sicht eines vernünftigen Glaubens
Freiburg: Herder, 2007. Gebunden, 189 Seiten. Vorwort von Hubert Philipp Weber – Ziel LinksZiel Literatur
Zahlreiche Anregungen und Verbesserungen zur Besprechung verdanke ich Thomas Waschke.
Kurz nach dem verunglückten Essay in der New York Times am 7. Juli 2005 "Finding Design in Nature" (er bezeugte Schönborns Inkompetenz; er legte den Essay nach einem Sturm der Entrüstung als Diskussionsangerung aus; Ziel Links) kündigte der Autor Christoph Schönborn, Kardinal in Wien, ein Buch zum Thema an. Das Erscheinen verzögerte sich, die Thematik wurde letztlich (gegenüber dem Artikel in der New York Time und der anschließenden Diskussion) verlagert. Es geht in Ziel oder Zufall? nur mehr unter vielem anderen um "Den Plan in der Natur entdecken" und nicht primär um katholische Schöpfungslehre (Ziel) versus Evolution (Zufall), wie der Haupttitel vermuten läßt, sondern um die Schöpfungslehre und die Evolution aus katholischer Sicht, gemäß dem Untertitel: Schöpfung und Evolution aus der Sicht eines vernünftigen Glaubens; Seitenblicke auf die Wissenschaft inbegriffen.
Selbst von dieser Thematik wird oft abgewichen. Ob Jesus ein vollkommener Mensch war und leiblich auferstanden ist hat nichts mit Evolution und nur wenig mit der Schöpfungsgeschichte zu tun. Meint man. Schönborns eigenwillige Zielvorstellung sieht das anders (Ziel Ziel).
Zur Einstimmung vorab:
Christoph Schönborn vermeidet den scharfen Angriff auf die Wissenschaft („ Ideologie“), doch im Kern bleibt sein Vorwurf und das Buch präzisiert hier oder Schönborn hat es sich inzwischen besser überlegt (ja nach Sichtweise schönborn).
Zur Untermauerung der „overwhelming evidence for design in biology“ (New York Times 7.7.2005; „überwältigenden Belege für einen Plan in der Biologie“) bringt der Autor aber nur ein ständiges Aufstampfen: „Ich glaube!“ oder „Ich glaube an ein Ziel!“
Meine Besprechung schreibe ich manchmal in etwas burschikosem Ton. Da sich Gläubige leicht beleidigt fühlen oder Kritik als Herabsetzung ihres Glaubens auffassen, betone ich, dass mir beides fern liegt. Die Besprechung soll halt informativ, aber auch locker und schmunzelnd, so hoffe ich, zu lesen sein.
Gliederung
Der Autor gliedert sein Werk vorwiegend nach Aussprüchen der Bibel. Ich wähle für die Besprechung eine thematische Gliederung, die grob in Inhalte und Methoden geteilt ist. Die einzelnen Punkte können in der folgenden Übersicht direkt angesprungen werden.
Abkürzungen: ID = Intelligent Design; KK = katholische Kirche
Überblick
Grundelemente der Schöpfungstheologie
Methodischer Naturalismus
„Evolution als Glaubenssache?“
Darwinismus – Evolution – Evolutionismus
Höherentwicklung - „Krone der Schöpfung“
Evidenz
Zweck der Welt
Ziel
Ständiger Eingriff Gottes
Vernunft des Glaubens
„Meschugge“-Sein der christlichen Gemeinden
Theodizee (Kapitel V)
Würde des Menschen
„Macht euch die Erde untertan“, Gen 1,28
Widersprüche
Trennung von Wissenschaft und Glaubensinhalten
Skepsis gegenüber der Wissenschaft und Wissenschaftsgläubigkeit
Polemik und Suggestion
Der Balken im eigenen Auge, Mt 7,5
Schönborn hält seine Position für absolut
Fazit
Zugaben: Kardinal Christoph Schönborn in anderen MedienEvolutionary Rate
Überblick
In Ziel oder Zufall? gibt sich das Autor oberflächlich versöhnlicher als in dem Artikel vom 7. Juli 2005. Damals wurden Evolutionsbiologen und andere Wissenschaftler zu Ideologen erklärt. Das macht er in Ziel oder Zufall? geschickter: er wiederholt diesen krassen Vorwurf nicht direkt, sondern zitiert sich selbst aus der New York Times (S. 31). Damit eifert Schönborn seinem Vorgesetzten Joseph Ratzinger nach, der in seiner Rede Regensburg auch "nur" zitierte (siehe die Rede des Papstes in Regensburg am 12. September 2006, Papst Links).
Fundament ist für den Autor der Glaube an die Schöpfungslehre der Bibel. Damit entsteht ein Hauptmanko des Werks: Schönborn führt überwiegend als Belege für seine Ausführungen die Bibel an oder Leute, die darüber etwas sagten. Damit ist jemandem, der die Bibel nicht als heilige, von Gott geoffenbarte Schrift ansieht, wenig geholfen.
Einige durchgehende Postulate
• Es gibt einen Schöpfer
• Es gibt einen Lenker
• Es kann erkannt werden, dass es einen Schöpfer und einen Lenker gibt.
Als Belege für diese Behauptungen führt der Autor an: die Bibel (z.B. Weish 13,1-9; S. 20-21), kirchliches Dogma (S. 21), Katechismus (S. 46) und den Hausverstand von Papst Johannes Paul II. (S. 34). Für alle drei Postulate bleibt Schönborn die Begründung letztlich schuldig.
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Grundelemente der Schöpfungstheologie
Schönborn zählt dazu auf (S. 40):
  1. Es gibt einen absoluten Anfang. – Das ist nicht einmal durch die Bibel belegt.
  2. Gott schuf alle Arten von Tieren. – Hier überspielt Schönborn den Gegensatz zur Evolution. In der Genesis entstehen alle Tierarten offensichtlich am Anfang. Das können Kreationisten für ihre Position reklamieren.
Methodischer Naturalismus
Immerhin erkennt Schönborn den methodischen Ausschluss von göttlicher Intervention – den methodischen Naturalismus – an (Ziel Methodischer Naturalismus). Ich pflichte Schönborn voll zu: "Das hat nichts mit Atheismus zu tun, sondern das ist saubere naturwissenschaftliche Methode" (S. 45).
„Evolution als Glaubenssache?“
Die Frage „Evolution als Glaubenssache?“ (S. 81-82) wird nicht klar mit „Nein!“ beantwortet.
Die Äußerung eines Schauspielers, an die Evolution zu glauben wird von Schönborn nicht etwa deswegen kritisiert, weil sie eine millionenfach belegten Theorie in die Nähe eines metaphysischen Glaubenssystems rückt, sondern umgekehrt wegen der Sakralisierung und damit verbundenden, aus Autorensicht unangebrachten Aufwertung des Begriffs "Evolutionstheorie". Im üblichen Sprachgebrauch wird zwischen Glauben und Wissen unterschieden; Wissen ist der engere Begriff. Damit bringt Schönborn dem Leser unterschwellig (Ziel Polemik und Suggestion) bei: Evolution und Schöpfungsglaube sind nicht nur wirklichkeitsbezogen gleichwertig (schon das wäre falsch), sondern: der Schöpfungsglaube ist sozusagen sakral und damit überlegen. Diese Einstellung zeigt sich auch im Primat des Glaubens.
Hintergrund zum obigen Absatz:
Für die Evolution gibt es überwältigende Belege. Also braucht sie niemand nur zu glauben: man weiß sie, so wie man weiß, dass die Erde rund ist. Beides ist im strengen Sinne unbewiesen. Aber dieser Unterschied zwischen belegten Vermutungen (bis zur wissenschaftlichen Theorie) und unbelegten Phantasievorstellungen ist dem Kardinal offensichtlich nicht klar. Dass nicht nachgewiesen werden kann, dass es die Phantasievorstellungen nicht gibt, darf nicht dazu verleiten, zu folgern: also gibt es sie.
Da die Wissenschaft „Wozu?“-Fragen (teleologisch gedacht) weitgehend ausschließt, folgert sie nicht, es gebe keine Finalität. Diese Folgerung wäre so in der Tat unvernünftig (S. 172). Macht auch – soweit ich weiß – niemand. Dass es kein Ziel in der Evolution gibt wird vielmerh daraus gefolgert, weil bisher dafür keine Anzeichen gefunden wurden. Es fehlt an Belegen.
Beispiel: Wenn ein Biologe nur deshalb, da er sich weder mit dem Okapi noch dem Einhorn befaßt, folgert: es gibt weder Okapi noch Einhorn, dann ist er unvernünftig. Soweit ist Schönborn zuzustimmen. Doch aus der Tatsache, dass seit Jahrhunderten kein Einhorn gefunden oder gesichtet wurde, darf getrost gefolgert werden: Es gibt kein Einhorn (bis zum Beleg des Gegenteils).
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Darwinismus – Evolution – Evolutionismus
Schönborn lobt Charles Darwin – völlig zurecht –, dem "mit seinem Hauptwerk ein genialer Wurf gelungen sei" (S. 28). Doch ist an vielen Stellen auch leise Kritik oder Distanzierung zu Darwin im Unterton zu lesen. (Anmerkung 1: eine Vermutung von mir ist, dass Darwin gegenüber anderen Naturwissenschaftlern etwas unterschätzt wird – ich lasse mich gerne korrigieren – weil es kein Darwinsches Gesetz, kein E = mc², von ihm gibt; auch gibt es keine Meßgröße, die nach ihm benannt wurde [Hier korrigierte mich Thomas Waschke, siehe haldane Evolutionary Rate]; so lebt sogar der tragische Nikola Tesla in der nach ihm benannten Einheit für die magnetische Flussdichte weiter.)
Wenn Schönborn von der Evolution schreibt, dann oft über die "Evolutionstheorie" oder den "Darwinismus". Das ist aus zwei Gründen tadelswürdig:
  1. Unter "Darwinismus" versteht man primär den Stand der Evolutionstheorie zu Darwins Lebzeiten, also in etwa synonym mit dem Stand von Darwins Die Entstehung der Arten. Dann wäre jede Kritik am Darwinismus eine historische Betrachtung.
  2. Witzig bis grotesk wird es, wenn Schönborn hinterfragt, warum es zwar "Darwinismus" heißt, nicht aber "Einsteinismus" oder "Newtonismus" (S. 81). Er verwendet oft "Darwinismus" und klagt dann über die Wortwahl. Das ist als gäbe man jemand einen Tritt, der ihn die Treppe hinunter purzeln läßt, und ihm nachrufe: "Warum läufst du so schnell?"
Durchgehend betont der Autor, dass die Evolution – in den genannten Grenzen – vertreten werden darf. Wir danken dem Kardinal darwin!
Er geißelt aber den Evolutionismus, „den ich als weltanschauliche Ausweitung deutlich von der wissenschaftlichen Theorie der Evolution unterscheide“ (S. 51). Leider machte er mir den Unterschied nicht deutlich. Ich habe daher ein paar Links dazu gesammelt (Ziel Links). Die Durchsicht zeigt, dass unter Evolutionismus teilweise ganz Unterschiedliches verstanden wird. Umso bedauerlicher ist die Unterlassung des Autors, deutlich zu machen, was er darunter versteht.
(Anmerkung 2: Joseph Ratzinger aka Papst Benedikt XVI. sieht "Evolutionismus" weniger scharf von der Evolution verschieden oder gar gleichbedeutend mit ihr. Er tadelte: Die Gegenüberstellung von "Kreationismus" und "Evolutionismus" – als dürfe jemand, der an Gott glaubt, nicht an die Evolution denken und wer es mit der Evolution halte, müsse Gott ausschalten – sei eine "Absurdität".
Quelle: Papst"Papst: Evolution und Schöpfung sind kein Gegensatz", derStandard.at 26. Juli 2007.)

Obwohl sich der Autor anscheinend schon lange mit der Evolution beschäftigt kommt er von seinen Denkblockaden nicht los.
• Die Evolution sieht er als Aufwärtsbewegung (S. 66-67). Falsche Sichtweise: darauf wird gleich ausführlich eingegangen: Ziel Höherentwicklung - „Krone der Schöpfung“.
• Fragwürdig ist seine Behauptung, dass die biologische Vielfalt mit der Zeit zunimmt (S. 67). Über 90 % der Arten sind ausgestorben. Täglich entstehen neue Arten und es sterben welche aus.
• Verfehlt ist daher auch das Bild der „Aufstiegsleiter“ an deren Ende der Mensch steht (S. 67) oder der „Darwinsleiter“ (S. 177) Aufstieg? Ende der Leiter?
• So wie man einen geschulten Geiger an der Bogenhaltung erkennen kann, so den Evolutionskenner (im elementaren Sinn) daran, dass er nicht nur eine der Hauptsäulen der Evolution isoliert sieht. Der Zufall alleine schafft auf Dauer nichts. Erst mit der Reproduktion, Vererbung und Selektionsmechanismus wird eine schöpferischer Vorgang daraus. Schönborn spricht dem Zufall das „große schöpferische Prinzip“ ab (S. 177), nicht bedenkend, dass erst im Zusammenhang mit den anderen Komponenten daraus eine runde Sache wird.
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Höherentwicklung - „Krone der Schöpfung“
Der Evolution schreibt Schönborn durchgehend eine „Höherentwicklung“ zu. Da verwechselt er Komplexitätszunahme mit „höher“ (S. 54).
Stephen Jay Gould hat dieser Metapher vehement widersprochen (siehe Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt unter Ziel Links). Zeitweilig schreibt Schönborn sogar allegorisch von der „Darwinsleiter“ (S. 177, S. 183). Allenfalls verlief die Evolution buschartig, mit mehr verdorrten oder abgebrochenen Zweigen (Artensterben) als blühenden.
Die Vorstellung der Leiter soll in Ziel oder Zufall? die Vorstellung des Menschen als „Krone der Schöpfung“ unterstützen. Dazu bemüht er gar geheime (?) Bibelstellen. Im Schöpfungsbericht sei von einer „Aufwärtsbewegung“ der Arten die Rede und von einem „Aufstieg“ (S. 66). Beide Ausdrücke fehlen in meiner Einheitsübersetzung.
Die Evolution kennt – entgegen Schönborn – keine „Aufwärtsbewegung“ (S. 67). Neben der Bibel belegt Schönborn die Höherentwicklung mit Aussagen von Bibelgläubigen. Das Zweite Vatikanische Konzil stellte dazu fest: „Es ist fast einmütige Auffassung der Gläubigen und der Nichtgläubigen, dass alles auf Erden auf den Menschen als Mittel- und Höhepunkt hinzuordnen ist“ (S. 112). Selbst wenn es so wäre (ich bezweifle es), sagt das wenig über einen tatsächlichen Höhepunkt Mensch.
Zornig wurde ich, als Schönborn als Zeugen für die Würde und Größe des Menschen Giovanni Pico della Mirandola (Ziel Links) bemühte. Dessen Thesen wurden vom Papst Innozenz VIII. teilweise als häretisch erklärt, Pico mußte nach Frankreich fliehen, wo ihn die päpstlichen Schergen trotzdem stellten. Er wurde verhaftet.
Letztendlich macht Schönborn die „Krone der Schöpfung“ an einigen Unterschieden zwischen Mensch und Tier fest. Genügt das?
• Auch zwischen Hund und Spinne gibt es viele Unterschiede (genmäßig vielleicht mehr als zwischen Mensch und Schimpanse): deshalb ist weder der Hund höherwertig noch ist er der Spinne überlegen.
• Wenn man zwischen 2 Objekten oder 2 natürlichen Arten Unterschiede feststellt (die es zwischen übrige Tierarten und Mensch ebenso gibt, wie zwischen Schimpanse und Mensch), so entsteht dadurch keine Rangordnung.
• Ähnlich wie Pico della Mirandola erging es Pierre Teilhard de Chardin, auf den sich der Autor später beruft (S. 148 ff). Er verlor seinen Lehrstuhl (Professur für Geologie am Institut catholique in Paris) und wurde von der Kongregation für die Glaubenslehre (Nachfolgeorganisation der Inquisition; Vorsitzender zeitweise: Joseph Ratzinger) in den Fernen Osten verbannt. Die Erlaubnis zur Veröffentlichung seines Hauptwerks wurde ihm vom Vatikan verweigert.
Anmerkung: es ist frappierend mit welcher Selbstverständlichkeit die KK sich auf Leute beruft, ja, sie zum Teil sogar selig spricht – ich denke an Ziel Franz Jägerstätter –, die zu Lebzeiten von ihr verfolgt (Pico della Mirandola, Teilhard de Chardin, in diesem Kontext) oder zumindest arg hängen gelassen wurden (Jägerstätter).
• Nachdem die Höherentwicklung lange suggestiv vorbereitet wurde, kommt der Autor mit einem Argument (das er wieder mit fünf Fragen einleitet; S. 86):
(1) Es gibt eine Höherentwicklung.
(2) Niedrigeres kann nichts Höheres bewirken.
(3) Die Höherentwicklung bewirkte der göttliche Funke.
Beurteilung: (1) wurde nie belegt; Komplexitätszunahme ist nicht unbedingt eine Höherentwicklung. Man muß immer dazu sagen: "höher" in Bezug auf xy.
(2) dazu beruft sich Schönborn auf die Erfahrung. Jede Schneeflocke widerlegt ihn, wenn man komplex als höher ansieht. Beide Prämissen sind daher falsch.
Doch selbst wenn man sie als wahr annimmt, ist (3) ein non sequitur.
• Kurz darauf folgt ein Standardargument für die Hervorhebung des Menschen aus dem Tierreich. Tiere müssten für Fehler keine Verantwortung tragen (S. 128).
Ganz so einfach ist das nicht. Der Hund wird bestraft. Meine Katze fühlt sich bei Stimmanhebung meinerseits für ihr Tun verantwortlich und trollt sich. Die Maus brachte sie seitdem nie mehr in die Wohnung, sondern verspeist sie auf der Terrasse.
• Zudem: für jede Eigenschaft, für die angeblich den Menschen die Krone gebührt, läßt sich eine andere Eigenschaft finden, in der ein Tier oder eine Pflanze dem Menschen haushoch überlegen ist. Ist deshalb der Tausendfüßler die Krönung der Lebewesen auf der Erde?
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Evidenz
Bei der Übersetzung des Schönbornschen Artikels der New York Times, 7. Juli 2005, wurde das englische „evidence“ fälschlich mit „Evidenz“ wiedergegeben. Ich führte es auf einen Übersetzungsfehler zurück. Doch scheinbar hat doch Christoph Schönborn selbst (nicht nur sein Übersetzer) ein Problem mit dem Begriff der "Evidenz".
• Mit „klarer Evidenz“ erkennen wir den Wesensunterschied zwischen Mensch und Tier (S. 126), meint der Autor.
a) „klare Evidenz“ grenzt an einen Pleonasmus, denn Evidenz zeichnet sich gerade durch Klarheit aus. Unklare Evidenz wäre Krampf.
b) je mehr erforscht wird, desto mehr vermeintliche Wesensmerkmale des Menschen findet man auch im Tierreich. Die „evidenten“ Unterschiede lösen sich auf.
c) Wenn die Unterschiede evident wären, müßte Schönborn sie nicht mit vielen Fragen abklopfen: „Worin besteht er? Im Bewusstsein? ... Im Beziehung-Haben? ... Im Personsein? ...“ (S. 126).
• Das „intelligent design“ im Lebendigen ist für Christoph Schönborn ebenfalls „evident“ (S. 172). Jetzt gibt es keinen Ausflucht mehr auf Übersetzungsfehler. Das ist ein begrifflicher Fehler. Man kann über ID trefflich streiten, eines ist klar: evident ist es keinesfalls.
Zweck der Welt
Beim Zweck der Welt ist Schönborn widersprüchlich. Lauf Katechismus der KK hat sie einen Zweck: „Die Welt ist zur Ehre Gottes geschaffen“ (S. 70). Schönborn postuliert sogar durchgehend ein Ziel, dann hätte die Welt den (zusätzlichen) Zweck, dieses Ziel zu erreichen (Ziel Ziel). Die beiden Begriffe "Zweck" und "Ziel" hängen eng zusammen. Das Postulat eines Ziels benötigt der Autor, da ihm der zwecklose Zufall, eine Natur ohne Ziel zuwider ist.
Kurz darauf preist er die zweckfreie Schönheit der Natur, Muster, die keinen Nutzen haben (S. 71, S. 90). Hier will er zum Staunen anregen.
Je nach Zweck vertritt er mal das eine oder andere. Dass Zweck und Schönheit sich gut verbinden lassen, zeigt Schönborn selbst an Wolfgang Amadeus Mozart (S 91). Farbige Blüten können Insekten anlocken (Zweck; herausgebildet aus Zufall, Mutation, Selektion zweck) und trotzdem schön sein (für den Menschen).
Ziel
Zum Ziel hat der Autor wenig als Beleg vorzubringen. Meist sind es Behauptungen wie: „Zielgerichtet ist dieser Weg ...“ (S. 67) oder „Die Schöpfung hat ein Ziel“ (S. 70). Freilich zitiert Schönborn ausführlich Viktor Frankl (Ziel Links). Doch Frankl spricht zu Konrad Lorenz nur über die grundsätzliche Möglichkeit eines Ziels. Das kann man ruhig zugestehen. Doch – doch wie schon unter Ziel „Evolution als Glaubenssache?“ ausgeführt – die bloße Möglichkeit des Einhorns sollte nicht zur Aussage führen: „Ja, es gibt Einhörner“.
Immerhin nennt Schönborn einmal recht versteckt auf die Frage: Was ist nun das so klar ersichtliche Ziel? die Antwort: Christus ist das Ziel der Evolution des Menschen (S. 144). Na, dann haben wir es seit 2000 Jahren erreicht. Was ist dann das neue Ziel?
Wenn man unbedingt aus der Evolution ein Ziel oder einen Sinn ableiten will, dann wäre es wohl das Artensterben. Über 90 % der Arten sollen bisher wieder ausgestorben sein. Doch soll man daraus (das wäre jetzt sozialdarwinistisch) folgern: Also helfen wir nach: Genozid von Arten sei unsere Devise? Ich meine, sowohl Ziel als auch Folgerung sind verfehlt.
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Ständiger Eingriff Gottes
Ob Gott „nur“ schuf und dann die Welt laufen ließ oder ob er (ständig) eingreift, darüber ist sich der Kardinal noch nicht im Klaren. Einer der vielen Widersprüche in seiner Position (Ziel Widersprüche).
• Die Vorstellung, dass irgendwie der Schöpfer in die Natur eingreift ist abzulehnen (S. 32).
Sehr viel öfters proklamiert der Autor freilich
• Gott hat die Schöpfung „nicht nur einmal gemacht, sondern er erhält sie und lenkt sie“ (S. 19)
• Schöpfung: ein zeitlich erstrecktes Geschehen: „creatio continua“ (S. 33).
• Die Vorstellung Gottes als Billardspieler oder Uhrmacher verwirft Schönborn ausdrücklich (S. 44).
Vernunft des Glaubens
Um die Vernünftigkeit des Glaubens (immerhin ein Begriff aus dem Untertitel des Buches) zu belegen bemüht der Autor eine Psalmisten (S. 74-75) und einen Poeten (S. 76-77). Beides ganz nett, doch als Beleg einer These über die Wirklichkeit sind Zitate aus fiktiven Texten nicht brauchbar.
Zugegeben: der vernünftige Glaube kommt noch öfters vor, doch dann nur als lapidare Feststellung, es sei vernünftig an einen Plan, eine Sinnhaftigkeit in der Entwicklung der Natur (S. 34) und eine Ordnung zu anzunehmen = zu glauben. Begründung: Fehlanzeige.
„Meschugge“-Sein der christlichen Gemeinden
Die sogenannten Glaubensgeheimnisse sind für Außenstehende oft extrem abwegig. Ich will hier keine christlichen Beispiele nennen. Die Christengemeinden der Antike fühlten sich als Kirche, „als Seinen Leib“ (S. 140). Schönborn sieht zwei Alternativen: sie waren „meschugge“, verblendete Sektierer oder hatten eine „Vision, die ganz neue Einblicke in die Wirklichkeit der Welt bot“ (S. 140).
Kollektives „meschugge“-Sein gibt es aber immer wieder bei religiösen Gemeinschaften, sei es im Römischen Reich oder in Kalifornien zur Flower-Power-Zeit oder in Texas vor wenigen Jahren (siehe Ziel Übersicht zum religiösen Glauben).
Über Schönborns Alternativen möge jetzt jeder selbst nachdenken.
Theodizee (Kapitel V)
Besonders schwach ist des Autors Mühe um die Antwort auf das Leid in der Welt (S. 93-110).
Eine glaubwürdige Antwort auf diese Frage habe Mutter Teresa gelebt (S. 101), meint er. Ohne Leid in der Welt wäre eine ihr Leben zur Leidlinderung aufopfernde Mutter Teresa überflüssig. Die mögliche Riposte: das Leid ist dazu da, damit es eine Mutter Teresa geben kann, wäre zutiefst zynisch. Das unterstelle ich dem Autor nicht.
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Würde des Menschen
Völlig richtig (vom polemischen „nur“ abgesehen) bemerkt Schönborn: „Wenn alles nur Produkt von Zufall und Notwendigkeit ist, ist nicht einzusehen, wie den Geschöpfen eine besondere Achtung und Würde zukommen soll“ (S. 52). Genau die haben sie auch von Haus aus (by default) nicht.
Wir erkennen sie ihnen zu (oder auch nicht).
Schönborn will etwas anderes belegen, kommt aber in Teufels Küche, oh Verzeihung, marschiert aber ins Dickicht: Die Geschöpfe Gottes (und das meint er nun ganz allgemein, ohne den Zusatz „lebenden“) sind Ausdruck der Güte Gottes. Daher haben alle diese Geschöpfe ihren eigenen Wert (S. 62). Wenn aber alles seinen Wert hat, ist entweder der Wert nicht viel wert (denn alle haben ihn), oder er muß abgestuft werden. Darüber läßt sich der Autor nicht aus. An anderer Stelle beruft er sich dazu auf Gottes Selbstlob am sechsten Schöpfungstag: „Es war sehr gut“ Gen 1,31. Das bezieht sich jedoch nur auf das Paradies, wie es damals war. Nach dem Apfelessen war „da Kaas bissen“, da sah es plötzlich anders aus. Aufgrund der (verfehlten) Krone, die Schönborn den Menschen aufsetzt (Ziel Höherentwicklung - „Krone der Schöpfung“), leitet er dann (wenn ich es richtig gelesen habe) die Menschenwürde ab.
„Macht euch die Erde untertan“, Gen 1,28
In der Einheitsübersetzung lautet der anstößige Auftrag: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über“ alle Tiere. In gewaltiger Verrenkung müssen die Bibelexegeten hier den Menschen die Ausbeutung der Natur ausreden. Anhand der Schöpfungsordnung und mit viel Gehirnschmalz gelingt das einigermaßen.
Wie der zölibatäre Schönborn im selben Kapitel dann den Bogen wider Homosexualität (im katholischen Klerus bekanntlich weit verbreitet) zieht ist atemberaubend. Der geschlagene Bogen bleibt auch merkwürdig im Dunkeln. Wenn man aus der Passage der Genesis schon so eine tiefliegende Implikation gegen die Homosexualität herausliest, dann empfehle ich doch mal „Seid fruchtbar und vermehrt euch“ ganz naiv zu lesen. Fast der gesamte katholische Klerus versagt sich diesem eindeutigen Auftrag natur.
Widersprüche
Widersprüchlich ist vieles an den Glaubensinhalten der KK. Einiges, das in Ziel oder Zufall? zutage tritt, wird an anderer Stelle in dieser Rezension kritisiert. Hier folgen vermischte Widersprüche.
• Schönborn meint, dass die KK heute die Wissenschaft nicht bevormundet (S. 27). Er – immerhin ein höherer Angestellter dieser Religion – tut esim Text durchgehend. Primat hat der Glaube: die Wissenschaftler dürfen verkünden was sie wollen, wenn sie die Grenzen einer wissenschaftlichen Theorie einhalten (S. 33). Ganz deutlich macht Schönborn es hier: „Es kann wohl keine Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und christlichem Glauben um den Preis der Preisgabe des zentralen Glaubensgeheimnisses geben“ (S. 138). Also: Koexistenz: ja; sie wird im vorliegenden Buch für Evolution und Schöpfungsglauben sogar durchgehend gefordert. Aber bei Diskrepanzen wird zugunsten des Schöpfungsglaubens entschieden. Dabei übersieht der Autor: sein Glaubensfundament hat noch nicht einmal den Status einer wissenschaftlichen Theorie, sondern ist Vermutung und Phantasie, sich dabei nur auf eine sagenumwobene Sammlung von fast oder mehr als 2000 Jahre alten Legenden stützend.
• Bibelstellen, die gegen seine Position sprechen, übergeht er geflissentlich oder deutet sie entsprechend.
• Einen geradezu wissenschaftlicher Standpunkt, wie in Weish 2,2: „Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen“ (S. 31; Einheitsübersetzung) nennt der Autor, übergeht die Stelle aber kommentarlos.
• Anstelle des Zufalls ein Ziel zu setzen und eine darauf abzielende Nützlichkeit anzunehmen ist eine Ökonomisierung des Universums. Was weder Ziel noch Zweck hat kann nichts taugen, ist wohl der hinter der Verteufelung des Zufalls liegende Gedanke. Ohne Nützlichkeit ergibt die Welt für Schönborn keinen Sinn. Doch in der Bildungspolitik stellt sich Schönborn gegen die Ökonomisierung und Nützlichkeitsdenken (S. 179-180). An anderer Stelle in dieser Rezension wird Schönborns Lob der scheinbar nutzlosen Schönheit besprochen.
Ziel zurück zur Gliederung
Trennung von Wissenschaft und Glaubensinhalten
Schönborn vertritt einen Kompatibilismus: Evolution und katholische Schöpfungslehre sind vereinbar. Man kann beide – ohne Widerspruch – für wahr halten, wenn man die Bibel nicht wörtlich auslegt. Doch er sieht den Primat beim Glauben. In der New York Times 7. Juli 2005 klang das so: „Die katholische Kirche überlässt der Wissenschaft viele Details über die Geschichte des Lebens auf der Erde, aber sie verkündet zugleich, ...“. Diese Verkündigung hat dann Dogmencharakter (Dei filius; 1. Vatikanisches Konzil 1870). Anders als manche Theologen und Naturwissenschaftler erkennt er – ähnlich wie Richard Dawkins (The God Delusion, siehe Ziel Links) – dass man Wissenschaft und einen Glauben, der etwas über die Welt aussagt, nicht sauber trennen kann (S. 57-58). Er folgert daher mit Karl Rahner, dass die Theologen sich sehr wohl zur Naturwissenschaft äußern sollen. Er selbst akzeptiert daher konsequenterweise nicht die Zurufe von naturwissenschaftlicher Seite, er solle sich aus diesen Fragen heraushalten (S. 58). Er kreidet aber Naturwissenschaftlern weltanschauliche Ansichten an, siehe unter Ziel Der Balken im eigenen Auge.
Eine Überschneidung von Wissenschaft und Glaubensinhalten ergibt sich aus Schönborns Feststellung, dass sich die fortdauernde Schöpfung „creatio continua“ mit demselben Wirklichkeitsbereich wie die Naturwissenschaft befaßt (S. 79). Allerdings disqualifiziert sich der Autor da selbst. Die fortdauernde Schöpfung ist mit empirischen Methoden nicht feststellbar (so Schönborn), hat also für uns keinerlei Wirkung. Recht hat Schönborn damit, dass dies keinen Widerspruch zur Naturwissenschaft darstellt. Man kann jederzeit behaupten, auf jedem Grashalm sitzt ein nicht feststellbarer Gnom. Weder die Annahme einer wirkungslosen fortdauernden Schöpfung noch die von nicht feststellbaren Gnomen ist aber vernünftig oder gar einsehbar.
Das „einsehbar“ ist geradezu widersprüchlich zu der Voraussetzung, dass sie empirisch nicht feststellbar sei. Trotzdem will Schönborn die Einsehbarkeit an drei Zugängen zeigen:
1) Das Gebet des Psalmisten (S. 74-75)
2) Die fiktive Preisung der Schönheit der Natur durch Bulgalkow (S. 76-77)
3) „existenzieller Zugang“; diesen begründet er mit einem weiteren Glauben (an die Vorsehung, S. 79). Zu 1) und 2) wurde schon auf die Fiktionalität der beiden Texte verwerwiesen.
Zu 3: da hilft der Blinde dem Lahmen.
Skepsis gegenüber der Wissenschaft und Wissenschaftsgläubigkeit
Schönborns Skepsis gegenüber der Wissenschaft steht in gewissem Kontrast zu seiner Wissenschaftsgläubigkeit. An vielen Stellen betont Schönborn, dass man das, was der Schöpfer „hineingelegt hat“ erkennen und erforschen kann (S. 22). Er hat volles Vertrauen in die Erkenntnismöglichkeit des Menschen (die ich nicht teile). Das ist eines der Grundelemente seiner Schöpfungstheologie (siehe Ziel oben). Den Beweis bleibt er schuldig. Der Versuch auf S. 46 ist etwas schwach. Denn wenn ich erkenne, dass nichts aus sich selbst heraus ist (siehe auch S. 59), und deshalb nun Gott einführe, dann entsteht sofort die Frage: „Warum gibt es Gott und nicht vielmehr keinen?“
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Polemik und Suggestion
Schönborn ist durchgehend polemisch
• Der Zufall ist meist „blind“ (z.B. S. 90) oder es handelt sich „nur“ (z.B. S. 52) um Zufall. Blind ist nach gängiger Vorstellung ein Defekt; da kann es mit dem Zufall also nicht so weit her sein.
• Wenn jemand etwas nicht so sieht wie der Autor, dann ist er an dieser Frage gescheitert, wie z.B. Darwin (S. 23).
• Oder die Vertreter der Evolutionstheorie tun sich schwer mit der Zielgerichtetheit der Evolution (S. 67). Im Grunde hat Schönborn mit der letzten Feststellung – mit einem kleinen Dreh - sogar recht: die Evolutionsbiologen tun sich schwer Belege für eine Zielgerichtetheit zu finden.
• Diejenigen, die nun wirklich kein Ziel in der Natur erkennen, vertreten nicht eine andere Position, sondern sind „Leugner“ (S. 31).
Schönborn arbeitet suggestiv
Das zeigt sich manchmal an langen Fragenketten. Eine davon mündet in der Frage „Müsste der Glaube an einen Schöpfer nicht eigentlich leichter geworden sein?“ (S. 32).
Mit einer anderen Fragekette (S. 74) bereitet er wohl seine spätere Behauptung, es gäbe Wunder (im Sinne: Eingreifen eines außerirdischen Wesens) vor.
In all diesen Frageketten werden die Fragezeichen wohl häufig überlesen. Trick gelungen polemik.
Die vielen Fragen führten auch dazu, dass viele davon unbemerkt unbeantwortet bleiben oder gar eine falsche Einstellung des Autors zeigen.
Bezugnahme bleibt oft unbestimmt
• Gerade im Kapitel VIII schwimmt Schönborn argumentativ stark. Er schreibt vom Widerspruch der Homosexualität mit der Schöpfungsverantwortung (mal besser den Balken im eigenen Auge betrachten!- Mt 7,5; Ziel Der Balken im eigenen Auge), begründet den – uneinsichtigen – Widerspruch aber mit keinem Wort.
Im Abschnittanfang bezieht er sich auf „Genau um diese Gefährdung“ (S. 160) und ich weiß nicht, von welcher Gefährdung er schreibt, von „genau“ ganz zu schweigen.
• Oft meint der Autor (wohl aufgrund seiner beruflichen Befangenheit, nicht aus böser Absicht, denke ich), er habe etwas klargelegt oder eine Frage beantwortet und läßt den Leser im Regen stehen. Er meint eine Widerlegung des Materialismus gegeben zu haben (S. 128) und will dazu noch ein Beispiel geben. Ich reibe mir die Augen. Widerlegung? Wann? Wo?
• Um die Evolutionstheorie der Schöpfungsgeschichte anzugleichen, schreibt Schönborn im IX. Kapitel oft von der „Darwinschen Geschichte“ (S. 176-177). Damit zieht er die wissenschaftliche Theorie auf das Niveau eines fiktionalen Textes.
Der Balken im eigenen Auge, Mt 7,5
Schönborn sieht oft den Balken in seinen Augen nicht.
• So preist er (zurecht) den Sturz der antiken Götter durch das Christentum und die Entmythologisierung der Welt, sieht aber nicht, dass nur andere Geistwesen an ihre Stelle traten. Er beschreibt den Austauschvorgang genauer: hinter Baum und Quelle stehen nicht mehr magische Kräfte, sondern das, was der Schöpfer in sie hineingelegt hat (S 22). Schönborn glaubt auch an unsichtbare Engel (S. 46). Den großen Unterschied zu Zeus und den Musen usw. sehe ich nicht.
• Drei Wissenschaftlern, Julian Huxley, Will Provine und Peter Atkins wirft er weltanschauliche Aussagen vor; wobei zumindest die von Provine keine ist. Diese „Grenzüberschreitung“ ist „Ideologie“ (S. 30-31); Halt, hier wiederholt er den Vorwurf nicht, sondern er zitiert sich nur selbst aus der New York Times balken.
1) Es ist nicht einzusehen, warum sich Wissenschaftler nicht weltanschaulich äußern sollten. Wenn Einstein „Gott würfelt nicht“ sagt, wird es von Theologen bis zum Überdruß zitiert. Ich las noch nie: „Das ist eine weltanschauliche Äußerung. Einstein ist Ideologe“. Später im Text tadelt der Autor diese Grenzüberschreitung erneut, hat aber immerhin Verständnis, dass weltanschauliche Fragen mit eingebracht werden.
2) Alle wissenschaftlichen Aussagen geschehen vor einem weltanschaulichen Hintergrund.
3) Schönborn schreibt ein Buch, indem er sich auch mit der Evolution beschäftigt. Das ist für einen Theologen eine Grenzüberschreitung. Ist der Autor damit Ideologe? Ich meine: nein.
4) Das meiste, das der Autor in Ziel oder Zufall? schreibt ist weltanschaulich. Er setzt es teilweise gegen wissenschaftliche Aussagen.
5) Schönborn selbst plädiert dafür, dass man sehr wohl die Grenzen überschreiten darf und soll; er weiß auch um die Bedeutung des obigen Punktes 2. Siehe dazu: Ziel Trennung von Wissenschaft und Glaubensinhalten. Warum dann die Vorwürfe gegen die drei Wissenschaftler?
• Bei Salman Rushdie erkennt Schönborn Polemik und aggressive Töne (S. 36) allein schon deshalb, weil Rushdie ID ablehnt. Schönborn überträgt den Vorwurf der vor-darwinischen „kruden religiösen Schöpfungsmythen“ auf die Hörer von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“. „Ganz ohne Polemik“ haydn fragt der Autor, ob diese Hörer „»kruden Mythen« anhängen?“ (S. 37). Das ist nun wirklich polemisch. Ich höre mir sehr wohl eine Messe Anton Bruckners oder das Requiem von Hector Berlioz an, verwehre mich aber, deshalb mit Kirchgängern gleichgesetzt zu werden.
• Auch im IX. Kapitel zeigt Schönborn seine Vorbehalte und Fehleinschätzung der Wissenschaft. Er schreibt vom verklärenden Nimbus der Wissenschaftlichkeit. Vorsicht: Balken! Verklärung gibt es eher im religiösen Bereich.
• Wie viele Gegner der Evolutionstheorie beschwört auch Schönborn die (zugegeben) vielen offenen Fragen (S. 176). Wiederum sieht er den Balken in der Schöpfungsgeschichte in der Bibel nicht: sie läßt mehrfach mehr Fragen offen als die Evolutionstheorie.
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Schönborn hält seine Position für absolut
• Den Absolutheitsanspruch hat der Autor mit vielen religiös Gläubigen und gerade katholischen Würdenträgern gemein. Im Gegensatz dazu werden diese nie müßig die Fehlbarkeit wissenschaftlicher Aussagen zu betonen (worin sie recht haben; ich erinnere aber an den Balken im eigenen Auge!- Mt 7,5; Ziel Der Balken im eigenen Auge).
• Der Autor und die KK vertreten eine ambivalente Position: „... nichts ist schlechter für die Wissenschaft als Frage- und Suchverbote“ (S. 55). Damit wird alles mögliche zu fragen „erlaubt“ und schließlich mündet es in die Forderung (nicht explizit in Ziel oder Zufall?, aber man lese: "Schönborn wirbt in USA für »intelligent design«", Wiener Kardinal sieht nicht ein, warum nur Darwinismus unterrichtet werden soll", siehe Ziel Links): „Warum lehren wir im Unterricht nicht beide Seiten?“ (US Präsident George W. Bush; hessische Kultusministerin Karin Wolff, CDU, u.a.). Wenn man andrerseits den Glauben an die Transsubstantiation als blanken Kannibalismus hinterfragt, wird: „Blasphemie“ gerufen.
• Bei der Evolution betont Schönborn den theoretischen, vorläufigen Charakter (S. 33). Die Wissenschaft muß für Fragen offen bleiben (S. 55). Sind wir Leser dankbar, dass wenigstens Christoph Schönborn Gewissheiten kennt und sie uns mitteilt: „Alles was wir an Materiellem beobachten können, war einmal nicht“ (S. 84). Das meint Schönborn im existentiellen Sinn. Ich bin da nicht so sicher. Er fährt mit seinen Gewissheiten fort: „Was einmal nicht war, wird auch wieder vergehen“ (S. 84). Das klingt plausibel, aber wie ist es dann mit der Unsterblichkeit der Seele? Gestorben?
• Einmal reklamiert Schönborn für die „Jakobsleiter“ (eingeführt von Joachim Illies, als Metapher, S. 173) nicht nur Gewissheit, sondern absolute Gewissheit (ungefähr mit „klare Evidenz“ vergleichbar, siehe Evidenz). Dem Gesprächspartner wird die Fehlbarkeit wissenschaftlicher Theorien vor Augen geführt, selbst reklamiert man aber absolute Gewissheit (S. 183).
Fazit
Ziel oder Zufall? beantwortet die gestellte Frage nur durch: „Ich glaube fest daran, es gibt ein Ziel“. Das ist (mir) ungenügend. Doch Schönborn behandelt auch andere interessante Fragen in diesem Zusammenhang, für die er sicher kompetenter ist, beispielsweise: „Warum gibt es soviel Leid in der Welt?“ und „Wie ist »Macht euch die Erde untertan!« aufzufassen?“ Leider bleibt er gerade dazu recht schwammig.
Als Belege für seine Behauptungen hat er meist nur Bibelstellen, die man fast beliebig auslegen kann. Oder er zitiert Sekundärquellen zur Bibel (Kirchenlehrer, Päpste, Katechismus, etc.). Wer von der Offenbarungsqualität der Bibel überzeugt ist und die Schriften der Kirchenlehrer bis hin zum Katechismus der KK für deren legitime Auslegung hält, wird das Buch mit Gewinn lesen. Alle anderen werden enttäuscht. Es zeigt allenfalls, wie furchtbar leichtgläubig (wörtlich gemeint) ein katholischer Kardinal denkt.
Der potentielle Käufer sollte sich vor allem nach dem Untertitel richten. Ich gebe ihm Schönborns Befunde als Kaufüberlegung mit: Die wissenschaftliche Geschichte der Welt löste im Laufe der Jahrhunderte immer mehr die biblische ab, machte diese zur mythischen Erzählung (S. 175). Man muß sich bei beschränkter Zeit entscheiden: will man sich informieren (dann: Ziel Literatur zur Evolution) oder einer mythischen Erzählung nachspüren (dann sollte man dieses Buch lesen).
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Kardinal Christoph Schönborn in anderen Medien
Auch zwischen dem Juli 2005 (Artikel in der New York Times und International Herald Tribune, siehe Ziel Links) und dem Erscheinen des Buches Ziel oder Zufall? machte sich Kardinal Christoph Schönborn immer wieder für die ID-Bewegung stark.
• Man lese: „Schönborn wirbt in USA für "intelligent design". Wiener Kardinal sieht nicht ein, warum nur Darwinismus unterrichtet werden soll“, siehe Ziel Links.
• Gegenüber dem ORF-"ZiB1" meinte Schönborn, es sei "nicht einzusehen", dass an den Schulen nur der Darwinismus unterrichtet werden dürfe, nicht jedoch eine "eher auf einen Schöpfer hinweisende Theorie", die auch gut begründet sei. Zitiert nach derStandard.at 9. Februar 2007, siehe Ziel Links. Er hoffe, dass in Amerika und Europa auch eine wissenschaftliche und philosophische Theorie wie die vom intelligenten Design id gelehrt werden dürfe, fügte der Kardinal hinzu.
• Wie einfach Schönborn an heikle ethische Fragen („Wann beginnt das Leben?“ „Ist das Leben ein Gut, der gegen keinen anderen Wert abgewogen werden muß?“) herangeht, zeigt seine Aussage: "Alles, was man über Abtreibung wissen muss, steht im 5. Gebot", Neue Kronen Zeitung, 5. Februar 2007, zitiert nach Wikiquote, siehe Ziel Links. Allein dazu lassen sich aus der Hüfte ein paar Fragen stellen: Wo steht im 5. Gebot, was menschliches Leben ist? Wann das menschliche Leben beginnt? Warum wird das Leben nicht möglichst entstehungsnah durch die Taufe von der Erbsünde befreit? Warum wird das erwachsene Leben eines Soldaten und der Zivilbevölkerung gegen andere Werte abgewogen (Ziel Joseph Ratzinger: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen), für das ungeborene wird aber ein Absolutheitsanspruch erhoben? Die Einheitsübersetzung gibt das 5. Gebot mit „Du sollst nicht morden“ Ex 20,13 wieder. Kennt Schönborn den Unterschied zwischen töten und morden im alltäglichen Sinn (vom juristischen ganz zu schweigen)?
Evolutionary Rate
Der Biologe und Genetiker J.B.S. Haldane (haldane Links) führte 1949 die Größe darwin als Einheit ein, um die Rate der morphologischen Veränderung zu messen. Er schrieb: "It may be found desirable to coin some word, for example a darwin, for a unit of evolutionary rate, such as an increase or decrease of size by a factor of e per million years, or what is practically equivalent, an increase or decrease of 1/1000 per 1000 years" (S. 55).
Haldane, J. B. S.: "Suggestions as to quantitative measurement of rates of evolution". Evolution 3 (1949). S. 51-56. Nachdruck in Krishna R. Dronamraju, Hg.: Selected Genetic Papers of J.B.S. Haldane, haldane Literatur zur Evolution.
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Links
Christoph Schönborn, * 22. Januar 1945
römisch-katholischer Theologe, Kardinal und Erzbischof von Wien: Zufallstephanscom.atZufallwikipedia
Christoph Kardinal Schönborn: „Den Plan in der Natur entdecken“, eine vorläufige Übersetzung von: "Finding Design in Nature", New York Times und International Herald Tribune, 7. Juli 2005
ZufallKopie auf Forum-Grenzfragen.de
Zufall„Schönborn, Darwin - und kein Ende: Der Streit um die Evolutionstheorie“, philosophicum, 17.1.2006, 23.05 Uhr in ORF 2
ZufallLisa Nimmervoll: „Kardinal Schönborn legt sich mit Charles Darwin an“, derStandard.at Print-Ausgabe, 11. 7. 2005, online 21. Dezember 2005
Zufall"Schönborn wirbt in USA für »intelligent design«. Wiener Kardinal sieht nicht ein, warum nur Darwinismus unterrichtet werden soll", derStandard.at 9. Februar 2007
ZufallWikiquote
Ziel Position der Katholischen Kirche zur Evolution
Rede von Joseph Ratzinger aka Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regensburg
papstAnsprache von Papst Benedikt XVI. Aula Magna der Universität Regensburg, 12. September 2006
Evolutionismus
  ZufallAndrej, Isabella: „Der Evolutionismus des 19. Jahrhunderts aus der Sicht der Gegenwart“
  ZufallLöw, Reinhard: „Evolutionismus in naturphilosophischer Kritik“
  ZufallMöller, Peter: "Evolutionismus"
  ZufallSchroedl, Annette: „Der unilineare Evolutionismus des 19. Jahrhunderts“ als pdf
  Wikipedia: ZufallEvolutionismusZufallNeoevolutionismus

Ziel Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
Ziel Dawkins, Richard: The God Delusion
Ziel Frankl, Viktor
Ziel Gould, Stephen Jay: Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution
haldaneHaldane, J.B.S.
ZufallJunker, Reinhard: "Naturalistische Evolution und Gottesbild. Zusammenstellung von Texten mit Kommentaren"
Ziel externe Links zur Evolution
Ziel Literatur zur Evolution
Methodischer Naturalismus - Naturalismus
  Ziel Keil, Geert, Herbert Schnädelbach, Hg.: Naturalismus. Philosophische Beiträge
  ZufallKutschera, Ulrich: "Methodischer Naturalismus und geistlose Evolutionsforschung", pdf
  ZufallNeukamm, Martin: "Philosophischer oder methodischer Naturalismus? Universalität und Mittelbeschränkung", 2007
Ziel Pico della Mirandola
Ziel Religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
ZufallWaschke, Thomas
Literatur
Russell, Robert John (2007): "A critical response to cardinal Schönborn's concern over evolution". Theology and Science 4:2, S. 193-198.
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ziel ZufallChristoph Schönborn: Ziel oder Zufall? Schöpfung und Evolution aus der Sicht eines vernünftigen Glaubens. Freiburg: Herder, 2007. Gebunden, 189 Seiten. Vorwort von Hubert Philipp Weber
Ziel Anfang

Zufall
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