Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück

Spaemann, Robert, Peter Koslowski, Reinhard Löw, Hg.: Evolutionstheorie und menschliches Selbstverständnis. Zur philosophischen Kritik eines Paradigmas moderner Wissenschaft
Weinheim: Acta humaniora, 1984. CIVITAS Resultate Bd. 6. 104 Seiten – Evolution LinksEvolution Literatur
Im Mai 1984 fand in der Katholischen Akademie Bayern in München einen Tagung zum Thema "Evolutionstheorie und menschliches Selbstverständnis" statt. Der Band enthält die folgenden Beiträge:
  • Wolfgang Stegmüller: "Evolutionäre Erkenntnistheorie, Realismus und Wissenschaftstheorie", S. 5-34
  • Friedrich Kambartel: "Zur grammatikalischen Unmöglichkeit einer evolutionstheoretischen Erklärung der humanen Welt", S. 35-53
  • Hans-Michael Baumgartner: "Die innere Unmöglichkeit einer evolutionären Erklärung der menschlichen Vernunft", S. 55-71
  • Robert Spaemann: "Sein und Gewordensein. Was erklärt die Evolutionstheorie?", S. 73-91
  • Reinhard Löw: "Bericht über die Schlußdiskussion", S. 93-98

Wolfgang Stegmüller: "Evolutionäre Erkenntnistheorie, Realismus und Wissenschaftstheorie", S. 5-34
Stegmüller behandelte im vorgegebenen Zusammenhang "Wissenschaftstheorie" und "Erkenntnistheorie" synonym und sprach daher primär zum Thema "Erkenntnistheorie und Realismus".
Dazu gliederte in die Schwerpunkte "Theorie" und "Erkenntnis"
"Theorie" wird von Erkenntnistheoretikern und Wissenschaftsphilosophen immer als explikativ-normative Theorie verstanden, niemals als erklärende Theorie. Von den evolutionären Erkenntnistheoretikern wird "Theorie" ausschließlich als erklärende Theorie verstanden (S. 10). Daher sieht Stegmüller in der Verwendung des Theorie-begriffs eine zu beachtende Zweideutigkeit.
Explikativ: begriffliche Explikation und Präzisierung; normativ: diese Theorien sind nicht rein deskriptiv.
Mit einer explikativ-normativen Theorie wird etwas geklärt; mit einer explanatorisch = erklärenden Theorie wird etwas erklärt.
"In der sogenannten evolutionären Erkenntnistheorie wird der Versuch unternommen, »das Phänomen der menschlichen Erkenntnis« statt mit Hilfe einer spekulativ-metaphysischen Theorie, etwa der Theorie der prästabilisierten Harmonie, mit Hilfe einer angewandten Evolutionstheorie zu erklären" (S. 14).
Nach dieser Begriffsklärung wendet sich Stegmüller dem Realismus zu. Er verwirft den metaphysischen Realismus. Dieser setzt eine Weltbetrachtung mit dem "Auge Gottes" (S. 21, "Gottesgesichtspunkt", S. 23; Evolution Links) voraus und geht Hand in Hand mit einer Korrespondenztheorie der Wahrheit (Evolution Links). Über so eine ideale Theorie könnte allenfalls der Laplacesche Dämon (oder eben Gott) verfügen (S. 23). "Wenn jemand einen unendlichen Geist zu Hilfe nehmen muß, und zwar nicht etwa erst, um etwas zu begründen, sondern bereits, um sagen zu können, was er meint, so ist dies ein sicheres Anzeichen dafür, daß an der Sache etwas faul ist" (S. 23).
Stattdessen tritt Stegmüller für einen internen Realismus ein. Dieser sieht die Welt "unter Voraussetzung einer Sprache, eines Begriffsystems und einer Theorie" (S. 21). Viele Fragen sind nur im Rahmen einer Theorie sinnvoll. Der interne Realismus ist keiner Korrespondenztheorie der Wahrheit verpflichtet. Mit Charles S. Peirce ist er der Ansicht: "Wahrheit ist rationale Akzeptierbarkeit unter idealen Bedingungen" (S. 24; dies verlangt Präzsierung, die Stegmüller im Rahmen seines Vortrags schuldig bleibt).
Friedrich Kambartel: "Zur grammatikalischen Unmöglichkeit einer evolutionstheoretischen Erklärung der humanen Welt", S. 35-53
Kambartel verfolgte einen Teilaspekt zu Stegmüllers "Auge Gottes". Dieser Blickpunkt ist prinzipiell unmöglich, da wir darüber immer nur in einer Sprache reden können und deise setzt bereits eine bestimmte Grammatik voraus.
"Von phsyikalische und chemischen Zustaänden und Ereignissen führt, weil kein sprachlicher, so auch kein evolutionärer naturgeschichtlicher Weg zur Weltwahrnehmung oder gar zu in moralischen Termini beschriebenen Sitationen" (S. 42).
Hans-Michael Baumgartner: "Die innere Unmöglichkeit einer evolutionären Erklärung der menschlichen Vernunft", S. 55-71
Baumgartner zieht Zwischenbilanz:
"Die Hauptthese der evolutionären Erkenntnistheorie, »Leben sei eine erkenntnisgewinnender Prozeß«, ist daher als falsch zu beurteilen, noch ehe man die zweideutige Verwendung des Ausdrucks »Erkenntnis« wie Wolfgang Stegmüller einer Kritik unterzieht" (S. 65).
Robert Spaemann: "Sein und Gewordensein. Was erklärt die Evolutionstheorie?", S. 73-91
Wie an im zeitlich späteren Das unsterbliche Gerücht (Evolution Links) verteidigt Spaemann hier den Widerstand (etwas verharmlosenden; Galilei bekam Hausarrest) gegen Galilei und das Kopernikanische Weltbild (S. 75). Das aber nur nebenbei.
Spaemann ging unmittelbar aufs Tagunsthema "Evolutionstheorie und menschliches Selbstverständnis" ein. Dies kann auf seine Entzauberung auf dreierlei Art reagieren:
  1. Theoretischer Widerstand (Beispiele: Leibniz undWhitehead)
  2. Materialismus (marquis de Sade)
  3. Kants menschliche Subjektivität als Bedingung der Vergegenständlichung der Welt (S. 77)
Spaemann kritisiert an der Evolutionären Erkenntnistheorie die Aufgabe des Unbedingten bzw. die Unfähigkeit diese sprachlich auszudrücken. Wenn Ausdrücke wie "gut" und "schlecht" in einem anderen Sinn gebraucht werden als "gut für y, und x will y" oder "gut, gemessen am Maßstab der Erreichung eines bestimmten Zustands" muss Evolutionäre Erkenntnistheorie passen. Sie verwirft zwar nicht die Verwendung des Wortes "gut" im unbedingten Sinne, aber sie bietet keine adäquate Übersetzung der Redeweisen an, sondern nur eine funktionale Interpretation (S. 81-82).
Anmerkung 1: das liegt vielleicht daran, weil es ein "gut" im unbedingten Sinn unsinnig ist / nicht gibt.
Spaemann folgert: "Der evolutionismus muß jede moralische Bewunderung für eine schöne Handlungsweis, jede Mißbilligung einer Scheußlichkeit relativieren" (S. 82).
Anmerkung 2: Richtig. Na und?
Evolutionismus: dieser Begriff geht nach Spaemann auf Hans Eduard Hengstenberg zurück. Er nannte so Teilhard de Chardins Auffassung von den Evolution (Evolution Links).
Reinhard Löw: "Bericht über die Schlußdiskussion", S. 93-98
Hier werden die Beiträge stark gerafft wiedergegen.
Die Beiträge des Sammelbands, für mich vor allem Stegmüller und Spaemann, sind auch heute noch aufschlussreich. Der Leser vermisst (als Referenten aber auch in der Schlussdiskussion) arg Vertreter der diskutierten Evolutionären Erkenntnistheorie.
Links
Evolution Evolution
SpaemannEvolutionäre Erkenntnistheorie
Evolution Gottesstandpunkt – Gottesperspektive – God's eye point of view
SpaemannHans Eduard Hengstenberg
SpaemannJohannes Paul II.: "Ansprache an die Teilnehmer des internationalen wissenschaftlichen Symposions «Christlicher Glaube und Evolutionstheorie» Freitag, 26. April 1985
SpaemannJunker, Thomas: "Schöpfung gegen Evolution – und kein Ende? Kardinal Schönborn Intelligent-Design-Kampagne und die katholische Kirche". In: Kutschera, Ulrich, Hg.: Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen S. 71-97; online (pdf)
SpaemannKatholische Akademie Bayern
Evolution Kutschera, Ulrich, Hg.: Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen
SpaemannScholl, Daniel: "Evolution und Theorieentwicklung. Probleme von Theorien, die einen sich verändernden Gegenstand haben"
Evolution Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne
vollmer Gerhard Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie: Angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie
Evolution "Was ist Wahrheit?"- Überblick zu aktuellen Wahrheitstheorien
Evolution Zitate von Robert Spaemann
Evolution Zitate von Wolfgang Stegmüller
Literatur
Goll, Reinhard: Der Evolutionismus. Analyse eines Grundbegriffs neuzeitlichen Denkens. München: C.H. Beck, 1972.
Hengstenberg, Hans Eduard: Evolution und Schöpfung. Eine Antwort auf den Evolutionismus Teilhard de Chardins. München: Pustet, 1963
Riedl, Rupert, Robert Kaspar: Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft. München: DTV, 1988
Riedl, Rupert, Franz M. Wuketits: Die Evolutionäre Erkenntnistheorie. Bedingungen. Lösungen. Kontroversen. Berlin: Blackwell, 1987
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
spaemann SpaemannSpaemann, Robert, Peter Koslowski, Reinhard Löw, Hg.: Evolutionstheorie und menschliches Selbstverständnis. Zur philosophischen Kritik eines Paradigmas moderner Wissenschaft. Weinheim: Acta humaniora, 1984. CIVITAS Resultate Bd. 6. 104 Seiten spaemann
Robert Spaemann, Reinhard Löw: Die Frage Wozu? München: Piper, 1991. Broschiert, 315 Seiten Spaemann
irrgang Bernhard Irrgang: Lehrbuch der Evolutionären Erkenntnistheorie. Thesen, Konzeptionen, Kritik. Stuttgart: UTB, 2001. Taschenbuch, 360 Seiten. 2., vollst. überarb. Aufl.  
vollmer VollmerGerhard Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie: Angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie. Stuttgart: Hirzel, 2002. Gebunden, 226 Seiten. 8. Auflage – vollmer Rezension vollmer
Gerhard Vollmer: Evolutionäre Erkenntnistheorie: Angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie. Stuttgart: Hirzel, 2002. Taschenbuch, 226 Seiten. 7., unveränd. Aufl. Vollmer
Evolution Anfang


Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.2.2009