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Fodor
Jerry Fodor, Massimo Piattelli-Palmarini: What Darwin Got Wrong
London: Profile, 2010. Gebunden, 262 Seiten – Fodor LinksFodor Literatur
„Dass eine Wahrheit logisch zwingend und insoweit notwendiger Art ist, heißt keineswegs,
dass diese Wahrheit auch problemlos für jedermann erkennbar ist.“
Norbert Hoerster: Was können wir wissen: Philosophische Grundfragen, S. 43 – Fodor Rezension
Es gibt einige Bücher, die Darwin Irrtümer nachweisen wollen. Meist verkennen die Autoren dieser Werke, dass es unumstritten ist, dass Darwin vieles nicht wusste und manches falsch beurteilte. Beides gestand er im seinem Hauptwerk On the Origin of Species (Wrong Links) unumwunden zu. So laufen diese Autoren offene Scheunentüren ein. Meist wollen solche Autoren mit dem Nachweis von Irrtümern die Evolutionstheorie insgesamt verwerfen oder zumindest in Frage stellen. Zum Dritten setzen jene Autoren dann anstelle der Evolutionstheorie irgendwelche mysteriösen Wundertheorien oder propagieren einen intelligenten Designer. Also bisher keine überzeugende Kritik nach diesen Schemata.
Wie sieht es damit bei What Darwin Got Wrong aus? Vom Titel her könnte man es in die oben beschriebene Klasse von Büchern einordnen. Es will aber keineswegs kleinliche Irrtümer ankreiden sondern gleich eine Säule der Evolutionstheorie (ET), die natürliche Selektion (NS), als falsch erweisen. Die beiden Autoren stellen keine Gegenthese auf, sondern betonen mehrfach, dass sie keine Lösung haben. Zudem betonen sie gleich eingangs, dass sie hartgesottene Atheisten sind und sie die Evolution als rein mechanistischen Prozess auffassen. Nur statt der natürlichen Selektion müsse man sich etwas anderes einfallen lassen.
Sehen wir diesen interessanten Versuch Darwins ET zu kippen näher an.
Methode
Als Leser hat man den Eindruck, dass einen die Autoren austrocknen wollen. Von Anfang an ziehen sie dem Leser die Zunge heraus, mit Feststellungen wie: "Darwin's theory of natural selection is fatally flawed" (S. xvi.) und verweisen regelmässig auf spätere Kapitel.
Zwischenbemerkung zum gesamten Text: die Betonung auf Darwin ist gegenüber den grossen Denker nicht ganz fair.
a) Darwin fasste mehrere Thesen (die schon bekannt waren oder in der Luft lagen) zu einem stimmigen Theoriegebäude zusammen und unterfütterte es mit zahllosen Beispielen und Argumenten. Die NS ist eine der Kernthesen, Darwins ureigener Beitrag zur ET.
b) Die NS wird nicht nur von Darwin vertreten, sondern von Tausenden von Forschern nach ihm. Viele davon lieferten weiteres Belegmaterial in Hülle und Fülle. Die Nennung Darwins im Titel des Werks ist daher einseitig und wohl dem Verkauf geschuldet.
Zur Ehrenrettung der beiden Autoren sei gesagt: die Argumente gegen die NS kommen schon noch. Manchmal sind sie vermischt mit Teilargumenten gegen andere Kernthesen der Evolution (beispielsweise Gradualismus; spontane zufällige Variation, S. 21). Um die Besprechung nicht ausufern zu lassen gehe ich darauf nicht ein.
Argumente und Einwände
Analogie zwischen künstlicher Zuchtwahl und natürlicher Zuchtwahl
Darwin beruft sich stark auf den Vergleich der Züchtungen und den Mechanismen der natürlichen Selektion. Der Unterschied (hinter der Züchtung steht der denkende und lenkende Züchter) war ihm bewusst. Trotzdem ist die Analogie wirksam und legitim.
Hier der dahinerstehende Analogieschluss: was ein lenkender Mensch binnen relativ kurzer Zeit erreicht ist prinzipiell auch durch die von Darwin beschriebenen Mechanismen innnerhalb von langen Zeiträumen möglich. Die Autoren befinden dagegen: Die Analogie zwischen künstlicher Zuchtwahl und natürlicher Zuchtwahl ist verfehlt.
Das überzeugt mich nicht: an Stelle des denkenden Züchters treten die Mechanismen des NS und der lange Zeitraum.
Analogie zum Behavorismus
Die Autoren bemühen ihrerseits eine Analogie, zwischen der Konditionierung im Behavorismus (B. F. Skinners Black Box) und der NS als Black Box in der ET (S. 3). Ihre provokante Frage: "If nobody believes Skinner any more, why does everybody still believe Darwin?" (S. 3). Mangels Einblick in den Behavorismus kann ich diese Analogie nicht fundiert beurteilen, mir scheint sie aber auf wackligen Füssen zu stehen.
Rolle der endogenen Faktoren
Endogenen Faktoren spielen eine hervorragende Rolle bei der Selektion (S. 21).
• Dieser Einwand spricht nicht grundsätzlich gegen die NS. Die Autoren behaupten auch nicht: endogene (also innere) Ursachen statt exogene (Ursachen von außen), sondern nur, Darwin hätte die Wirkung der endogenen Faktoren unterschätzt.
• Der Einfluss innerer Faktoren und die inneren Schranken wurde von Biologen stets berücksichtigt. Molekular- und Entwicklungsbiologen konzentrieren sich auf interne Mechanismen, Ökologen und Evolutionsbiologen betonen die externen (Pigliucci 2010, S. 354).
• Dazu schrieb Darwin in der Einleitung: "Es ist verkehrt, z. B. den Bau des Spechts, [...] nur äußeren Ursachen zuzuschreiben" (S. 26). Und Darwin im Kapitel 5 "Gesetze der Abänderung" ("Laws of Variation"), Abschnitt "Korrelative Veränderung" ("Correlation of Growth"): "I mean by this expression that the whole organisation is so tied together during its growth and development, that when slight variations in any one part occur, and are accumulated through natural selection, other parts become modified. This is a very important subject, most imperfectly understood" (Deutsche Ausgabe S. 201). Zugegeben: diese internen Faktoren sind letztlich von den externen abhängig.
Die beiden letzten Zitate zeigen: der Einwand geht gegen Darwin ins Leere.
Einzeleigenschaften versus Eigenschaftskomplexe
Die Annahme, dass einzelne Eigenschaften der NS unterliegen ist der Kern vieler populärer und halb-populärer neo-darwinistischer Erklärungen (S. 26). Aber die NS kann nicht isoliert eine Eigenschaft selektieren, sondern wirkt immer nur aufgrund von Eigenschaftenkomplexen (S. 50).
• Mangelhafte populäre Erklärungen können nicht dazu dienen, die NS der modernen Evolutionstheorie oder bei Darwin zu diskreditieren.
• In vielen Beispielen zur Evolutionstheorie werden tatsächlich einzelne Eigenschaften herangezogen. Das bedeutet nicht, dass man annimmt, dass Eigenschaften isoliert selektiert würden. Man bezieht sich auf einzelne Eigenschaften um Mechanismen besser zu verdeutlichen. Hier haben die Autoren ein falsches Bild der NS.
Selbst wenn der Einwand zuträfe, spricht er gerade für die NS, Selektion dann eben aufgrund von Eigenschaftskomplexen.
Free-Rider
Ein Hauptargument hängt mit den "free-rider"-Eigenschaften zusammen. Free-Rider sind Eigenschaften, die kontingenterweise aber immer mit der selektierten Eigenschaft verbunden sind. Typisches Beispiel dafür ist die Funktion des Herzens Blut zu pumpen und zu pochen. Die NS Darwins kann nicht erklären für welche dieser Eigenschaften das Herz zu dem wurde, was es ist. Jede Erklärung pro Blutpumpe geht auch mit den Herztönen durch.
Ausgangspunkt für diesen Einwand ist der epochale Aufsatz von Stephen Jay Gould und Richard C. Lewontin: "The Spandrels of San Marco and the Panglossian Paradigm: A Critique of the Adaptationist Programme", 1979.
• Zugestanden: free-rider Eigenschaften stellen ein Erklärungsproblem da, weil man immer nur im nachhinein sagen kann, aufgrund welcher Eigenschaft selektiert wurde.
Es gibt aber einiges zu bedenken:
• Eigentlich – das gilt für die gesamte Diskussion – wird nicht für eine Eigenschaft selektiert, sondern es werden Eigenschaften ausselektiert. Es wird nicht das bessere Auge selektiert, sondern das schlechtere führt zu weniger Nachkommen. Das konformere Bild ist als die Aussonderung des schlechteren Auge.
• Es wird nicht eine Eigenschaft selektiert, sondern ein Eigenschaftskomplex (siehe den Einwand oben); welche Eigenschaft davon free-rider ist, ist oft schwer unterscheidbar.
• Eine Funktion wird immer von uns hineingelesen (siehe "Keine Funktion ohne Beobachter", Wrong Links). Nur unter dem Blickwinkel der Arterhaltung (also der übliche Blickwinkel der Evolution) ist die Funktion des Herzens die Blutpumpe und nicht die Funktion des "Hohlraums im Brustkorb ausfüllen". Genau aus diesem Blickwinkel hat aber diese Funktion einen Erklärungswert.
• Oft kann man im Labor testen, welche der Eigenschaften arterhaltend ist. Der Vergleich zwischen nicht Blut pumpenden, aber hämmernden Herzen gegenüber Herzen, die lautlos Blut pumpen gibt sehr schnell Aufschluss über den free-rider.
• Selbst wenn man all die Punkte nicht anerkennt und darauf beharrt, dass die NS die free-rider Eigenschaft nicht ausmachen kann (S. 109-110, 114), spricht das nicht gegen die NS für sich. Sie wirkt auf einen Eigenschaftskomplex inklusive eventueller free-rider hin.
Keine kausale Prozesse, kein Naturgesetz
Die NS gibt keine kausale Verbindungen an und damit kann kein universal gültiges Naturgesetz formuliert werden.
Ich denke, dieser Vorwurf tritt die NS wenig. Die Autoren werden detaillierter: Um die Eigenschaften zu individuieren (die tatsächlich selektierten von den Free-ridern zu trennen) muss man Konditionale bemühen. Diese können mit der NS nicht aufgestellt werden (Kapitel 6, besonders S. 116). Sie wären nur dann aufstellbar, wenn entweder die NS ein intentionales System wäre oder auf einem Naturgesetz beruhen würde. Beides ist nicht der Fall (S. 127-128).
• Darwin war wohl bewusst, dass er mit der NS kein Gesetz aufstellte und sprach daher meist von Regeln oder Prinzipien.
• Die Verhältnisse in der Biologie sind so komplex, dass oft keine allgemein gültigen Gesetze formuliert werden können und Vorhersagen nur eingeschränkt möglich sind. In der Evolutionstheorie handelt sich oft um statistische Vorhersagen, ähnlich wie in er Soziologie. Zuviele Faktoren spielen eine Rolle, zudem sind oft die betrachteten Zeiträume extrem lang.
• Die geforderten Konditionale sind eine Hilfskonstruktion für uns. Der Natur sind sie egal: Selektion findet statt. Auch wenn die Theorie es nicht unterscheiden kann: die Natur macht es. Immer wenn man eine plausible Erklärung (der auf einer weiteren Ebene durchaus "harte" physikalische Gesetze unterliegen können) für eine selektierte Eigenschaft hat, wird man das auch als Erklärung zulassen.
• Nicht immer liegen im biologischen Bereich dabei die Kausalzusammenhänge so offen wie im folgenden Beispiel in der typischen umgangssprachlichen »facon de parler«:
Bei der Zugfahrt im frühlingshaften Oberland sind nur noch Schneereste im Wald und hinter Scheunen zu sehen. Der Schnee hat sich stark zurückgezogen. Es ist sonderbar, wie der Schnee wusste, wo die schattigen Plätze sind: nur dort ist er noch zu finden. Keiner käme auf die Idee, dass der Schnee genau dort aufgelöst (ananlog zum Artensterben) wurde, wo er grell weiß glitzerte, wohingegen der dunkle graue Schnee überlebte.
Anthropomorphisierung
Darwin und seine Nachfolger bedienen sich einer nicht gerechtfertigten antropomorphisierender Sprechweise.
Die Autoren schlagen eine saloppe Formulierung der NS vor um sie aus den Tücken, die sie aufgezeigt hatten, zu führen und formulieren dazu eine etwas hinterhältiges Argument gegen die NS. Selektion-für sei:
(1) "what natural selection selects-for is whatever it has in mind selecting" (S. 120).
(2) Die NS hat keinen Geist ("mind").
(3) Also ist die NS nach (1) unzutreffend, daher falsch.
Das Argument ist gültig, aber nur, weil die Prämisse (1) von Fodor und Piattelli-Palmarini unglücklich formuliert ist. Nicht nur hier bedienen sich die Autoren einer intentionalen Ausdrucksweise und kritisieren sie dann. Das geschieht beispielsweise auch mit Steve Pinker. Er bedient sich der üblichen »facon de parler«: "create", "design" und wird dafür bestraft (S. 213).
Schon das aktive Verb "selektieren" ist eine unglückliche Wortwahl. Die Natur selektiert nichts; wie schon ausgeführt wird ausgesondert, NS passiert ohne dass jemand etwas macht. Das unterstreicht, dass es zur NS keinen Geist (Designer, Züchter) benötigt. Die Autoren wissen dies:
• "natural selection isn't an agent" (S. 122);
• "there is nothing that natural selection cares about; natural selection just happens" (S. 213).
Wie zutreffend!
Einwände gegen eigenkonstruierte Widerhaken
Einige der Einwände gehen gegen salopp formulierte Mechanismen der NS. Typisch ist der Einwand aus Kapitel 5: "The Return of the Laws of Form", der auf S. 92 zusammengefasst wird.
• Neo-Darwinisten stellen fest, dass die NS nie optimiert, sondern immer nur eine jeweils ausreichende Lösung finden.
• Es gibt aber Beispiele optimaler Lösungen.
• Daher muss neben der NS etwas anderes im Spiel sein ("something else must be involved", S. 92). Das Argument ist gültig, doch es sticht nicht, da die Prämisse (1) zu locker formuliert ist.
Ein Schachspieler führe beispielsweise das Mattsetzen mit einem Turm gegen den isolierten König völlig schablonenmässig aus: er setzt immer auf der h-Linie matt. Dann braucht er oft mehr Züge (vielleicht könnte er sehr viel schneller auf der 1. Reihe mattsetzen) als bei einer optimierte Vorgehensweise. Das Verfahren schließt aber nicht aus, dass seine Schablone »Mattsetzen immer auf der h-Linie«, manchmal die optimale Lösung ist. Gleiches gilt für die NS der Evolutionstheorie.
Zusätzliche Anmerkung
Wieder bekennen sich die Autoren zur NS, konstatieren nur weitere Faktoren, die beteiligt sind und nennen: Physik, Chemie, autokatalysatorische Prozesse, dissipative Strukturen und Prinzipien der Selbstorganisation (S. 92). Keiner dieser Faktoren wird von der NS ausgeschlossen.
Sobers Sieb (S. 127-129)
Elliott Sobers Sieb (Sober 1993, S. 98-100) läßt nur die kleinste Größe von Kugeln durch. Diese sind zugleich alle rot. Nachdem Kugeln (die größeren sind nie rot) gesiebt wurden kamen nur kleine rote durchs Sieb. Da man weiß, wie das Sieb konstruiert ist, wird man sagen: Die kleinsten Kugeln kamen durch. Eigentlich müßte man sagen: die anderen Kugeln, die im Sieb hängen blieben, wurden selektiert, umso mehr, wenn beispielsweise die kleinen roten Kugeln nicht aufgefangen werden sondern sofort irgendwohin rollen. Kennt man den Mechanismus des Sieb nicht (vielleicht hat es Farbdetekoren, die nur rote Kugeln – egal welcher Größe – durchlassen), kann man nicht sagen, nach was sortiert wurde. Man findet unterm Sieb nur kleine rote Kugeln.
Die NS zeigt sich für uns ähnlich wie Sobers Sieb. Manchmal können wir die im Sieb zurück gebliebenen Kugeln analysieren und erklären, welche warum zurückblieben. Manchmal können wir es nicht genau sagen. Doch ich meine, das spricht nicht gegen die NS, sondern nur dafür, dass wir (noch) zu wenig wissen. Fodor und Piattelli-Palmarini folgern: "»sorting-for« is an intensional process" (S. 130). Das stimmt nur, wenn man eine der möglichen Sichtweisen (rote Kugeln wurden ausgesiebt; kleine Kugeln wurden ausgesiebt; nicht-rote Kugeln wurden ausgesiebt; grosse Kugeln wurden ausgesiebt) als die verbindliche erklärt. Fest steht, dass gesiebt wurde, Selektion fand statt. Es kommt nun auf die Betrachtungsweise an, welche Formulierung man bevorzugt.
Siehe dazu: Sober: "Selection-for: What Fodor and Piattelli-Palmarini Got Wrong" (Wrong Links).
Evolution als historischer Prozess
Die Autoren fassen die Evolution zu recht als historischen Prozess auf (S. 132-135). Dieser läßt keine Gesetze zu, sondern nur plausible Erzählungen ("plausible narratives", S. 132).
Dieser Befund deckt sich damit, dass auch Darwin die NS mehr als Prinzip auffasste denn als Gesetz. Fodor & Piattelli-Palmarin verneinen aufgrund des geschichtlichen Ablaufs ein zugrundeliegendes Gesetz. Die Alternative zum Gesetz wäre ein intelligenter Designer. Diesen lehnen sie aus methodologischen Gründen ab. Die Abänderungen im Laufe der Evolutionen blieben damit unerklärt.
• Ein historischer Prozess schließt aber ein Gesetz nicht prinzipiell aus. Er kann so komplex sein, dass wir kein Gesetz formulieren können. Das drücken die Autoren selbst so aus: Es gibt "many, many different ways in which various creatures manage to flourish in the many, many environmental situations in which they manage to do so" (S. 136)
• Ich meine dieser Einwand schmälert nichts daran, dass NS stattfindet und dass sie ein wichtiger, unverzichtbarer Bestandteil der Evolutionstheorie ist.
Hier und in den vorgehenden Einwänden scheint mir das Gruundargument dieses zu sein:
(1) Es gibt kein Gesetz zur NS.
(2) Wenn es kein Gesetz zur NS gibt, dann wird der Begriff "selektiert- für" leer.
(3) Die Evolutionstheorie kommt nicht ohne einen tragfähigen Begriff "selektiert-für" aus.
Folglich: (4) Die Evolutionstheorie ist eklatant unvollständig.
Oder noch kürzer: die NS erklärt post hoc und so allgemein, dass sie zu einer banalen Wahrheit wird (S. 137).
Hier stimme ich den beiden ersten Prämissen (1) und (2) nicht zu. Bei komplexen Sachverhalten wie in Biologie, Soziologie und Psychologie kann man oft kein Gesetz formulieren, sondern muss sich mit einem Prinzip begnügen.
Wieder ein Beispiel aus dem Schach. Im Turmendspiel mit Bauern ist eine wertvolle (!) Regel: Der Turm gehört hinter den Freibauern, sowohl hinter den eigenen als auch den gegnerischen. Dieses ist kein Gesetz, sondern eine Regel mit zahlreichen Ausnahmen. Trotzdem ist die Regel nicht leer, sondern als Anhaltspunkt (und Gewinnmaxime) hilfreich. Tatsächlich könnte man (irgendwann einmal) Gesetze angeben, wann diese Regel gilt und wann nicht. Vermutlich wären diese aber so kompliziert, dass sie nicht mehr hilfreich wären.
Umwelt / Umgebung ("environment") versus ökologischer Nische
Die Autoren setzen viel auf die Unterscheidung zwischen der Umwelt / Umgebung und der ökologischen Nische. Lebewesen sind an ihre ökologische Nische angepasst, nicht an ihre Umgebung (S. 144). Diese Angepasstheit ist eine Tautologie (S. 145), man könnte anders formulieren: eine definitorische Wahrheit. Angepasstsein und ökologische Nische definieren sich gegenseitig.
• Das Thema ist zu komplex um es hier zu diskutieren. Nur soviel: Selbst eine Tautologie muss erst mal als solche erkennen und wenn sie die Schuppen von den Augen entfernt ist nichts dagegen zu sagen. Man erkennt nicht gleich: (P —> Q & R) —> (P & Q —> P & R), wobei —> die logische Implikation und & das logische Und sei. Trotzdem kann es vorteilhaft sein, diese Tautologie als solche zu kennen.
• Hier gehen die Autoren im Pauschalieren zu weit: alle Lebewesen sind entweder ausgestorben oder an die Welt angepasst (S. 145). Es gibt durchaus auch Lebewesen im Übergangsstadium, solche, die demnächst aussterben, weil sie nicht genügend angepasst sind.
• Zudem: die NS alleine ist keine Evolutionstheorie, es kommen noch einige notwendige Kernthesen dazu und erst dann ist es eine aussagefähige Theorie, in der die NS eine wichtige Rolle spielt.
• Die Einwände sind nicht immer leicht zu fassen, da sich die Autoren – wie gezeigt (und entgegen der etwas plakativen Vermarktung) – doch nicht grundsätzlich gegen NS ausssprechen. Den Mechanismus der NS gestehen sie prinzipiell zu, halten ihn aber für trivial. Er ist es nicht.
Nicht-Trivialität der NS
Karl Popper war ursprünglich der Ansicht, das Ärgerliche an der Evolutionstheorie sei ihr tautologischer oder fast tautologischer Charakter" (Popper 1998, S. 252 [1972]). Das Prinzip der NS sei keine prüfbare wissenschaftliche Theorie.
Er änderte aber seine Meinung: ”Influenced by what these authorities say, I have in the past described the theory as »almost tautological«, and I have tried to explain how the theory of natural selection could be untestable (as is a tautology) and yet of great scientific interest. My solution was that the doctrine of natural selection is a most successful metaphysical research progamme."
Und er fuhr fort: "I have changed my mind about the testability and the logical status of the theory of natural selection; and I am glad to have an opportunity to make a recantation. My recantation may, I hope, contribute a little to the understanding of the status of natural selection" (Popper 1978, S. 344-345).
Poppers Hoffnung griff bei den Autoren Fodor und Piattelli-Palmarini leider nicht. Sie kennen wohl auch nicht die Arbeit über falsifizierbare Vorhersagen der NS (Williams 1973). Zum nicht trivialen Charakter der NS siehe auch Ruse 1977.
Die Nicht-Trivialität der NS verdanke ich dem ausgezeichneten Artikel Vollmer 2010, S. 14-15.
• Sie haben Einwände gegen einen simple NS (einzelne Eigenschaften; eine Vorhersagekraft usw.), die sie Darwin unterschieben, das heißt gegen ihre eigene falsch verstandene NS.
• Dabei geben sie stellenweise sehr gute Beschreibungen der NS wie beispielsweise diese: "Out in nature things are never as simple as they are in a laboratory, or on a farm; natural selection is whatever it happens to be, and it's hard, often impossible, to reconstruct what trait (if any) has been naturally selected, and 'for' what, as distinct from traits that merely free-ride" (S. 63). Dazu meine ich, dass man sehr oft die Free Rider aussondern kann. Löwen fressen aus einer Zebraherde die langsameren Tiere (nicht die diejenigen, die leiser mit den Hufen trampeln). Der Selektionsdruck besteht hin zu schnelleren Zebras (und nicht hin zu lauteren).
Die Argumente in What Darwin Got Wrong haben recht unterschiedliche Qualität. Die Autoren wollen Darwins natürliche Selektion als falsch erweisen, gestehen sie aber prinzipiell zu. Was soll man davon halten? Einiges fusst auf einer falschen Auffassung der natürlichen Selektion und was Darwin damit zeigen wollte. Doch selbst die besten Argumente der beiden Autoren können das Prinzip der natürlichen Selektion nicht einmal ankratzen.
Hier noch eine andere Stimme (von sehr vielen Besprechungen, siehe Wrong Literatur):
“in claiming that there are fundamental flaws in an edifice that has withstood a century and a half of critical examination, Fodor and Piattelli-Palmarini err horribly.” (Pigliucci 2010, S. 353)
Links
Wrong Literatur zur Evolution: deutsch
Wrong Literatur zur Evolution: englisch
Wrong Rezensionen philosophischer Bücher
Wrong Darwin, Charles: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl
Wrong Ernst Mayr: "Evolution - Grundfragen und Mißverständnisse"
Wrong "Keine Funktion ohne Beobachter"
DarwinThe Origin of Species – online
DarwinJerry Fodor & Elliott Sober: Who Got What Wrong? videovideo / audio, recorded: March 15, 2010
Forum Grenzfragen: DarwinNeuer Angriff auf den Darwinismus III, 8.3.2010
DarwinGalfavi, George (2009): "On Fodor on Darwin on Evolution. Reply to Stevan Harnad"
Genesisnet.info: DarwinLag Darwin falsch? Vorstellung eines unorthodoxen Buches über Evolution
DarwinHarnad, Stevan (2009): "On Fodor on Darwin on Evolution"
DarwinSober, Elliott: "Selection-for: What Fodor and Piattelli-Palmarini Got Wrong", (pdf)
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Literatur
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Fodor DarwinJerry Fodor, Massimo Piattelli-Palmarini: What Darwin Got Wrong. London: Profile, 2010. Gebunden, 262 Seiten Fodor
Jerry Fodor, Massimo Piattelli-Palmarini: What Darwin Got Wrong. Farrar Straus & Giroux. Gebunden, 288 Seiten.Darwin
Sober DarwinElliott Sober: Evidence and Evolution: The Logic Behind the Science. Cambridge: Cambridge UP, 2008. Taschenbuch, 412 Seiten Sober
Elliott Sober: The Nature of Selection: Evolutionary Theory in Philosophical Focus. Chicago: University of Chicago, 1993. Taschenbuch: 400 Seiten Darwin
Kutschera KutscheraUlrich Kutschera: Tatsache Evolution: Was Darwin nicht wissen konnte. DTV 2009. Broschiert, 320 Seiten Vinicius
Lucio Vinicius: Modular Evolution: How Natural Selection Produces Biological Complexity. Cambridge: Cambridge UP, 2010. Taschenbuch, 248 SeitenDarwin
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.10.2010