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Schroeder
Renée Schroeder, Ursel Nendzig:
Die Henne und das Ei: Auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens

St. Pölten, Wien: Residenz, 2011. Gebunden, 205 Seiten – Henne LinksHenne Literatur
Neben der Frage nach der Entstehung des Universum gibt es zwei weitere kosmische Rätsel: Wie entstand das Leben? Und wie das Bewusstsein? Renèe Schroeder gibt eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Lebens. Es ist eine gut begründete Hypothese mit – wie die Autorin zugesteht – vielen offenen Fragen. Doch immerhin ist es eine mögliche Antwort, die auch für den Laien verständlich dargestellt wird.
Doch das Buch will mehr. Es gibt ist eine Lebensphilosophie, die auf dem wissenschaftlichen Weltbild beruht. Deshalb werden die thematisch biologischen / chemischen Kapitel eingerahmt von Kapiteln, die diese Weltsicht der Wissenschaftlerin erläutern. Das ergibt die folgende Kapiteleinteilung:
Vorwort: Der unbequeme Weg
1 Grenzen der Wahrnehmung
2 Glauben und Wissen
3 Was ist Leben?
4 Das Molekül des Lebens
5 Die Wasserstoffbrücke
6 Der Ursprung des Lebens
7 Die RNA Welt
8 Die Macht der RNA
9 Genetik und Epigenetik
10 Bioethik
11 Gender
12 Bildung
13 Wozu das Ganze?
Gemäss dem populären Charakter begründet die Autorin ihre Präferenzen nicht streng, macht sie nur verständlich und rannte bei mir offene Türen ein. Hier ein paar Kernpunkte, die jeder selbst bedenken und untermauern oder ablehnen mag:
• Scheitern einer These ist spannender als die tausendfache Bestätigung eines Urteils. Demzufolge will sie kein Lebensberatungsbuch und kein Rezeptbuch (S. 10) schreiben, sondern zum eigenen Nachdenken, ganz im Sinne der Kantischen Beantwortung der Frage "Was ist Aufklärung?", anregen. Einer meiner Mathelehrer hatte dafür nach dem Lesen einer Aufgabe den Spruch: „Diese Aufgabe läßt auf grosse Schwierigkeiten hoffen!“ Schroeder nennt ihr Vorwort daher: „Der unbequeme Weg“.
• Die wissenschaftlichen Thesen gehören immer wieder auf den Prüfstand. Das ist genau das Gegenteil zu religiösen Dogmen (daher der nächste Kernpunkt). Ein guter Tag ist einer, an dem man am Abend ein Urteil aufgegeben, verändert oder neu dazu gewonnen hat.
• Wissenschaft ist dem Glauben vorzuziehen. Religion lehnt Renèe Schroeder daher ab. Das Wesen des religiös Gläubigen ist es, dass er meint, in den jeweiligen Grundsätzen die Wahrheit schon zu haben. Diese Position begründet sie im 2. Kapitel, sie hätte aber weitere Ausarbeitung verdient. Dazu kann man auf andere Werke verweisen (siehe Henne Links; Schroeder gibt leider keine Literaturhinweise). Einige unbequeme Thesen entrüsten (wie man an Kommentaren bei den Online-Buchversendern nachlesen kann) und Schroeder sind sie so geläufig und einleuchtend, dass sie manche nur postuliert. So erkennt der Naturwissenschaftler, dass die Natur kein Ziel hat (S. 37; S. 176). Doch hier ist es wie mit einem (vermuteten) versteckten Code in einem komplexen Text. Wenn man keinen findet, bedeutet das nicht, da wäre keiner. Man hat nur bislang keinen gefunden. Allerdings kann man in dieser Situation festhalten: wenn uns Götter einen Sinn vorgegeben haben, dann haben sie ihn ziemlich gut versteckt. Bei der Schöpfungsfrage gibt sie diesem Aspekt mehr Beachtung: Es gibt keine Hinweise für eine Schöpfung (S. 178). Daraus folgert die Autorin, dass nur die Evolution wirksam war.
Erst ab dem 3. Kapitel begibt sich die Autorin – wie im Untertitel versprochen – auf die Suche nach dem Ursprung des Lebens. Für das Leben nennt sie diese notwendigen und hinreichenden Bedingungen:
• Vermehrung
• Stoffwechsel
• Abgrenzung
• Kommunikation (S. 45-49)
Die Biologen und Chemiker sind noch immer daran, die Entstehung des Lebens zu erforschen und zu rekonstruieren.  Harte Probleme sind dabei wie Ordnung entsteht, wie Information in die Molekülstruktur kommt. Hier wird die Autorin notgedrungen etwas technisch. Statt Proteine oder DNA plädiert sie dafür, die RNA als das "Henn-Ei" anzusehen. Das begründet sie in den Kapitel 6-8. Ein Laie – wie ich – liest es und vertraut der Wissenschaftlerin.
Zur Erforschung der Entstehung gehören auch die Versuche Leben im Labor zur erzeugen. Schroeder geht von den ersten ernsthaften Versuchen von Stanley Miller im Jahre 1953 aus (S. 86). Diese neue Disziplin ist als Synthetische Biologie in Ansätzen schon recht erfolgreich. Den üblichen Vorwurf – man dürfe nicht Gott spielen – erwähnt die Autorin (wo genau ist mir entfallen; ein Index fehlt leider). Dazu gibt es zwei schlagende Gegeneinwände:
• im Sinne dieses Vorwurfe spielen wir immer schon Gott; schon ganz simpel dann, wenn wir uns zur Korrektur des mangelhaften Auges eine Brille aufsetzen.
• Gott schuf in den meisten Weltreligionen aus dem Nichts; die Wissenschaftler versuchen Leben aus bestehendem Material zu erzeugen.
Aufschlussreich und erhellend bringt die Autorin die Epigenetik an den Leser und damit, wie es doch geschehen kann (entgegen langer entgegengesetzter Ansicht), dass erworbene Eigenschaften an die Nachkommen weitergegeben werden können. „Die Gene werden von den Lebensbedingungen und Lebensgewohnheiten beeinflusst“ (S. 129). Damit verbunden die Einsicht, „dass die Umwelt und unsere Lebens- und Ernährungsbedingungen einen starken Einfluss auf unsere Gene haben“ (S. 132). Das ist deshalb spannend, weil man sieht wie sich Thesen über Lamarck, Darwin, Huxley, Gould bis heute ändern und verbessern.
Epigenetik fand ich noch nirgends eingängiger und überzeugender dargestellt!
In den letzten vier Kapitel bespricht die Autorin noch ergänzende Aspekte ihres Weltbilds. Dabei geht es – themengemäß – um Fragen der Bioethik, aber auch um Bildung oder um die Beantwortung der Frage, ob wir alles erforschen dürfen und die Ergebnisse veröffentlicht werden sollen (S. 138). In ethischen Fragen setzt sie stark auf die Selbstbestimmung des Individuums. Die Wissenschaftler müssen die Optionen aufzeigen und den Betroffenen erläutern. Jedes Individuum befindet sich eine einer einzigartigen Situation. Die starke Diskriminierung der Frauen – gerade in Fragen der Abwägung um den Schwangerschaftsabbruch – durch die Kirchen ist der Autorin ein Dorn im Auge (S. 142).
Zur Bildung bemerkt die Autorin, dass jede Regierung und auch die Religionsvertreter (S. 13) am Machterhalt interessiert sind und damit, dass die Menschen unzulänglich gebildet sind. Nur dann sind sie gut manipulierbar (S. 159). Dem setzt sie viel Überlegenswertes entgegen. Das Kapitel 12 ist eines der vielen Highlights im Buch! Eine letzte Forderung darin ist, dass Information zugänglich bleiben muss, insbesondere darf politischerseits das Internet nicht abschaltbar sein (S. 170).
Besonders in der ersten Hälfte spricht die Begeisterung der Autorin aus der häufigen Verwendung von "genial" und "spannend". Man sieht es ihr nach.
Die Zwischenüberschriften in blasser Schrift sind keine gute Idee. Ein willkommenes Glossar rundet ein gut lesbares, anspruchsvolles populärwissenschaftliches Werk ab.
Wissenschaftsbuch des Jahres 2012
Mehr als 20.000 Leser wählten in einem vom Österreichischen Wissenschaftsministerium organisierten Wettbewerb die Wissenschaftsbücher des Jahres 2012. In der Kategorie Medizin/Biologie gewann: Die Henne und das Ei.
Renèe Schroeder, Universitätsprofessorin und Leiterin des Departments für Biochemie und Zellbiologie der Max F. Perutz Laboratories, Wien.
1984 Theodor-Körner Stiftungspreis für Wissenschaft und Kunst
2002 Wissenschaftler des Jahres
2003 Wittgenstein-Preis
Im März 2011 wurde die Wissenschaftlerin mit dem Eduard Buchner Preis 2011 der German Society for Biochemistry and Molecular Biology (GBM) ausgezeichnet.
Schroeder
© Renèe Schroeder
Mit freundlicher Genehmigung
Ursel Nendzig, Journalistin
Mit viel Enthusiasmus wird die Entstehung des Lebens aus der Sicht einer Naturwissenschaftlerin erklärt. Renée Schroeder bietet aber mehr: ein Plädoyer für Wissenschaftlichkeit statt Dogmatismus; Veränderung und Flexibilität sind wichtiger als Auswendiglernen und Nachplappern, was vermeintliche Autoritäten erzählen oder uralte Schriften verkünden.
Zurecht als hervorragendes Wissenschaftsbuch ausgezeichnet.
Links
SchroederDie Henne und das Ei
SchroederDie RNA ist das Hennei!
Schroeder"Die Henne und das Ei" und der Ursprung des Lebens, derStandard.at, 18. September 2011
SchroederWissenschaftsbücher des Jahres 2012
SchroederDas Henne-Ei-Problem (Wikipedia)
SchroederGroup Schroeder, Biochemistry & Biophysics, Genetics, epigenetics & gene regulation
Synthetische Biologie: SchroederDFGSchroederWikipedia
Ethikrat: SchroederPerspektivenpapier Synthetische Biologie 2009
Henne Richard Dawkins: The God Delusion
Henne Evolution
Henne Frauenfeindlichkeit in der katholischen Kirche
Henne Christopher Hitchens: God Is Not Great: The Case Against Religion
Henne Literatur zur Evolution
Henne Literatur zur Evolution (englisch)
Henne Philipp Sarasin, Marianne Sommer, Hg.: Evolution: Ein interdisziplinäres Handbuch
Henne Zitate Renée Schroeder
Literatur
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Schroeder SchroederRenée Schroeder, Ursel Nendzig: Die Henne und das Ei: Auf der Suche nach dem Ursprung des Lebens. St. Pölten, Wien: Residenz, 2011. Gebunden, 205 Seiten
Schummer Schummer Joachim Schummer: Das Gotteshandwerk: Die künstliche Herstellung von Leben im Labor. Frankfurt: Suhrkamp, 2011. Taschenbuch, 239 Seiten Schrödinger
Erwin Schrödinger: Was ist Leben? - Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet. Piper, 1989. Taschenbuch, 160 Seiten. L. Mazurcak, Übs. Schroedinger
Henne Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.1.2012