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Design
Ulrich Kutschera:
Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution

Münster: LIT, 2013. Broschiert, 378 Seiten – Kutschera LinksKutschera Literatur
Im vorliegenden Buch, das zum Wallace Jahr 2013 (der britsche Naturforscher Alfred Russel Wallace lebte vom 8. Januar 1823 bis zum 7. November 1913) behandelt der Autor mehrere Fragen die mehr oder weniger mit Alfred Russel Wallace verbunden sind:
  • Evolution und Entdeckungsanspruch: Darwin oder Wallace?
  • Intelligent Design (ID): war Wallace gegen ID oder dafür, wie die ID-Anhänger reklamieren?
  • wie sind die zahlreichen Designfehler in der Natur zu beurteilen?
Zusätzlich will Kutschera über Querelen zwischen Evolutionsbiologen (oft durch den Autor selbst) und Kreationisten aufklären und Tricks der ID-ler aufdecken. Ein reichhaltiges Programm.
All dies gelingt, was bei der Fachkompetenz des Autors nicht verwundert. Erstaunlich ist, dass der Text trotz manchmal Kleinklein-Hickhack zwischen Dogmatikern und Naturwissenschaftlern und der teils komplezen Zusammenhänge, sehr gut lesbar ist.
Das ist zum Teil der klaren Ausdrucksweise (die hoffentlich – ohne dass ich dies jeweils hervorhebe – bei den einzelnen diskutierten Sachpunkten merkbar wird) geschuldet. Der Autor scheut sich nicht Dinge und Sachverhalte beim Namen zu nennen. Darunter sind auch Wiederholungen, die manchen Lesern penetrant vorkommen können. So begeistern mich Kutscheras häufige Seitenhiebe auf die Geisteswissenschaftler nicht. Er sieht da hauptsächlich die verschwurbelten Vertreter dieser Fächer und vergisst, dass die Geisteswissenschaften ebenso zum Gebäude unseres Weltbildes beitragen wie die Naturforscher. Ob und wenn ja in welchem Sinne die Biologie die Königsdisziplin  der Naturwissenschaften ist (S. 286; übrigens eine wissenschaftsphilosophische Aussage), darüber ließe sich trefflich geisteswissenschaftlich streiten.
Neben den Geisteswissenschaftler kommen selbstverständlich auch Flache-Erde-Anhänger, Junge-Erde-Verteidiger, Kreationisten, ID-Verfechter, Anthroposophen und Evangelikalen ihr Fett weg. Für diese Gruppen begründet es Kutschera durchgehend.
Wen ich schon vom Wert des Werkes überzeugen konnte, der möge das Buch gleich kaufen (Kutschera Literatur), andere lesen noch die nachfolgende ausführliche Besprechung (mit meinen persönlichen Schwerpunkten) und kaufen dann.
Fahrplan
Der grobe Fahrplan des Werks ist anhand des Inhaltsverzeichnisses dieser:
  • Wider Kreationisten, ID-ler und andere Theobiologen
  • „Darwin-Verschwörung”: Darwin als Betrüger gegenüber Alfred Wallace
  • Würdigung Wallace und Erklärungsversuch zu seinem späten Abdriften in den Spiritismus
  • Wider Evangelikale und Anthroposophen
  • Design-Fehler in der Natur
  • Frankfurter Evolutionsschule
  • Wider Spiritisten, Evangelikale und ID-ler
Man sieht: Kutschera quillt über um seine wissenschaftlichen Befunde den pseudowissenschaftlichen Behauptungen entgegenzustellen. Ich halte mich nicht streng an diese Einteilung sondern bespreche ausgewählte Punkte.
Wider Kreationisten, ID-ler, Evangelikale, Anthroposophen und andere Theobiologen
Ein Hauptanliegen ist es all die genannten Gruppen und ihre un_ oder pseudowissenschaftlichen Behauptungen in die Schranken zu weisen. Dabei geht der Autor bewusst nicht auf alle ein (Hans-Joachim Zillmer  ignoriert er zurecht; siehe Links), manche kommen aber zu kurz weg, wie beispielsweise Michael Behe. Eine ausführlicher Beurteilung Behes hätte aber den Rahmen des Buchs gesprengt.
Charles Darwin kontra Alfred Russel Wallace
Einen breiten Raum nimmt die Affäre Charles Darwin kontra Alfred Russel Wallace, die eigentlich – so weist Kutschera nach – ein harmonisches Miteinander von Darwin und Wallace ist. Erst Nachfahren konstruierten eine „Affäre”.
Darwin und Wallace haben unabhängig voneinander wichtige Thesen der Evolution entdeckt und beschrieben. Wallace erkannte aus verschiedenen Gründen (im Buch ausführlich nachzulesen) Darwins Primat zeitlebens an. Kutschera ewürdigt Wallace Leistung voll. Manchmal wird es eher nervend, wenn er alle  möglichen Autoren oder Gruppen tadelt, weil sie übersehen Wallace im gleichen Atemzug wie Darwin zu nennen. Der Autor schlägt sogar vor vom „Darwin-Wallace-Pronzip der natürlichen Selektion” (S. 100) zu sprechen.
Die Stossrichtung von Evolutionsgegner ist nun zweifach:
  • die Evolution wird oft völlig verkürzt als Darwinismus diskutiert; wie Kutschera zurecht schreibt, um sie als die private Meinung eines einzelnen Gelehrten des 19. Jahrhunderts herabzusetzen (S. 344).
  • Darwin wird dann desavouiert, indem er als ein Abschreiber von Wallace oder gar Betrüger, der Wallace Erkenntnisse als eigene ausgab, hingestellt.
Andere Thesen wider „Darwin” erhalten daraus Kraft, wenn Darwin als Abschreiber oder Betrüger entlarvt wird. Dabei unterschlagen die Evolutionsgegner, dass es ein Zeichen von Güte ist, wenn zwei Wissenschaftler gleichzeitig und unabhängig voneinander dieselbe Theorie aufdecken und publizieren.
Sowohl Charles Darwin als auch Alfred Russel Wallace werden, jeder auf seine Art, von Kutschera rehabilitiert. Bei Wallace belegt der Autor vor allem, dass er keinesfalls von der ID-Bewegung als ihr Stammvater angesehen werden kann. Für Wallace war das ID-Argument eine absurde Idee (S. 269).
Diskussionen mit ID-Gläubigen sind sinnlos (S. 29)
Man pflichtet Kutschera bei und fragt sich: warum schlagt er sich dann mit ihnen so ausgiebig herum? Meine Antwort ist ähnlich der zu den akribischen Recherchen der letzten Jahre zu lange zurückliegenden Doktorarbeiten. Die Grenze zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist nicht immer einfach zu ziehen und ständig gefährdet. Darum muss energisch darauf bestanden werden, dass streng wissenschaftlich gearbeitet wird und dass pseudowissenschaftliches Gedankengut keine Anerkennung findet und vor allem nicht in öffentlichen Schulen  Eingang findet. Aberglaube und Esoterik sind schon erschreckend genug verbreitet.
Design-Thesen der Theobiologen
Um ID-ler angreifen zu können sollte man ihre Thesen explizit benennen. Wer gegen sie Designfehler vorbringt hört sonst zu schnell die Riposte: du kennst doch nicht mein Bild des Designers und seiner Absichten. Zwei dieser Thesen sind:
  • Gott (der Designer, „der weise Urheber”) hat „auch nicht ein einziges Hächen ohne eine gewisse Absicht hervorgebracht” (Christian Konrad Sprengel: Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Bienen, 1793, zitiert nach Kutschera S. 103)
  • Die Schönheit in der Natur ist ein Signal für den göttlichen Schöpfer (S. 119)
Wider Design
Einige Kapitel verwendet Kutschera um Design-Fehler in der Natur zu erläutern. Ganz bewusst beschreibt er Pfusch, der sonst nicht so oft im Mittelpunkt der Diskussion steht. Das gelingt ihm überzeugend.
  • Die zahlreichen Designfehler und –defizite in der Natur erlauben es nicht aus dem vermeintlichen Design auf einen Designer folgern, denn Design könnte dann auch verpfuschter Pfusch sein.
  • Wie kann Schönheit ein Signal des Designer sein, wenn es soviel Häßlichkeiten (sowohl ästhetisch als auch moralisch) in der Natur gibt und der Mensch das Ebenbild Gottes sein soll? Entweder wir haben dabei andere Kategorien, dann aber wackelt die Gottesebenbildhaftigkeit oder die Schönheit als Signal entfällt (da wir ja nicht Gottes Schönheitsempfinden haben oder kennen).
  • 99 % aller Tier– und Pflanzenarten starben im Laufe der Evolution aus (S. 343) Gehört das zu einem intelligenten Plan?
  • Man kann nur zum Schluss kommen: das Postulat eines intelligenten Designers scheitert, es erklärt wenig („nichts” meint Kutschera, S. 269).
Zum Pfusch im weitesten Sinne gehört auch das Theodizeeproblem, dem sich Kutschera ebenfalls widmet.
Theodizeeproblem
Der Geisteswissenschaftler an vielen Stellen abholde Naturwissenschaftler Kutschera bringt selbst einige theologische und geisteswissenschaftliche Argumente. Die Theodizeefrage spricht er in ihrer schwierigsten Ausprägung an. Das Böse wird ja von Vertretern eines allgütigen Gottes oft auf die menschliche Freiheit zurückgeführt. Ungeklärt bleibt dabei aber das Leid das ganz allgemein, unabhängig von menschlicher Freiheit (oder trotz ihrer) entsteht: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Epidemien, usw. verursachen millionenfaches Leid oft an Menschen, die ihm völlig hilflos ausgesetzt sind (S, 225f, S. 231). Wie das mit Gottes Güte und Gerechtigkeit kompatibel ist, konnte bisher nicht zufriedenstellend erklärt werden.
Argument mit der Mangelhaftigkeit
Die Folgerung aus dem Pfusch in der Natur ist nun nicht unmittelbar, dass es keinen Designer gibt. Sondern es gibt diese Möglichkeiten:
  1. Der Designer war nicht sehr intelligent oder nicht allmächtig.
  2. Der Designer wollte zahlreichen Pfusch in die Natur einbauen.
  3. Es gibt keinen Designer.
Kutschera fasst die beiden ersten Möglichkeiten drastisch zusammen: „Gäbe es in der Tat diesen übernatürli­chen, imaginären »Designer­Gott« als Antrieb der biologischen Evolution, so wäre er ein Pfuscher, Bastler bezie­hungsweise Flickschuster, aber kein mit Intelligenz und Weisheit ausgestatteter Welte-­Planer” (S. 343), Dieses Argument mit der Mangelhaftigkeitt bezeichnet der Autor als Kernthese des Buchs.
„Der Mensch stammt nicht vom Affen ab”
Dieser Standardthese der Kreationisten entzieht Kutschera gründlich den Boden (S. 167). Es soll ja die Evolution lächerlich machen, da sich keiner gerne mit Affen auf eine Stufe stellen lassen will. Selbst Evolutionsbiologen gestehen das gelegentlich zu (der Autor irrt, hier alle Evolutionsbiologen davon auszunehmen). Hier ist eine geisteswissenschaftlich saubere Begriffsklärung nötig.
In der These wird der Affe doppeldeutig gebraucht. Menschen und andere heutige Affenarten stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Wenn man die locker ebenso zu den Affen zählt (was eigentlich unzulässig ist), dann stammt der Mensch vom Affen (genauer: von einem Vorfahren der heutigen Menschen und Affen) ab. Die Verwender der These wollen aber, dass der Zuhörer die heutigen Affen als Ziel der These annimmt und daher empört zustimmt.
Hintergrundthesen
Eine faktenbezogene Hintergrundthese ist die Erklärungkraft der Evolutionstheorie:
  • Die Lebewesen der Erde sind „Produkte einer nach Zufall und Notwendigkeit verlaufenden richtungslosen Evolution” (S. 343). Dies ist kein Einführungswerk und setzt dieses Hintergrundwissen voraus.
Neben den faktenbezogenen Thesen Kutscheras gegen Kreationisten und ID-ler gibt es weitere  Hintergrundthesen. Eine davon ist:
  • „Eine Vermischung von Religion und Wissenschaft führt zu einem Realitätsverlust und verhindert ein objektives, logisches, kritisches Denkvermögen” (S. 168). Sie verdeutlicht – denke ich – warum den Autor der pseudowissenschaftliche Kram so auf die Palme bringt.
Frankfurter Evolutionstheorie
Im ganzen 9. Kapitel widmet sich Kutschera der Frankfurter Evolutionstheorie, die mit einer starken anti-darwinistischer Prägung auftritt. Sie wurde von Wolfgang F. Gutmann begründet. Eines ihrer Hauptwerke heißt bezeichnenderweise: Kritische Evolutionstheorie – Ein Beitrag zur Überwindung  altdarwinistischer Dogmen (von  Wolfgang F. Gutmann und Klaus Bonik). Die Frankfurter Evolutionstheorie wird von Kutschera Schritt für Schritt auseinander genommen nund zurückgewiesen.
Hinweis
Wer nicht gut mit der Thematik im deutschen Sprachraum vertraut ist, dem hilft dieser Hinweis. Zahlreiche Bezugnahmen im Text und im Literaturverzeichnis beziehen sich auf Junker, R. und Junker, T. Beide sind streng zu unterscheiden.
  • Reinhard Junker ist Theologe und Geschäftsführer des evangelikalen Vereins Studiengemeinschaft Wort und Wissen e.V. Er ist ein Vertreter des Kreationismus und der Junge-Erde-These.
  • Thomas Junker  ist Biologiehistoriker und Stellvertretender Vorsitzender des „Arbeitskreises (AK) Evolutionsbiologie“. Er engagiert sich gegen den Kreationismus.
Das eingangs angedeutete grosse Lob kann man nach der Lektüre ausweiten und gut begründen: Der Text liest sich gewinnbringend, weil Kutschera viele Thesen nennt und untermauert oder widerlegt. Das bringt eine Vielfalt, die ich ähnlich bei Daniel Dennett, Ernst Mayr oder Karl Popper fand. Ein abschließendes Beispiel. Kutschera weist auf die Methode vieler pseudowissenschaftlicher Werke hin (S. 63). Sie versuchen Größe nder Wissenschaft zu demonierten und schreiben ein Machwerk wie Hans-Joachim Zillmer: Die Evolutionslüge. Die Neandertaler und andere Fälschungen der Menschheitsgeschichte. Unterdrückte Fakten. Verbotene Beweise. Erfundene Dogmen. Schon der Titel weist das Werk als dilettanischen Versuch aus, von der Größe Darwins und anderer Evolutionsbiologen zu profitieren.
Die Themenvielfalt zerfranst aber die Einheitlichkeit; eine rote Generallinie läßt sich nur schwer ausmachen. Es sind mehrere ineinander verwoben.
Die Fragen werden klar beantwortet, auch wenn man Kutschera nicht bei jeder Unterantwort folgen mag. Design-Fehler in der Natur steht in einer langen Reihe von Werken des Verfassers zu dieser oder ähnlicher Problematik. Eine Erklärung der Evolution darf man nicht erwarten, wenn auch die Kernthesen genannt und kurz skizziert werden (die Thesen Wallace zur Evolution: S. 115-117).
Wer zu den genannten Fragen fundierte und engagierte Antworten sucht, greife zu diesem Buch.
Links
Rezensionen
KutscheraJulia Heymann: Gegen die Gleichstellung von Glaube und Erkenntnis. Rezension - Spektrum der Wissenschaft, Dezember 2013 @Spektrum (pdf)
KutscheraGereon Janzing: Ulrich KUTSCHERA: Design-Fehler in der Natur - Alfred Russel Wallace
und die Gott-lose Evolution
. @Kritische Ökologie (pdf)
KutscheraAdriana Schatton: Über die fehlerhafte Natur. Rezension @hpd
KutscheraHenrik Ullrich: Design-Fehler in der Natur. Rezension @WORT und Wissen

Kutschera Aberglaube – auch heute noch weit verbreitet
KutscheraAndreas Beyer (2006): Wissenschaft im Rahmen eines Schöpfungsparadigmas? – eine Replik auf ein Positionspapier von „Wort und Wissen“  (pdf)
Kutschera Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
Kutschera Herausforderung »Intelligent Design« - Neuer Streit um die Evolution
KutscheraReinhard Junker
KutscheraThomas Junker
Kutschera weitere Links zum Autor Ulrich Kutschera
Kutschera Ulrich Kutschera: Evolutionsbiologie. Eine allgemeine Einführung
Kutschera Ulrich Kutschera: Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen
Kutschera Ulrich Kutschera: Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design
Kutschera Links zur Evolution
Kutschera Literatur zur Evolution
Kutschera Literatur zu Religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
kutschera Ulrich Lüke, Jürgen Schnakenberg, Georg Souvignier, Hg.: Darwin und Gott. Das Verhältnis von Evolution und Religion
Kutschera Martin Neukamm: Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus: Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation
Kutschera Alfred Russel Wallace
Kutschera Hans-Joachim Zillmer: Die Evolutionslüge. Die Neandertaler und andere Fälschungen der Menschheitsgeschichte. Unterdrückte Fakten. Verbotene Beweise. Erfundene Dogmen
Literatur
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Kutschera KutscheraUlrich Kutschera: Design-Fehler in der Natur. Alfred Russel Wallace und die Gott-lose Evolution. Münster: LIT, 2013. Broschiert, 378 Seiten Ravitch
Frank Ravitch: Marketing Intelligent Design: Law and the Creationist Agenda. Cambridge: Cambridge UP, 2010. Taschenbuch, 360 SeitenKutschera
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.3.2014