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Hawthorne
John Hawthorne: Knowledge and Lotteries
Oxford: Clarendon, 2004. 205 Seiten – lottery Linkslottery Literatur
John Hawthorne behandelt hier ein Spezialthema der Erkenntnistheorie, das aber beachtliche Auswirkungen hat. Das Lotterie-Paradox wurde von Henry Kyburg 1961 eingeführt, das verwandte Vorwort-Paradox 1965 von David Makinson (lottery Lotterie-Paradox, auch: Vorwort Paradox). Da für diese und verwandte Paradoxa unterschiedliche Lösungen vorgeschlagen wurden, beleuchtet Hawthorne viele ähnliche Paradoxa. Er führt das Rätsel zunächst mit einer Safari in Afrika, dem Hauptpreis einer Lotterie, ein (und verweist dazu auf Gilbert Harman 1973):
(1) S weiß, dass er nicht genügend Geld hat um in diesem Jahr auf eine Safari in Afrika zu gehen.
(2) Wenn S weiß, dass er nicht genügend Geld hat um in diesem Jahr auf eine Safari in Afrika zu gehen, dann ist S in der Lage zu wissen, dass er nicht den Hauptpreis der Lotterie gewinnen wird.
(3) S ist in der Lage zu wissen, dass er nicht den Hauptpreis der Lotterie gewinnen wird. (1), (2), MP
Das Lotterie-Paradox kann sich auf verschiedene Arten einstellen. Von einem einzelnen Lotterielos (nur ein Gewinnlos unter sehr vielen) wird man vernünftigerweise annehmen, dass es verliert (und nicht schon vor der Ziehung euphorisch eine Fernreise buchen). Da man meist für Wissen nicht absolute Sicherheit verlangt, weiß ich, dass mein Los verliert. Dann weiß ich es aber auch von jedem anderen Los der Lotterie. Also gewinnt kein Los. Das steht im Widerspruch zur Voraussetzung: 1 Los gewinnt.
Wenn man glaubt, dass das eigene Los (es kostete 1 Euro) nicht gewinnt, muss man der folgenden Argumentation zustimmen:
(4) Dieses Los verliert.
(5) Wenn ich es behalte, erhalte ich nichts.
(6) Wenn ich es für 1 Cent verkaufe, habe ich einen Cent.
(7) Es ist besser, wenn ich das Los für 1 Cent verkaufe.
Hawthorne zeigt an einigen Auswirkungen (Closure Prinzip, Skeptizismus), wie wichtig die richtige Behandlung des Lotterie-Paradox für unseren alltäglichen Wissensanspruch ist.
Er unterscheidet zwei Bedeutungen von "wissen": kontextual und invariant.
Kontextualismus
Der Kontextualist erhält den Wissensanspruch für Alltagsaussagen aufrecht, indem er das Closure-Prinzip beibehält und auf eine Verschiebung der Anforderungen – abhängig vom Kontext – zwischen Prämissen und Konklusion verweist.
Invariantismus
Wer den Kontextualismus ablehnt, vertritt eine mehr oder weniger starre Haltung bezüglich des Wissensanspruchs. Hawthorne spricht vom absoluten, skeptischen, gemässigten und "sensitive moderate" Invariantismus.
Der absolute Invariantist nimmt fast alle Eigenschaften absolut an. Etwas ist flach dann und nur dann, wenn nichts Flacheres möglich ist (S. 138). Das ist offensichtlich absurd.
Der skeptische Invariantist gibt fast alle alltäglichen Wissensansprüche auf.
Beim gemässigten Invariantisten unterscheidet Hawthorne wieder etliche Varianten. Der gemässigte Invariantist beharrt darauf , dass der allgemeine Wissensanspruch zurecht erhoben wird. Nur derjenige mit dem Gewinnlos irrt sich. Alle anderen wissen, dass sie eine Niete haben. Dazu muss die "Multi-Premise Closure" abgelehnt werden. Für viele einzelne Lose erhebt man den Wissensanspruch zurecht, nicht jedoch für die Konjunktion aller solchen Aussagen. Der Autor legt Betonung darauf, dass die subjekt-abhängige Wissenszuschreibung nicht davon abhängt, welche Möglichkeiten das Subjekt ignoriert, sondern welche sie ignorieren sollte. Damit wird dem Paradox entgegen gehalten, dass dadurch entsteht, dass der Einfältige (oder Betrunkene) mehr weiß, als derjenige, der alle möglichen Fehlerszenarien berücksichtigt.
John Hawthorne kann am Ende keine befriedigende Lösung aufzeigen. Er sieht seine Analysen als Basis für eigene Untersuchungen des Lesers. Dies ist eher ein Vorzug des ausgezeichneten Buchs. Doch waren mir die Ausführungen zum Invariantismus in seinen verschiedenen Spielarten nicht durchsichtig genug.
Hawthorne schreibt in die Fussnoten manchmal mehr als im fortlaufenden Text hawthorne.
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Links
HawthorneKvanvig, Jonathan L.: "The Epistemic Paradoxes"
HawthorneMcMillan, Andrew: "The Lottery"
Olsson, Erik J.: "Levi and the Lottery", Hawthornepdf
Weatherson, Brian, James Hawthorne: "Beliefs Old and New", Hawthornepdf
Wheeler, Gregory: "Rational Acceptance and Conjunctive/Disjunctive Absorption", Hawthornepdf
Literatur
Eagle, Anthony (2005): "Book note on John Hawthorne, Knowlege and Lotteries". Australasian Journal of Philosophy 83, S. 451–452.
Fantl, Jeremy, Matthew McGrath (2009): "Critical Study of John Hawthorne’s Knowledge and Lotteries and Jason Stanley’s Knowledge and Practical Interests". Noûs 43:1, S. 178-192.
Feldman, Richard (2007): "Knowledge and Lotteries". Philosophy and Phenomenological Research 75:1, S. 211-226.
Harman, Gilbert (1973): Thought. Princeton UP.
Hill, Cliff (2006): "Review: John Hawthorne, Knowledge and Lotteries". Studia Logica 84, S. 161-163.
lottery Lotterie-Paradox, auch: Vorwort Paradox
Smith, Donald (2005): "Knowledge and Lotteries". Philosophical Books 46, S. 123-131.
HawthorneOnline verfügbar (pdf)
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hawthorne lotteryJohn Hawthorne: Knowledge and Lotteries. Oxford: Clarendon, 2004. 205 Seiten
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