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Haas
Gordian Haas: Revision und Rechtfertigung. Eine Theorie der Theorieänderung
Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, 2005. Broschiert, 218 Seiten. – haas Linkshaas Literatur
Die Überzeugungen jedes Menschen ändern sich im Laufe der Zeit. Neue Informationen bewirken, dass man neue Überzeugungen gewinnt, alte aufgeben oder korrigieren muss. Auch wissenschaftliche Theorien können sich als falsch oder korrekturbedürftig erweisen. Wegen der Unterbestimmtheit von Überzeugungssystemen gegenüber (empirischen) Befunden gibt es eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Reaktionen. Allerdings wird man – Rationalität als Prinzip vorausgesetzt – Überzeugungen nicht beliebig sondern mit Bedacht und regelgeleitetet ändern. Bei Änderungen in Wissensdatenbanken wird man die Entscheidung einem Computer übertragen: sie muss dann strengen Regeln folgen. Im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) setzte in den letzten Jahrzehnten die Erforschung solcher Überzeugungsänderungen an. Hier und beispielsweise in Wissensdatenbanken für finanzielle Entscheidungen (Umschichtung des Fondsvermögen aufgrund neuer Information über das Unternehmen HAL?) haben solche Regeln auch erhebliche praktische Bedeutung.
Gordian Haas baut auf zwei bekannten Theorien der Änderung von Überzeugungssystemen und Theorien auf. Im zweiten Kapitel wird die Theorie von Carlos Alchourrón, Peter Gärdenfors und David Makinson (AGM; "On the Logic of Theory Change", 1982-85) ausführlich erläutert. Eine Grundanforderung für Überzeugungsystemen ist neben der deduktiven Geschlossenheit ihre Konsistenz. Man wird aber beispielsweise eine neue Information nicht nur deshalb in seine Überzeugungen aufnehmen, weil sie sich konsistent eingliedern lässt. Es müssen positive Gründe dafür vorliegen, die man rechtfertigen muss (S. 39). AGM geben kein Kriterium an, wie man entscheiden soll, ob eine neue Überzeugung aufzunehmen oder zurückzuweisen ist. Sie berücksichtigen die Rechtfertigung einer Überzeugung nicht. Während AGM davon ausgingen, dass man eine bestimmte Überzeugung hat oder nicht, führt der Bayesianismus im Zusammenhang mit Überzeugungen eine Wahrscheinlichkeit ein. Der Bayesianismus wird im dritten Kapitel diskutiert. Nur Aussagen, deren Wahrscheinlichkeit aufgrund der Rechtfertigung über einer gewissen Mindestgrenze liegt, werden als Überzeugungen akzeptiert. Aufgrund von Überlegungen zum Lotterieparadox (Henry Kyburg 1961) folgert Haas, dass der Bayesianist die Mindestgrenze =1 setzen muss (S. 62). Die Kritik an AGM, am Bayesianismus und metatheoretische Überlegungen führen den Autor schließlich dazu eine eigene Theorie zu entwickeln. Überzeugungen unterliegen einer dynamischen Revision im zeitlichen Verlauf. Sie werden und müssen aber auch gerechtfertigt werden. Dies ist für Haas der statische Aspekt des Wissens. Die von ihm detailliert vorgelegte Theorie der rationalen Überzeugungsänderung berücksichtigt daher auch die Rechtfertigungen und Rechtfertigungsstrukturen der zur Debatte stehenden Aussagen und Überzeugungen. Er nennt sie die JuDAS-Theorie (Justification-based Dynamics of Acceptance Systems). Deren Grundidee besteht in der Maxime, dass ein rationales Subjekt seine Überzeugungen stets in solcher Weise verändern sollte, dass zu jeder Zeit alle seine Überzeugungen ausreichend gerechtfertigt sind. JuDAS gibt also Regeln dafür an, wie aus einem stabilen, gerechtfertigten Überzeugungssystem und einer neuen Information ein neues stabiles und gerechtfertigtes System erzeugt wird.
Was in der Einleitung mit einem Kriminalfall locker beginnt entpuppt sich schnell als nüchternes und ernstliches wissenschaftstheoretisches Projekt. Längere Beweise hat Haas zur leichteren Lesbarkeit in den Anhang verschoben. Man darf gespannt sein, wie das klar formulierte Werk aus der philosophischen Disziplin in der Computerfraktion für Künstlichen Intelligenz aufgenommen wird.

© Gordian Haas; mit freundlicher Genehmigung
Jeder, der sich mit Überzeugungsystemen und Theorieänderungen beschäftigt, wird für diesen Vorstoß dankbar sein und das Buch mit großem Gewinn durcharbeiten.
Gordian Haas hat mit dem Thema "Revision und Rechtfertigung" an der Universität Konstanz promoviert (2002) und ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Philosophie der Universität Bayreuth.
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haasRevision und Rechtfertigung und haas"Inhalt" beim Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren; haas Zitate
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haas haasGordian Haas: Revision und Rechtfertigung. Eine Theorie der Theorieänderung. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, 2005. Philosophische Impulse, Band 5. Broschiert, 218 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.6.2006