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Harman
Gilbert Harman: Thought
Princeton: Princeton UP, 1973. 199 Seiten – harman Linksharman Literatur
Unter Verwendung einiger seiner Aufsätze, die schon zuvor in Zeitschriften erschienen waren, legte Gilbert Harman in Thought 1973 seine erkenntnistheoretische Position und mehr dar.
Er behandelt Skeptizismus, Bedeutung, Induktion, Folgerungsverfahren, Gettier-Fälle, Sprache, Wissen. Sein Themenfeld ist mit dem aus Bertrand Russell: An Inquiry into Meaning and Truth (harman Links) vergleichbar.
Wichtige Thesen / Positionen aus Thought; zu vergleichen mit der harman Kritik
• Harman vertritt einen Psychologismus. Die gültigen Prinzipien des Schliessens sind die, wie der Verstand arbeitet: "... the test of good inference is not whether it corresponds with rules that have been discovered a priori. The test can only be whether the inference seems right to someone who does his best to exclude things that can lead him astray", S. 18-19.
• Für Harman ist mit sinnlicher Wahrnehmung immer Ableitung / Folgerung verbunden. "If there is knowledge of the world in perception, then there is inference in perception", S. 219.
Funktionalismus und Repräsentationalismus
Harman spricht sich gegen Dualismus, Identitätstheorie und Behaviorismus aus. Mentale Zustände und Prozesse fasst Harman als Teile eines funktionalen Systems auf. Sie haben einen repräsentationalen Charakter: "Inference, conceived in the most general way, is a process that modifies the way we represent the world" (S. 34-35). Wahrnehmung ist eine Form der mentalen Repräsentation.
Unterscheidung analytischer / synthetischer Sätze ist Unsinn
Kernaussage: wenn man etwas als wahr festlegt, wird es nicht dadurch wahr gemacht.
Probabilistische Regel der Akzeptanz von Überzeugungen
Eine Regel der Akzeptanz von Überzeugungen oder speziell einer induktiven Folgerung sagt, wann wir sie akzeptieren können, vorausgesetzt eine graduelle Rechtfertigung, die dann probabilistisch aufgefasst wird. Diese probabilistische Sicht läuft aber voll ins Lotterie-Paradox, das es zu vermeiden gilt, da wir eine inkonstistente Überzeugungsmenge hätten. Das Vorwortparadox veranlasst Harman aber doch eine inkonsistente Überzeugungsmenge als rational zu akzeptieren (harman Kann es rational sein inkonsistent zu sein?).
Vermeidung des Lotterieparadox
Trotz der probabilistische Sicht vermeidet Harman das Lotterieparadox, indem er eine gesamtheitlich Position der Revision von Überzeugungen einnimmt. Die Regel der Akzeptanz wird nicht (nur) auf eine einzelne Hypothese angewandt sondern "rather to the set of what we accept" (S. 119). Folgerungen müssen aus einer Gesamtsicht der Überzeugungen gezogen werden. Wenn man also eine Inkonsistenz innerhalb der Überzeugungen feststellt oder eine Folgerung ziehen müsste (beispielsweise durch Anwendung des Modus ponens), die zur Inkonsistenz führen würde, muss man die Gesamtheit der Überzeugungen auf den Prüfstand stellen. Man akzeptiert die neue Folgerung nur nachdem man vorhandene Überzeugungen revidiert hat (S. 158).
Gettier-Fälle
Trotzdem genügt Harman diese rein wahrscheinlichkeitstheoretische Regel der Akzeptanz nicht, denn sie scheitert aber an den Gettier-Fällen (S. 120).
Mit dem Prinzip P will Harman die Gettier-Fälle ausschliessen.
Prinziple P
"Reasoning that essentially involves false conclusions, intermediate or final, cannot give one knowledge" (S. 47; S. 120).
Das P- Prinzip (S. 47 + S. 120) genügt aber nicht um alle Gettier-Fälle auszuschliessen. Deshalb führt er ein Prinzip P' mit einen Konjunktiv ein. Folgerungen, die zu falschen Konklusionen führen könnten, ergeben kein Wissen. Das Prinzip P' hebelt aber fast jegliches Wissen aus: es greift zu weit.
Harmans Lösung: er modifiziert nicht das Prinzip P sondern die Aleitungsregel(n). (S. 124).
Dazu folgt das Prinzip Q.
Mit dem Prinzip Q schliesst Harman weitere Fälle aus, bei denen nur korrekte Schlüsse gezogen werden, aber wichtige Umstände unbekannt sind, so dass wir umgangssprachlich Wissen absprechen.
Prinziple Q
"One may infer a conclusion only if one also infers that there is no undermining evidence one does not possess" (S. 151).
Skeptizismus
Dem Skeptiker will Harman so denWind aus den Segeln nehmen: "We are justified in continuing to believe something unless we have a special reason to change our minds. The hypotheses the sceptic discusses are not equally reasonable, since only one of them is already believed" (S. 22).
Kann es rational sein inkonsistent zu sein?
Richmond Campbell warf die Frage auf: "But is this consistency requirement reasonable? Isn't it just possible that we can sometimes be completely justified in believing things that are logically inconsistent? A number of philosophers have suggested a reason for thinking so", S. 246-247 (harman Literatur).
Harman: "It is not obviously irrational to have inconsistent beliefs even when we know that they are inconsistent. It has occasionally been suggested that a rational man believes that he has at least some (other) false beliefs. If so, it follows logically that at least one thing he believes is false (if nothing else, then his belief that he has other false beliefs); a rational man will know that. So a rational man knows that at least one thing he believes is false." (S. 119)
Kritik
• Harmans Psychologismus ist mir seit der Beschäftigung mit Gottlob Frege (harman Gottlob Frege) suspekt. Harman relativiert auch: er setzt voraus, dass der Verstand korrekt arbeitet: doch was ist in diesem Zusammenhang korrekt? Doch nur, wenn er gemäss den logischen Prinzipien vorgeht (und nicht alkoholisiert ist, oder Informationen unter den Tisch fallen lässt etc.).
• Dass sinnliche Wahrnehmung auch mit Ableitung / Folgerung verbunden ist, zeigt Harman an einigen Beispielen. Doch bleibt offen, ob das immer der Fall ist. Es kommt auch darauf an, was man unter einer Folgerung verstehen will.
• Durchgehend vermengt Harman internalistische und externalistische Wissenspositionen oder macht nicht klar, wo er welche Position einnimmt. Er weiß natürlich, dass es darauf ankommt:"... reasons for believing something must not be confused with reasons for which one believes" (S. 26). Das trifft die vermisste extern – intern Unterscheidung.
• Harman: "There is no reason to suppose that similar neurophysiological processes in different people underlie similar mental prosessesâ", S. 39-40. Damit hängt ich Harman zu weit aus dem Fenster, meine ich. Der gemeinsame evolutive Ursprung, die bisher festgestellten Funktionen des Hirns, der Prozess der Ontogenese, das alles lässt vermuten, dass doch starke Ähnlichkeiten, wenn nicht Übereinstimmungen bestehen.
• Eine Unterscheidung analytisch / synthetisch Sätze mag nicht immer gerechtfertigt sein. Doch Harmans Beispiele vermochten mich nicht immer zu überzeugen.
Sein Beispiel "women are female" wäre so ein analytischer Satz, der es doch nicht ist. Man stellte bei einer Frauen-Olympiagewinnerin zuviele Y-Chromosomen fest: sie war nicht weiblich. IMO spricht das nicht gegen den analytischen Satz. Die gute Person war halt keine Frau und damit auch nicht weiblich. Putnams Katzenbeispiel ist gegen den analytischen Satz "Katzen sind Tiere" gerichtet. Man stellt fest, dass Katzen Plastikdinger sind und von einem anderen Stern aus kontrolliert werden. IMO waren es dann eben keine Katzen. Es spricht nicht gegen den analytischen Satz "Katzen sind Tiere".
Zuletzt: man kann etwas als wahr festlegen, z.B. USA =def. United States of America. Für diejenigen, die die richtige Definition benutzen, ist das analytisch.
• Die Abgliederung eines propositionalen Zustands, wie sie Harman im 4. Kapitel "Thought and Meaning" vertritt, ist nicht so einfach. Von "Ich hoffe (P & Q) kann nicht zu "Ich hoffe P" übergegangen werden. Beispiel: P: "Ich werde sehr alt", Q: "Ich bleibe gesund".
• Zum Prinzip Q stellt sich die Frage: gibt es nicht immer "undermining evidence", die man nicht hat? Harman schränkt es dann auf "relevant evidence" (S. 152) ein. Den drohenden Infiniten Regress will er so beherrschen: "... we do not first have to infer that there is no undermining evidence to h and only then infer h" (S. 153). Nachlesen! Die Explikation würde hier zu weit führen.
• Einen weiteren Kritikpunkt beantwortet Harman selbst.
Das Prinzip P sagt, dass zum Wissenserwerb keine falsche Folgerung beteiligt sein darf. Wenn nun immer die Gesamtsicht aller Überzeugungen zugrunde gelegt wird, müssten diese Überzeugungen und auch das dann entstehende neue Überzeugungssystem wahr sein. Das scheint absurd. Man kann etwas wissen, auch wenn (einzelne) Überzeugungen falsch sind. Das gilt auch für die Prämissen: auch wenn Prämissen falsch sind, kann trotzdem aus einigen wahren Prämissen etwas Wahres gefolgert werden. Harman meint: "The key to the solution of these problems is to take an inference to be a change that can be described simply by mentioning what beliefs are given up and what new beliefs are added (in addition to the belief that there is no undermining evidence to the conclusion)" (S. 169).
Letzte Kritik: in einem Buch Thought taucht Frege weder im Literaturverzeichnis noch im Index auf!?
Harmans Thought gibt viele wertvolle Anregungen zum Nachdenken. Einiges wird man nach über dreissig Jahren nach dem Erscheinen 1973 anders beurteilen. Lohnend ist die Lektüre auf alle Fälle.
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Links
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Literatur
Annis, David B. (1976): "Thought by Gilbert Harman". Philosophia 6.2, S. 345-349.
Campbell, Richmond (1981): "Can Inconsistency be Reasonable?" Canadian Journal of Philosophy 11.2. S. 245-70.
Gettier, Edmond (1963): "Is Justified True Belief Knowledge?" Analysis 23. S. 121-123
Sosa, Ernest (1977): "Thought, Inference, and Knowledge: Gilbert Harman's Thought". Nous 11.4. S. 421-30.
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harman harmanGilbert Harman: Thought. Princeton: Princeton UP, 1973. Gebunden, 199 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.12.2007