| Gilbert Harman: Change in View. Principles
of Reasoning Cambridge, Mass.: The MIT Press, 1986. 147 Seiten |
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| Überzeugungen sind nicht statisch, sondern werden geändert, besonders dann, wenn neue Belege auftauchen oder neue Überzeugungen zur Diskussion stehen. Ebenso unterliegen Absichten und Wünsche der Änderung. Das kann zu anderen Handlungen führen. Beide Änderungsmechanismen spürt Gilbert Harman in Change in View nach. | ||||||||||||||||
| Für ihn ist vernünftiges
Denken und Überlegen (reasoning) in erster Linie Revision der
Überzeugungen. Er grenzt seinen Begriff von reasoning ganz
klar (IMO zu scharf) vom logischen Beweisen ab. Er geht so weit, zu sagen,
Logik ist für das reasoning nicht specially
relevant. Dem widerspricht (nicht nur) Knorpp (siehe
Wenn man das logische Beweisen auch zum reasoning nimmt (was Harman anscheinend nicht macht), kann sich die folgende Einteilung ergeben.
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| Harman unterscheidet (anders als andere
Autoren) theoretische Überlegungen (betrifft die Überzeugungen) und
praktische (betrifft in erster Linie die Absichten). Harman beschränkt
sich auf das überlegte Denken (der Einfachheit ab jetzt:
Folgern) menschlicher Subjekte: die künstlichen Agenten
behandelt er nicht. Dafür diskutiert er zu verwendene Prinzipien, von denen ich einige herausziehe, wobei ich den Schwerpunkt auf Inkonsistenzen und das Lotterieparadox lege. Das Geschlossenheitsprinzip für die logische Implikation ist für das Folgern nicht anwendbar (ich würde meinen: nicht immer). Clutter Avoidance: man sollte sich nicht mit trivialen Folgerungen belasten. Allgemein impliziert jede Überzeugung: diese Überzeugung oder eine beliebige andere. Folgt man dem, hätte man unendlich viele triviale Überzeugungen. |
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| One may find oneself with inconsistent beliefs and not have the time or ability to trace the sources of the inconsistency [...]. In that event, it is rational simply to retain the contradictory beliefs, trying not to exploit the inconsistency (S. 17). | ||||||||||||||||
| Harman schwächt diese Prinzipien
zu den folgenen Aussagen ab; wobei er hier selbst nicht scharf logischen
Argumentieren und Folgerungen unterscheidet. Wenn P aus den Überzeugungen eines Subjekts logisch impliziert wird, ist dies ein Grund von P überzeugt zu sein (ich interpretiere: ein Grund, der nicht unbedingt hinreichend ist). Wenn man erkennt, dass die eigenen Überzeugungen inkonsistent sind so ist das ein Grund dies zu vermeiden (ich interpretiere: ein Grund, der nicht unbedingt hinreichend ist). Nicht klar ist auch, wie das schwache Inkonsistenz-Prinzip auf bereits bestehende Überzeugungen anzuwenden ist. Vermutlich: Es ist dies ein Grund die Überzeugungen zu überprüfen und möglichst die Inkonsistenz zu beseitigen. Harman erkennt zwar an, dass Überzeugungen den degrees of belief unterliegen, allerdings verlangen die menschlichen Beschränktheiten anderes. |
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| Reasoning is subject to constraints of feasibility and practicability. So the principles of reasoning are principles for revising all-or-nothing yes/no beliefs and plans; it is too complicated to try to operate generally with degrees of belief or probabilities. To be sure, there are degrees of belief: Belief is explicitly a matter of degree when one has an explicit belief about probability of something; belief is more usaully implicitly a matter of degree given one's all-or-nothing yes/no beliefs and the principles followed in revising such beliefs. But we could not always operate in terms of explicit probabilities. In particula, the use of probabilistic conditionalization as a method of updating one's degrees of belief is severely limited by a combinatorial explosion in resources needed (S. 115). | ||||||||||||||||
| Bezüglich der Rechtfertigung bzw. Begründung von
Überzeugungen verfolgt Harman eine kohärentistische
Position (keine fundamentalistische). Darauf möchte ich hier nicht weiter
eingehen. Bezüglich der Revision von
Überzeugungen stellt Harman einige plausible Prinzipien auf.
Prinzip des Konservatismus Man kann eine akzeptierte Überzeugung behalten, solange kein spezieller Grund dagegen spricht. Dieses wird besonders für Überzeugungen deutlich, die man irgendwann überlegt und begründet hat, von denen man aber nicht mehr weiß, wie sie zustande kamen. So kann jemand nicht mehr beweisen, dass die Wurzel aus 2 eine irrationale Zahl ist; irgendwann in der Schule wurde dieser Beweis vorgeführt, kapiert und die entsprechende Überzeugung gewonnen. Trotzdem diese Begründung nicht mehr vorhanden ist (auch nicht unbewußt) kann man die Überzeugung behalten. Prinzip der Minimierung Die Anzahl der Änderungen am Überzeugungssystem bei der Aufnahme einer neuen Überzeugung ist minimal zu halten. Die für Überzeugungen herausgearbeiteten Prinzipien wendet Harman im zweiten Teil des Werks in seiner Art von praktischer Folgerung auch auf Absichten an. Darauf gehe ich hier nicht weiter ein. Diese Art der Folgerung führt bei den gewählten Aktionen oft auch zu Nebeneffekten und zunächst nicht beabsichtigten Folgen. Man denke nur im Krieg an die berüchtigten Kollateralschäden. Üblicherweise sagt man: Ich mache A, damit Z. Den Nebeneffekt N und die Folge F nehme ich in Kauf (egal ob man N und F gut heißt). Harmn vertritt die Position, dass N und F auch beabsichtigt sind: man kann sie nicht so leicht abtun. Dieser Teil seiner Ausführungen leuchtet mir nicht ein. Insbesondere kam nicht heraus, wie er dabei das ebenfalls beabsichtigt gegenüber in Kauf nehmen versteht. |
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| Lotterieparadox Zum Lotterieparadox nimmt Harman in Change in View eine merkwürdig unabgeschlossene Position ein. Er leitet seine Stellungnahme zum Lotterieparadox ein mit: "There is no actual contradiction here. To say one can infer this ["that ticket won't be the winning ticket", H.H.] of any ticket is not to say one can infer it of all" (S. 71). Soweit kann man zustimmen. Doch dann expliziert er den mittleren Ansatz aus Thought, den er dort verworfen hat. Bei jedem betrachteten Los ändert sich die Wahrscheinlichkeit. Beim vorletzten Los stehen die Nieten-Chancen 1 zu 1 und das letzte muss das Gewinnlos sein; diesen Schritt vollzieht Harman nicht mehr; er ist auch zu absurd. Er gibt zum vorletzten Los in Klammern an: "(Presumably one would have to have stopped before this point.)" Anschließend führt er noch aus, dass die Reihenfolge, in der man die Lose beurteilt eine Rolle spielt. Der Total View-Ansatz in Thought von 1973 überzeugte mich dazu mehr. |
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| Change in View gibt Harmans Sicht zu den Prinzipien des Folgerns und der Revision von Überzeugungen. Er gibt viele Einsichten in die dabei zu bewältigenden Probleme und gibt Prinzipien an, sie zu meistern. Trotzdem er löblicherweise zu jedem Kapitel und dann nochmals am Ende des Buches eine Zusammenfassung gibt, bleibt das Thema insgesamt nur angerissen. | ||||||||||||||||
| Links | ||||||||||||||||
| Gilbert Harman:
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| Gilbert Harman:
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| Literatur | ||||||||||||||||
| Fallis, Don (2005): "Epistemic Value
Theory and Judgment Aggregation". Episteme 2.1. S. 39-55.
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| Hookway, Christopher (1989): "Change in View: Principles of Reasoning by Gilbert Harman". The Philosophical Quarterly 39.155. S. 242-245. | ||||||||||||||||
| Johnson, Ralp H.(1988): "Critical Notice of Gilbert Harman, »Change in View: Principles of Reasoning« (Book Review)." Canadian Journal of Philosophy 18:1. S. 163-78. | ||||||||||||||||
| Knorpp, William Max (1997): "The Relevance of Logic to Reasoning and Belief Revision: Harman on »Change in View«". Pacific Philosophical Quarterly 78.1. S. 78-92. | ||||||||||||||||
| Streumer, Bart (2007): "Inferential and Non-Inferential Reasoning". Philosophy and Phenomenological Research 74.1, 1-29. | ||||||||||||||||
| Streumer, Bart (2007): "Reasons and Entailment". Erkenntnis 66.3. S. 353-374. | ||||||||||||||||
| White, Roger (2007): "Epistemic Subjectivism". Episteme: A Journal of Social Epistemology 4.1. S. 115-129. |
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| Gilbert Harman, Sanjeev Kulkarni:
Reliable Reasoning: Induction and Statistical Learning Theory. Bradford
Books 2007. Gebunden, 114 Seiten
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