| Gerhard Ernst: Einführung in die
Erkenntnistheorie Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007. Broschiert, 167 Seiten |
| Die Reihe
"Einführung Philosophie" der WBG Darmstadt zeichnet sich durch ein
einheitliches, klares Konzept aus. Dazu gehören kapitelweise
Zusammenfassungen, Literaturhinweise, Übungen und Fragen, sowie
Randstichwörter. All dies machen sie zu Einarbeitungs- und
Nachschlagwerken. Diese übersichtliche, leserfreundliche Strukturierung liegt auch dem vorliegenden Band zur Erkenntnistheorie zugrunde. |
| Schon die Einleitung profitiert von der didaktischen Herangehensweise. Der Autor stellt die zwei Grundfragen der Erkenntnistheorie und ordnet die philosophische Erkenntnistheorie in den Kanon der Wissenschaften ein. |
| Der kurze Blick in die Geschichte (S. 10-11) gibt den Schwerpunkt auf die zeitgenössische Erkenntnistheorie vor. Zurecht, zur Historie dieser Disziplin gibt es genügend Werke. Das schließt kurze geschichtliche Exkurse im weiteren Text nicht aus. |
| Die zwei
Grundfragen der Erkenntnistheorie Was können wir wissen? Was ist Wissen? geben die Richtschnur für das gesamte Buch. Dass diese Konzentration auf die beiden Grundfragen keine Verengung für den Lesenden bedeutet, wird sich im Laufe der Lektüre zeigen. Das Ziel, dem Leser einen systematischen Überblick der Probleme und Positionen der heutigen Erkenntnistheorie zu geben, und die Zusammenhänge der einzelnen Probleme und Positionen zu zeigen, wird voll erfüllt. |
| Was können wir wissen? |
| Der Skeptizismus zerfällt wiederum
in zwei wesentliche Angriffsstrategien: Cartesische Skepsis, der alternativen Szenarien Agrippinische Skepsis bezüglich des Begründungsproblems. Unabhängig davon welche Strategie der Skeptiker vertritt: er ist enorm lästig, da kaum widerlegbar, wir aber andrerseits intuitiv davon ausgehen, einiges zu wissen. Die eigentliche Antwort auf den Skeptiker folgt im vorletzten Kapitel. Ganz gerafft: Zweifel müssen, um begründet zu sein, selbst begründet sein (S. 144); der Skeptiker bietet keine konsistente Alternative an (S. 147). |
| Was ist Wissen? |
| Bevor Ernst diese Fragen angeht
erläutert er die grundlegenden Ansätze und Methoden. Das ist extrem
wichtig, da sonst nur geschwafelt würde. Ab Kapitel 4 geht es zur
Detailarbeit zu Wissen, Wahrheit, Überzeugung und Rechtfertigung. Dabei
kommen alle gängigen Positionen unter die Lupe. Um die Beantwortung der Frage "Was ist Wissen?" wird noch diskutiert. Ernst zeigt zu allen Antworten Vor- und Nachteile auf. Dem Studierenden hilft, dass einzelne Problematiken hervorgehoben und prägnant benannt werden, z.B. "Allgemeinheitsproblem", "Relevanzproblem". |
| Die Darlegung der
kniffligen Unterscheidung zwischen subjektabhängigen Kontextfaktoren und
zuschreiberabhängigen Kontextfaktoren (S. 123) erscheint mir nicht ganz
gelungen. Die Aussage von zuschreiberabhängigen Kontextfaktoren,
also von der Situation desjenigen, der diesen Satz äußert ist
zumindest verwirrend, da man mit der Situation desjenigen, der den Satz
äußert, gerade die subjektabhängigen Kontextfaktoren verbindet.
In der Diskussion von David Lewis führt dieser einen subjektunabhängigen Faktor ein (S. 126). |
| Ernst bringt immer wieder eingestreute
Literaturhinweise, die dann noch spezifischer sind, als die kapitelweisen
Literaturangaben; bestens zum Weiterstudium anregend. Zudem erläutert der Autor die Vorteile und die Lücken der jeweiligen Positionen an einsichtigen Beispielen. Sie halten den Leser bei der Stange. Die dahinterliegenden Fragestellungen bleiben immer präsent. Manchmal fallen die Angaben zu den Beispielen knapp aus, da heisst es konzentriert mitdenken. Auch vermeintliche Widersprüche lösen sich bei genauem Lesen auf. So dominiert laut Ernst in der Erkenntnistheorie der aprioristische Ansatz (S. 36), aber es bekennen sich viele Philosophen eher zur naturalistischen Vorgehensweise, denn zu aprioristischen (S. 39). Erkenntnistheoriker und Philosophen sind zwei verschiedene Mengen. |
| Da es zu Fehlinterpretationen im deutschen Sprachraum führt, stört mich die Übersetzung von evidence aus dem Englischen ins Deutsche als Evidenz (z.B. S. 75, 92, 116, 125). Während evidence im angelsächsischen Sprachraum schon der kleinste Beleg ist (das Taschentuch Desdemonas in Cassios Händen ist ein Beleg für deren Untreue), ist Evidenz das jedem unmittelbar Einsichtige. Das Taschentuch ist zwar evidence, aber die Untreue ist damit nicht evident; kann es ja auch nicht sein, da Desdemona (soweit man weiß) nicht untreu war. |
| In Gerhard Ernst: Einführung in die Erkenntnistheorie treffen sich die umfassende Sachkenntnis des Autors, die durch umfangreiche Lehrtätigkeit studentenfest gezurrt wurde, mit einem didaktisch hervorragenden Reihenkonzept. Der ernsthafte Leser erhält einen umfassenden Einblick in den neuesten Diskussionsstand und kann nun so eine Vertiefung gewünscht ist -in einzelne Positionen gut gerüstet einsteigen. Von einer Einführung darf man keine Spezialmonografie erwarten. |
| Als Antwort auf die Frage: Welches Einführungsbuch in die Erkenntnistheorie kaufe ich? muss dieses Buch ganz weit oben stehen. |
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