Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Montmarquet
James A. Montmarquet: Epistemic Virtue and Doxastic Responsibility
Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield, 1993. Gebunden, 152 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Wer meint, dass man Überzeugungen unwillkürlich erwirbt, steht vor dem Problem, wie man jemand für seine Überzeugungen und seine darauf begründeten Aktionen verantwortlich machen kann.
Wenn ich klar und deutlich einen Baum sehe, glaube ich, dass dort ein Baum steht. Ich kann mich willentlich nicht des Urteils enthalten oder mir gar das Gegenteil einreden.
Diese Unwillkürlichkeit – zumindest im direkten Sinne – ist Hauptmeinung unter Erkenntnistheoretikern. James Montmarquet will in Epistemic Virtue and Doxastic Responsibility zeigen, dass wir uns die Überzeugungen zumeist in einem direkten Sinne willentlich aneignen. Die Verantwortlichkeit dafür steht für ihn dann ausser Frage.
James Montmarquet stellt dazu die folgenden Thesen auf
1) Moralische Verantwortlichkeit für unsere Taten ist oft – jedoch keinesfalls immer – abhängig von epistemischer Verantwortlichkeit für unsere Überzeugungen
2) Epistemische Verantwortlichkeit ist typischerweise direkt – obwohl nicht völlig. Es ist im Allgemeinen nicht nur abgeleitet (indirekt) von der Handlungsverantwortlichkeit.
3) Die epistemische Verantwortlichkeit basiert auf unserer Kontrollfähigkeit der epistemischen Tugenden und Laster.
4) Die Ausübung dieser Kontrolle über die Überzeugungsgewinnung und - aufrechthaltung besteht in einem direkten Einfluss auf diese Überzeugungen (S. vii-viii).
Es gelang dem Autor nicht, mich von diesen Thesen zu überzeugen. Deshalb erfolgt hier keine stringente Paraphrasierung des Buchtextes, sondern ausgewählte Thesen und Überlegungen des Autors, die mir wichtig erscheinen.
Eine Hauptstrategie des Autors ist es, die epistemische Verantwortung analog zur handlungsmässigen (moralischen) Verantwortung zu führen. Wenn wir jemand für seine Handlungen verantwortlich machen (von denen er überzeugt ist, dass sie in Ordnung waren; Montmarquet nimmt als Beispiel öfters Adolf Hitler), dann
a) können wir zeigen, dass er für seine (falschen) Überzeugungen, aus denen die Handlungen folgten, verantwortlich ist und
b) dass er Fehler machte, als er diese Überzeugungen erwarb. (Hier ist unklar: meint Montmarquet a) plus b) oder a) oder b).) Die Frage ist jedoch nicht (wie Montmarquet meint): was bleibt uns übrig, wenn wir dem Subjekt die epistemische Schuldhaftigkeit absprechen? (S. 3) denn die meisten gestehen eine indirekte Verantwortlichkeit wohl zu.
Gerade gegen diese Ansicht (epistemische Verantwortlichkeit ist zumeist abgeleitet) will Montmarquet antreten (S. 8). Überzeugungen begründen auf fehlerhafte Überzeugungen und diese oft wieder auf Charakterschwächen (Schlampigkeit; Sturheit; verengter Horizont; etc.) (S. 13). Handlungen hängen vom Charakter eines Subjekts ab; Überzeugungen hängen ebenfalls vom persönlichen Charakter ab (S. 14).
Montmarquet hat recht: wir machen einen Agenten für die Handlungen verantwortlich (nicht für seinen Charakter). Zurecht überträgt dies Montmarquet auf Überzeugungen. Das ändert aber nichts daran: diese Überzeugungen sind aufgrund der Charakterzüge, also abgeleitet, schuldhaft.
Die epistemische Tugend ist an Wahrheit gebunden. Allerdings: wir würden jemand auch für epistemisch voll tugendhaft halten, wenn der Skeptiker recht hätte (alternatives Szenario trifft zu). Also kann Wahrheit nicht der entscheidende Punkt sein.
Anmerkung: vielleicht doch: Wahrheit verstanden als Wahrheit innerhalb meines Systems.
Doch Montmarquet gibt noch ein Argument um Wahrheit als Hauptziel (einziges Ziel) zu entkräften: wie würden wir die epistemische Tugend von Aristoteles, Ptolemäus, Albertus Magnus, Galileo, Newton und Einstein einstufen? (S. 21) Schon allein wegen Aristoteles wird man festhalten: das bloße Haben von vielen wahren Überzeugungen und wenig falschen kann nicht das höchste Ziel des Intellektuellen sein (Aristoteles hätte ansonsten auf der ganzen Linie versagt). Kornblith verlagert dazu von der Wahrheit auf das Verlangen nach Wahrheit: „We have to measure the epistemic responsibility of agents by the extent to which they are regulated by a desire for the truth“ (Montmarquet, S. 21 zitiert Kornblith 1985, S. 272. In der späteren Buchausgabe heißt es: „We must measure the epistemic responsibility of various acts by the extent to which they are regulated by a desire for the truth, not by the extent to which they are regulated by a desire to achieve epistemic integration“, Kornblith 2000, S.48).
Montmarquets Vorgehen: er behandelt oft moralische Fragen und Verantwortlichkeit für Handlungen. Die Übertragung auf Überzeugungen und vor allem sein kniffligstes Vorhaben: Widerlegung der These: „Epistemische Verantwortlichkeit ist fast immer abgeleitet“ ist nicht klar. Zwischen „Epistemische Verantwortlichkeit ist immer abgeleitet“ und „Epistemische Verantwortlichkeit ist nie oder selten abgeleitet“ besteht eine riesige Bandbreite.
Epistemische Tugenden (S. 23 ff)
Unparteilichkeit – intellektuelle Gelassenheit – intellektueller Mut – offener Geist
Zum offenen Geist ("openmindedness") skizziert Montmarquet ein "principle of charity":
„The open-minded person must tend to see others' ideas as having at least a certain initial plausibility“ (S. 24). Unterwegs schwächt Montmarquet sein Vorhaben gelegentlich ab. So will er zeigen, dass Subjekte oftmals verantwortlich dafür sind, sich epistemisch tugendhaft zu verhalten, zumindest sind sie es zu einem vernünftigen Masse (S. 28). Dagegen hat – denke ich – niemand was.
Direkte doxastische Verantwortlichkeit (S. 44ff)
Montmarquet differenziert den Einfluss auf die Modalität die Gewinnung und – erhaltung bestimmter Überzeugungen (direkt) und allgemeiner Einfluss auf Überzeugungsgewinnung und – erhaltung (S. 45):
• nicht so schlampig zu denken, • Belege gründlicher zu bedenken, usw. (indirekt)
Seine These lautet jedoch: doxastische Verantwortlichkeit ist typischerweise direkt und nicht vollständig.
„... there is no claim here that the existence (or occurrence) of a given belief is itself subject to one's control. In a given case I may be unable to control whether I hold a given belief, even if it is within my power whether I believe this item virtuously or not“. (S. 47).
Hier – wie anderswo – beruft sich Montmarquet auf die Analogie zur Ethik. Wenn man in einem bestimmten Fall ethisch verantwortlich gemacht werden kann, so kann man es auch bei Überzeugungen. Der Wechsel des Sachinhalts tut da wenig zur Sache (S. 50). Und die Umkehrung: Wenn ich für x-en verantwortlich gemacht und sogar strafbar verantwortlich bin, dann muss ich vorher in der Lage sein x-en zu vermeiden. Prinzip: Sollen impliziert Können (S. 51, rezension Links).
Doch an anderer Stelle scheint Montmarquet wieder einer indirekten Beeinflussung das Wort zu reden: „... typically, if I were going to be criticized for rejecting p, this criticism would point to something defective eiter in my evaluation of the evidence–perhaps some logical error, perhaps someting wrong with the frame of mind in which I conducted this evaluation process. Typically, the criticism would not be simply that I had failed to accept p.“ (S. 53) – „...being »epistemically virtuous,« ... like being »morally virtuous,« is not subject to our immediate control; one can only try (i.e. apply some reasonable level of effort).“ (S. 60)
Verantwortlichkeit betrifft so gesehen mehr den Versuch, epistemisch verantwortlich zu überlegen als das Resultat. Die epistemische Aufmerksamkeit muss den Umständen und den zu erwarteten Resultaten angemessen sein. „... our doxastic responsibility is fundamentally a matter of having the right (epistemically virtuous) attitude.“ (S. 71).
Vergleich Epistemologie – Ethik
Die Überzeugungen müssen sich der Welt anpassen (damit sie wahr sind), während Taten gerade die Welt verändern wollen; sie sind nicht in gleicher Weise gebunden. Für Überzeugungen gibt es nur eine Kontrolle: Wahrheit; für Taten gibt es viele: Moral, Bescheidenheit, langfristige Ziele, ... (S. 80).
Unterscheidung zwischen schwacher und starker Willentlichkeit von Überzeugungen
• schwache Willentlichkeit
Eine Überzeugung ist schwach willentlich in dem Ausmass, wie die Umstände epistemisch verantwortliche Überzeugungsbildung erlauben aber nicht erzwingen, und wäre der Agent nicht epistemisch verantwortlich vorgegangen, dann wäre die Überzeugung nicht geformt worden oder nicht mit demselben Überzeugungsgrad. (S. 83)
• starke Willentlichkeit
Eine Überzeugung ist stark willentlich, nur wenn sie aus einer Überlegung resultiert, diese Überzeugung zu haben und sich der Agent bewusst ist über diese Überlegung und ihren Auswirkungen auf seine Überzeugungen (S. 88).
Akzeptanz, Zustimmung und Überzeugung (S. 90ff)
Montmarquet will zeigen, dass Überzeugungen der Verantwortlichkeit unterliegen und der epistemischen Einschätzung (S. 90). Nichts dagegen.
Man kann einer Überzeugung zustimmen um der Wahrheit willen, aber nicht von ihr überzeugt sein. Beispiel: man wird mit lupenreinen Beweisen für die Lösung des Monty- Hall-Problems zugeschüttet und akzeptiert sie. Aber man ist „im Innersten“ nicht davon überzeugt, weil es einer starken Intuition widerspricht. Akzeptanz ist willentlich, Überzeugung nicht. Dies ist ein Punkt, den auch Jonathan Cohen stark vertritt.
Appendix 1: Descartes and Doxastic Freedom
Im ersten Anhang versucht Montmarquet zu klären, inwieweit René Descartes ein doxastischer Voluntarist war. Nach allem, was man aus Descartes Meditationen und den Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft lesen kann, war er es.
Zwar überzeugt das Hauptargument aus Epistemic Virtue and Doxastic Responsibility, dass man für seine Überzeugungen verantwortlich sei. Doch ich erkannte nicht, warum diese Verantwortlichkeit nicht – zumeist – indirekt (die auch Montmarquet ausführlich diskutiert) gegeben ist..
Links
Virtue epistemology
  Jason S. Baehr (2006): "Virtue Epistemology". Internet Encyclopedia of Philosophy Montmarquetonline
  John Greco (2004): "Virtue Epistemology". Stanford Encyclopedia of Philosophy Montmarquetonline
  MontmarquetWikipedia, the free encyclopedia

rezension Sollen impliziert Können
Literatur
Audi, Robert (2001): „Doxastic Voluntarism and the Ethics of Belief“. In: Steup, Matthias, Hg. (2001): Knowledge, Truth, and Duty. Essays on Epistemic Justification, Responsibility, and Virtue. Oxford: UP.
Cohen, L. Jonathan (1992): Essay on Belief and Acceptance. Oxford: Oxford UP.
Kornblith, Hilary (2000): „Ever Since Descartes“. In: Guy Axtell, Hg.: Knowledge, Belief, and Character. Readings in Virtue Epistemology. Lanham: Rowman & Littlefield. S. 41-52. Original in The Monist 68:2 (1985). S. 364-376.
Kvanvig, Jonathan L. (1996): "Review: Epistemic Virtue and Doxastic Responsibility by James Montmarquet". Philosophy and Phenomenological Research 56:4, S. 970-973.
Montmarquet, James (1986): "The Voluntariness of Belief". Analysis 46:1, S. 49-53.
Montmarquet, James A. (1987): "Justification: Ethical and Epistemic". Metaphilosophy 18:3-4, S. 186-199.
Montmarquet, James A. (2000): "An »Internalist« Conception of Epistemic Virtue". In: Guy Axtell, Hg.: Knowledge, Belief, and Character. Readings in Virtue Epistemology. Lanham: Rowman & Littlefield. S. 135-147.
Montmarquet, James (2008): "Virtue and voluntarism". Synthese 161, S. 393-402.
Moser, Paul: (2002): The Oxford Handbook of Epistemology. Oxford: Oxford University Press.
Pappas, George S. (1999): "Book Reviews: James A. Montmarquet: Epistemic Virtue and Doxastic Responsibility". Mind 108:431. S. 596-598.
Steup, Matthias (2008): "Doxastic freedom". Synthese 161, S. 375-392.
Bei Amazon nachschauen  
Montmarquet MontmarquetJames A. Montmarquet: Epistemic Virtue and Doxastic Responsibility. Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield, 1993. Gebunden, 152 Seiten
rezension Anfang

Montmarquet
Email  zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.12.2009