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Grundmann
Thomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie
Berlin: Gruyter, 2008. 608 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Noch eine Einführung in die Erkenntnistheorie? Vor wenigen Jahren sah es da im deutschsprachigen Raum nicht so rosig aus, doch dann legten Peter Baumann: Erkenntnistheorie, Gerhard Ernst: Einführung in die Erkenntnistheorie und zuletzt Herbert Schnädelbach: Erkenntnistheorie zur Einführung gleich drei Messlatten recht hoch. Zwei Umstände ließen mich doch zusätzlich auch diese Einführung lesen: Grundmann legte schon das exzellente Der Wahrheit auf der Spur vor (2003) und das neue Einführungswerk verheißt mit über 600 Seiten einen gründlichlicheren Gang durch diese philosophische Disziplin als die schmaleren Vorgängerwerke.
Das Buch gliedert sich in 1 Einführung, 2 Wahrheit, 3 Wissen, 4 Erkenntnistheoretische Rechtfertigung, 5 Die Struktur der Rechtfertigung, 6 Skeptizismus, 7 Quellen des Wissens, 8 Naturalistische Erkenntnistheorie.
Im Einführungskapitel bietet Grundmann so en passant eine gedrängte Einführung in die philosophischen Disziplinen und die Philosophiegeschichte. Da die Wahrheit das Ziel aller Erkenntnisbemühungen ist wird diese Grundlage im zweiten Kapitel erörtert. Trotzdem der Autor nie auch den allerneuesten Diskussionen zum Thema ausweicht diskutiert er die vielfältigen Positionen zum Wissensbegriff nach Gettier zwar sehr eingehend, lässt es aber nicht ausufern. Das Wissenskapitel wird durch eine erhellende Methodenkritik (S. 180ff) übergeleitet zu den sicheren Gründen. Einen Schwerpunkt legt der Autor auf die Rechtfertigung und Begründung der Wissensansprüche. Er behandelt sie in zwei Kapiteln. Gewissheit in der Nachfolge Descartes' lehnt Grundmann dafür ab: sie hätte einen weitreichenden Skeptizismus zur Folge; unser gebräuchlicher Wissensgebrauch wäre obsolet. Doch auch mit den zwingenden Gründen eines Dretske kann sich der Autor nicht anfreunden. Letztlich müßte er – wie Dretske – das Geschlossenheitsprinzip für Wissen unter gewusster logischer Implikation aufgeben. (Nebenbei: gerade wollte ich das Geschlossenheitsprinzip für Wissen mit dem für Rechtfertigung vergleichen und fand prompt die entsprechenden Einträge im Index; sehr gut! Ich habe nur wenige Einträge für mich selbst im Index ergänzt.) Stattdessen baut Grundmann auf sicheren Gründen mit einer Möglichen- Welt-Semantik auf. Der problematische Schlupf bei vielen anderen Rechtfertigungskonzepten, der zwischen absoluter Gewissheit und falliblen Gründen entsteht, entfällt so. Allerdings holt man sich eine Vagheit durch die Trennung zwischen nahen und weiter weg liegenden und noch weiter entfernten Welten wieder herein. Da man meist nur von nahen und ganz weit weg liegenden Welten redet, tritt diese Grauzone nicht so offen zutage. Zumindest sehe ich nicht den grossen Unterschied zum Konzept der relevanten Alternativen.
Grundmann versteht es ausgezeichnet Fragen und Begriffe zwar gründlich zu diskutieren und zu klären, er geht aber doch nicht jeder möglichen Verästelung der Positionen nach, so dass man nie den Überblick verliert. Sehr angenehm für den Leser ist es, dass der Autor Begriffe und Argument nicht nur einmal ausführlich diskutiert, sondern gelegentlich auch knapp wiederholt. Auch die Anhänge (Literaturverzeichnis, Glossar und Sach- und Namensregister) sind sehr hilfreich bei der Lektüre. Die Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie ist zudem gut geeignet für die Übersetzung zentraler englische Begriffe. Oft werden sie von den Autoren nur ins Deutsche übernommen (bei Grundmann dann, wenn es sich eingebürgert hat, wie beim Reliabilismus; und sogar da schlägt er einen deutschen Begriff vor: „Zuverlässigkeitstheorien“, S. 127). Grundmann bemüht sich um deutsche Begriffe, wie das Zitattilgungsschema (S. 40) für die „disquotational theory of truth“. Da besonderes „evidence“ in der Auseinandersetzung mit Kreationisten und ID-lern oft falsch mit „Evidenz“ übersetzt wird, freute mich, dass Grundmann Williamsons „evidence“ passend mit „Grund“ übersetzt. Sehr wohl!
Das vom Verlag verwendete Silbentrennprogramm war wohl nicht auf „deutsch“ eingestellt. Das stört aber nicht. – Bei den Literaturhinweisen fehlt bei mehreren Publikationen von Alston und des Autors selbst in einem Jahr oft der unterscheidende Buchstabe. Die Seitenzahl hilft oft weiter.
Wer einen schnellen Einstieg in die moderne Erkenntnistheorie haben will ist mit den Werken von Baumann und Ernst (das neueste von Schnädelbach kenne ich nicht) gut bedient. Wer eine möglichst gründliche Einführung durcharbeiten will hat in deutscher Sprache keine Wahl mehr: er muss zum Grundmann greifen (dem Buch natürlich).
Links
GrundmannThomas Grundmann, Professor am Philosophischen Seminar der Universität Köln
GrundmannThomas Grundmann (Wikipedia)
Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie: Grundmannde GruyterGrundmannphilo-sophos
GrundmannGesamtes Inhaltsverzeichnis (pdf)
Grundmann Grundmann, Thomas: Der Wahrheit auf der Spur. Eine Verteidigung des erkenntnistheoretischen Externalismus
GrundmannEva-Maria Jung: "Wissen und Praxis – Zur aktuellen Debatte um den Wissensbegriff in der Erkenntnistheorie" (pdf)
Besprechung vergleichbarer Werke
  Grundmann Peter Baumann: Erkenntnistheorie. Lehrbuch Philosophie
  Grundmann Gerhard Ernst: Einführung in die Erkenntnistheorie
  Grundmann Gerhard Ernst: Das Problem des Wissens
  Grundmann Richard Feldman: Epistemology
  Grundmann Gottfried Gabriel: Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Von Descartes zu Wittgenstein
  Grundmann Keith Lehrer: Theory of Knowledge
Literatur
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grundmann GrundmannThomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie. Berlin: Gruyter, 2008. 608 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.2.2009