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Christensen
David Christensen: Putting Logic in its Place. Formal Constraints on Rational Belief
Oxford: Clarendon, 2004. Gebunden, 200 Seiten – Christensen LinksChristensen Literatur
Logik spielt eine wichtige Rolle für rationale Überzeugungen, doch – so meint Christensen – ihre Rolle ist eine ganz andere als angenommen (S. vii).
Christensen geht von zwei Sichtweisen zu Glaubensaussagen aus: ja/nein Überzeugungen und mehr oder weniger fein abgestufte Glaubensgrade.
Seine Hauptthese ist: Logik begrenzt die ideale Rationalität durch die probabilistischen Bedingungen auf Glaubensgrade (S. 150). Dabei verkennt der Autor nicht, dass auch ja/nein Überzeugungen eine wichtige Rolle spielen.
Das Werk bietet eine Fülle von Argumenten und Nebenthesen. Zwei wichtige Erkenntnisse für jede epistemische Rationalität greife ich heraus:
  • wahre Überzeugungen können irrational sein,
  • rationale Überzeugungen können falsch sein: Inwieweit Christensen damit einen Fallibilismus vertritt wird nicht so klar, da er die Rolle der ja/nein Überzeugungen im Unklaren läßt.
Gliederung
1 Logic and Rational Belief
2 Two Models of Belief
3 Deductive Constraints: Problem Cases, Possible Solutions
4 Arguments for Deductive Cogency
5 Logic, Graded Belief, and Preferences
6 Logic and Idealization
Bei den ja/nein Überzeugungen (Christensen nennt sie „binary belief“, andere Autoren: „ordinary belief“; dagegen: „graded belief“; Baumann 2002, siehe Christensen Literatur, unterscheidet die gradualistische Auffassung der Überzeugungen von der nicht-gradualistischen, S. 126) unterscheidet der Autor eine epistemische Rationalität von einer pragmatischen.
Er untersucht zunächst ob eines der beiden Glaubensmodelle („standard binary model“ – „graded model“) auf das andere zurückgeführt werden kann, also ob es nicht nur zwei Gesichtspunkte eines Glaubenskonzepts sind. Das verneint er.
Für die ja/nein Überzeugungen verlangt man üblicherweise Konsistenz und ein Geschlossenheitsprinzip bezüglich Implikation und Konjunktion. Die beiden Forderungen fasst Christensen zur „deductive cogency“ zusammen. Soweit ich sehe geht dieser Begriff Isaac Levi: Gambling with Truth, 1967, S. 26ff, zurück.
Anhand des Vorwortparadox zeigt Christensen, dass die deduktive Überzeugungskraft keine generelle Forderung an rationale Überzeugungen sein kann. Die Überzeugungssysteme, die sich gemäß der deduktiven Überzeugungskraft ergeben, sind irrational/absurd.
Dann verallgemeinert der Autor das Vorwortparadox auf ganz alltägliche Situationen, d.h. letztlich: die deduktive Überzeugungskraft als Rationalitätsforderung muss gestrichen werden.
Obwohl Christensen an vielen Stellen zugesteht, dass man ohne das „alles-oder-nichts“-Konzept nicht auskommt, gibt er dazu weder konkret an, wann es benötigt wird, noch wie man seine Defizite beheben oder wenigstens umgehen kann. Er unterschlägt auch, dass die strenge Dichotomie, hier „alles-oder-nichts“ dort probabilistische Sicht, nicht zutrifft: es gibt Zwischenstufen.
Er behandelt viele Einwände der Vertreter eines „alles-oder-nichts“- Konzept mit interessanten Argumenten. Das scheint mir ein Hauptverdienst seines Buchs zu sein.
Im 5. Kapitel favorisiert er die graduelle Sichtweise. Idealerweise müssen die Glaubensgrade probabilistisch kohärent sein (Probabilismus). Die üblicherweise dafür gegebenen Argumente (Dutch Book Argument und Repräsentationstheorem Argument) gefallen Christensen aber wegen ihrer (vermeintlichen) nicht- epistemischen Ausrichtung nicht: er korrigiert sie.
Zuletzt geht Christensen auf den Vorwurf ein, dass die geforderte probabilistische Kohärenz nur idealisiert realisiert werden kann und damit keine praktische Bedeutung hat. Ist ein Ideal nicht perfekt erreichbar, schließt das nicht aus, dass dieses Ideal eine wichtige regulierende Rolle spielt (S. 165). Dazu beruft sich Christensen auch auf Mark Kaplan (1994, siehe Christensen Literatur).
Rezeption
Die Aufnahme von Putting Logic in Its Place in Expertenkreisen war teils hochlobend, teilweise aber auch stark kritisierend (siehe die nachfolgenden Christensen Links und Christensen Literatur). Etwas zu hart sprang der unlängst verstorbene Henry E. Kyburg Jr. damit um: „While not informative about logic, this little book is politically correct; the masculine and feminine singular pronouns are distributed in the text at random.“ (Kyburg 2005, S. 535).
Christensen behandelt das Pro und Contra zum ja/nein-Konzept der Überzeugungen, darunter auch die Schwellensicht, ausführlich. Dem stellt er das Konzept der Glaubensgrade gegenüber.
Er gibt wertvolle Argumente und veranschaulicht durch zahlreiche Beispiele, teils auf anderen Erkenntnistheoretikern aufbauend. Letztlich kann er den Lesern nicht klarlegen, wann nun das ja/nein Konzept und wann die probabilistische Sichtweise anzuwenden ist. Er hat die Logik nicht auf ihren (ausschließlichen ?) Platz bei den Glaubensgraden verwiesen. Trotz dieser Einwände ist es ein sehr empfehlenswertes Werk, da es reichhaltig und oft innovativ die Probleme angeht.
Links
ChristensenDavid Christensen, Department of Philosophy, University of Vermont
ChristensenMark Kaplan (2006): „Coming to Terms with our Human Fallibility: A Response to Christensen“ (pdf)
ChristensenJon Kvanvig u.a. (2007): „Christensen’s De-pragmatized Dutch Book Argument“. Certain Doubts, April, 2007
ChristensenWilliam J. Talbott (2005): "David Christensen: Putting Logic in its Place: Formal Constraints on Rational Belief". Notre Dame Philosophical Reviews
ChristensenBrian Weatherson (2005): „Christensen on the Preface Paradox“. Thoughts Arguments and Rants
Christensen Baumann, Peter (2002): Erkenntnistheorie
Klein Evnine, Simon J. (2008): Epistemic Dimensions of Personhood
Christensen Harman, Gilbert (1986): Change in View. Principles of Reasoning
Christensen Kaplan, Mark (1996): Decision Theory as Philosophy
Christensen Bibliografien, Diskussion und Links zur Erkenntnistheorie
Christensen Rezensionen zur Erkenntnistheorie
Christensen Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Christensen Bibliografie zum Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Literatur
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Weintraub, Ruth (2001): "The Lottery: A Paradox Regained and Resolved". Synthese 129, S. 439-449.
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christensen ChristensenDavid Christensen: Putting Logic in its Place. Formal Constraints on Rational Belief. Oxford: Clarendon, 2007. Taschenbuch, 200 Seiten Christensen
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 4.10.2009