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Foley
Richard Foley: Working Without a Net: A Study of Egocentric Epistemology
Oxford: Oxford UP, 1993. Gebunden, 214 Seiten – Foley LinksFoley Literatur
Wasser hat keine Balken sagt ein Sprichwort. Die Philosophen pflegen dazu Otto Neurath zu zitieren: “Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen oder aus besten Bestandteilen neu errichten zu können” (Neurath 1932/33, S. 206).
Foley nimmt den Gedanken im Titel von Working without a Net: A Study of Egocentric Epistemology auf. Im letzten Kapitel "Belief as Epistemic Commitment" formuliert er ihn explizit aus: Die richtige Haltung gegenüber dem Skeptizismus ist die Verachtung (“disdain”). Nicht weil die skeptischen Einwürfe inkohärent sind – sie sind es nicht – und nicht weil sie widerlegbar sind – sie sind es nicht. Es gibt keine nicht-zirkuläre Garantie für Wahrheit und Verlässlichkeit; es gibt keine Garantie dagegen, dass wir nicht irregeführt werden: “We are working without nets. We have no assurances that radical error will not be our reward for honest intellectual effort. Still, in fashioning our theories of rational belief we can refuse to be intimidated by the lack of guarantees. We can opt for nondefensive epistemologies” (S. 200; alle Seitenangaben ohne Quelle betreffen Foley 1993). Genau das will er in diesem Buch zeigen: Wir haben keine andere Chance als unsere Überzeugungen nach unserer reflektierten Überlegung anhand des bestmöglichen Standard zu bilden. Foley behandelt den Skeptizimus im zweiten Kapitel ausführlich, doch er geht er mit seiner Erkenntnistheorie darüber hinweg.
Sein Anliegen ist der rationale Glaube (im Sinne von Meinung und Überzeugung) und rationales Wissen. Working without a Net ist eine reichhaltige Studie, die viele Themen abdeckt und für viele Thesen argumentiert (oder sie verwirft). Ich kann nur auf einiges eingehen. Man lese das Werk selbst und die zur Vertiefung die unter Foley Literatur angegebenen Aufsätze und Rezensionen. Insbesondere studiere man Foley (2009), von dem der Autor schreibt: “This paper is a revision and update of arguments in Richard Foley, Working Without a Net (Oxford: Oxford University Press, 1993), Chapter 4”.
Das Werk gliedert sich in die folgenden vier Abschnitte:
  1. Rational Belief
  2. Skepticism
  3. Egocentric Rationality
  4. The Epistemology of Beliefs and the Epistemology of Degrees of Belief
1 Rational Belief
Die Rationalität ist ein schillernder Begriff. Foley vergleicht sie mit der Ethik. Sie kann regelgeleitet, tugendbasiert oder ziel-orientiert sein. Rational im vollen Sinn ist für seine Ausführungen die effektive Zielverfolgung. Ziele kann ein Individuum, ein objektiver, kundiger Betrachter oder eine Gruppe haben. Ebenso kann das Individuum, ein objektiver, kundiger Betrachter oder eine Gruppe die Beurteilungsperspektive vorgeben. Zum Disput zwischen Externalisten und Internalisten bemerkt Foley: Es gibt keine privilegierte Perspektive für Rationalitätsbehauptungen (S. 32). Foley konzentriert sich auf den Einzelnen und spricht daher von der egozentrischen Rationalität. Das epistemisches Ziel Descartes', ein möglichst umfangreiches und umfassendes Überzeugungssystem ohne jegliches Fehlerrisiko “no risk of error whatsoever” (S. 38) zu haben, verwirft Foley. Das entstehende Überzeugungssystem wäre nahezu ohne Überzeugungen. Er sieht das Cartesische Projekt janusköpfig: subjektiv: es soll den Denker selbst von sich heraus überzeugen objektiv: es soll absolut zuverlässig sein, also jeden Fehler ausschließen (S. 44). Zusammen kann das nicht erfolgreich sein.
2 Skepticism
Für Foley ist nicht Wissen sondern rationale Überzeugung der zentrale Begriff der egozentrischen Erkenntnistheorie (S. 85). Die skeptischen Hypothesen zeigen: wir brauchen die Welt zur Kooperation um zu Wissen zu gelangen. Ob sie das tut können wir nicht feststellen, wir müssen es annehmen.
3 Egocentric Rationality
Das Ziel der egozentrischen Rationalität ist ein möglichst genaues (“accurate”) und umfassendes (“comprehensive”) Überzeugungssystem zu haben. Mit “genau” meint Foley entweder die Wahr/Falsch-Unterscheidung (für allgemeine Glaubensaussagen) oder die Entsprechung der subjektiven Wahrscheinlichkeit mit der objektiven (für Glaubensgrade). Dazu mehr im Abschnitt 4.
Foley beschränkt sich in dieser Studie das Ziel auf ein Gegenwärtiges, d.h. er diskutiert nur den synchronen Aspekt. Fragen der Ãnderung eines Überzeugungssystems im Laufe der Zeit werden nur am Rande behandelt. Z.B. wenn er die Unterziele "Inkonsistenz und Inkohärenz vermeiden" diskutiert. Beides kann mittels Logik und Wahrscheinlichkeitstheorie aufgespürt werden, doch weder Logik noch Wahrscheinlichkeitstheorie sagen, wie man Konsistenz und Kohärenz wiederherstellt (S. 125). Sogar die Feststellung von Inkonsistenz und Inkohärenz stößt bei einem umfangreichen Überzeugungssystem auf unüberwindliche Schwierigkeiten.
Die Ziele der Konsistenz und Kohärenz sind darüberhinaus nur unter Preisgabe anderer Ziele (möglichst umfangreiche Überzeugungen) – wenn überhaupt – zu haben. Es fragt sich immer, welche Alternativen man hat. In Wettsituationen ist es oft rational eine Strategie zu fahren, die nicht ideal ist, mit der man sogar einige Wetten sicher verliert, aber unterm Strich auf lange Sicht gut wegkommt. Eine andere Strategie könnte unzumutbar halsbrecherisch oder übervorsichtig sein. Das trifft auch auf Überzeugungen zu. “Sometimes it is rational for you to have beliefs that you know cannot possibly all be accurate. Indeed, this is the real lesson of the lottery and the preface paradoxes” (S. 126).
4 The Epistemology of Beliefs and the Epistemology of Degrees of Belief
In der Erkenntnistheorie und im Alltag gibt es zwei epistemische Sprech- und Sichtweisen, die der Glaubensaussagen und die der Glaubensgrade (“probabilism”, S. 146).
• Die Glaubensaussagen treffen die Unterscheidung in glauben, nicht glauben und enthalten.
• Die Glaubensgrade unterscheiden viel feiner und können quantifiziert werden, so dass sie Wahrscheinlichkeiten entsprechen. Man kann sie entsprechend den Wahrscheinlichkeitsaxiomen auf einer Skala zwischen 0 und 1 repräsentieren.
Die Lockesche These (S. 140) besagt dazu: es ist rational von einer Proposition überzeugt zu sein, gdw. wenn man einen ausreichend grossen Vertrauensgrad in sie hat. Wenn es nur um epistemische Ziele geht, dann ist es rational den Vertrauensgrad gemäss den dafür vorliegenden Belegen zu richten (S. 141).
Die epistemische Paradoxien untergraben die prima facie einleuchtende Lockesche These.
• Das Lotterieparadox zeigt, dass jede Schwelle x < 1 ungenügend ist.
• Das Vorwortparadox zeigt, dass eine Schwelle x < 0,5 ausreichend für die Akzeptanz sein kann. Eine Lösung u.v.a. zu den Paradoxien könnte sein, dass man die Redeweise von den glatten Glaubensaussagen aufgibt (S. 145), also einen strengen Probabilismus vertritt, der nur Aussagen indiziert mit Vertrauensgrad kennt. “Once a subjective or epistemic probability value is assigned to a proposition, there is nothing more to be said about its epistemic status” (Stalnaker 1987, S. 91).
Foley argumentiert überzeugend dafür, dass uns etwas fehlt, wenn wir die Epistemologie der Glaubensaussagen für die Epistemologie der Glaubensgrade opfern.
Er argumentiert ausführlich aber immer einsichtig dafür, dass die Rationalitätsanforderungen
  • rationale Überzeugungen sollten nicht ein Dutch Book ermöglichen
  • nicht inkonsistent sein,
  • rationale Glaubensgrade sollten nicht inkohärent sein (S. 157-58)
nicht ausnahmslos gelten.
Seine Lösung der epistemischen Paradoxien sieht folgendermassen aus: “... avoiding inconsistency, incoherency, and Dutch books is not a strict condition of egocentric rationality” – “To be egocentrically rational is essentially a matter of being invulnerable to self-criticism” (S. 162). Das freilich gibt auch Anlass zur Kritik: wenn nur die eigene Vernunft der Massstab ist, erscheint die Rationalitätsanforderung zu subjektiv und birgt damit die Gefahr zu beliebig zu werden. Foley erkennt das und will es an vielen Stellen gegen die Beliebigkeit abgrenzen. Hier ein Schema:
“A claim about the rationality of your beliefs, when made fully explicit, has the following form: It is rational for you to believe — because you have resources R and because from perspective P it seems that, given R, believing — is an effective way to satisfy goal G” (S. 34).
Man kann nach Foleys Argumentation auch wissen, dass man inkonsistent ist bzw. inkohärente Vertrauensgrade hat, ohne sich den Vorwurf der Irrationalität aussetzen zu müssen. “There are situations in which it is egocentrically rational for you to have beliefs that you know are neither ideal nor even flawless. This is the real lesson of the lottery and the preface” (S. 164).
Eine weitere Folgerung aus Lotterieparadox und Vorwortparadox ist, dass rationale Überzeugungen nicht unter Konjunktion abgeschlossen sind. Es kann durchaus rational sein p zu glauben und auch q, aber nicht (p und q). All dies diskutiert und verteidigt Foley sehr viel ausführlicher im 4. Abschnitt.
Im Bezug auf Wissen sieht Foley die Lage differenziert. Im Vorwortfall hat man Wissen der “Lotterieproposition” (“Dieser Satz ist korrekt”), im Lotteriefall dagegen nicht, da mit der Gewinnvoraussetzung eine konkrete Irrtumsmöglichkeit vorliegt.
Noch eine weitere Einschränkung vertritt der Autor. Wenn man von Inkonsistenz oder Inkohärenz in den eigenen Überzeugungen weiß, dann weicht das Überzeugungssystem vom Ideal ab und die Überzeugungen dürfen nicht als Prämissen für weitere Folgerungen dienen. Man darf die “Infektion” nicht weiter verbreiten. Auch hier kann man Foleys Position kritisieren: es ist kaum abgrenzbar, welche Überzeugungen nun inkonsistent sind. Analog zum Vorwortparadox kann man zu allen Überzeugungen eines Individuums sagen: "Nicht alle Überzeugungen sind wahr". Damit wären viele Überzeugungen als Prämisse für weitere Folgerungen ausgeschlossen.
Working Without a Net ist ein reichhaltiges Werk zur epistemischen Rationalität und der rationalen Akzeptanz von Propositionen. Das Studium wird belohnt durch einen umfassenden Blick in die Argumentaionsküche eines profilierten Erkenntnistheoretikers. Sehr zu empfehlen.
Links
foleyRichard Foley: Professor of Philosophy, New York University
Foley Richard Foley: When Is True Belief Knowledge?
Foley Bibliografie zum Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Foley Bibliografien, Diskussion und Links zur Erkenntnistheorie
Foley Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Foley Rezensionen zur Erkenntnistheorie
Foley Zitate
A Problem With The Lockean Thesis: foleyPart 1foleyPart 2foleyPart 3
foleyThomas Grundmann: "Was der (erkenntnistheoretische) Internalist vergißt" (pdf)
Ergänzende Aufsätze von Richard Foley, die als pdf online verfügbar sind:
foleyA Trial Separation Between the Theory of Knowledge and the Theory of Justified Belief
foleyJustified Belief as Responsible Belief.
foley“What Am I to Believe?”, 1993
Foley Anfang
Literatur
Rezensionen zu Working Without a Net
  David, Marian (1996): "Review Essay: Working Without a Net: A Study of Egocentric Epistemology". Philosophy and Phenomenological Research 56:4, S. 943-952.
  Fumerton, Richard (1995): "Reviewed work(s): Working without a Net: A Study of Egocentric Epistemology. by Richard Foley". The Philosophical Review 104:1, S. 141-145.
  Grundmann, Thomas (1997): "Neuere Tendenzen in der Analytischen Erkenntnistheorie". Zeitschrift für philosophische Forschung 51:4, S. 627-648.
  Kobes, Bernard W. (1994): "Review: Working without a Net: A Study of Egocentric Epistemology by Richard Foley". The Review of Metaphysics 47:3, S. 613-614.
  Nathan, N. M. L. (1994): "Reviewed work(s): Working With a Net: A Study of Egocentric Epistemology. by Richard Foley". Mind 103:412, S. 548-550.
  Taylor, James E. (1998): "Richard Foley, Working Without a Net: A Study of Egocentric Epistemology". Noûs 32.2, S. 265-275.

Ergänzende Literatur
Alston, William P. (1989): "Foley's Theory of Epistemic Rationality". Philosophy and Phenomenological Research 1:1, S. 135-147.
Cherniak, Christopher (1986): Minimal Rationality. Cambridge, Mass.: The MIT Press.
Edwards, James G. (2001): "Critical Notice: Rational Starting Points. The Theory of Epistemic Rationality by Richard Foley". Disputatio 11, S. 34-51.
Ellis, Brian (1979): Rational Belief Systems. Oxford: Blackwell. – Foley Rezension
Feldman, Richard (1989): "Foley's Subjective Foundationalism". Philosophy and Phenomenological Research 50:1, S. 149-158.
Foley, Richard (1979): "Justified Inconsistent Beliefs". American Philosophical Quarterly 16:4, S. 247-257.
Foley, Richard (1987): The Theory of Epistemic Rationality. Cambridge, Mass.: Harvard UP.
Foley, Richard (1989): "Reply to Alston, Feldman and Swain". Philosophy and Phenomenological Research 1:1, S. 169-188.
Foley, Richard (2009): "Beliefs, Degrees of Belief, and the Lockean Thesis". In: Franz Huber, C. Schmidt-Petri, Hg.: Degrees of Belief. Springer, S. 37-47.
Hacking, Ian (1967): "Slightly More Realistic Personal Probability". Philosophy of Science 34:4, S. 311-325.
Harman, Gilbert (1986): Change in View. Principles of Reasoning. Cambridge, Mass.: The MIT Press.– Foley Rezension
Kaplan, Mark (1981): "A Bayesian Theory of Rational Acceptance". The Journal of Philosophy 78:6, S. 305-330.
Kaplan, Mark (1985): "It's Not What You Know that Counts". The Journal of Philosophy 82:7, S. 350-363.
Klein, Peter (1985): "The Virtues of Inconsistency". The Monist 68, S. 105-135.
Kyburg, Jr., Henry E. (1970): "Conjunctivitis". In: Marshall Swain, Hg.: Induction, Acceptance and Rational Belief. Dordrecht: Reidel, S. 55-82.– Foley Rezension
Lewis, David K. (1980): "A Subjectivist's Guide to Objective Chance". In: R. C. Jeffrey, Hg.: Studies in Inductive Logic and Probability. Berkeley: University of California Press, S. 263-293.
Lewis, David (1982): "Logic for Equivocatores". Nous 16, S. 431-441.
Martins, João P., Stuart C. Shapiro (1988): "A model for belief revision". Artificial Intelligence 35:1, S. 25-79.
Moser, Paul K. (1985): Empirical Justification. Dordrecht: Reidel. – Foley Rezension
Neurath, Otto (1932/33): “Protokollsätze”. Erkenntnis 3. S. 204-14.
Ramsey, F. P. (1926): “Truth and Probability”. In: R.B. Braithwaite, Hg. (1931): The Foundations of Mathematics and other Logical Essays. London: Kegan. S. 156-198.
Resnik, Michael D. (2008): Choices: An Introduction to Decision Theory. Minneapolis: University of Minnesota Press.
Stalnaker, Robert C. (1987): Inquiry. Cambridge, Mass.: The MIT Press.
Swain, Marshall (1989): "On Richard Foley's Theory of Epistemic Rationality. Reviewed work(s): The Theory of Epistemic Rationality by Richard Foley". Philosophy and Phenomenological Research 50:1, S. 159-168.
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