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Bruno Brülisauer: Was können wir wissen? Grundprobleme der Erkenntnistheorie
Stuttgart: Kohlhammer, 2008. Broschiert, 384 Seiten – Brülisauer LinksBrülisauer Literatur
Jetzt reicht's aber mit deutschsprachiger Einführungsliteratur zur Erkenntnistheorie!? Siehe die Besprechungen zu den ausgezeichneten Weke von Peter Baumann, Gerhard Ernst und Thomas Grundmann (Brülisauer Einführungsliteratur zur Erkenntnistheorie). Ganz abgesehen davon, dass es auch englischsprachige Werke dieser Art in Hülle und Fülle gibt (Brülisauer Links).
Doch Halt! Bruno Brülisauer legt ein ganz eigenes Werk dazu vor, das sich sowohl als Einführung eignet und sehr gut als Ergänzung diesen kann. Der Autor geht diese philosophische Disziplin auf breiter Front an. Dies zeigt schon ein Blick ins hier verkürzte Inhaltsverzeichnis.
Inhaltsverzeichnis (verkürzt)
0 Einleitung
1 Der Begriff des Wissens

1.1 Das propositionale Wissen
1.2 Welche Art von Definition für „Wissen"?
1.3 Die traditionelle Konzeption von Wissen
1.4 Der Internalismus
1.5 Der Externalismus
1.6 Die „vierte Bedingung"
1.7 Ein Ausweg aus dem Dilemma
2 Entstehung und Rechtfertigung
2.1 Der Entstehungszusammenhang
2.2 Die Erfahrung (als Rechtfertigungsgrund)
2.3 Die Vernunft (als Rechtfertigungsgrund)
2.4 Hypothesen und Testimplikationen
3 Das Gesetzesmodell der Erklärung
3.1 Die deduktiv-nomologische Erklärung
3.2 Das induktiv-statistische Modell
3.3 Erklärung und Voraussage
3.4 Was ist ein Naturgesetz?
3.5 Kausalität
4 Erklären und Verstehen
4.1 Historische Erklärungen
4.2 Rationale Erklärungen
4.3 Teleologische Erklärungen
5 Erscheinung und Wirklichkeit
5.1 Argumente gegen den naiven Realismus
5.2 Die Repräsentationstheorie
5.3 Der spiritualistische Idealismus (Georg Berkeley)
5.4 Der transzendentale Idealismus (Immanuel Kant)
5.5 Der Phänomenalismus
5.6 Der Skeptizismus
6 Metaphysische Überzeugungen
6.1 Meinungen und Überzeugungen
6.2 Das Problem der Willensfreiheit
6.3 Das Problem der psychophysischen Wechselwirkung
6.4 Das Problem des Glaubens an Gott
Anhang
Literaturverzeichnis
Die Standardfragen der Erkenntnistheorie sind (in den letzten Jahrzehnten):
  1. Was ist Wissen?
  2. Können wir etwas wissen? Wenn ja, was (in welchen Bereichen)?
Die 1. Frage ist eine begriffliche und wird immer noch breit diskutiert. Die 2. Frage stellt der Skeptiker und sie hat verschiedene, wie ich meine, durchaus befriedigende Antworten.
Brülisauer beantwortet die 1. Frage im Kapitel 1 “Der Begriff des Wissens”. Dann diskutiert er grundsätzliche Zusammenhänge zur Rechtfertigung, Erklärung, Erscheinung und Wirklichkeit. In diesen Kapiteln 2–5 werden die Bedingungen für Wissen erörtert (1. Frage), Wissen von Meinungen und Überzeugungen abgegrenzt und ausgeleuchtet, unter welchen philosophischen Positionen welche Wissensbereiche erschlossen werden können.
Das letzte Kapitel “Metaphysische Überzeugungen” geht der Frage nach, ob über das in den vorhergehenden Kapiteln Erörterte hinaus auch metaphysische Überzeugungen Hand und Fuss haben. Dazu greift sich Brülisauer exemplarische Probleme heraus: Willensfreiheit, psychophysische, Wechselwirkung, Existenz Gottes. Zur psychophysischen Wechselwirkung sollte man unbedingt
Was können wir wissen? Grundprobleme der Erkenntnistheorie ist also zugleich eine Einführung (immer bezogen und beschränkt auf die beiden prekären Wissensfragen) in die Wissenschaftstheorie, Philosophie des Geistes, Ontologie, Metaphysik und Religionsphilosophie.
Das ist der markante Unterschied zu den bekannten Einführungswerken. Es ist die Stärke des Buches, wird aber gelegentlich zum Nachteil.
Die Stärke ist, dass die Beantwortung der beiden Wissensfragen auf ein breites, solides Fundament gesetzt werden. Erklärung, Kausalität, Naturgesetz, Urteilsformen etc. werden grundlegend erörtert.
Zum Nachteil wird es, wenn man ein möglichst konzentrierte Einführung durcharbeiten will. So werden dem Kapitel 6 mit den drei Teilfragen der metaphysischen Überzeugungen 131 Seiten gegeben, das ist ein Anteil von 35 % am Text. Darunter führt die Willensfreiheit zur Schuldfrage, zur Fahrlässigkeit und Vorsatz und schließlich zum Schweizerischen Strafgesetzbuch (S. 268-269) und gar zu Überlegungen zur Resozialisierung von Straftätern (S. 273).
Man sieht, manchmal schweift der Autor ab, so auch, wenn er in einem langen Absatz die vier physikalischen Kräfte erörtert (S. 213). Dieser breite Rahmen macht Zwischenzusammenfassungen unabdingbar. Nicht immer sind sie so vorbildlich, wie zu Beginn von "5.6 Der Skeptizismus".
Einige stilistische Eigenheiten stören kaum. Der Anglizismus "es macht Sinn" ist inzwischen im Deutschen anscheinend fest verankert, obwohl das synonyme "es ist sinnvoll" kaum länger ist.
Manche Wortstellungen sind vielleicht dem Schwyzerdütsch geschuldet. Ich führe nur ein Beispiel an, weil ich manchmal energisch nach Belegen zu meiner Kritik befragt werde. In "..., dass die Gesetzesaussagen es sind, ..." (S. 125, ganz unten) würde ich das "es" vor die Gesetzesaussagen stellen. Man kann es mit besonderer Betonung lesen (gesprochenes Deutsch), dann passt es wohl.
Der fehlende Index ist zu tadeln. Er sollte bei einem Werk diesen Anspruchs eigentlich selbstverständlich sein, zumal er bei heutiger Technik keinen grossen Aufwand erfordert. Gerade aber bei diesem Werk, das sehr unterschiedliche philosophische Disziplinen übergreift, ist ein Index unerlässlich.
Bruno Brülisauer
bis 2007 hauptamtlicher Gymasiallehrer, Privatdozent an der Universität Bern.
Was können wir wissen? Grundprobleme der Erkenntnistheorie hat nicht nur die beiden Hauptfragen der Erkenntnistheorie im Auge (die "nur" das Wissen betreffen) sondern alle Meinungen und gerechtfertigten Überzeugungen über die Welt. Die drei Kategorien – Meinungen, Überzeugungen und Wissen – unterscheidet und behandelt der Autor. Wer eine möglichst breite Einführung ins Thema sucht greife zu diesem Werk. Man wird bestens bedient. Bei Bedarf kann man noch ein tiefer gehendes Werk konsultieren.
Links
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