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Hoerster
Norbert Hoerster: Was können wir wissen: Philosophische Grundfragen
München: C.H. Beck, 2010. Broschiert, 121 Seiten – Hoerster LinksHoerster Literatur
Zahlreiche deutsche Einführungen zu Wissen und zur Erkenntnistheorie liegen schon vor. Was ist an dieser neu? Ist sie berechtigt? Ja, denn sie ist wohl die knappste und damit sehr gut für den Einsteiger geeignet. Sie erschien in der Beckschen Reihe „Philosophische Grundlagen“ und wird dem Anspruch Grundlagen zu legen gut gerecht. Der Autor beschränkt sich weitgehend auf die Titelfrage und verzichtet auf heikle Diskussionen wie sie derzeit in der (akademischen) Erkenntnistheorie geführt werden.
Schauen wir uns die Kapitelfragen (unter denen weit mehr behandelt wird) der Reihe nach an.
1. Unter welchen Voraussetzungen wissen wir etwas?
Im ersten Kapitel fragt der Autor, welche Bedingungen erfüllt sein müssen. damit man berechtigt sagt, das Subjekt S wisse p. Den Skeptiker (der ansonsten zu langen, verwickelten Diskussionen über Scheunenattrappen und Bücherklauer verleitet) weist er sofort in die Schranken (ganz am Ende der Zusammenfassung macht er es nochmals): das für den Wissensanspruch erforderliche sichere Wissen ist nicht unfehlbar. Cum grano salis: Wissen ist wahrer, ausreichend gerechtfertigter Glaube.
2. Was wissen wir durch logisches Denken?
Nachdem die Bedingungen geklärt sind, klopft Hoerster einige Wissensbereiche ab. Zuerst geht es um logisches (analytisches) Überzeugungen. Hier kann man – für den Laien sehr hilfreich – gleich einen Minikurs im deduktiven Folgern machen. Hoerster weist auf eine wichtige Voraussetzung des Folgerns hin – der oft zu Missverständnissen führt: die Begriffe in Prämisse(n) und Konklusion dürfen nicht unterschiedliche Bedeutung haben. Logische Wahrheiten alleine sagen aber noch nichts über die Welt. Deshalb werden im 3. Kapitel die sehr wichtigen empirischen Aussagen beleuchtet.
3. Was wissen wir durch Sinneswahrnehmung?
Von der Sinneswahrnehmung ausgehend behandelt Hoerster hier auch Aussagen über das Innenleben (das eigene und das der anderen) und wissenschaftliche Aussagen. Keinesfalls muss man sich beim Wissen auf Sinneswahrnehmungen beschränken. Dies ist eine beliebte Unterstellung von denjenigen, die alles mögliche glauben und darauf hingewiesen kontern, dass ja auch die Wissenschaftler „ungesehenes“ wie die Atome „glauben“.
Die folgenden drei Kapitel behandeln sehr heikle Fragen, denen Hoerster, trotzdem er nur knapp 120 Textseiten zur Verfügung hat, nicht ausweicht.
4. Kann man aus Vergangenem auf Zukünftiges schließen?
Die Kapitelfrage ist etwas verkürzt: es geht um die Berechtigung induktiver Folgerungen. Hoerster zeigt, dass man die induktive Methode zwar nicht letztbegründen kann (man landet im Zirkel), aber, dass es vernünftig ist, sie sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft einzusetzen. Wenn wir überhaupt unser Wissen sinnvoll erweitern wollen und wenn wir Vorhersagen treffen wollen, müssen wir uns der Induktion bedienen.
5. Sind Werte Gegenstand des Wissens?
Der Frage im 5. Kapitel nähert sich die Autor durch eine Unterscheidung von Eigenwert und Instrumentalwert. Vom Wert des eigenen Lebens ausgehend klärt Hoerster auch diese Frage, wenn auch nicht in letzter Konsequenz überzeugend. Ich würde nach dem Lesen dieses Kapitels (weiterhin) mit "nein" antworter, manch anderer Leser wird vielleicht ein "ja" lesen.
6. Sind religiöser Glaube und Wissen vereinbar?
Zur Frage des religiösen Glaubens beginnt Hoerster mit einer knappen Einführung in die sechs Merkmale religiöser Überzeugungen, von denen die Mehrzahl für religiösen Glauben erfüllt sein muss. Er nimmt vielen Religiösen, die sich darauf zurückziehen, sie glauben etwas über einen ganz abgesonderten Bereich (über die Wissenschaft nichts sagen kann, über den die Wissenschaftler nichts sagen sollen usw.) sofort das Heft aus der Hand: wer mit seinem transzendentalen Glauben keine Annahmen über (Auswirkungen auf) die Wirklichkeit macht, kann nicht wegen unbegründeten Annahmen über die Wirklichkeit kritisiert werden. Will man damit aber auch etwas von belang im Hier und Jetzt sagen, ist man in der Begründungspflicht. So nebenbei zieht Hoerster weitere Zähne auf beiden Seiten (religiöser Glaube macht glücklich; religiöser und weltanschaulicher Gruppendruck bei der Sozialisierung; Evolution widerlegt keinen Gottesglauben).
Schlussbemerkungen
Hier fasst Hoerster sehr leserfreundlich die Antwort auf die Titelfrage zusammen:
„Wir wissen etwas, wenn wir mit gutem Grund oder rationalerweise als sicher davon ausgehen können, dass das Gewusste wahr ist” (S. 117). Und er weist dann skeptische Einwände implizit zurück: Das heißt nicht, dass unser Wissen unfehlbar ist oder sein sollte. Das heutige Wissen kann sich morgen als falsch erweisen.
Es stellen sich unmittelbar die folgenden Fragen: „Was ist ein guter Grund?”, „Was ist rational?”, „Was ist wahr?” Der Leser kann sich aus der Diskussion im Text und zahlreichen Beispielen die Antworten darauf erschließen. So wird seit Jahrtausenden erkannt und es hat sich bewährt, dass empirische Wahrnehmung und Folgerungen daraus gute Gründe liefern können. Der Autor diskutiert dies in den Kapitel 3 und 2. Sowohl das Alltagswissen als auch die Wissenschaften basieren auf empirischer Wahrnehmun und logischen Folgern (S. 88). Logisches Denken ist eine notwendige Bedingunge für jeglisches Wisssen (S. 44).
Freilich darauf man auf wenig mehr als 100 Seiten keine Vertiefung dieser Antworten erwarten. Dazu gibt es viele empfehlenswerte, weiterführende Werke, beispielsweise
  • Thomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie
  • Herbert Schnädelbach: Vernunft
  • Gunnar Skirbekk, Hg.: Wahrheitstheorien.
Natürlich gesteht auch Hoerster – wie viele Erkenntnistheoretiker – zu, dass der radikale Skeptiker nicht endgültig widerlegt werden kann. Dieser kann seine überzogenen Ansprüche immer höher schrauben. Doch steht ein Wissensanspruch dazu nicht im Widerspruch, wenn man die radikale Position des Skeptikers aus pragmatischen Gründen zurückweist. Das tut auch der Autor.
NB
Man kann jedoch mit Ludwig Wittgenstein auch diese Position vertreten:
„Skeptizismus ist nicht unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig, wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann.
Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.”
Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, §6.51
Hoerster stellt sich den Fragen der Erkenntnistheorie, die für den Einstieg am wichtigsten sind. Dazu gibt er Pro und Contra, wird dabei aber nie nebulös. Auf 120 Seiten kann man zu diesen Fragen kaum Erhellenderes schreiben.
Ganz starke Empfehlung für alle, die keinen dicken Wälzer durchackern wollen.
Die umfangreicheren, deutschen und englischen Einführungen in die Fragen der Erkenntnistheorie findet man im Link ein paar Zeilen tiefer besprochen: Rezensionen zur Erkenntnistheorie.
Links
Hoerster Bibliografien, Diskussion und Links zur Erkenntnistheorie
Hoerster Richard Foley: When Is True Belief Knowledge?
Hoerster Gunter Graf: Wahrheitsansprüche von Religionen und religiöser Exklusivismus
Hoerster Thomas Grundmann: Analytische Einführung in die Erkenntnistheorie
Hoerster Thomas Grundmann: Der Wahrheit auf der Spur. Eine Verteidigung des erkenntnistheoretischen Externalismus
Hoerster Markus Patrick Hess: Is Truth the Primary Epistemic Goal?
Hoerster Michael P. Lynch: In Praise of Reason
Hoerster "Was ist Wahrheit?"- Überblick zu aktuellen Wahrheitstheorien
Hoerster Herbert Schnädelbach: Vernunft 
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