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Wahrheit
Boris Rähme: Wahrheit, Begründbarkeit und Fallibilität: Ein Beitrag zur Diskussion epistemischer Wahrheitskonzeptionen
Heusenstamm: Ontos, 2010. Gebunden, 386 Seiten – Rähme LinksRähme Literatur
Der Wahrheitsbegriff spielt in der Philosophie und besonders in der Erkenntnistheorie eine zentrale Rolle. Es gibt zahlreiche, recht unterschiedliche Wahrheitstheorien. Boris Rähme untersucht epistemische Konzeptionen. Darunter versteht man Konzeptionen, die die Wahrheit auf epistemische Kategorien wie Kohärenz, ideale Verifizierbarkeit, rationale Akzeptibilität oder argumentativen Konsens zurückführen.
Der Autor gliedert seinen fundierten Beitrag zur Diskussion epistemischer Wahrheitskonzeptionen wie folgt:
Vorwort
Einleitung
I. ‚Wahrheit‘ und ‚Begründung‘ als normative Begriffe
II. Fallibilität und Fallibilismus
III. Elemente epistemischer Wahrheitskonzeptionen am Beispiel der Konsenstheorie von     Peirce
IV. Epistemische Wahrheitsäquivalenzen als Begriffsdefinitionen?
V. Epistemische Regulative und Transzendenzthesen
VI. Ist Wahrheit eine regulative Idee? Zwei Einwände gegen die transzendentalpragmatische Konsenstheorie
VII. Resümee
Literatur
Eine mögliche Explikation des Wahrheitsbegriffs im Sinne eines epistemischen Konzepts ist: die Proposition p ist genau dann wahr, wenn sie unter epistemisch idealen Bedingungen von einem rationalen Subjekt S für wahr gehalten wird. Das wirft jedoch Probleme mit dem erkenntnistheoretischen Fallibilismus auf. Dessen Kernthese wurde von Charles S. Peirce auf den Punkt gebracht mit:
„we never can be absolutely sure of anything”.
Den wichtigen Fragen und Definitionen zur Fallibilität geht der Autor im zweiten Kapitel nach. Er leitet es prägnant mit Michael Williams' Behauptung ein:
„We are all fallibilists nowadays”.
Dann diskutiert Rähme peinlich genau wie die fallibilistische These zu verstehen und zu formulieren ist. Ein wichtiger Zwischenbefund: Der Fallibilismus sollte nicht als möglicher Irrtum ausgedrückt werden (S. 117).
In den folgenden Kapiteln untersucht der Autor die epistemischen Wahrheitskonzeptionen von Charles S. Peirce, Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel. Immer hat er dabei auch die Konzepte von Robert Brandom, Michael Dummett, Wolfgang Künne, Hilary Putnam, Richard Rorty, Richard Schantz, Albrecht Wellmer, Crispin Wright und anderen im Blickfeld.
Der Autor gönnt den Lesern keinen gemächlichen Einstieg. Ab dem zweiten Satz werden sie gefordert und können sich 350 Seiten lang nicht mehr ausruhen. Folgt man Stephen Hawking, der in der Erstauflage seines Bestsellers A Brief History of Time, 1988, schrieb:
„Someone told me that each equation I included in the book would halve the sales”
so hätte ich das Buch nicht lesen dürfen. Fast immer drückt Rähme aber logische Formeln auch verbal aus, so dass jeder interessierte Leser mitgenommen wird. Logische Ableitungen werden stets Schritt für Schritt ausgeführt. Ein flüchtiger Blick ins Buch sollte also niemand abschrecken.
Rähme stellt fast durchwegs klar, was er unter den von ihm verwendeten Begriffen versteht. So übersetzt er das praktische und umfassende englische „evidence” nicht einfach mit „Evidenz” (im Deutschen mit völlig anderer Bedeutung), sondern stellt seine Verwendung klar (S. 119, Fn 58).
Diese genaue Begriffsverwendung mag manchen Lesern rabulistisch vorkommen, ist aber davon weit entfernt und der Schwierigkeit der Themen angemessen. So besteht er – scheinbar nebenbei – darauf, dass Fallibilität und Infallibilität keine Eigenschaften von Propositionen sind, sondern von propositionalen Einstellungen mit Wahrheitsanspruch (S. 141). Eine sehr wichtige Klarstellung!
Rähme unterscheidet nicht immer genau zwischen Meinungen, Überzeugungen und Wissensansprüchen. Es sind für ihn potentielle Behauptungen und anscheinend (Wissensnorm für Behauptungen) immer mit einem Wissensanspruch verbunden. Das sehe ich nicht so.
Die Abhandlung Rähmes ist auf hohem Niveau aber durchaus nicht akademisch. So prüft der Autor auch die Annahme, ob es wahre Aussagen gibt, die prinzipiell nicht begründbar sind. Man denkt dabei sofort an die Goldbachsche Vermutung (S. 122) oder an die Vermuttung, dass es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt.
Wer sich müht dem Text akribisch zu folgen, erhält tiefe Einsichten zur Fallibilität und zu epistemischen Wahrheitskonzeptionen. Es lohnt sich.
Weitere Literatur des Autors zum Thema
Boris Rähme (2002): „Behauptung, Wahrheitsanspruch und Begründung. Überlegungen zum Wahrheitsproblem”. In: Holger Burckhart, Horst Gronke, Hg.: Philosophieren aus dem Diskurs: Beiträge zur Diskurspragmatik. Königshausen u. Neumann. S. 179-200.
Boris Rähme (2003): „Die Rede von Wahrheitsansprüchen und ihre Konsequenzen”. In:
Dietrich Böhler, Matthias Kettner, Gunnar Skirbekk, Hg.: Reflexion und Verantwortung. Auseinandersetzungen mit Karl-Otto Apel. Frankfurt: Suhrkamp.
Boris Rähme (2007): „Fallibilism, Factivity and Epistemically Truth-Guarantee­ing Justification”. In: N. Gilje, H. Grimen, Hg.: Discursive Modernity, Oslo: Scandinavian UP. S. 181-198.

Links
RähmeRähme, Boris (2008): „The Paradox of Knowability and Epistemic Theories of Truth”
RähmeKonsenstheorie der Wahrheit – Wikipedia
Rähme Timothy Chan, Hg.: The Aim of Belief
Rähme Markus Patrick Hess: Is Truth the Primary Epistemic Goal?
Rähme Rezensionen zur Erkenntnistheorie
Rähme Rezensionen philosophischer Werke
Rähme "Was ist Wahrheit?"- Überblick zu aktuellen Wahrheitstheorien
Literatur
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Rähme RähmeBoris Rähme: Wahrheit, Begründbarkeit und Fallibilität: Ein Beitrag zur Diskussion epistemischer Wahrheitskonzeptionen. Heusenstamm: Ontos, 2010. Gebunden, 386 Seiten

Burckhart BurckhartHolger Burckhart, Horst Gronke, Hg.: Philosophieren aus dem Diskurs: Beiträge zur Diskurspragmatik. Königshausen u. Neumann, 2002. Taschenbuch, 764 Seiten Skirbekk
Gunnar Skirbekk, Hg.: Wahrheitstheorien: Eine Auswahl aus den Diskussionen über Wahrheit im 20. Jahrhundert. H. Jerusalem, Übs. Frankfurt: Suhrkamp, 1997. Taschenbuch, 532 Seiten Skirbekk
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