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Sutton
Jonathan Sutton: Without Justification
Cambridge, Mass.: The MIT Press, 2007. Broschiert, 180 Seiten – Sutton LinksSutton Literatur
In Without Justification verteidigt Jonathan Sutton die kühne Hauptthese Wissen ist gerechtfertigte Überzeugung und umgekehrt (S. 7). Daran schließen sich einige erstaunliche Folgerungen an.
Er gliedert seinen Stoff nach Vorwort und Einleitung in vier Kapitel:
1 The View
– eine kurze Vorstellung der Hauptthese und ihrer Implikationen
2 The Arguments
– vier unabhängige Argumente für die Hauptthese; wider entgegengesetzte Intuitionen; Lotterieparadox und Vorwortparadox
3 Testimony
– These: man weiß aufgrund dem Zeugnis anderer nur, wenn man weiß, dass der andere weiß
4 Inference
– eine gute Ableitung führt zu Wissen
Ich gehe in dieser Besprechung auf Kapitel 3 nur sehr kurz und auf Kap. 4 nicht ein, da es sich herausstellen wird, dass Sutton seine Position (Einleitung und Kap. 1) nicht zufriedenstellend begründet (eben „without justification”, wie angekündigt).
Einleitung
Die Hauptrichtung der gegenwärtigen Erkenntnistheorie analysiert Wissen als gerechtfertigte wahre Überzeugung. Diese Analyse erweist sich seit Jahrzehnten als unbefriedigend. In immer spitzfindigeren Szenarien wurden Lücken der jeweiligen Analyse aufgedeckt. Deshalb führte beispielsweise Alvin Plantinga statt der Rechtfertigung die Gewährleistung („warrant”) ein [1]. Er definierte sie als die Komponente, die eine wahre Überzeugung zu Wissen macht. In der Bewertung aller Gedankenspiele spielt eine mehr oder minder intuitive Einschätzung darüber mit, was letztendlich als Wissen akzeptiert werden kann.
Warum geht man das hartnäckige Problem nicht völlig uneinvorgenommen neu an? Timothy Williamson tat dies und stellte das Problem auf den Kopf, indem er vom Wissen als Grundbegriff ausging: „knowledge first”. Sein Knowledge and Its Limits beginnt: „If I had to summarize this book in two words, they would be: knowledge first” (Williamson 2000, S. v). Vom Grundbegriff „Wissen” lassen sich dann – so Williamson – die anderen epistemischen Begriffe ableiten.
Sutton geht in Without Justification in eine ähnliche Richtung. Er stellt darin die noch kühnere Identitätsthese auf: Gerechtfertigter Glaube ist Wissen, er verknappt sie sogar zu:

Identitätsthese I-T: gerechtfertigte Überzeugung ≡ Wissen (S. 7).

Er hängt seine These am soeben skizzierten Manko der Überlegungen zur Wissensdefinition auf. Wenn man Wissen als gerechtfertigte wahre Überzeugung analysiert wird „gerechtfertigt” verstanden als gerechtfertigt mit guten und ausreichenden Gründen. Die Gründe sind gut oder ausreichend bezogen auf das angestrebte Wissen. Um sie als solche zu klassifizieren benötigt man also bereits eine Vorstellung von Wissen. Der Begriff des Wissens geht der Rechtfertigung voraus. Daher Suttons erweiterter Slogan „knowledge first and last”.
Keine falschen Überzeugungen
Nach der traditionellen Sicht ist das Wissen eines epistemischen Subjekts eine echte Teilmenge der gerechtfertigten, wahren Überzeugungen. Es gibt sowohl gerechtfertigte, wahre Überzeugungen, die nicht als Wissen gelten können, als auch gerechtfertigte, falsche Überzeugungen. Darunter fallen die berühmt-berüchtigten Gettier-Beispiele.
Die  I-T könnte so aufgefasst werden, dass wir sehr viel mehr Wissen haben als bisher allgemein angenommen wurde. Sutton nimmt die andere Position ein: wir haben sehr viel weniger gerechtfertigte Überzeugungen als gedacht. Es gibt keine gerechtfertigte wahre Überzeugung, die außerhalb des Wissens und es gibt keine gerechtfertigte falsche Überzeugung” (S. 1). [2]

Die Trennung zwischen Wissen und gerechtfertigten Überzeugungen, die teils Wissen sind, teils aber keines, erst von der zeitgenössischen Philosophie gezogen wurde. Frühere Philosophen haben die Identität von Wissen und gerechtfertigte Überzeugung nicht in Frage gestellt (S. 2). Wenn dem so ist, wäre damit eher erklärbar, dass sich die jahrhundertelang unterstellte Identität weiterhin im Alltag fortsetzt, lediglich aufgeweicht zu einer saloppen Sprechweise.
Der Wissensbegriff – beispielsweise – bei Sokrates ist „schwer zu fassen” (Voigtländer 1989, S. 26), doch ist er sehr anspruchsvoll. In vielen Dialogen wird seinen Gesprächspartner das Nichtwissen nachgewiesen. Sokrates legte auch großen Wert auf die Begründung („Erklärung”; Übersetzung Schleiermacher, Platon: Theaitetos, St. 647). Ob bei ihm Wissen mit gerechtfertigter Überzeugung koextensiv ist kann hier nicht geklärt werden.
Suttons Diktum, dass die Identität von Wissen und gerechtfertigte Überzeugung nicht in Frage gestellt wurde, bleibt belegschuldig.
Kapitel 1 The View
Bevor Sutton im 2. Kapitel vier Argumente für die I-T bringt versucht er im 1. Kapitel die verbreitete Ansicht, dass es gerechtfertigte Überzeugungen gibt, die kein Wissen sind, zu zerstreuen.
Es gibt – so Sutton – zwei Klassen von Überzeugungen, die nicht als Wissen gelten, aber als gerechtfertigt angesehen werden.
1) UU: Unknown Unknown [3]
2) KU: Known Unknown [4]
1) UU: Unknown Unknown
In die Klasse der UU fallen die Überzeugungen, die im berühmten Land der Scheunenattrappen entstehen. Sutton führt als analoges Szenario das Land der Dollarblüten ein (S. 8). Da es bei einigen Überlegungen glaubwürdiger ist als die Scheunenattrappen, verwende ich ebenfalls das Land der bei weitem überwiegenden Dollarblüten. Hierzu behauptet Sutton, dass wir entstehende Überzeugungen nur als gerechtfertigt ansehen, wenn wir sie in Bezug setzen zu Wissen (im normalen Land) oder vermeintliche Wissen (Land der Dollarblüten): „We only understand what it is to be justified in the appropriate sense because we understand what it is to know” (S. 10). Da vollzieht sich Williamsons und Suttons Slogan „knowledge first”.
Wenn ich Sutton richtig lese, hat er Folgendes im Auge:
Normales Land → Wissen → gerechtfertigte Überzeugung.
Land der Dollarblüten → kein Wissen → keine gerechtfertigte Überzeugung.
Daran habe ich einiges auszusetzen.
a) Normales Land bedeutet nicht, dass man nicht getäuscht werden kann. Vielleicht gibt es vereinzelte  Dollarfälschungen. Es ist zweifelhaft, ob man hier – außer man vertritt einen sehr lockeren Wissensbegriff – Wissen zubilligt. Man wird – contra Sutton – die erforderliche Rechtfertigung dafür, dass man einen echten Schein vor sich hat, den Umständen (kontextual) entsprechend anpassen. Der Weg geht also so:
ausreichende Rechtfertigung sicherstellen → gerechtfertigte Überzeugung (und gegebenenfalls Wissen).
b) Bezeichnenderweise führt Sutton statt der Scheunenattrappen die Dollarblüten ein. Wie oben gesagt, ist es in mancher Hinsicht passender. Um zu zeigen, dass man im normalen Land weiß schwenkt er aber auf die Scheunen um. Im normalen Land gibt es, wenn überhaupt, nur sehr selten Scheunenattrappen. Deshalb stimmt man Sutton zu: unter günstigen Umständen (klar Sicht, gutes Sehvermögen usw.) im normalen Land ohne Attrappen, weiß man: Dort steht eine Scheune. Bliebe Sutton bei den Dollarblüten wäre das nicht mehr so überzeugend.
c) Wenn man im  Land der Dollarblüten nicht weiß (oder aus meiner Sicht: nicht gerechtfertigt überzeugt ist), dass man eine echte Dollarnote vor sich hat, dann auch nicht außerhalb des  Lands der Dollarblüten, da man per Definition im Gedankenexperiment nicht weiß, wo man sich befindet. Auch in der Realität sollte man mit gefälschten Dollarnoten rechnen.
Meine Folgerung: Die Verbindungen (Implikationen)
normales Land → Wissen und
Land der Dollarblüten → kein Wissen
sind nicht tragfähig: Rechtfertigung zuerst!
Zuletzt: egal wo man sich befindet, wenn man die Geldscheine, je nach Sachlage, ausreichend eingeschätzt hat, ist man gerechtfertigt überzeugt: „Das ist ein echter Dollarschein”. Da man sich dabei immer noch täuschen kann, gibt es falsche, gerechtfertigte Überzeugungen. Wenn man dies zugesteht, ist es zweifelhaft, selbst wenn man unterstellt, man hat tatsächlich einen echten Schein vor sich, hier Wissen zuzuschreiben. Man hat dann eine wahre, gerechtfertigte Überzeugung ohne Wissen.
Fazit zu den UU: Sutton konnte die Überzeugung, dass es gerechtfertigte Überzeugung außerhalb von Wissen gibt, nicht erschüttern.
2) KU: Known Unknown
Angelehnt an die Lockesche These
Es ist für S nur dann vernünftig von p überzeugt zu sein, wenn es vernünftig ist, dass S einen Vertrauensgrad in p hat, der genügend ist für diese Einstel­lung. (Foley 1992, S. 111)
kann man zu dieser These übergehen:
S ist gerechtfertigt von p überzeugt zu sein, wenn p genügend wahrscheinlich ist, selbst wenn S nicht weiß dass p.
Überzeugungen dieser Art klassifiziert Sutton als KU: man weiß, dass man sie nicht weiß. Die Klasse KU bestünde aus gerechtfertigten Überzeugungen, die kein Wissen sind und wären Gegenbeispiele zur I-T. 
In die Klasse KU fallen die bekannten Lotteriepropositionen. Sutton will in Kapitel 2 nachweisen, dass man Überzeugung die auf  Wahrscheinlichsüberlegungen (Wahrscheinlichkeit < 1) gründen, nicht gerechtfertigt sind.
In die Klasse KU fallen auch Folgerungen aufgrund der besten Erklärung. Man weiß, dass man sie nicht weiß. Sutton hält sie nicht für gerechtfertigt, ohne dies näher zu begründen.
Ich finde, es lassen sich leicht Folgerungen aufgrund der besten Erklärung finden, die sehr wohl gerechtfertigt sind. Ich gebe eine davon.
In der Wohnung des Opfers werden die Fingerabdrücke und DNA Spuren von S gefunden. Die beste Erklärung ist, dass S in der Wohnung war. Ich halte dieses Urteil für ausreichend gerechtfertigt, auch wenn es kein Wissen darstellt: ein Böswilliger könnte die Spuren absichtlich gelegt haben.
Kapitel 2 The Arguments
Im zweiten Kapitel gibt Sutton vier Argumente für die I-T als Hauptthese seines Werk. Des weiteren versucht er entgegengesetzte Intuitionen – es gibt gerechtfertigte Überzeugungen, die kein Wissen sind – auszuräumen, dazu bedient er sich beim Lotterie– und Vorwortparadox.

Untersuchen wir zuerst die vier Argumente.
1 Das Behauptungsargument
Schon Timothy Williamson setzte ein  Behauptungsgument ein um zu belegen, dass die Norm der Behauptung das Wissen ist (2000, S. 238-269). Sutton bemüht ähnliche Beispiele um die I-T zu unterstützen. Sein Hauptbeispiel ist eine Reductio ad absurdum (S. 44ff). Ich beschränke Suttons ausführliche Beschreibung auf das Wesentliche.
(1) Andy hat die gerechtfertigte wahre Überzeugung p: „Das ist ein 10-Euro Schein”. Er wisse p nicht. Seine Rechtfertigung sei einwandfrei (Sutton: „impeccable”).
(2) Andy und Bob sind im Land der Euro-Blüten, ohne dies zu ahnen.
(3) Andy versichert Bob p.
(4) Andy ist extrem zuverlässig in seinen Behauptungen („Andy only utters truths in actual and a wide range of counterfactual circumstances”, S. 45).
(5) Bob gewinnt die Überzeugung p: (3), (4)
(6) Bobs Überzeugung p hat vielleicht sogar einen höheren Rechtfertigungsgrad als Andys.
(7) Doch auch Bobs Überzeugung, dass p, sei kein Wissen.
Die Leser haben zwei Kröten geschluckt (die Prämissen (4) und (6)) und warten nun gespannt auf die Reductio, da erläutert Sutton sein Beispiel nochmals.
Dann bringt Sutton Williamsons Wissensnorm der Behauptungen und dessen Überzeugungsnorm ins Argument.
(8) Wissensnorm: Das epistemische Subjekt S darf p nur dann behaupten, wenn S weiß, dass p (Williamson 2000, S. 243).
Das Szenario (1) bis (7) steht im Widerspruch zu (8). Was soll aufgegeben werden um den Widerspruch auszuräumen?
Sutton folgert (S. 46):
(9) Die Argumente Williamsons und anderer für (8) sind gut. (8) wird nicht aufgegeben.
(10) Daher muss die dem Szenario unterliegende Vermutung, dass es gerechtfertigte Überzeugung ohne Wissen gibt, aufgegeben werden.
(11) Insbesondere (1) muss zurückgewiesen werden, weil es eben keine gerechtfertigte Überzeugung ohne Wissen gibt.

Ich halte das Reductio-Argument für I-T für verfehlt.
  • Zuerst zwei kleine Einwände: 
    a) Die Prämisse (4) ist sehr anspruchsvoll.
    b) Normalerweise kann (6) nicht der Fall sein. Sutton spricht die Problematik in Fussnote 4 (S. 154) kurz an. Der Zeugnisgeber kann als Filter wirken, der die Glaubwürdigkeit verstärkt. Da davon wenig pro oder contra des Reductio-Arguments abhängt, kann man (6) akzeptieren.
  • Entscheidender Einwand: 
    Einen Widerspruch führt Sutton damit herbei, dass er mit (8) die Wissensnorm einführt, aus der unmittelbar folgt, dass das behauptete p Wissen darstellt. Akzeptiert man die Wissensnorm – also (8) zusammen mit (9) – und unterstellt, dass Andy sie einhält, so folgt, dass Andy p weiß. Oder anders: Nimmt man Prämisse (1) ernst, so darf – unter Beachtung der Wissensnorm – Andy p nicht behaupten, d.h. die Prämisse (3) ist nicht zulässig.
2 Das Lotterieargument
Als zweites Argument für I-T nutzt Sutton die Lotterieargumentation in Nelkin 2000. Die Autorin gibt das zum Paradox führende Lotterieargument in zwei Versionen: Formulierung als
  • Wissensargument und als
  • Rationalitätsargument.
Sutton setzt in der zweiten Version für „es ist rational” sinnerhaltend „ist gerechtfertigt” ein [5].
Ich gebe dazu nur die jeweilige erste Prämisse.

Wissensversion
(W1) S weiß, dass Los 1 verliert.

Rechtfertigungsversion
(R1) S ist gerechtfertigt davon überzeugt, dass Los 1 verliert.

Eine weit verbreitete Intuition und gleichzeitig Lösung ist, dass (W1) nicht zutrifft. Man nicht wissen, dass eines der Lose verliert. Wenn man (W1) ablehnt, kommt das Paradox in der Wissensversion nicht zustande.
Die Lösungen der Rechtfertigungsversion sind unterschiedlich und umstritten. Sutton argumentiert wie folgt:
(D1) Es gibt ein klares Desideratum. dass man die Lösung der einen Version auf die andere übertragen kann (S. 50).
(D2) Die Ablehnung der ersten Prämisse (W1) ist – wie gerade zeigt wurde – die intuitive und allgemeine und beste Strategie in der Wissensversion.
(D3) Die  Ablehnung der ersten Prämisse (R1) ist die angemessene Strategie in der Rechtfertigungsversion. (Aus (D1), (D2))
Dass man (R1) als unzutreffend ablehnt heischt noch nach Erklärung. Die Erklärung Suttons ist: gerechtfertigte Überzeugung ist nichts anderes als Wissen.
Die beiden Versionen des Lotterieparadox und ihre erwünschte Gleichbehandlung stützen die I-T.

Das Argument Suttons stützt die I-T nur: es könnte ja auch eine andere gemeinsame Lösung für die Wissens– und Rechtfertigungsversion geben. Für Suttons gemeinsame Lösung spricht, dass die Ablehnung von (W1) tatsächlich die verbreitete Lösung des Lotterieparadox in der Wissensversion ist. Wenn man (D1) zustimmt spricht einiges für die Zurückweisung von (R1). Allerdings hängt und steht dabei alles davon ab, ob man das Desideratum unter (D1) mitträgt.
Außer bei Sutton finde ich das Desideratum in Nelkin 2000, allerdings in bescheidenerer Form: Es ist wünschenswert, wenn beide Version gleichartig gelöst werden  (S. 374). Und: Wenn sie nicht gleich gelöst werden, verlangt dies nach Erklärung (S. 376).
Dafür liefert Nelkin zwei Begründungen:
1) beide Versionen sind annähernd parallel.
2) von der hohen Wahrscheinlichkeit 1 zu 1 Million folgert man in der Wissensversion, dass man weiß, dass Los 1 eine Niete ist. Nun ist es nur natürlich zwischen dieser Folgerung und der Rationalität (wie angemerkt, formuliert Nelkin die zweite Version als Rationalitätsargument) eine enge Verbindung zu vermuten (Nelkin 2000, S. 376)
Allerdings gibt mindestens einen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Versionen, so dass das Desideratum fragwürdig wird. Sutton stellt diesen Unterschied selbst fest: die Wissensversion ist nicht wirklich ein Paradox, es ist einfach ein schlechtes Argument (S. 50). Die Rechtfertigungsversion führt dagegen zum Paradox.
Das Desideratum ist wegen den folgenden weiteren Gründen nicht aufrecht zu erhalten:
  • Es gibt zahlreiche Lösungen die Prämisse (R1) aus ganz anderen selbständigen [6] Gründen abzulehnen (Kelp 2011, S. 588 gibt dazu zahlreiche Verweise).
  • Es gibt Lösungen zur Rechtfertigungsversion (z.B. Ablehnung des Geschlossenheitsprinzip unter Konjunktion), die mindestens so attraktiv sind wie die Zurückweisung von (R1) (Coffman 2010, S. 16-17).
3 Bescheidenheitsargument
Mit dem dritten Argument, dem Bescheidenheitsarument, will Sutton zeigen, dass es keine Überzeugungen der Klasse KU gibt. Er zeigt aber, wenn überhaupt, dass sie überflüssig sind.
Sutton verdeutlicht, dass man nichts gewinnt, unbescheiden kategorisch von der Lotterieproposition überzeugt zu sein gegenüber – bescheiden – nur davon überzeugt zu sein, dass das Los wahrscheinlich nicht gewinnt. Der einer Halter unbescheidener, kategorischer Überzeugung wird zu irrational überzuversichtlichem Handeln verleitet: warum gibt er das Los nicht weit unterm Einkaufspreis ab? warum kaufte er es überhaupt?
Ich meine, es macht schon einen Unterschied, ob S unbescheiden davon ausgeht, dass sie am Montag wieder wie üblich zur Arbeit gehen wird, oder ob sie – wenn auch mit geringer Wahrscheinlichkeit – dass sie am Sonntagabend nach der Lotteriebekanntgabe ihren Job kündigt.
Wer immer bescheidenen mit nahezu jeder Überzeugung eine Wahrscheinlichkeit mitführt hat einen enormen kognitiven Aufwand, den sich der Unbescheidene erspart.
Zum  irrational überzuversichtlichen Handeln: es ist – unter rein ökonomischen und epistemischen Blickwinkel – tatsächlich nicht rational ein Los in der Standardlotterie zu kaufen. Die Losbesitzerin aber, die vor der Losziehung am Sonntagabend ihr Auto für die Fahrt am Montagmorgen auftankt (und damit vermeidet, am Montag zehn Minuten früher aufstehen zu müssen) handelt nicht irrational überzuversichtlich

Andrerseits muss sich Sutton gegen den maximal Bescheidenen abgrenzen, der keine Theorie für wahr hält (sondern nur für wahrscheinlich), der nicht davon überzeugt ist, dass er Hände hat, ... (S. 55-56). Mit „knowledge first” im Hinterkopf ist Sutton überzeugt, dass er weiß, dass er Hände hat. Wer das (im obigen Sinne bescheiden) als für nur wahrscheinlich ansieht verzichtet darauf, von etwas überzeugt zu sein, das er wissen könnte.
Suttons Unterscheidungsmerkmal, darüber, wann bescheiden, wann nicht:
„The absence of presence of knowledge makes the difference between rational and irrational belief formation” (S. 55).
Ich sehe nicht, wie man dieses Merkmal anwenden kann, außer unter der Annahme, dass man Wissen über p oder eine Theorie schon hat oder es irgendwie erkennt.
Die ganze Abgrenzung Suttons überzeugt mich nicht, ohne näher darauf einzugehen. Sie mündet zudem in einer für mich nicht akzeptablen Forderung: „An optimal believer ... [...] restricts his beliefs to what he knows”.
4 Das Argument der a posteriori Einschätzung
Auf das vierte Argument der a posteriori Einschätzung gehe ich hier nicht näher ein. Sutton selbst stuft es als das am wenigsten überzeugende Argument ein (S. 59-60). Es überzeugt mich ebenso wenig, wie die vorhergehenden.
Haupteinwände
Den wichtigen Abschnitt „2.2 The Main Objection” beginnt Sutton mit einem Vorausblick: er will den Haupteinwand zu seinen Argumenten erklären und wie er seine drei Hauptargumente (das vierte, das  Argument der a posteriori Einschätzung, stuft er selbst als nicht so überzeugend ein; siehe oben) bedroht. Dann will er zeigen ,dass der Haupteinwand nicht erfolgreich ist. Die Leser sind gespannt.
Sutton fährt nun fort mit einer Behauptungsnorm RBK, die Williamson diskutiert (2000, S. 261), aber selbst nicht vertritt. Der bisherige Argumentationsgang bei Sutton betraf die gerechtfertigte Überzeugung und ihre Identität mit Wissen. Der Schwen zu einer Behauptungsnorm, die Williamson angreift, ist sonderbar. Zwar konstatiert Sutton eingangs, dass der Haupteinwand gegen seine drei Argumente ähnlich dem Einwand ist, den Williamson gegen seine Wissensnorm der Behauptung behandelt, aber der Haupteinwand gegen Suttons drei Argumente kommt nie (oder ich erkannte ihn nicht). Sollten es dieselben oder ähnliche Einwände (Plural!) sein, die Sutton gegen die  Behauptungsnorm RBK Williamsons vorbringt, so müßte man dies dringend sagen und die Ähnlichkeit oder was immer erläutern.
Dieser Abschnitt bleibt für mich schwer durchschaubar und nicht einordenbar. Es werden zahlreiche Thesen aufgestellt und zurückgewiesen, der Zusammenhang zur I-T und den sie stützenden drei Argumenten (Behauptungsgument,  Lotterieargument, Bescheidenheitsargument; s.o.) wird aber nicht erklärt.

Einen Haupteinwand gegen I-T behandelt Sutton dann durchsichtiger im Abschnitt „2.3 The Bit Where You Take it Back, Part II” (S. 63–67). Ich behandle ihn unter der nachfolgenden Frage.
Warum wird so oft von gerechtfertigten Überzeugungen gesprochen, die kein Wissen sind?
Aufgrund Suttons Position haben alle sehr viel mehr ungerechtfertigte Überzeugungen als bisher angenommen: alle scheinbar gerechtfertigten  Überzeugungen, sie mögen wahr oder falsch sein, sind es nicht, außer sie stellen Wissen dar. Alle UU-Überzeugungen, also beispielsweise „Dort ist eine Scheune” oder „Das ist ein 10 Euro Schein” sind nicht gerechtfertigt. Es wird also sehr oft von gerechtfertigten Überzeugungen gesprochen, obwohl sie kein Wissen sind und daher – nach Suttons I-T – auch nicht gerechtfertigt sind.
Dazu hat Sutton zwei Antworten.
1) Lose versus strikte Sprechweise
Wenn üblicherweise doch von Rechtfertigung von Propositionen gesprochen wird, die nicht als Wissen durchgehen, so ist dies eine lose Sprechweise. Die Erkenntnistheorie tut gut daran von Rechtfertigung nur in der strikten Bedeutung zu reden, genau dann, wenn die Proposition gewusst wird. An vielen Stellen betont Sutton, dass die strikte Sprechweise, diejenige, die die I-T beachtet, die einzig richtige ist (S. 3, S. 5, S. 64).
2) Gerechtfertigte Überzeugung meint wahrscheinlich
Man spricht oft davon, dass p gerechtfertigt sei, meint damit aber, dass p wahrscheinlich ist (S. 3). Damit hat Sutton in vielen Fällen recht. Ein Grenzfall ist aber im Zoo, unmittelbar vor dem ausgeschilderten Gehege: „Das Zebra ist ein Zebra”. Für „Paris ist die Hauptstadt Frankreichs” scheint mir diese Interpretation außerhalb des philosophischen Seminars nicht mehr zutreffend zu sein.

Mein Leseeindruck: Sutton jongliert um seine Position halten zu können:
„Das ist ein 10 Euro Schein” ist nicht gerechtfertigt, aber „blameless” (S. 64)
„Es wird regnen”, aufgrund der Wolken am Himmel, ist gerechtfertigt (!? man ist erstaunt ob dieses Zugeständnis, das wird doch wohl nicht bei Sutton als Wissen durchgehen?), ... nur weil hier „gerechtfertigt” in loser Sprechweise verwendet wird und man eigentlich sagen will: „Es wird wahrscheinlich regnen” (S. 64-65).
Allerdings: wenn man das „gerechtfertigt” eh als wahrscheinlich interpretiert, stellt sich die Frage, warum dann nicht auch Lotteriepropositionen gerechtfertigt sind. Die Beantwortung führt Sutton im folgenden Abschnitt zum Vorwortparadox aus.
Das „Paradox” des Vorworts
Suttons Position zum Lotterieparadox ist recht einfach:
(1) Die Lotterieproposition fällt in die Klasse der KU-Aussagen.
(2) Aussagen dieser Art kann man nicht wissen und man weiß dies („known-unknown”).
(3) Von Aussagen dieser Art kann man nicht gerechtfertigt überzeugt sein (I-T sei Dank).
Folgerung
(4) Das Paradox kommt nicht zustande.
Suttons Position zum Vorwortparadox ist sehr viel komplexer. Sie ist kaum festzunageln, weil Sutton
  • zwischen Lotterieparadox und Vorwortparadox jongliert
  • „gerechtfertigt” sowohl in loser als auch strikter Redeweise verwendet
  • „wahrscheinlich” auch als „mehr wahrscheinlich als nicht” verwendet (das muss man zumindest S. 69 zu seinen Gunsten annehmen, damit die Argumentation schlüssig wird).
Wenn ich den Abschnitt zum Vorwortparadox richtig zusammenfasse, so hat Sutton zwei Lösungen zum Vorwortparadox, je nachdem wie in der Argumentation, die zum Vorwortparadox führen soll, das „gerechtfertigt” verwendet wird.
a) Lose Redeweise: Jeder Satz 1, ... Satz n des Buchs wird vom Autor nur für wahrscheinlich korrekt gehalten
Die Rechtfertigung in loser Redeweise ist nicht geschlossen unter Konjunktion, weil es die Wahrscheinlichkeit nicht ist (S. 68-69).
Es folgt also nicht: der Autor hält ( Satz 1, ... Satz n) für wahrscheinlich korrekt. Es gibt kein Paradox.
b) strikte Redeweise
Damit ist Sutton schnell fertig: Diese hypothetische Situation ist unmöglich (S. 70) und „if one uses the phrase strictly, it is equally obvious that it is all nonsense” (S. 68).
Suttons Behandlung des Vorwortparadox überzeugt nicht
Mich überzeugt es selten, wenn bei der Diskussion einer Implikation der Antezedens bestritten wird und ebenso wenig, wenn bei einem Gedankenexperiment die Ausgangslage als unmöglich angesehen wird. Viele Dilemmata entstehen durch Hineinversetzung in abwegige Lagen (man denke ethische Dilemmata). Sie dienen der Zuspitzung in fiktiven Situationen und sind als Diskussionsgrundlage berechtigt.
Zum Vorwortparadox führen zwei bekannte Annahmen:
  1. Der Autor prüft peinlich genau jede seiner Aussagen und ist von jeder einzelnen voll überzeugt: „Diese Aussage tritt zu (ist wahr)”.
  2. Der Autor weiß aus Erfahrung und in aller Bescheidenheit, dass kein umfangreiches, komplexes Werk (wie z.B. seines) fehlerfrei ist und gesteht das im Vorwort ausdrücklich.
Sutton macht es sich nun zu leicht, wenn er behauptet: 1. kann nicht zutreffen. Das  Gedankenexperiment will gerade herausfinden, was los ist, wenn 1. zutreffend ist. Und 1. ist ja offensichtlich absurd (wie Sutton S. 68 behauptet). Da ist es nicht zielführend zu sagen: Kann nicht sein.
Suttons „Lösung” zum Vorwortparadox ist keine.
Kapitel 3 Testimony
Die Identitätsthese I-T hat eine weitere unliebsame Konsequenz: sie macht Wissen aufgrund Zeugnis anderer nahezu unmöglich. Sutton legt fest: Solches Wissen ist für S nur möglich, wenn S von der Proposition p aufgrund dieses Zeugnis überzeugt ist und wenn S weiß, dass der Dritte p weiß (S. 85). Glaubt man nun, das sind Bedingungen, die Wissen aufgrund Zeugnis Dritter nahezu unmöglich machen, so beschwichtigt Sutton schon vorab. Diese Standards werden regelmäßig von normalen Menschen und sogar Kindern eingehalten (S. 4). Dabei ist nicht klar, ob Sutton von denjenigen spricht, die überzeugt werden, oder von denjenigen, die das Zeugnis abgeben.
Übergreifende Bemerkungen
Rechtfertigung ist nicht graduell
Überzeugungen – so sagt man – sind mehr oder weniger stark gerechtfertigt. Ich bin überzeugt, dass p1: „Die Erde ist annähernd eine Kugel”.   Das würde von den meisten sogar als Wissen angesehen. Ich bin – wohl nicht ganz so stark – überzeugt von p2: „Joachim Gauck ist der gegenwärtige Bundespräsident Deutschlands”. Und ich bin überzeugt, dass p3: „Auch in fünf Minuten werde ich noch an diesem Aufsatz schreiben”. Man spricht vom Rechtfertigungsgrad der Überzeugung oder von Glaubensgraden. Da Wissen ein alles-oder-nichts Begriff ist, muss es nach der  I-T auch die Rechtfertigung sein. Wie passt das zu unserem Eindruck, dass wir mehr oder minder starke Überzeugungen haben?
Neben der losen Sprechweise hat Sutton ein zweites Manöver um diese Diskrepanz zu erklären. Wenn ich p2 behaupte, und dafür nach üblichem Verständnis nur ziemlich sicher voll gerechtfertigt bin, behaupte ich – so Sutton – nur p2*: „Joachim Gauck ist sehr wahrscheinlich der gegenwärtige Bundespräsident Deutschlands” (S. 64). Davon bin ich voll überzeugt, was identisch ist mit: ich weiß es.
Titel des Werks
Der Titel  „Without Justification” ist leicht irreführend. Keinesfalls will Sutton auf Rechtfertigung ganz verzichten: schließlich kommt sie in seiner Hauptthese I-T vor. Er geht die Sachlage nur von der anderen Seite aus an. Es hat sich erwiesen, dass wir intuitiv einschätzen können, was Wissen ist. Nach der I-T ist ein gewusstes p und nur ein gewusstes p auch ein gerechtfertigtes. Rechtfertigung kann daher nicht als von Wissen verschieden angesehen werden. In diesem Sinne kommen wir besser weiter ohne Rechtfertigung (S. 3).
Etwas boshaft kann man den Titel auch anders lesen. Das Werk deklariert schon auf der Umschlagsseite, dass es ohne (gute und ausreichende) Rechtfertigung daherkommt. Dazu passt Suttons Vorworteinschränkung, die zwar das Vorwortparadox ausschließt, aber schon mit dem ersten Satz kein gutes Licht auf das Nachfolgende wirft:
„Much of this book is probably worthless—ill considered, if not false” (S. vii).
Kritik
Ähnlich wie Williamson in Knowledge and Its Limits Belege und Gründe „evidence” mit Wissen gleichsetzt („evidence”  für p, das diese Bezeichnung verdient, ist nur vorhanden, wo p Wissen ist), geht Sutton dazu über Rechtfertigung mit Wissen gleichzusetzen. Von (guter, ausreichender) Rechtfertigung für p kann man nur sprechen, wenn p Wissen ist und umgekehrt. Die übliche Überzeugungs– und Wahrheitskomponenten gehen im Grundbegriff Wissen auf.
  • Meines Erachtens übersieht Sutton, dass wir Rechtfertigung nicht primär dafür benötigen um aus wahrer Überzeugung Wissen zu machen, sondern um die Wahrheit der Überzeugung glaubhaft zu machen. Könnten wir an p direkt ablesen, dass p wahr ist, könnten wir auf die Rechtfertigung verzichten. Aber Wahrheiten sind nicht markiert, wie Fotographien mit dem Datum in einer Ecke (Davidson 2000, S. 67). Deshalb dient die gute und ausreichende Rechtfertigung als Mittel zum Zweck. Ob die Rechtfertigung für p gut und ausreichend ist hängt vom Kontext ab. Normalerweise sprechen wir jemand für p: „Das ist eine Scheune” Wissen zu, wenn er unmittelbar davor steht und die Scheune sieht usw. Sind wir im Land der Scheunenattrappen ist die „normale” Rechtfertigung nicht ausreichend und p gilt nicht als Wissen, selbst dann nicht, wenn p wahr ist.
  • Folgt man Sutton so gibt es gerechtfertigte Überzeugungen (die immer Wissen sind) und ungerechtfertigte Überzeugungen. Es stellt sich die Frage, mit welcher Berechtigung jemand noch an den ungerechtfertigte Überzeugungen festhält. Sutton ist konsequent und propagiert: „Stick to What You Know” (Sutton 2005, Sutton 2007, S. 5, 7). Man darf nur von dem überzeugt sein, was man weiß. Die allermeisten Überzeugungen müßten über Bord geworfen werden. Man hätte auch keine ungerechtfertigte Überzeugungen mehr. Man könnte solche ehemals ungerechtfertigten Überzeugungen allenfalls mit einem Wahrscheinlichkeitsgrad versehen. Es stellt sich die Zusatzfrage: wie begründet man den Wahrscheinlichkeitsgrad? Suttons Lösung: Die Wahrscheinlichkeitsaussage weiß man und ist daher – I-T sei Dank – begründet. Das aber führte dazu, dass nahezu alle Überzeugungen eine Wahrscheinlichkeitseinschränkung mit sich tragen. Bei Äußerung dieser Überzeugungen müßte man diese Wahrscheinlichkeitsmarkierung mitäußern. Das alles halte ich für inplausibel.

Am Ende des Abschnitts zum Vorwortparadox merkt Sutton an, dass es im nicht-philosophischen Umfeld überpenibel wäre die strikte Redeweise für „gerechtfertigt” anzuwenden (S. 70).
Wenn das zutrifft, dann ist Suttons Ausarbeitung und besonders I-T– in der „gerechtfertigt” ja strikt gelesen wird –:
Eine Überzeugung p ist für S gerechtfertigt gdw. S weiß, dass p (S. 70)
nur für philosophische Kreise zutreffend. Hat er nur ein Buch für die inner-philosophische Diskussion geschrieben?
Neues Paradox in Without Justification
Jonathan Sutton vermeidet zwar tunlichst das Vorwortparadox durcennh seinen allerersten Satz: „Much of this book is probably worthless—ill considered, if not false” (S. vii). Er stellt damit zwar so ziemlich alles im Buch in Frage, aber nur wahrscheinlich. Sutton beschwört aber neues Unheil herauf, wenn er über die Einzelheiten in seinem Buch wie folgt urteilt:
(1) Ich bin von den Positionen, die ich im Buch verteidige überzeugt.
(2) Die  Einzelheiten haben nur eine ausgeglichene Chance korrekt zu sein (S. 5).
Eine zentrale These Suttons lautet:
(3) Man sollte von p nur dann überzeugt sein, wenn man p weiß (S. 5)
(4) Plausibel ist: Die Einzelheiten ergeben, unterstützen und begründen die Positionen.
Es ist nun leicht zu sehen, dass bei nur in etwa 0,5 Wahrscheinlichkeit der Einzelheiten (nach (2)), die unter (1) genannte Überzeugung Suttons unhaltbar wird.
In seinen Behauptungen tritt ein neues Paradox zutage.Sutton
Generelle Kritik
  • An vielen Stellen bringt Sutton Hinweise, die die traditionelle Sicht nur zweifelhaft erscheinen lassen, aber keinesfalls erschüttern (S. 10).
  • Er verweist oft auf spätere Kapitel; der Leser wird vertröstet.
  • Sutton bedient sich manchmal einer komplizierten Ausdrucksweise, so geht z.B. ein Klammerausdruck über zwei Absätze (S. 36-37).
  • Da Sutton neue, strengere Bedeutungen von Begriffen einführt (die vom allgemeinen Gebrauch abweichen), ist es aufwändig immer genau klarzustellen, welche Bedeutung er gerade unterstellt. Das gelingt ihm nicht immer. Das gelingt aber auch nicht bei Begriffen, die er nicht ummünzt. So führt er „warrant” in der Definition Plantingas ein (S. 15-18). Wahre Überzeugung plus „warrant” ergibt Wissen. Er schreibt aber auch von „a warranted belief that falls short of knowledge” (S. 46).
  • BTW: Plantinga fehlt im Index.
  • IMO Druckfehler: in „Nelkin is ... baldly asserting ...” (S. 52) soll es wohl „boldly” lauten
  • Die Klassen KU und UU sind – entgegen dem nominellen Anschein – nicht erschöpfend. Beispielsweise fällt die Goldbachsche Vermutung IMO weder unter KU noch unter UU.
Fazit
Die übliche, traditionelle Differenzierung zwischen Wissen, guter und ausreichend gerechtfertigter Überzeugung (glatte Überzeugung), graduell gerechtfertigte Überzeugung, bloßer, nicht ausreichend gerechtfertigter Glaube usw. wird nicht nur praktiziert, sondern erscheint auch weiter angebracht. Die Zweiteilung von Wissen als koexentional mit gerechtfertigter Überzeugung (I-T) und – wenn überhaupt – ungerechtfertigter Glaube – ist zu grob und nicht gerechtfertigt.
Doch auch die Maxime „Knowledge first” erscheint mir zweifelhaft.
Es ist schwer zu entscheiden, ob wir zuerst urteilen
a) S weiß p, also sind seine Gründe und Belege dafür ausreichend
oder
b) S ist von p aufgrund der vorgebrachten Gründe und Belege überzeugt und zwar so gut und ausreichend, dass p für S als Wissen gelten kann.
In den Gettierbeispielen gehen wir zunächst nach b) vor. Dann wird die Rechtfertigung untergraben, da wir im Land der Scheunenattrappen sind und wir urteilen: S weiß p nicht. Daraus folgern wir nach a): also ist die Rechtfertigung doch ungenügend.
Wenn wir zuerst nach der Maxime „Knowledge first” – also nach a) –  vorgehen, fragt es sich, wie das Urteil „S weiß p” zustande kam.
Intuition? erscheint sehr unzuverlässig.
Geht man unbewusst nicht doch nach b) vor und kommt dann zum Urteil, scheinbar mit „Knowledge first”?
Steckt in der Frage,  wie das Urteil „S weiß p” zustande kam nicht schon das Zugeständnis, dass es ohne Rechtfertigung nicht geht?
Sutton spricht viele epistemischen Probleme mit frischem Wind an. Er kann allerdings nicht überzeugend erklären, wie man Wissen ohne Zuhilfenahme der Rechtfertigung zumindest glaubhaft machen kann.
Auf die Rechtfertigung kann in der Erkenntnistheorie nicht verzichtet werden, wie es der Buchtitel suggeriert. Ob die Maxime „Knowledge first” der richtige weitere Weg ist, bezweifle ich.
Anmerkungen
[1] „My topic is warrant: that, whatever precisely it is, which together with truth makes the difference between knowledge and mere true belief.” (Plantinga 1993, S. 3)
[2] Wenn bei den Quellenangaben nicht anderes angegeben ist, so beziehen sie sich auf Sutton 2007; Übersetzungen sind von mir.
[3] Ich behalte die englischen Ausdrücke als Termini technici bei.
[4] Die spätere Verwendung dieser Begriffe in anderer Bedeutung und anderem Zusammenhang durch den damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erläutert Sutton in Fußnote 1, S. 149)
[5] Sutton erläutert und begründet sein Vorgehen in Fussnote 11, S. 155.
[6] Mit selbständig meine ich hier Lösungen, die unabhängig von einer Lösung der Wissensversion begründet werden.

Links
Jonathan Sutton: Assistant Professor of Philosophy at Auburn University, Alabama, USA
 Sutton1 – Sutton2
SuttonWithout Justification @ MIT Press
SuttonReviewed by Earl Conee, University of Rochester, 2007
SuttonMatthew A. Benton: „Knowledge Norms”
SuttonCoffman, E. J. (o.J.): „Justification Before Knowledge?”
SuttonSutton, Jonathan „How to Mistake a Trivial Fact About Probability For a Substantive Fact About Justified Belief”
Sutton Clayton Littlejohn, John Turri, Hg.: Epistemic Norms: New Essays on Action, Belief, and Assertion
Sutton Lotterie-Paradox und Vorwort Paradox
Sutton Alvin Plantinga: Warrant: The Current Debate
Sutton Rezensionen zur Erkenntnistheorie
Sutton Rezensionen philosophischer und verwandter Bücher
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Sutton SuttonJonathan Sutton: Without Justification. Cambridge, Mass.: The MIT Press, 2007. Broschiert, 180 Seiten


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Aidan McGlynn: Knowledge First? Palgrave, 2014. Gebundene Ausgabe: 227 SeitenSutton
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