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Metaphysik, Skepsis, Wissenschaft
Wolfgang Stegmüller: Metaphysik, Skepsis, Wissenschaft
Zweite, verbesserte Auflage. Berlin, Heidelberg, New York: Springer, 1969. Gebunden, 469 Seiten
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Kaum dreißig Jahre alt legte Wolfgang Stegmüller 1954 sein erstes großes Werk (viele sollten folgen) vor:  Metaphysik, Wissenschaft, Skepsis. Es fand große Beachung, auch im Kreise der Mathematiker, und ist immer noch lesenswert.
Die Neuauflage 1969 gliedert sich in
  • Neue Einleitung 1969. Nach 15 Jahren
  • Übersicht
  • I. Das Problem der Metaphysik
  • II. Die philosophischen Grundlagen von Logik und Mathematik
  • III. Objektive oder konventionelle Basis der Erfahrungserkenntnis?
  • IV. Das Problem der Skepsis
  • Epilog
Das Werk erschien zunächst 1954 mit dem Titel  Metaphysik, Wissenschaft, Skepsis. Dieser wurde in der zweiten Auflage vom Autor bewusst geändert. Ein dreiteiliger Titel  wie Metaphysik, Wissenschaft, Skepsis betone zu sehr den letzten Begriff – so Stegmüller –, daher also in der zweiten Auflage: Metaphysik, Skepsis, Wissenschaft. Im Wesentlichen wurde der Text der Erstauflage unverändert gelassen, Stegmüller schrieb dazu eine umfangreiche neue Einleitung.
Das Werk stellt insgesamt die Frage nach den Grundlagen der Erkenntnisbereiche. Diese Grundlagen sind dann fundamental, wenn sie evident sind.
Stegmüller versteht unter Evidenz eine Einsicht ohne methodische Vermittlung.
In der Neuen Einleitung berichtet er über die Reaktion auf die Erstauflage des Werks und fasst die Quintessenz zusammen: ein Fundament im genannten Sinne gibt es nicht. Diese Kernaussage der Betrachtungen wird für alle untersuchten Erkenntisbereiche (Metaphysik, Logik, Mathematik, Erfahrung) herausgearbeitet.
Entsprechend waren die Reaktionen.
„Der auf sein Spezialgebiet konzentrierte wissenschaftliche Fachmann (Mathematiker, Historiker, Naturwissenschaftler) hört nicht gern, daß fundamentale Voraussetzungen seiner Denktätigkeit metaphysischer Natur sind; der Metaphysiker hört nicht gern, daß seine geistige Tätigkeit auf einer vorrationalen Urentscheidung beruht; Philosophen aller Varianten, außer Skeptikern, hören nicht gern, daß die ernst zu nehmenden Arten der Skepsis unwiderleglich sind; schließlich nehmen die Skeptiker aller Schattierungen nicht gern zur Kenntnis, daß sie ihren Standpunkt nicht beweisen können. Eine solche komplexe Feststellung provoziert geradezu das empörte Aufbehren.” (S. 1-2)
Kursivsetzungen vom Autor
Man muss – contra Immanuel Kant – nicht das Wissen beseitigen, um dem Glauben Platz zu machen. „Vielmehr muß man bereits etwas glauben, um überhaupt von Wissen und Wissenschaft reden zu können” (S. 33).
Evidenzproblem
Das Problem der Evidenz (gibt es sie? für welche Bereiche? wie ist sie zu verstehen?) durchzieht das gesamte Werk. Ihm widmet der Autor dediziert das Kapitel I, 4.
Stegmüller dazu:
„All unser Argumentieren, Ableiten, Widerlegen, Überprüfen ist ein ununterbrochener Appell an Evidenzen“ (S. 168)
„Wir wollen, sobald wir die Annahme einer Evidenz als problematisch empfinden, nicht festsetzen, ob wir an Evidenz glauben wollen oder nicht, sondern wir wollen eine wissenschaftliche Begründung für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit  dieses Glaubens. All diese Begründungen, ob sie von der Für– oder von der Gegenseite aus erfolgen, sind jedoch zum Scheitern verurteilt. Denn alle Argumente für die Evidenz stellen einen circulus vitiosus dar und alle Argumente gegen sie einen Selbstwiderspruch. [...] Wer für die Evidenz argumentiert, begeht einen Zirkel, denn er will beweisen, daß es Evidenz gibt; das zu Beweisende soll also das Endergebnis der Überlegungen darstellen, während er vom ersten Augenblick seiner Argumentation an Evidenz bereits voraussetzen muß. Wer gegen sie argumentiert, begeht einen Selbstwiderspruch; denn er muß ebenfalls voraussetzen, dass seine Argumentationen evident sind.“ (S. 168–169)
Kursivsetzung vom Autor
Das Evidenzproblem ist folglich absolut unlösbar, die Frage, ob es Einsicht gibt oder nicht, ist absolut unentscheidbar. (S. 168). Wichtig ist dazu Stegmüllers Klarstellung in der Neuen Einleitung (und sie gilt auch für andere Behauptungen der Unentscheidbarkeit im Werk):
„Wenn ich sage, daß das Problem der Metaphysik absolut unentscheidbar sei, so verwende ich das Wort »entscheidbar« in einem rein theoretischen Sinn (in Analogie zu dem allerdings viel spezielleren Sprachge brauch, nach dem man sagt, Gödel habe ftir sein Unvollständigkeitstheorem einen formal unentscheidbaren Satz konstruiert). Gemeint ist, grob gesprochen: »Diese Frage läßt sich nicht durch reines Nachdenken entscheiden«. Da gegen ist es gerade meine Auffassung, daß das Problem, ob hic et nunc eine echte, gelten zu lassende und anzuerkennende Einsicht vorliegt, allein durch meine persönliche Gewissens entscheidung, für die ich nur mir selbst gegenüber verant wortlich bin, gelöst werden kann.“ (S. 2)  Kursivsetzungen vom Autor
Ein Unterkapitel des Evidenzproblems ist Evidenz und Religion. Darin stellt Stegmüller fest:
Die religiösen Aussagen, wie „der Mensch hat eine unsterbliche Seele”, werden von Religiösen keineswegs als hypothetische Annahmen (wie in der Wissenschaft), sondern als gewisse Sätze angesehen. Damit wird das übliche Bild: Wissenschaft = wissen, Religion = glauben, auf den Kopf gestellt. In der Wissenschaft begnügt man sich mit hypothetischen, vorläufigen Glauben, während die Religion für sich Gewissheit in Anspruch nimmt. (S. 211-212)
Schon alleine das Kapitel I, 4 "Das Problem der Evidenz" (und nicht nur dieses) macht den Abschnitt "I. Das Problem der Metaphysik" höchst lesenswert. Heinrich Scholz liegt in seiner Besprechung falsch, wenn er meint, man könne diesen Abschnitt „überschlagen, ohne irgend etwas Wesentliches einzubüßen” (Scholz 1956, S. 5)
So kommt Stegmüller zu diesem Befund:
„Da das Problem der Metaphysik im Evidenzproblem mündete, dieses sich aber als wissenschaftlich unlösbar herausstellt, so ist die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Metaphysik theoretisch unbeantwortbar. Sie kann nur durch einen praktischen Entschluß dafür oder dagegen beantwortet werden. Dieses Ergebnis überträgt sich auf alle wissenschaftliche Tätigkeit, da eine solche ohne Evidenzvoraussetzung nicht möglich ist; ferner auch auf außertheoretische Gebiete wie Ethik und Religion, sofern hier eine objektive Gültigkeit in Anspruch genommen wird.” (S. 76)
II. Die philosophischen Grundlagen von Logik und Mathematik
III. Objektive oder konventionelle Basis der Erfahrungserkenntnis?
Im zweiten Haubtabschnitt untersucht der Autor die drei metamathematischen Interpretationen der Mathematik: Logizismus, Intuitionismus und Formalismus auf ihre Grundlagen. Darin enthalten ist eine Skizze des Gödelschen Unvollständigkeitstheorem (S. 293ff). Hier wie auch im folgenden Abschnitt über das Fundamen der Erfahrungserkenntis ist das Fazit ebenso ernüchternd: ein voraussetzungsloses Fundament gibt es nicht.
Die drei Hauptprobleme der Erfahrungserkenntnis sind (S. 309):
  1. Basisproblem
  2. das Problem der Bestätigung und Prüfbarkeit empirischer Aussagen
  3. das Problem der Induktion oder der induktiven Bestätigung von Sätzen
Das Basisproblem wurde bereits von Karl Popper in Logik der Forschung 1935 in die Diskussion gebracht. Poppers Fazit ist ähnlich demjenigen von Stegmüller:
„So ist die empirische Basis der objektiven Wissenschaft nichts »Absolutes«, die Wissenschaft baut nicht auf Felsengrund.” (Popper 1994, S. 75)
IV. Das Problem der Skepsis
Ist der einzige Weg also der in die totale Skepsis? Gerne würde man durch eine Reductio ad absurdum nachweisen, dass der skeptische Standpunkt unhaltbar ist. Wieder muss Stegmüller enttäuschen: eine Reductio ad absurdum der Skepsis hält Stegmüller für fragwürdig (S. 79)
Die Sprache ist genau und verständlich, die Vermittlung der Argumente ist gründlich und überzeugend.
Das Problem der Metaphysik (Ist sie möglich? Ist sie sinnlos?) ist unentscheidbar. Stegmüller zeigt auch, dass Mathematik, Logik und die Erkenntnis aus Erfahrung auf metapyhsischen Fundamenten ruht. Ist daher eine partielle oder gar umfassende Skepsis angebracht? Man würde gern mit „nein” antworten und versucht daher die Skepsis mit einer Reductio ad absurdum zu widerlegen. Stegmüller weist nach, dass die skeptische Position nicht widerlegt werden kann. Es belibt die Folgerung, die Stegmüller bereits zum Abschluss des Kaptiels über die Grundlagen von Logik und Mathematik gezogen hat: „Man kann nicht vollkommen »voraussetzungslos« ein positives Resultat gewinnen. Man muß bereits an etwas glauben, um etwas anderes rechtfertigen zu können. [...] der archimedische Punkt außerhalb unserer endlichen Realität bleibt, zumindest für uns, eine Fiktion.” (S. 307).
Was tun, nachdem also die Grundlagen durch vernünftiges Nachdenken unentscheidbar sind? Es bedeutet aber nur theoretisch unentscheidbar. Man muß sich aber selbst entscheiden, welche Grundlagen man akzeptiert. „Um die eigenverantwortliche persönliche Entscheidung komme ich nicht herum.” (S. 47) Als einziges letzendliches Fundament bleibt also nur die persönliche Entscheidung.
Jeder philosophisch, mathematisch oder "nur" wissenschaftliche interessierte Leser wird aus diesem Werk sehr viel Einsicht gewinnen.
Links
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StegmüllerEvidenz - Wikipedia
Stegmüller Rezensionen zur Erkenntnistheorie
Stegmüller Rezensionen philosophischer und verwandter Bücher
Stegmüller Immanuel Kant
Literatur
Popper, Karl R. (1994): Logik der Forschung. Tübingen: Mohr.
Scholz, H. (1956): „Review: Stegmüller, W: Metaphysik, Wissenschaft, Skepsis”. Zentralblatt für Mathematik und ihre Grenzgebiete 57:1, S. 4-5. (Vermutlich: Heinrich Scholz)
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