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Aidan McGlynn: Knowledge First?
Basingstoke, UK: Palgrave Macmillan, 2014. Gebunden, 227 Seiten – McGlynn LinksMcGlynn Literatur
Seit dem Erscheinen von Timothy Williamson: Knowledge and Its Limits (2000; alle folgenden Zitate von Williamson beziehen sich darauf) gibt es zahlreiche Verfechter der These, dass Wissen die grundlegende propositionale Einstellung sei. Konsequent wird dann auch die Wissensnorm der Versicherung (Behauptung) vertreten:
„(The knowledge rule) One must; assert that p only if one knows that p.”
(Williamson S. 243, auch S. 238-269)
Aidan McGlynn argumentiert dagegen und rannte bei mir offene Türen ein. Das erschwert eine objektive Besprechung von Knowledge First? Ich hoffe, sie gelang mir trotzdem.
Die wichtigsten Standpunkte der Pro-Wissen-zuerst-Verfechter sind:
  1. Wissen als die unerklärte Erklärung („unexplained explainer”, Williamson S. 10). Wissen ist der Ausgangspunkt und nicht ein zusammengesetzes Produkt. Es kann nicht weiter erklärt und nicht analysiert werden. Das erinnert an George Edward Moores These in Principia Ethica (1903), dass die Eigenschaft „gut” undefinierbar und grundlegend ist. Die zahllosen Versuche Wissen als gerechtfertigte, wahre Überzeugung zu analysieren sind verfehlt.
  2. Wissen ist die grundlegende propositionale Einstellung, ein grundlegender mentaler Zustand. Wissen hat deshalb Vorrang vor Glauben und Überzeugung als andere mentale Zustände. Glauben und Überzeugung sind Arten von verkorkstem Wissen  (”botched knowledge”, Williamson S. 47).
Wenn ich es richtig sehe, sind das keine sich gegenseitig ausschließende Positionen, sondern zwei verschiedene aber kompatible Sichtweisen.
Entsprechend gliedert  McGlynn seine Argumentation:
Teil 1 Wissen als die unerklärte Erklärung: Kap. 2–6
Teil 2 Wissen als grundlegender mentaler Zustand: Kap. 7–8
Die Pro-Wissen-zuerst-Verfechter führen für ihre Position verschiedene Argumente ins Feld. Die wichtigsten sind:
  1. Die Gettierfälle zeigten die Fruchtlosigkeit der Analyse von Wissen als irgendwie gerechtfertigte, wahre Überzeugung.
  2. Lotteriepropositionen – Der Wissen-zuerst-Standpunkt erklärt am besten, warum man Lotteriepropositionen – obwohl hoch wahrscheinlich – (intuitiv) nicht als Wissen gelten läßt. Die Äußerung eines Losbesitzers vor der Ziehung p: „Dieses Los ist eine Niete” klingt vielen als abwegig. Die Behauptung oder Versicherung von p unterliegt der Wissensnorm (siehe oben) und verdeutlicht die Vorrangstellung von Wissen.
  3. Mooresche Sätze wie „p, aber ich weiß nicht, dass p” klingen absurd. Mit der Wissensnorm für Versicherungen klärt sich die Absurdität: man kann und darf p nur tadelsfrei äußern, wenn man p weiß.
McGlynn geht auf die Argumente der  Pro-Wissen-zuerst-Verfechter ein und zeigt, dass sie nicht plausibel sind. Alles was sie zu erklären versuchen, kann auch ohne Wissen-zuerst erklärt werden. In den meisten Gettierfällen wird man niemand ob seiner  gerechtfertigten Überzeugung tadeln, insbesondere dann nicht, wenn sie wahr ist. Wer im Land der Scheunenattrappen eine echte Scheune sieht und aufgrund seiner Sinneseindrücke zur Überzeugung kommt, dass er eine echte Scheune sieht, ist nicht zu tadeln. Gleichwohl wird man ihm Wissen darüber absprechen, da er nur glücklicherweise die einzige echte Scheune unter Hunderten von  Scheunenattrappen sieht. Die Wissensnorm der Versicherung erweist sich als verfehlt.
Der Autor strukturiert den Stoff gut nachvollziehbar. Er formuliert oft Gedanken und Einwände gegen die  Pro-Wissen-zuerst-Position, die man selbst beim Studieren von Aufsätzen der Verfechter hat. Nicht nur das, auch die Kritiken an dieser Position werden klarer. So verweist er beispielsweise bei der Besprechung von Douven 2006 darauf, dass dessen „rational credibility” nichts anderes als die propositionale Rechtfertigung ist (McGlynn S. 106).
Eine zentrale Frage in der Wissen-zuerst Diskussion scheint mir die folgende zu sein.
Jemand – S – hat die Überzeugung p. S erkennt, dass sie/er p nicht weiß.
Hat die Überzeugung p von S einen gewissen Mangel?
McGlynn vertritt die Ansicht: wer diese Frage bejaht nimmt eine umstrittene Position ohne stichhaltiges Argument dafür ein (S. 28).
In der Tat: wer hier von Mangel spricht unterstellt bereits, dass Wissen (und nicht – beispielsweise – die gerechtfertigte Überzeugung} die grundlegende und einzige mangelfreie propositionale Einstellung mit Geist-Welt-Bezogenheit ist.
Wie ich eingangs erwähnte hoffe ich, dass mir meine Voreingenommenheit für McGlynns Position nicht den Blick verstellt hat. Andrerseits kommt man sich derzeit schon als Schwimmer gegen den Strom vor, wenn man eine der tradionellen Positionen vertritt und weiterhin Wissen als komplexe, zusammengesetzten Zustand ansieht. Man hat keinen Sinn dafür, wahre Aussagen von unwahren an sich zu unterschieden und braucht deshalb andere Hilfsmittel, wie eine angemessene Rechtfertigung, um Wissen zusprechen zu können. Ich stimme weiterhin Bertrand Russell zu:
„It is clear that knowledge is a sub-class of true beliefs; every case of knowledge is a case of true belief, but not vide versa. It is very easy to give examples of true belief that are not knowledge.” (Russell 1951, S. 170)
Aufgrund des sehr speziellen Themas sollte man vor der Lektüre von Knowledge First? mit Williamson 2000 vertraut sein. Das Werk richtet sich an fortgeschrittene Studierende der Philosophie und Kognitionswissenschaften und an Forscher, auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie. Für sie gibt McGlynn zahlreiche gut formulierte und überzeugende Argumente gegen die Wissen-zuerst Position. 
Links
McGlynnDr Aidan McGlynn @The University of Edinburgh, School of Philosophy, Psychology and Language Sciences
McGlynnReviewed by Krista Lawlor, Stanford University
McGlynnMatthew A. Benton: Knowledge Norms
McGlynn Timothy Chan, Hg.: The Aim of Belief 
McGlynn Markus Patrick Hess: Is Truth the Primary Epistemic Goal?
McGlynn Clayton Littlejohn, John Turri, Hg.: Epistemic Norms: New Essays on Action, Belief, and Assertion
McGlynn Rezensionen philosophischer und verwandter Bücher
McGlynn Rezensionen zur Erkenntnistheorie
Literatur
Douven, Igor (2006): „Assertion, Knowledge, and Rational Credibility”. The Philosophical Review 115:4, S. 449-485.
Littlejohn, Clayton (2015): „How and Why Knowledge is First”. Wird erscheinen in: Adam Carter, Emma Gordon, & Ben Jarvis, Hg.: Knowledge-First Epistemology. Oxford: Oxford UP.
McGlynnOnline verfügbar
Russell, Bertrand (1951): Human Knowledge. Its Scope and Limits. London: Allen & Unwin.
Williamson, Timothy (2000): Knowledge and Its Limits. New York: Oxford University Press, USA.
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