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Wolfram Henn: Warum Frauen nicht schwach, Schwarze nicht dumm und Behinderte nicht arm dran sind. Der Mythos von den guten Genen
Freiburg: Herder 2005. Broschiert, 190 Seiten. 2. Aufl. – rezension Linksrezension Literatur
Nature or nurture? Gene oder Sozialisation? Das war jahrzehntelang eine Streitfrage in verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft. Inzwischen weiß man: sowohl als auch. Und damit erübrigt sich Henns Buch!? Falsch. Es gibt immer noch viele biologisch / genetische Fehlurteile und Gedankenfesseln. Nach einem Vortrag wußte ich auf die Bemerkung: "Sie glauben doch nicht, dass selbst im Laufe von Millionen Jahre, aufgrund von Zufallsmutationen und Klima die Haut der Weißen schwarz wird" keine passende Antwort. Henn macht klar, dass es umgekehrt war: aus Schwarzen wurden andere Rassen ("Out of Africa: Eva war schwarz", S. 57ff) und dass vieles genetisch möglich ist.
Dabei geht es in Warum Frauen nicht schwach, Schwarze nicht dumm und Behinderte nicht arm dran sind um mehr als "nature or nurture". Es geht um die Stellung des Menschen insgesamt. Henn schreitet vom Breiten zum Speziellen und diskutiert das Verhältnis
  1. des Menschen zu anderen Arten – Speziesismus,
  2. zwischen den Rassen und Völker – Rassismus,
  3. der Geschlechter – Sexismus,
  4. zu Andersartigen.
1. Speziesismus
Im ersten Abschnitt stürzt Henn die Krone vom Haupt des Menschen. Die nötigen Konsequenzen nimmt er aber mit zu leichter Hand. Das Zitat von Carl Cohen (henn Literatur) verpflichtet sich dem Speziesmus zugunsten des Menschen, begründet ihn aber nicht; auch bei Henn fand ich keine Gründe. Die Grenze im deutschen Tierschutzgesetz entspringt nach Henn einem Denkfehler und müßte niederiger angesetzt werden (S. 36). Doch nimmt Henn das nur zum Anlass, die Tiere vorm Töten zu betäuben, statt auf die Tötung ganz zu verzichten. (henn Anmerkung) Speziesismus kommt auch im Tierreich vor (S. 37) und unausgesprochen findet Henn ihn daher (?) für akzeptabel. Andrerseits weist Henn richtig darauf hin, dass es ein naturalistischer Fehlschluss (henn Naturalistischer Fehlschluss) wäre, alles in der Natur Vorkommende als erlaubt zu erklären (S. 40). Kurz darauf macht er Ähnliches, wenn er es für biologisch unerheblich hält, "ob eine Genveränderung durch zufällige Mutation, konventionelle Zuchtwahl oder molekularen Gentransfer gekommen ist" (S. 41-42). Das ist richtig, sagt aber wiederum wenig dazu, ob es ethisch erlaubt sein soll. Ähnlich wie bei der Priorität für den Homo sapiens auch ohne Krone bleibt Henn aber eine Begründung schuldig: er schließt sich in vielem der gängigen Richtung an.
Anmerkung
Das kommt mir vor wie die Empfehlung in der Zeitschrift Texas Parks & Wildlife die Plastikbügel der Sixpacks, in denen sich oft Rinder verfangen, vorher durch Zerschneiden der Ringe zu entschärfen. In einem Leserbrief wies ich die Redaktion auf die Möglichkeit hin, die Plastikbügel erst gar nicht in die Landschaft zu werfen, eine Möglichkeit, die den Texanern anscheinend entging.
2. Rassismus
Im Kapitel über die Unterschiede zwischen den Völkern und Rassen ist Henn konsequenter. Alleine aus der Überlegung, dass alle Völker und Rassen aus Afrika stammen, der Disput zwischen Polygenisten und Monogenisten sich also dem Monogenismus zuneigt, folgert er, dass jede völkische oder rassische Überlegenheit oder Diskriminierung abzulehnen ist. Der Zusammenfassung dieses Abschnitts ist voll zuzustimmen:
"Einen Europäer als dumm zu verachten, weil er nicht in der Wüste überleben kann oder einen Khoisan, weil er in der Großstadt nicht zurechtkommt, ist ungefähr genauso sinnvoll wie einen Fisch als lebensuntüchtig zu bezeichnen, weil er nicht auf Bäume klettern kann" (S. 84)
3. Sexismus
In diesem Abschnitt gelingt es Henn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht wegzureden und trotzdem dem Sexismus den Teppich wegzuziehen: "Genetisch betrachtet sind Männer zweifellos das schwache Geschlecht" (S. 110).
4. Andersartigkeit
Dieses Kapitel scheint mir (nicht hier, sondern insgesamt gesehen) das brisanteste. Man begibt sicha uf einen schmalen Grat: jeder Behinderte will lieber ohne Behinderung leben, andrerseits wollen viele Leute die Behinderung akzeptabel machen und entsprechend schön reden. Hier meine ich schwindelt sich henn elegant vorbei und stellt fest, dass er schlagkräftige Argumente gegen das reproduktive Klonen gegeben hätte (S. 171). Ich muss sie wohl überlesen haben.
Fazit
Insgesamt ist Henns Argumentation nicht immer überzeugend. Trotzdem sind seine Ausführungen sehr hilfreich. Der Entwicklungsstrang seiner Gedanken ist einleuchtend und folgerichtig. Seinem Fazit ist zuzustimmen, dass die Naturwissenschaften, insbesondere die Genetik und seine Erläuterungen dazu gezeigt haben, dass eine Sonderstellung des Menschen oder irgendwelcher Teilmengen davon, durch nichts wissenschaftlich gerechtfertigt ist. Und "keine Form von Verachtung oder Unterdrückung anderer Menschen lässt sich biologisch begründen" (S. 172).
Trotzdem ich meinte zum Buchthema schon viel zu kennen, war Henns Diskussion erhellend und brachte mir viele neue Einsichten. Das schmale Büchlein ist jedem sehr zu empfehlen.

Leider sind die löblichen Literaturhinweise ohne Seitenangaben; sie sind daher mühevoll nachzuvollziehen. Das Zitat “A rat is a pig is a dog is a boy. They're all mammals” (S. 34; "Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Hund ist ein Junge.Sie alle sind Säuger" übersetzt in Fussnote 26) ist ohne Quelle. Im Web wird es Frau Ingrid Newkirk, Präsidentin von People for the Ethical Treatment of Animals PETA, zugeschrieben.
henn Anfang
Prof. Dr. Wolfram Henn
* 4. Juni 1961 Saarbrücken; Humangenetiker an der Universität des Saarlandes
Links
hennKerstin Beckert: Rezension in Spektrum der Wissenschaft 1/2006
hennBR online 27.10.2004
hennInstitut für Humangenetik, Universität des Saarlandes
hennHugh LaFollette, Niall Shanks: "The Origin of Speciesism". Philosophy 1996, S. 41-60; als hennpdf
Literatur
Cohen, Carl: "The Case for Biomedical Experimentation". New England Journal of Medicine 315.14 (1986), 867.
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henn hennWolfram Henn: Warum Frauen nicht schwach, Schwarze nicht dumm und Behinderte nicht arm dran sind. Der Mythos von den guten Genen. Freiburg: Herder 2005. Broschiert, 190 Seiten. 2. Aufl.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.6.2006