| C. Ulises Moulines: Die Entwicklung
der modernen Wissenschaftstheorie (1890-2000). Eine historische Einführung Hamburg: Lit, 2008. Broschiert, 210 Seiten |
| In der Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Eröffnungsmonographien von Ex-Schachweltmeister Max Euwe die besten und zuverlässigsten Quellen zum Studium spezieller Schacheröffnungen. Eines Tages stieß ich auf ein wundersames Phänomen. Im Band Königsindisch und in Nimzoindisch entstand auf verschiedenen Wegen dieselbe Stellung mit Weiß am Zuge und exakt denselben Zugmöglichkeiten. Verblüffenderweise waren die priorisierten Zugvorschläge in beiden Büchern unterschiedlich. Wie sich herausstellte beruhte dies nicht auf einem Fortschreiten der Theorie, so dass das neuere Buch diese Stellung anders beurteilte. Die unterschiedliche Beurteilung war nur aus der Entstehung der Stellung und den damit verbundenen Ideen zu erklären. Im Königsindisch ist man auf andere Pläne ausgerichtet als in einer Nimzoindischen Partie. So ungefähr stelle ich es mir auch in der Wissenschaft vor. Der Weg, den die Wissenschaft durch die Jahrhunderte, besonders natürlich durch die letzten Jahrzehnte nahm, ist entscheidend um den jetzigen Stand zu beurteilen und den künftigen Weg einzuschätzen zu können. |
| Ein hervorragendes
Mittel dazu ist die historische Einführung Die Entwicklung der modernen
Wissenschaftstheorie (1890-2000) von Prof. C. Ulises Moulines von der LMU
München. Die moderne Wissenschaftstheorie (im englischen Sprachraum: Philosophy of Science) als akademische Disziplin existiert seit etwas mehr als einem Jahrhundert. Hier wird sie in ihrem historischen Verlauf vorgestellt. Moulines teilt sie in fünf Phasen: Aufkeimen (ca. 1885 1918) Entfaltung (1918 1935) Krise und Konsolidierung (1935 1970) Historizistische Phase (1960 1985) Modellistische Phase und verwandte Ansätze (1970 2000). Es versteht sich, dass die Jahreszahlen nur ungefähre Angaben sind. |
| Die prägnante Darstellung erlaubt
jedem Studierenden und an der modernen Wissenschaft Interessierten sich den
Werdegang der Wissenschaftstheorie im 20. Jhdt. im Überblick anzueignen.
Dass dabei die Physik eine wichtige Rolle spielt ist klar, doch auch die
anderen Wissenschaften kommen nicht zu kurz: Ideen sind sowieso
disziplinübergreifend. Die einflussreiche Schule der logischen
Emipiristen wird ausführlich gewürdigt, ihre Krise und die sich
ergebenden Strömungen werden dargestellt. Die Linie Karl Popper, Imre
Lakatos, Paul Feyerabend führte zu dessem berühmten Anything
goes!. Gerade Laien berufen sich oft darauf. Der Autor nimmt den Spruch
beim Wort: man kann getrost in seiner bevorzugten
wissenschaftstheoretischen Art von Analyse weitermachen als wäre nichts
geschehen (S. 114). Neben der geschichtlichen Entwicklung werden auch bestimmte wissenschaftstheoretische Konzepte diskutiert, so wird die Realismus-Antirealismusdebatte in der Wissenschaftstheorie beleuchtet (S. 189ff), die man nicht mit ähnlichen Debatten verwechseln sollte. Das gilt auch für den Strukturalismus, der mit ähnlichen Begriffen in anderen Disziplinen wenig gemeinsam hat. |
| Ein sehr empfehlenswertes Buch nicht nur für Studierende , da es verständlich und knapp viel an den Leser bringt, ohne dass dieser sich durch Hunderte von Seiten kämpfen muss (was bei diesem Thema durchaus möglich wäre). |
| Ergänzungen S. 28 Günther Ludwig ist inzwischen verstorben, genauer am 8. Juni 2007. S. 59 Alfred Tarski (Polen / USA, 1901-1983) S. 138 Ernest Wilcox Adams, Ph.D. Stanford University 1956 S. 195 Augustin Fresnel (Frankreich, 1788 1827) |
| C. Ulises Moulines ist Professor für
Wissenschaftstheorie an der Universität München und Mitglied der
Bayerischen Akademie der Wissenschaften
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| Links |
| Literatur |
| Feldbacher, Christian J., Stefan H. Gugerell (2010): "Book Review: C. Ulises Moulines: Die Entwicklung der modernen Wissenschaftstheorie (18902000). Eine historische Einführung". Journal for General Philosophy of Science 41, S. 405-409. |
| C. Ulises Moulines: Die Entstehung der Wissenschaftstheorie als interdisziplinäres Fach (1885 - 1914). München: Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 2008. Taschenbuch, 20 Seiten |
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| Gerhard Ernst, Karl-Georg
Niebergall, Hg.: Philosophie der Wissenschaft - Wissenschaft der
Philosophie. Festschrift für C. Ulises Moulines zum 60. Geburtstag.
Paderborn: Mentis, 2006. 301 Seiten
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| Ergänzende Literatur | ||
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| Gerhard Schurz: Einführung
in die Wissenschaftstheorie Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
2006. 270 Seiten
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