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Immunisierung
Immunisierungs– und Totschlagargumente
Immunisierung Hamlet-ArgumentImmunisierung Anything GoesImmunisierung Hackert-ArgumentImmunisierung LinksLambeck Literatur
Hier werden nur beispielhaft beliebte Immunisierungs– und Totschlagargumente diskutiert. Es gibt deren viel mehr, siehe dazu Lambeck Links.

Das Hamlet-Argument
Ein beliebtes, kaum vermeidbares Argument für Astrologie, Geistheilen und andere kaum nachprüfbare Behauptungen ist ein Zitat von William Shakespeare.
„There are more things in Heaven and Earth
Than are dream’t of in your Philosophy”.
Hamlet, 1. Akt, 5. Szene
August Wilhelm von Schlegel übersetzte:
„Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio”.
Diese These Hamlets wird zu einem Argument durch einige (stillschweigende) Ergänzungen:
  1. Es gibt Dinge und Sachverhalten außerhalb der Welt, die den Wissenschaften unbekannt sind (Shakespeare).
  2. Also kann der behauptete Sachverhalt x oder die behauptete Existenz des Dings y zutreffen, auch wenn x und y den Wissenschaften unbekannt sind.
  3. Es gibt x. – Es gibt y.
Daran ist einiges zu bemängeln.
Zu 1.  Die These wird vom fiktiven Hamlet an den fiktiven Horatio gerichtet. Sie wird nicht vom Genie William Shakespeare getragen. Doch selbst wenn sich Shakespeare seiner Dramengestalt anschließen würde: Manchmal schläft (auch) der gute Homer (Immunisierung Zitate von Horaz).  – Doch von dieser Klarstellung abgesehen: selbstverständlich stimmt die These. Jeden Tag wird Neues entdeckt, das man vorher noch nicht kannte.
Zu 2. Diese Prämisse ist ebenfalls war, da sie nur eine Möglichkeit ausdrückt.
Zu 3. Dies folgt keinesfalls aus den beiden Prämissen. Aus der Möglichkeit von x und y in 2. kann man nicht auf die Aktualität von x und y schließen. Die Nachweislast liegt bei denjenigen, die x und y behaupten (siehe Immunisierung Nachweislast - „Burden of proof”).
Das Hamlet-Argument bespricht Martin Lambeck in Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, S. 116ff (Immunisierung Links). Er weist auf ein weiteres Defizit des Hamlet-Zitats hin. Hamlet besteht darauf für die Vermutung, die ein Geist aufgetellt hat, zu testen: „ich will Grund, Der sicher ist” (Hamlet, 2. Akt, 2. Szene). Martin Lambeck folgert daraus:  „Hamlet ist also kein Garant für die Existenz von Paraphänomenen, sondern im Gegenteil das Urbild des skeptischen Wissenschaftlers” (S. 116).
Anything-Goes-Standpunkt
Der Standpunkt: „Wenn {Geistheilen, Homöopathie, ...} hilft, ist es gut, wenn nicht, dann eben nicht” ist ein verfehlter und potentiell verheerender Standpunkt. Man könnte ihn nach Paul Feyerabend als den Anything-Goes-Standpunkt bezeichnen.
Im sensiblen Bereich der Medizin muss unbedingt die evidenz-basierte Medizin rigoros eingehalten werden. Ansonsten sind Desaster, wie das mit Contergan (mit dem Wirkstoff Thalidomid als Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt) unvermeidbar. Contergan half und für den Hersteller und viele Kunden war das (lockerer Standpunkt, s.o.) genug. Aber das Mittel war eben nicht ausreichend getestet, wie man nach Jahren der verheerenden Wirkung eingestehen musste.
Besonders der zweite Teil des lockeren Standpunkts muss zurückgewiesen werden. Wenn die {Geistheilen, Homöopathie, ...} nicht hilft, wurde wertvolle Zeit vertan.
Wenn weder die evidenz-basierte Medizin eingehalten wird, noch das homöopathische Mittel nicht hilft, stellt sich die Frage nach den (unbekannten) Nebenwirkungen.
Das Hackert-Argument
„Ein jeder mag glauben, was er will” sagt Philipp Hackert zu Cardinal Pallavicini (Johann Wolfgang von Goethe: Philipp Hackert. Biographische Skizze, meist nach dessen eigenen Aufsätzen entworfen; Philipp Hackert [* 15. September 1737 in Prenzlau; † 28. April 1807 in San Piero di Careggio, heute Careggi, Ortsteil von Florenz, deutscher Landschaftsmaler des Klassizismus]). Bei Hackert und Pallavicini ging es um die Religionsfreiheit.
Oft wird heute diese These dazu gebraucht, Meinungs– und Gedankenfreiheit zu verteidigen. Allerdings in einem falsch verstandenen Sinne.
  1. Liest man die These, als Behauptung, dass man willentlich etwas glauben kann oder nicht, ist sie extrem umstritten. Die meisten Philosophen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, sind der Ansicht: Das geht nicht. Es ist nicht in meiner willentlichen Macht zu glauben, dass der Watzmann der höchste Berg Bayerns ist.
  2. Doch bei vielen Sachverhalten ist die Lage unklar, und so kann jemand glauben, die Schweiz ist größer als der Viktoriasee in Afrika, solange er die genauen Flächenzahlen nicht kennt. Zur Homöopathie und anderen alternativen Heilverfahren kann sich jeder kundig machen. Dann kann er ebenfalls nicht mehr  glauben, was er will, sondern wird die Belege und Gründe abwägen.
    Warum gibt es zu vielen Sachverhalten p dennoch der Glaube an p als auch der Glaube an non-p weit verbreitet? Weil Fakten ignoriert werden oder anders bewertet werden. Man muss Fakten halt zur Kenntnis nehmen und darf sie nicht – am eigenen Vorglauben festhaltend – ignorieren.
  3. Oft wird die These aber in einem dritten Sinn verstanden. Dieser kann etwa so verdeutlicht werden: Der eine glaubt an den Verstand und die Sinneseindrücke, der andere geht darüber weit hinaus (oder vernachlässigt Verstand und Sinneseindrücke) und hält Legenden für wahr oder folgt einer Intuition, oder dem, was er gerne glauben würde. Meist stampft er dazu noch auf und beruft sich auf das Hamlet-Argument oder ruft: „Du kannst nicht widerlegen, dass es möglich ist durch bloße Geisteskraft andere zu heilen!”
Wie so oft, wird hier glauben mit überzeugt sein oder wissen verwechselt. Dass die Erde nahezu eine Kugel ist, glaubt man nicht, sondern man weiß es. Warum? Weil man es aus Wahrnehmungsaussagen (Sinneseindrücke) und rationaler Ableitung (Verstand) feststellen kann. Die wissenschaftliche Verfahren garantieren, dass die so gefundenen Aussagen mit hoher Wahrscheinlichkeit wahr sind. Sofern die Aussagen nicht nahezu unumstößlich sind, werden sie ständigen Belastungen und Kritik ausgesetzt (Falsifikation). Kein Forschungsprogramm unternimmt aber derzeit (meines Wissens) Falsifikationsversuche der Behauptung,  dass die Erde nahezu eine Kugel ist.
Nur durch  Verstand und Sinneseindrücke gelangt man zu Wissen. Was man darüber hinaus glaubt, sollte dem Wissen nicht widersprechen. Ob man ohne hinreichende Belege und Gründe eine ontologische Verpflichtung („Ich glaube es gibt wirksame, unbekannte Wellen zwischen Geistheiler und Krankem”) eingeht erscheint mir höchst zweifelhaft (Argument mit der Russellschen Teekanne). Keinsfalls sollte man erwarten, dass solch ein Glaube (ohne ausreichende Belege und Gründe) von der Kritik ausgenommen wird.

Links
Argument Anmerkungen zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
TotschlagargumentBitte nicht Shakespeare!
SchulweisheitSchulweisheit – Das Hamlet-Argument
TotschlagargumentImmunisierungsstrategie, Selbstimmunisierung (gegen Kritik) 
Lambeck Martin Lambeck: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik
Argument Literatur zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Lambeck Rezensionen philosophischer und verwandter Bücher
Lambeck Rezensionen politischer und verwandter Bücher
SchulweisheitSchulweisheit – Das Hamlet-Argument
Argument Stammtischparolen
TotschlagargumentStudienführer Hans Albert: Kritikimmunisierungsstrategien
Argument Holm Tetens: Philosophisches Argumentieren: Eine Einführung
Argument Christopher W. Tindale: Fallacies and Argument Appraisal
TotschlagargumentTotschlag-Zitate: Mehr Dinge zwischen Himmel und Erde … - Christian Buggisch. 28. 4. 2011
TotschlagargumentWas ist "Immunisierung gegen Kritik"?
Literatur
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LambeckHannes Stein: Immer Recht haben! Totschlagargumente für alle Lebenslagen. Piper, 2011. Taschenbuch, 256 Seiten 3492254284
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.4.2014