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Lauth
Bernhard Lauth: Descartes im Rückspiegel. Der Leib-Seele-Dualismus und das naturwissenschaftliche Weltbild
Paderborn: Mentis, 2006. Broschiert, 241 Seiten – lauth Linkslauth Literatur
In Descartes im Rückspiegel werden Schriften Descartes neu und gründlich gelesen. Oft meint man Descartes' Erkenntnisse zu kennen und verwirft sie. Lauth nimmt dafür besonders Antonio Damasio (aber auch andere) ins Visier: In Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn [Descartes' Error. Emotion, Reason and the Human Brain, lauth Rezension] interpetiert der Neurobiologie René Descartes wohl zu oberflächlich und verwirft den cartesischen Dualismus. Damit steht er nicht allein. Man kann Descartes aber auch in einer »inklusiven Lesart« (Lauth) moderner auffassen. Die ontologische Differenz von Subjekt und Objekt ist danach eine Differenz innerhalb der physikalischen Welt. Der metaphysische Graben zwischen Innenwelt und Außenwelt entfällt und damit der wichtigste Grund, warum der cartesische Dualismus heute – nicht nur bei Neurobiologen wie Damasio – so eine unpopuläre Position ist. Wenn man sich dieser Lesart anschließt sind seelische Funktionen mit empirischen Methoden erforschbar.
Diese kurze Projektbeschreibung für Descartes im Rückspiegel unterschlägt den Reichtum an Ideen, die der Autor entwickelt. Wenn man das Buch fortlaufend liest – dies ist zu empfehlen, da es eine durchgängige Argumentation hat; der Autor gibt an wenigen Stellen Hinweis für eventuelle Überspringkapitel beim ersten Lesen – wird man erkennen
  • wie aktuell Descartes Überlegungen und Einsichten auch heute noch sind
  • wo wir heute – aufgrund neuerer Erkenntnisse – die Dinge anders sehen
  • wie man allgemeine Prinzipien ableiten kann
  • wie man diese Prinzipien einsetzen kann um den cartesischen Dualismus neu zu interpretieren.
Genaues Lesen, das der Autor von Descartes Werken fordert, muß man auch vom Leser dieses Buches verlangen. Nur dann erfährt man oft aus einer Fußnote mehr als in ellenlangen Diskussionen oder ganzen Büchern. Beispielsweise kann man im Abschnitt "Kausale Abgeschlossenheit und explanatorische Autonomie" (S. 194-196) eine schlüssige Einbettung der Quantentheorie in ein deterministisches Weltbild lesen. Hier gibt wiederum Fußnote 13 einen erhellenden Seitenblick in die Sozialwissenschaften.
Eindrucksvoll analysiert und zerpflückt der Autor das Separierbarkeitsargument (S. 158-170; in Anlehnung an Steven Wagner, der es "separability argument" nannte; Wagner 1983, S. 500; von anderen Autoren auch: "real distinction argument" genannt).
Bezüglich der beiden Lesarten und Descartes' Stellung dazu ist sich der Autor nicht ganz einig.
"Es besteht kaum ein Zweifel, daß Descartes selbst die exlusive Lesart des psychophysischen Dualismus vertreten hat" (S. 123). "Es scheint ziemlich klar, daß Descartes selbst beide Lesarten des Dualismus vertreten und in der Tat auch niemals deutlich voneinander unterschieden hat" (S. 130). Nun schließt das Erste das Zweite nicht aus; so ist es aber nicht gemeint. Klarer wird es eine Seite weiter, wo Lauth darauf verweist, "wie sehr sich Descartes in der Auseinandersetzung mit seinen Lesern und Kritikern der inklusiven Lesart angenähert hat" (S. 131). Dies zeigt er mit Textbeispielen im Kapitel 7.5 und formuliert es am Ende nochmals (S. 167).
Wirklich nur Kleinigkeiten
Hilary Putnam wird mit dem Brain-in-a-Vat-Argument eingeführt (S. 143), diese Seitenangabe fehlt aber im Index.
Das H. Blumenberg 2002 (S. 206, Fn. 1) fehlt im Literaturverzeichnis; es könnte die Ausgabe von Galileo Galilei: Sidereus Nuncius durch Hans Blumenberg sein, siehe lauth Literatur.
Cohen 1999 wird zitiert (S. 149, Fn. 29) fehlt aber im Literaturverzeichnis; ich habe den Aufsatz hier unter lauth Literatur aufgeführt.
Bernhard Lauth besitzt die seltene Fähigkeit schwierige Sachverhalte verständlich darzulegen. Es gelingt ihm hier durch zielsicheren Griff auf die Kernaussagen und durch den Einsatz formaler und wenn nötig mathematischer Methoden. Descartes im Rückspiegel kann bestens empfohlen werden für
  • nähere Beschäftigung mit dem Werk Descartes und/oder mit dem Leib-Seele-Problem,
  • alle Dualisten und Monisten,
  • alle, die sich an einer durchgehend stringenten Argumentation für ein Problem an der Schnittstelle zwischen Philosophie - Naturwissenschaft - Neurobiologie erfreuen.
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Links
LauthMentis: Bernhard Lauth Descartes im Rückspiegel
LauthProf. Dr. Bernhard Lauth
lauth Rezension: Bernhard Lauth, Jamel Sareiter, Hg.: Wissenschaftliche Erkenntnis. Eine ideengeschichtliche Einführung in die Wissenschaftstheorie
lauth Galileo Galilei
lauth Philosophen
Literatur
Cohen, Stewart (1999): "Contextualism, Skepticism, and the Structure of Reasons". Philosophical Perspectives Vol.13. Epistemology. S. 57-89.
Morrison, Margaret: "Review: Descartes' Philosophy of Science. Desmond Clarke". Philosophy of Science 54.1. (1987), S. 140-141.
Wagner, Steven J. (1983): "Descartes's Arguments for Mind-Body Distinctness". Philosophy and Phenomenological Research 43.4. S. 499-517.
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lauth LauthBernhard Lauth: Descartes im Rückspiegel. Der Leib-Seele-Dualismus und das naturwissenschaftliche Weltbild. Paderborn: Mentis, 2006. Broschiert, 241 Seiten lauth
Bernhard Lauth, Jamel Sareiter, Hg.: Wissenschaftliche Erkenntnis. Eine ideengeschichtliche Einführung in die Wissenschaftstheorie. Paderborn: Mentis, 2005. 2. überarb. u. erg. Aufl., 298 S. Lauth
clarke ClarkeDesmond M. Clarke: Descartes' Philosophy of Science. Penn State UP, 1982. Gebunden. 224 Seiten clarke
Desmond M. Clarke: Descartes's Theory of Mind. Oxford: Oxford UP Paperback, 280 SeitenLauth
Damasio DamasioAntonio R. Damasio. Descartes' Error: Emotion, Reason, and the Human Brain. Quill , 1995. Taschenbuch, 336 Seiten Damasio
Antonio R. Damasio. Descartes' Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München: DTV, 2001. Broschiert, 383 SeitenDamasio
lauth DamasioGalileo Galilei: Sidereus Nuncius. Nachricht von neuen Sternen. Frankfurt: Suhrkamp, 2002. Hans Blumenberg, Hg. 266 Seiten, 2., Aufl.  
Wer's leichter oder krimineller haben will
Ebert Damasio Theodor Ebert: Der rätselhafte Tod des René Descartes. Aschaffenburg, Alibri, 2009. Broschiert, 235 Seiten  
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 20.12.2009