| Bernulf Kanitscheider:
Die Materie und ihre Schatten. Naturalistische Wissenschaftsphilosophie Aschaffenburg: Alibris, 2007. Broschiert, 298 Seiten |
| Bernulf Kanitscheider, emeritierter
Professor für die Philosophie der Naturwissenschaft an der
Universität Gießen, legt hier seine naturalistische philosophische
Position dar. Naturalismus ist grob gesagt die Einstellung: Alles in der Welt geht mit rechten Dingen
zu. Im Laufe seiner Ausführungen unterscheidet der Autor einen schwachen und einen starken Naturalismus. Der schwache Naturalismus besagt, dass für die Welterklärung nichts Supranaturales angenommen werden muss, schließt aber Transzendentes nicht prinzipiell aus. Der starke Naturalismus sieht die Begründungslast für Existenzbehauptungen bei demjenigen, der sie aufstellt. Bis dahin gilt: Transzendentes gibt es nicht (S. 70-71). Das ist eine Frage der ontologischen Ökonomie. Es ist nahezu unmöglich zu widerlegen, dass es auf Neutronensternen kleine grüne Männchen gibt (Kanitscheiders Beispiel, S. 71), ebenso unmöglich ist es zu widerlegen, dass auf jedem Grashalm ein unsichtbarer Grashalmspitzengnom sitzt (mein Beispiel). Deshalb wird man die Existenz der kleinen grünen Männchen und der Grashalmspitzengnome nicht annehmen, ja sich auch nicht dazu agnostisch verhalten man wird deren Existenz schlicht von sich weisen. Den methodischen Naturalismus führt Kanitscheider auf Ernest Nagel zurück. Er besagt: was erkennbar ist kann grundsätzlich mit den Methoden der Wissenschaft erkannt werden (S. 59; Nagel 1955). Es gibt kein intuitives oder irgendwie anders geartetes Erkennen von zusätzlichen Seinsbereichen. |
| Kanitscheider vertritt einen starken Naturalismus. Die Schatten im Titel assozierte ich mit Platos Höhlengleichnis und damit mit einer erkenntnismässigen Kluft. Doch der Autor versteht darunter Phänomene in den höheren Komplexitätsschichten des Universums, die an einem konsequenten Naturalismus zweifeln lassen (S. 9). Auf einige dieser Schatten (beispielsweise die Entstehung des Bewusstseins) geht der Autor später ein. |
| Vom Untertitel Naturalistische Wissenschaftsphilosophie her könnte man eine umfassende Wissenschaftsphilosophie erwarten, also die Beantwortung von Fragen wie: Was ist eine wissenschaftliche Theorie? Was ist Kausalität? Was bedeutet wissenschaftlicher Fortschritt? Was zeichnet wissenschaftlichen Erkenntnis aus? Diese und ähnliche Fragen werden nicht systematisch gestellt und beantwortet. |
| Nach Vorwort und Einleitung gliedert der Autor den Text in zwei Blöcke: Theoretische und Praktische Philosophie. Im theoretischen Teil diskutiert Kanitscheider seine naturalistische Position und zieht im praktischen Teil daraus die Konsequenzen (die er daraus entstehen sieht) für die Lebensführung. |
| Zahlreiche Vorurteile gegenüber dem Naturalismus (schwacher und starker Prägung) weist der Autor zurück. Daraus kann sowohl der Naturalist (für seine Argumentation), als auch derjenige, der eine andere Position vertritt (für eine gerechter Einschätzung der naturalistischen Position) Gewinn ziehen. |
| Vorurteile |
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| Theoretischer Teil |
Aus der Fülle von begründeten
Thesen greife ich nur wenige heraus.
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| Beim Zufall unterscheidet der Autor drei Formen:
1) akzidentelles Zusammentreffen von Weltlinien: der bekannte Fall, dass jemand am Times Suare in New York seinen Dorfnachbar trifft; weitere Fälle unter dem gerade genannten Link. Dieser Zufall erstaunt Laien und veranlasst schlichte Gemüter, immer wieder nach geheimen Schicksalsfäden zu suchen, die die Anfangsbedingungen beider Vorgänge so gesteuert haben, dass das Zusammentreffen beabsichtigt erscheint (S. 83). 2) statistisches Verhalten der Teilchen auf der Mikroebene: gilt nach heutigem Wissensstand als irreduzibles Moment der indeterministischen Welt, das heißt, hier ist der eigentlich objektive Zufall am Werk. 3) Instabilität beim deterministischen Chaos auf der Makroebene: der Schmetterlingsschlag, der einen Hurrikan auslöst. Die Anfangsbedingungen sind so komplex, dass sie ür uns unberechenbar sind. |
| In den beiden Kapiteln zur Selbstorganisation und zur Virtuellen Realität versucht sich der Autor etwas den "Schatten" der Materie zu nähern. |
| Praktischer Teil |
| Wie im theoretischen Teil begründet, lehnt Kanitscheider eine Vorgabe der Werteordnung ab: Paternalistische Verbote setzen eine hierarchische, antiindividuelle Weteordnung voraus, bei der eine elitäre Gruppe der Gesellschaft besserweiß, was für die anderen gut ist, als diese selber. (S. 27). Er macht sich für einen Hedonismus stark. Der Hedonist trachtet im begrenzten irdischen Leben nach Freude, der Christ trachtet im unbegrenzten Jenseits nach ewiger Freude. Wer ist gieriger, wer bescheidener? Dabei betont der Autor richtig und von vielen übersehen die Feinabstimmung (S. 218, S. 224). Der Hedonist wird nicht an einem Abend im Gourmetlokal schlemmen, wenn er den Absturz am folgenden Tage vor Augen hat. Auf die Unterscheidung zwischen Hedonist und Epikureer weist Kanitscheider hin (S. 228-230). |
| Kritik |
| Den christlichen
Endzeitvorstellungen gewährt der Autor zuviel Raum. Das ist gut gedacht.
Noch immer glauben viele Menschen, dass es ohne Sinnstiftung durch einen
Gebotegeber nicht geht. Mit Blick auf ewige Vergünstigungen werden sie
dazu bewegt, die Gebote einzuhalten. Der Papst wettert gegen irdische
Belohnungen (Materialismus) ohne zu bedenken, dass die Gier nach
ewiger Belohnung ab dem Jüngsten Tag in diesem Sinn Materialismus
pur in höchster Potenz ist. Trotzdem erschien mir der Text
dafür zu lang. Die Erläuerung zum Hedonismus ist einerseits sehr
historie-lastig, andrerseits widmet sich der Autor zu ausführlich der
Drogenfreigabe und Sexualität. Beides sind wichtige Punkte (und ich stimme
ihm zu; viel Heckmeck im Sport wäre durch Drogenfreigabe weggewischt),
doch kommen dafür andere ethische Themen zu kurz, z.B. weite Teile der
bioethischen Problematik und die Gewaltfrage (Krieg, Terrorismus). Für viele griechische Ausdrücke im Text gibt der Autor implizit die Bedeutung an, bei vielen fehlt die lateinische Umschreibung und die Bedeutung. |
| Vergleichsliteratur |
| Martin Curd, J.A. Cover, Hg.: Philosophy of Science. New York, London: Norton, 1998 |
| Kanitscheider legte eine stimmige Positionsbestimmung vor. Dass er sich auf einige Punkte beschränkt ist sowohl die Stärke (gute Begründungen für die Thesen, die man ansonsten suchen muss), als auch die Schwäche (wer eine umfassende Wissenschaftsphilosophie naturalistischer Prägung erwartet). Die Beschränkung ist besonders einschneidend im Praktischen Teil. Zu Lasten anderer Themen werden Drogenfreigabe und Sexualität zu ausführlich behandelt. Starke Lektüre Empfehlung. |
| Links |
| Cathrin Nielsen
(2007): "Bernulf Kanitscheider: Die Materie und ihre Schatten. Naturalistische
Wissenschaftsphilosophie". Marburger Forum. Beiträge zur geistigen
Situation der Gegenwart 8:6
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| Joseph Ratzinger, Angelo Amato (2003):
Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der
Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen.
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| Literatur |
| Ernest Nagel (1955): Naturalism Reconsidered. Proceedings and Addresses of the American Philosophical Association 28. S. 5-17. |
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| Bernulf Kanitscheider:
Entzauberte Welt: Über den Sinn des Lebens in uns selbst. Eine
Streitschrift. Stuttgart: Hirzel, 2008. Gebunden, 218 Seiten
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| Bettina Dessau, Bernulf
Kanitscheider: Von Lust und Freude. Gedanken zu einer hedonistischen
Lebensorientierung. Frankfurt am Main, Leipzig: Insel, 2000. Taschenbuch,
295 Seiten
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