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Vagheit
Tim Schöne: Was Vagheit ist
Paderborn: Mentis, 2011. Broschiert, 296 Seiten – Schöne LinksSchöne Literatur
Vagheit ist ein Alptraum des Philosophen (Napoli 1985, S. 115). Sie taucht überall auf und ist wenigstens lästig. Seit etwa vier Jahrzehnten wird sie kontrovers diskutiert. Was Vagheit ist will Ordnung in die vielen Positionen bringen. Der Autor gibt einen umfassenden Überblick.
Das Werk entstand aus der Dissertation des Autors zum selben Thema. Es gliedert sich in
I Einleitung
In der Einleitung führt der Autor das Problem der Unschärfe ein und bestimmt darunter – als eines mehrerer Unschärfe-Problemen – die eigentliche Sorites-Unschärfe. Er benennt es nach dem zugrunde liegenden Paradox des Haufens, im englischen meist: Sorites-Paradox.
II Arten der Unbestimmtheit
Im zweiten Teil wird die Unbestimmtheit im allgemeinsprachlichen Kontext vom philosophischen abgegrenzt. Daraus kristallisiert der Autor mehrere Arten von Unbestimmtheit heraus und weist nach, dass sie unterschiedlich zu behandeln sind, insbesonders, dass die philosophische Vagheit, die das Phänomen der Sorites-Unschärfe meint, ein ganz eigenes Problem ist, das nicht mit den anderen in einem Topf geworfen werden kann.
Grenzfälle
Ein Merkmal der Sorites-Unschärfe ist es, dass Grenzfälle vorliegen, bei denen man selbst mit bestem Wissen nicht sagen kann, ob sie unter das vage Prädikat fallen oder nicht.
Toleranzprinzip
Ein weiteres wesentliches Phänomen sorites-unscharfer Begriffe ist die Toleranz. Kleine Veränderungen ändern nichts an der Anwendbarkeit des Prädikats. Wenn 6789 Körner einen Sandhaufen machen, dann wohl auch 6788.
Schon daraus ergeben sich interessante Einsichten: nahezu alle umgangssprachlichen Prädikate sind sorites-unscharf. Trotzdem kann unter bestimmten Bedingungen damit eine Kommunikation gelingen.
Sprachliche und epistemische Unbestimmtheiten, beispielsweise „Bank“ oder „Schloß“, lassen sich beseitigen, faktische Unbestimmtheit läßt sich durch Festlegungen ausräumen. Bei sorites-unscharfen Begriffen sind diese Methoden doch recht fragwürdig. Gegen die oft spontan vorgebrachte Lösung mittels einer ad hoc-Präzisierung eines sorites-unscharfen Prädikats argumentiert der Autor bei den entsprechenden Lösungsvorschlägen. Diese werden im III. Teil diskutiert.
III Vagheitstheorien
Im Lösungsteil diskutiert der Autor die folgenden Vagheitstheorien:
  • Exkludismus
  • Nihilismus
  • Dreiwertige Logik
  • Fuzzy Logik
  • Supervaluationismus
  • Epistemische Theorien
  • Kontextualismus
  • Psychologismus
  • Agnostizismus
Jede Theoriediskussion ist gleich aufgebaut, was eine Beurteilung und Bewertung sehr erleichtert. Nach der Skizzierung der jeweiligen Idee wird die Natur des Sorites-Phänomen nach Ansicht der  Theorie dargestellt. Dem folgt explizit die Erläuterung des Sorites-Paradox innerhalb der Theorie. Bis hierher macht der Autor die jeweilige Theorie ziemlich stark. Dann legt der Autor den Finger auf die Schwierigkeiten der Theorie. Es zeigt sich, dass jede Theorie Wünsche und Fragen offen läßt.
Ad hoc-Präzisierung
Gegen die Methode der ad hoc-Präzisierung (sie ist oft die Reaktion um zu zeigen, dass das Sorites-Problem nur eines unter Philosophen sei und mit gesundem Menschenverstand sofort behebbar) führt der Autor an verschiedenen Stellen an:
  1. Widerspruch zur intuitiv starken Plausibilität des Toleranzprinzips (siehe oben). Dem Induktionsschritt im Sorites-Argument liegt dieses Prinzip zugrunde.
  2. Die Sprache erfordert zum Gelingen der Kommunikation unscharfe Prädikate. Liegt eine ad hoc-Präzisierung vor müsste der Arbeiter nach der Anweisung „Schütte hier einen Haufen Sand hin“ beginnen die Sandkörner zählen (Wright 1975, S. 335).
  3. Die Grenze von – sagen wir – 6789 Körnern – wäre willkürlich.
  4. Die Grenze müßte kontextual verschieden bestimmt werden und zwar in mehrerer Hinsicht. Ein Haufen Sand für ein Kind ist etwas anderes als für einen Bauarbeiter. Ein Erdhaufen, ein Sandhaufen und ein Haufen von Gold haben verschiedene Anzahl von Einheiten.
  5. Die ad hoc-Präzisierung beseitigt eine Unschärfe. Doch auch das Korn ist unscharf. Wie gross ist ein Korn, das für die Grenze von 6789 zählt?
IV Zum Umgang mit Vagheit
Schöne betont hier den Nutzen der Sorites-Unschärfe für das Gelingen der Kommunikation und auch anderer Bereiche. Als Schwerpunkt greift der Autor hier die Rechtssprechung heraus. Noch einmal wird klar: das Sorites-Problem ist nicht nur Problem des Philosophen im Lehnstuhl.
V Was Vagheit ist
Im letzten Abschnitt gibt der Autor eine Zusammenassung der Erkenntnisse seiner Arbeit.
Tim Schöne befleißigt sich einer präzisen Sprache, die damit nicht vertraute Leser vielleicht abschreckt. Er erzielt damit eine besondere Klarheit der zu übermittelnden Gedanken und Argumente. Diese Genauigkeit ist jedenfalls der schwammigen Sprache vieler (Philosophie)Bücher vorzuziehen, auch wenn diese leider höhere Akzeptanz beim Lesepublikum haben.
Fehlender Sachindex
Was ist Vagheit? wäre hervorragend zum Nachschlagen geeignet, wenn ein Sachindex dies erleichern würde. Begriffe und Konzepte, die nicht aus den Überchriften hervorgehen findet man so nur schwer. Wo beispielsweise ist die Granularität erörtert? (Seite 34).
Editorische Mängel
Leider hat das Buch editorische Mängel. Neben den zahlreichen Druckfehlern möchte ich nur zwei Beispiele geben.
Der Autor bezieht sich auf die Behauptung (2) und man blättert zurück und zurück und noch weiter zurück. Man bleibt bezugslos.
Die gestrichenen Variablen sind, besonders wenn eine „Klammer zu“ folgt kaum zu erkennen.
Vielleicht verkauft sich die erste Auflage aufgrund dieser Besprechung wie die sprichwörtlich warmen Semmeln, dann kann man diese editorischen Mängel in der zweiten Auflage ausbügeln.
Schöne
© Tim Schöne
Mit freundlicher Genehmigung
Tim Schöne
* 1978
Studium der Philosophie und Politischen Wissenschaft in Heidelberg, dort Promotion 2010.
Seit 2009 Lehrbeauftragter am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg und seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsprojekts »Vernünftiger Umgang mit unscharfen Grenzen« am Institut für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie der Universität Freiburg.
Inhaltlich ist Was ist Vagheit? hohes Lob zu zollen. Wer das Werk durcharbeitet, wird nicht vage sondern umfassend zum Thema informiert. Und das auf durchaus angenehme Art. Deshalb ist es auch Laien sehr zu empfehlen.
Man sehe sich nur die ergänzende Literatur an: es gibt kaum Vergleichbares, in deutscher Sprache überhaupt nicht.
Links
SchöneTim Schöne, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
SchöneJustin Needle: Bibliography of literature on vagueness and the Sorites Paradox
SchöneDavid W. Angler: Vagueness Bibliography
SchöneVernünftiger Umgang mit unscharfen Grenzen - Vagheits- und Unbestimmtheitsphänomene als Herausforderung für Philosophie und Recht
vaguenessParadoxie des Haufens
vaguenessDominic Hyde: Sorites Paradox, Stanford Enzy
vaguenessBarry Hartley Slater: Logical Paradoxes, IEP
Vagueness: vagueness Roy Sorensen: Stanford EnzyvaguenessWikipedia
Schöne Rezensionen philosophischer Bücher
Literatur
Napoli, Ernesto (1985): “Is Vagueness a Logical Enigma?” Erkenntnis 23. S. 115-121
Wright, Crispin (1975): “On the Coherence of Vague Predicates”. Synthese 30. S. 325-365
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Schöne SchöneTim Schöne: Was Vagheit ist. Paderborn: Mentis, 2011. Broschiert, 296 Seiten

Ergänzende Literatur
Beall SchöneJ. C. Beall, Hg.: Liars and Heaps: New Essays on Paradox. Oxford: Oxford UP, 2004. Taschenbuch, 384 Seiten  Blau
Ulrich Blau: Die Logik der Unbestimmtheiten und Paradoxien. Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, 2007. Gebunden, 959 Seiten Schöne
Cintula SchönePetr Cintula, Christian G. Fermueller, Lluis Godo: Understanding Vagueness. Logical, Philosophical and Linguistic Perspectives. London: King’s College, 2011. Taschenbuch, 432 Seiten Deemter
Kees van Deemter: Not Exactly: In Praise of Vagueness. Oxford: Oxford UP, 2010. Gebunden, 304 SeitenSchöne
Dietz SchöneRichard Dietz, Sebastiano Moruzzi, Hg.: Cuts and Clouds: Vaguenesss, Its Nature and Its Logic. Oxford: Oxford UP, 2010. Gebunden, 575 Seiten Egre
Paul Egre, Nathan Klinedinst, Hg.: Vagueness and Language Use. Palgrave, 2011. Gebunden, 319 Seiten Schöne
Keefe SchöneRosanna Keefe: Theories of Vagueness. Cambridge: Cambridge UP, 2007. Taschenbuch, 248 Seiten Keefe
Rosanna Keefe, Hg.: Vagueness: A Reader. MIT, 1999. Taschenbuch, 362 Seiten Schöne
McGee SchöneVann McGee: Truth, Vagueness, and Paradox: An Essay on the Logic of Truth. Hackett, 1991. Gebunden, 246 Seiten  Scheffler
Israel Scheffler: Beyond the Letters: A Philosophical Inquiry Into Ambiguity, Vagueness and Methaphor in Language. Routledge Chapman & Hall, 2010. Taschenbuch, 146 SeitenSchöne
Shapiro SchöneStewart Shapiro: Vagueness in Context. Oxford UP, USA, 2008. Taschenbuch, 240 Seiten Smith
Nicholas J. J. Smith: Vagueness and Degrees of Truth. Oxford: Oxford UP, 2009. Gebunden, 272 Seiten Schöne
Sorensen SchöneRoy A. Sorensen: Vagueness and Contradiction. Oxford UP, USA, 2004. Taschenbuch, 212 Seiten  Williamson
Timothy Williamson: Vagueness. London: Routledge, 1996.
Taschenbuch, 340 SeitenSchöne
Schöne Anfang

Vagheit
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.3.2012