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Harris
Sam Harris: The End of Faith. Religion, Terror, and the Future of Reason
London: Free Press, 2006. Taschenbuch, 336 Seiten – harris Linksharris Literatur
Preiswert wie die subventionierte Bibel, mit einer Empfehlung von Richard Dawkins und lobenden Hinweisen bietet sich The End of Faith als aufklärende Lektüre an. Diesen Vorausempfehlungen und Erwartungen kann das Buch nur zum Teil gerecht werden.
In den ersten Kapiteln übt Harris pauschale Kritik an den Religionen.
Wer meint die Wahrheit zu vertreten (und das tun viele Religionen) neigt zur Intoleranz. Harris formuliert den Befund härter: "Intolerance is thus intrinsic to every creed" (S. 13). Wenn trotzdem manche Gläubigen zurückhaltend und bescheiden auftreten, so hat das nach Harris zwei Ursachen:
  1. Wissen, das inzwischen allen zur Verfügung steht und
  2. fallweises Übersehen bestimmter Schriftstellen (Schrift: Bibel, Koran etc.; S. 21).
Religionen und ihre Vertreter sind immer dann bescheiden, wenn sie noch nicht an der Macht sind.
Harris kritisiert, dass öffentliche Kritik an den zahlreichen blutrünstigen, abstoßenden und unsinnigen Schriftstellen ("the Bible and the Koran both contain mountains of life-destroying gibberish", S. 23) fast einem Tabu unterliegt. Da hat er recht: Gläubigen müssen sich (neben ihren Taten) an den Schriften messen lassen. Steinigung ist laut Bibel den Christen nicht nur erlaubt sondern geboten (Lev 24,16; Dtn 13,9-11; steinigung Biblische Bestrafung: Steinigung). Das beißt die Maus keinen Faden ab, oder: da hilft der Punkt 2. oben nicht.
Zurecht legt er – ähnlich wie Richard Dawkins: The God Delusion, siehe harris Links – die Finger in den unbeirrbaren Glauben ohne irgendwelche Belege, oft einzig sich auf Gottes Wort via der Schrift berufend. Ein guter Punkt scheint mir Harris' Forderung, dass außergewöhnliche Behauptungen auch außergewöhnlich gut fundierte Belege benötigen (S. 41).
Schon bald zeigt sich, dass Harris selbst dem von ihm gegeißelten Glauben ohne ausreichende Belege verfällt.
  • Er setzt Islam mit dem Terror gleich.
  • Er nimmt an, Osama bin Laden und seine Gruppe befinde sich in Afghanistan,
  • Trotz fehlender Belege läßt er offen, was nach dem Tode geschieht (S. 226).
Die Annahme, Al-Qaida sei in Afghanistan, genügt für Harris um zurecht dieses Land zu bombardieren [harris Fn 1]. Die "Kollateralschäden" bedauert er zwar, sie müssen aber seines höheren Ziels wegen (Osama bin Laden auszuschalten) in Kauf genommen werden. Damit übernimmt er genau die Argumentation der Terroristen: sie wollen die westlichen Bosse treffen und legen dafür die Twin-Towers flach (siehe die harris Argumentation von Sam Harris). Ähnlich einseitig sieht er die Selbstmordattentäter. Es mag zutreffen, dass es diese hauptsächlich wegen des versprochenen Paradises nach dem Tode gibt. (Ein guter Seitengedanke von Harris ist: ihnen wird nach dem Tode das versprochen, was sie hier auf Erden bei schärfster Strafandrohung meiden sollen.) Zurecht verurteilt Harris die freiwilligen (für ihn: verblendet erzogenen) Selbstmordattentäter. Die wehrpflichtigen westlichen Bombardiere spricht er von vornherein frei.
Teilweise wird Harris' Position, da ähnlich dogmatisch und pauschalierend [harris Fn 2], ebenso gefährlich wie der von ihm attackierte Glaube: "our enemy is nothing other than faith itself" (S. 131). Wer Harris' Überzeugung nicht teilt wird zurecht bombardiert. Für ethische Belange zählt für ihn allein die Absicht (S. 147). US-Militäraktionen sind deshalb OK, weil die Präsidenten nur das Beste wollen. Freilich ist Harris scharfsinnig genug zu erkennen, dass diese ethische Position auch viele Missionare in Anspruch nahmen. In der Fussnote 47 kommt die "glänzende" Harris Unterscheidung: diese Missionare hatten eine begrenzte Ansicht ("deplorable limited worldview", S. 255), was für den Autor nicht gilt harris.
Im Kapitel "A Science of Good and Evil" färbt der Autor auch noch das zweite Brillenglas. Ethisch geboten ist danach die Glücksfindung (von der US-Verfassung garantiert). Alle anderen Lebensziele bespricht Harris nicht. Wir haben eine ethische Verantwortlichkeit für Glück zu sorgen und jegliches Leid zu vermeiden (zum zweiten Punkt denkt er anders, wenn es Kollateralschäden sind). Doch es wird noch krasser: Wer dieses Ziel (Glückserlebnis) behindert oder vereitelt, ist der Böse und darf als Feind regelrecht (oder sogar regellos?) bekämpft werden. Diese Behauptung greift er völlig aus der Luft (S. 171) und wischt damit andere ethischen Positionen vom Tisch. Noch verquerter wird seine Argumentation für die Intuition (S. 182ff), denn diese wird oft auch von religiös Gläubigen reklamiert.
Sam Harris' Argumentation
Sam Harris' Argumentation stelle ich hier an einem Beispiel dar.
(1) Bös handelt, wer dem Glück anderer zuwider handelt.
(2) Böse darf man sogar bombardieren.
(3) Da wir keine zielgenauen Waffen haben, sind Kollateralschäden in Kauf zu nehmen.
(4) Die Kollateralschäden bei der Folterung einzelner Personen sind bedeutend geringer, als die unter Punkt (3) als akzeptabel erkannten.
(4) Wenn man unter (3) qualvolle Kollateralschäden an Kindern und Unschuldigen in Kauf nimmt, sollte man auch die ungemein geringeren Kollateralschäden unter Punkt (4) akzeptieren (S. 197).
(5) Folter ist erlaubt, wenn die Ziele es wert sind. Der Zweck heiligt die Mittel (S. 199).
Diese Argumentation ist verquer und nicht akzeptabel. Jeder Al-Qaida-Terrorist oder Taliban könnte ebenfalls so argumentieren.
(1T) Bös handelt, wer dem Glück anderer zuwider handelt.
(2T) Bösen darf man Flugzeuge ins Gebäude jagen.
(3T) Da wir keine zielgenauen Waffen haben, sind Kollateralschäden (z.B. Tausende von Toten im WTC) in Kauf zu nehmen.
Ich greife nur einen Punkt der an verschiedenen Stellen fragwürdigen Argumentation Harris' heraus. Die Folgerung (4) zeigt nicht, dass Folter erlaubt ist, sondern dass der Schritt (3) fragwürdig ist.
Zu (1T) nimmt Harris sogar Stellung, allerdings nur mit einer suggestiven Frage. Da gibt er implizit seiner Glücksauffassung den unbegründeten Vorrang zur Glücksauffassung von religösen Menschen ("happiness ... in the next life", S. 202).
Spätestens hier merkt der Leser: Harris hat zuwenig nachgedacht. Die Goldene Regel der Ethik schreibt er Jesus zu (S. 186). Dabei hat die schon Konfuzius (551-479 v. Chr) so formuliert: "Was du selbst nicht wünschest, das tue nicht den Menschen an" (Gespräche XII, 2; XV,23; regel Goldene Regel). Den Naturalistischen Fehlschluß sieht Harris einseitig, wie ihn Gerald Moore ausführt; die erste Bedeutung des Begriffs (David Hume; siehe harris Links) erwähnt Harris nicht einmal.
Bewußtsein und Spiritualität
Im letzten Kapitel "Experiments in Consciousness" (S. 204ff) bricht Harris eine Lanze für Mystik, Spiritualität und Meditation. Das ist sicher – unvoreingenommen gesehen – legitim. Mit gutem Recht bezeichnet er das Bewußtsein als eines der großen Geheimnisse des Universums. Doch es passt nicht zum vorderen Teil seines Buchs, in dem er die religiöse Spirualität verdammt. Wenn man so gegen den Glauben ohne Beleg und den Verbrechen im Religionswahn vom Leder zieht wie Harris, sollte man selbst gegen Drogengebrauch oder sonstige spirituelle Verzückung vorsichtig ein. Harris meint: "Mysticism is a rational enterprise. Religion is not" (S. 221). Die Begründung dafür las ich nicht.
Militante Atheisten
• Sam Harris, Richard Dawkins und Christopher Hitchens werden von Theisten zu militanten Atheisten gemacht: "Militant atheists such as Harris, Dawkins, and Hitchens ..." (Fiala 2009, S. 139).
Oder sie werden zu: "aggressive New Atheists" (DevanBenjamin B. Devan: "Against All Gods. How best to respond to the New Atheists").
Eine Begründung fehlt meist, manchmal wird der missionarische Eifer angeführt.
• Ein anderer Vorwurf lautet, dass sie oft dogmatisch ihre kognitive Überlegenheit betonen.
Es sei dahingestellt, ob die beiden Aussagen "missionarischer Eifer" und "dogmatisch" auf die drei Atheisten zutreffen: auf die Christen passen sie schon zwei Jahrtausende lang. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen!
Anmerkungen
[1] Harris: Wegen des 11. Septembers 2001 kann man gegen alles, was nach Al-Qaida aussieht, ohne Einschränkung, ohne Rücksicht auf (bedauernswerte) Kollateralschäden Vorgehen. Guantanamo und Folter sind erlaubt (S. 236, Fn. 5). harris Weiter im Text
[2] Gerade wir Deutsche müssen, denke ich, solchen und ähnlichen Pauschalierungen ("Einmal Deutscher, immer Nazi") entgegentreten. harrisWeiter im Text
Meine Besprechung von Sam Harris: The End of Faith betont die fragwürdigen Punkte. Das verdeckt vielleicht die vielen Punkte, vornehmlich in der ersten Hälfte des Buchs, die ich teile oder die zumindest diskussionwürdig sind. Doch wer meint die Wahrheit zu vertreten (und das tut Sam Harris) neigt zur Intoleranz. Anstelle einer Offenbarungsschrift setzt er die heiligen Tatsachen ("sacred facts", S. 225).
Obwohl ich mit einigen Thesen aus The End of Faith übereinstimme kann ich es keinem empfehlen. Den religiös Gläubigen noch am ehesten, denn sie lesen, was ein Gegen-Fan (vorsichtig formuliert) über Religion denkt. Alle andere müssen neben debattierbarer Religionskritik im letzten Drittel des Werks auch die philosophische und politische Position des Autors schlucken. Und diese ist oberflächlich, dogmatisch und esoterisch.
Ein letzter Pluspunkt: das Literaturverzeichnis umfasst 29 Seiten (293-321) und gibt Futter für fundiertere Auseinandersetzung zum Thema (siehe dazu auch harris Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft).
harris  Anfang
Links
HarrisSam Harris
HarrisThe End of Faith
Harristhe complete review (zu The End of Faith)
harris Richard Dawkins: The God Delusion
Haught John F. Haught: God and the New Atheism: A Critical Response to Dawkins, Harris, and Hitchens
Kissler Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam
harris Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft
Harris Literatur zu Terror, Religion und Geheimbünden
GraylingStephanie Merritt: "Better God-fearing than sneering. In attacking religion, AC Grayling's Against All Gods and Sam Harris's Letter to a Christian Nation, do little more than show an ignorance of basic human needs". The Observer May 6 2007
harris Naturalistischer Fehlschluß
HarrisThe Raving Atheist: An Atheistic Examination of the Culture of Belief: How Religious Devotion Trivializes American Law and Politics
harris Religiöser Glaube und Vernunft
HarrisLaura Sheahen: Why Religion Must End: Interview with Sam Harris
harris Übersicht zum religiösen Glauben
Qualia Gedankenexperiment Die vier Reiter der Gegen-Apokalypse
Literatur
Fiala, Andrew (2009): "Militant atheism, pragmatism, and the God- shaped hole". International Journal for Philosophy of Religion 65, S. 139-151.
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harris HarrisSam Harris: The End of Faith. Religion, Terror, and the Future of Reason. Simon & Schuster 2006. Taschenbuch, 336 Seiten harris
Sam Harris: Das Ende des Glaubens. Religion, Terror und das Licht der Vernunft. Edition Spuren 2007. Oliver Fehn, Übs. Gebunden, 342 Seiten harris
harris Harris Sam Harris: Brief an ein christliches Land. Bertelsmann 2008. Gebunden, 96 Seiten harris
Sam Harris: Letter to a Christian Nation. B&T 2006. Gebunden, 96 Seiten harris
Besprechung: Joerg H. Y. Fehige (2007): "Harris, Sam, Letter to a Christian Nation". Theologie und Philosophie 82.2. S. 317-318
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.11.2010