| Norbert Hoerster: Die Frage nach
Gott München: Beck, 2005. Taschenbuch: 124 Seiten |
| Fazit: Es gibt keine ausreichenden rationalen Gründe, an die Existenz Gottes zu glauben. |
Der Autor stellt sich fünf Fragen
(S. 9-10):
|
| Wichtiger
Ausgangspunkt ist für den Autor ein monotheistischer Gottesbegriff und
noch enger, der Gottesbegriff der grossen christlichen Religionen. Das ergibt
sich daraus, dass er sich a) beschränken muss und b) er im Christentum
aufwuchs, sich also dort auskennt. Gott hat dann die folgenden Eigenschaften: einzig ewig existent körperlose Person uneingeschränkt vollkommen der Ursprung der Welt Erhalter und Lenker der Welt Wenn der Theist von vorherein für seine Gottesvorstellung an diesen Punkten Abstriche vornimmt oder sich in der Diskussion ergibt, dass nur eine Untermenge dieser Punkte erfüllt wird, so handelt sich um ein »göttliches Wesen« oder »göttliches Sein«, aber nicht um den christlichen Gott. Nimmt ein Gottesgläubiger aber (um die verheerenden Diskussionsergebnisse in diesem Werk und anderen "abzufedern" #7, Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus ( man sollte dieses göttliche Wesen möglichst schnell vergessen (Hoerster S. 15). (Zwei Anmerkungen zum gerade zitierten Streitgespräch, das zwischen Ulrich Lüke und Bernulf Kanitscheider geführt wurde: Ulrich Lüke stattete in eben jenem Gespräch Gott doch mit den auch von Hoerster genannten Attributen aus: allgütig, allwissend, und so weiter. Er widersprach damit seiner Behauptung, man könne Gott nicht "definitorisch mit positiven Bestimmungen zu Leibe rücken". Bernulf Kanitscheider, Professor für Philosophie der Naturwissenschaften, Universität Gießen: "Derjenige, der die Existenz von etwas propagiert, hat immer die Begründungslast, und nicht der andere die Widerlegungslast". Zur |
| Nach dieser Begriffsklärung
behandelt Hoerster im Abschnitt III. das kosmologische und das teleologische
Argument für Gott. Nach jahrhundertelanger Auseinandersetzung mit diesen
und ähnlichen Argumenten ist es nicht verwunderlich, dass sie keineswegs
stichhaltig sind. Für mich gab Hoerster beim teleologischen Analogschluß eine neuen Aspekt indem er auf das Prinzip der Zeugung verwies (S. 30-31). Die erste Frage "Hilft es für die Erklärung der Welt, wenn wir einen göttlichen Ursprung annehmen?" ist daher differenziert zu beantworten: der göttliche Ursprung liegt werde auf der Hand noch ist er zur Welterklärung notwendig. Wenn man ihn trotzdem postuliert stellen sich dieselben Fragen erneut. man hat eine Büchse der Pandora (um im mythischen Kontext zu bleiben |
| Im Abschnitt IV.
stellt Hoerster die Frage: "Offenbart sich uns Gott?" Hier war die
Argumentation mit David Hume sehr
lehrreich. Im zweiten Unterkapitel bewog mich Hoerster zu einer wichtigen
Positionsänderung. Bisher gestand ich wie Hoerster es für
manche Leser zurecht annahm (S. 45) einem Gottesgläubigen, der sich
auf persönliche untrügliche Gotteserfahrung berief, einen besonderen
mir verschlossenen siebten Sinn zu. Resigniert stellte ich fest: mein
Gesprächspartner glaube damit zurecht an einen Gott. Doch die Gottesfrage
steht nicht im Belieben des einzelnen. Entweder es gibt einen oder mehrere oder
eben nicht. Die Frage kann man nicht für verschiedene Menschen
unterschiedlich beantworten. Wenn jemand "Erfahrungen" der übersinnlichen
Art hat, so ist das kein glaubwürdiger Beleg für die Wirklichkeit
sondern eher ein Beleg dafür, dass derjenige einen Arzt aufsuchen sollte
(um nichts Gröberes zu sagen; siehe "Übersicht zum
religiösen Glauben" unter Ein zusätzliches Argument im Geiste von Paul-Henry d'Holbach (S. 122): es wäre sehr gemein oder zumindest ungerecht von einem Gott, wenn er sich manchen Leuten untrüglich offenbart, vielen Leuten eine entsprechende innere Wahrhnehmung aber versagt. Die Frage 2 ist mit "angeblich ja" zu beantwortet. Diese Offenbarungen sind aber nicht glaubwürdig. |
| Die nicht ausrottbare Ansicht "Ohne
Gott keine Moral" geht Hoerster im Kapitel V. an. Stellvertretend für
diese Ansicht zitiert Hoerster "Der Gottesbezug ist der Anker nicht nur der
Verfassung, sondern auch allen Sinns, jeder Moral", in: "Ohne Gott ist alles
erlaubt", Kurt Reumann, FAZ 9.1.1994, S. 1
(S. 51). Im selben Artikel beruft sich der Journalist Reumann noch auf
Leszek Kolakowski ( Dabei gilt es mehrere Dinge zu beachten und zu unterscheiden: meines Erachtens gibt es keine Sachverhalte in der Welt, die moralische Aussagen wahr machen. Gut und böse sind menschliche Kategorien. Insofern stimme ich Kolakowskis Dostojewski zu. zu moralischen Imperativen sollte man im Sinne Immanuel Kants ( wer dagegen diesen Punkt nicht erfüllen kann, wer sich ohne Gott nicht moralisch verhalten würde, weil dann alles erlaubt sei, der möge gemäß "Die Frage nach Gott " aus Bertolt Brecht: Geschichten von Herrn Keuner einen Gott annehmen, aber möglichst einen, der auch moralisch einwandfreie und erfüllbare Forderungen stellt; siehe dazu gleich den nächsten Punkt. weder die Bücher der Christen (Bibel, Katechismus) noch ihr Verhalten stimmt mit den grundlegenden Forderungen der Menschenrechte überein. Dazu bringt Hoerster wenige Beispiele aus dem Neuen Testament (S. 59). Man kann noch viele aus Katechismus und Altem Testament (das bisher weder gestrichen noch mit einschränkenden Fussnoten versehen wurde) bringen. Kurzum: Ohne Gott ist sehr wohl eine Moralbegründung möglich; sogar eine überzeugendere als eine Moral, die noch Steinigung für Ehebrecherinnen vorsieht ( |
| Auf ähnlicher
Schiene läuft die Beantwortung der vierten Frage nach dem Sinn des
Lebens. Wie Verhaltensnormen ist auch Sinn und Zweck menschlichen Ursprungs (S. 70; S. 75-76). Um einen göttlichen Informationskanal zu haben verweisen Theisten dazu gerne aufs Gewissen. Mit dieser Ansicht räumt Hoerster gründlich und elegant auf (S. 70-73). Sinn "ist immer Sinn für ein bestimmtes Wesen" (S. 76). Hier und im gesamten Kapitel trifft sich Hoerster mit meinem "Sinn-Champion" Viktor Frankl ( Wie bei der Moral gilt auch hier: wer seinem Leben nicht selbst einen Sinn geben kann, der möge an einen Gott als Sinn-Vorgeber und an eine Belohnung im Jenseits als letzten Sinn glauben. Der mündige Mensch hat dies nicht nötig. |
| Theodizee-Problem Ausführungen dazu prallen an mir normalerweise ab, da ich kein Problem sehe. Ich halte es mit denjenigen Theologen und Gläubigen, die meinen, Gottes Güte lasse sich nicht nach menschlichen Kategorien beurteilen (S. 110). Spezieller: unser "Gut" ist ein menschliche Sichtweise, ähnlich wie Sinn und Zweck (siehe voriges Kapitel). Diese Position kratzt sich damit, dass Christen den Menschen als Gottes Ebenbild ansehen und das könne in so einer wichtigen Kategorie wie "gut" nicht so krass von der Vorlage abweichen. Doch das wiederum scheint mir nicht zwingend. Trotzdem war gerade dieses Kapitel sehr aufschlussreich. Hoerster macht es sich nicht leicht und erfindet oder zitiert immer neue Einwürfe der Gottesverteidiger. Er läuft zur argumentativen Höchstform auf. Eine Detailfrage ist die Brückenthese mit dem Vergleich der aktualen Welt mit einem Schlaraffenland. Hier meinen dann die Theisten, dieser Vergleich spreche, trotz der Übel in der aktualen Welt für eben dieses (S. 97). Meine Ergänzung: Doch wie ist es dann mit dem jenseitigen Schlaraffenland? Ist es überhaupt erstrebenswert? Nach dieser Brückenthese wohl nicht und ausserdem scheint man in der Hölle doch die interessanten Menschen zu treffen Ich bleibe bei meiner obigen Ansicht (Theodizee ist nur ein Scheinproblem), doch sehe nun noch klarer, dass die Theodizeefrage für den an einen Gott mit den entsprechenden Eigenschaften ein ernstes, nicht wegdiskutierbares Problem bedeutet. |
| Sehr hilfreich ist,
dass Hoerster die Argumente um die es geht, explizit hinschreibt. Meist versäumen dies Theisten. Ich habe den Verdacht, bewusst oder unbewusst, um besser im Trüben fischen zu können. Hoerster hebt das zu diskutierenden Argument oft duch wörtliche Rede hervor (siehe beispielsweise das Sinnargument S. 66). den Theisten oft ein "Schlupfloch" lässt. Er widerlegt beispielsweise die Vernünftigkeit des Gottesglauben, gesteht den Theisten aber dennoch zu, dass sie meist aus anderen Gründen an Gott glauben (S. 64). Er fasst die Diskussionspunkte zwar klar zusammen, flechtet aber immer eine skeptische Einschränkung ein; siehe beispielsweise das Theodizee-Problem, das die Existenz eines göttlichen Wesens mit den behaupteten Eigenschaften "äußerst unwahrscheinlich" macht (S. 113). |
| Stimmen zu Die Frage nach Gott |
Ursula
Homann bemerkt (bedauert? bemängelt?) in ihrer Besprechung (
|
| Michael Pawlik hat nach seiner Besprechung, FAZ,
4.8.2006 ( Dabei gesteht genau dies Hoerster mehrfach zu, unter anderem bereits in der Einleitung: "Die Frage nach Gott wird auch durch noch so intensives Nachdenken und Argumentieren nicht zu einer Frage, auf die es eine eindeutige und sichere Antwort gibt" (S. 10). Beweislast Er arbeitet aber auch heraus, dass die Beleglast für Existenzaussagen beim Behaupter liegt (siehe dazu die oben zitierte Anmerkung von Zur Beweislast mogelt sich Pawlik aus der Ecke. Er meint: Begründungspflichtig ist hier derjenige, der die Relevanz der Frage nach dem Grund allen Seins von vornherein in Zweifel zieht, nicht sein Gegner, der ihr Rechnung zu tragen versucht. Das ist dreifach verkehrt. 1) Hoerster stellt die Frage nach dem Grund allen Seins sogar im Buchtitel. Das ganze Buch dient der Diskussion möglicher Antworten. Die Relevanz der Frage für Hoerster (und nicht nur ihn, auch Richard Dawkins betont sie) ist überwältigend. Hätte er sonst dazu ein Buch geschrieben? 2) Es geht nicht um die Relevanz der Frage sondern um eine mögliche Antwort. Die Beweislast für eine Antwort auf die Frage nach dem Grund allen Seins liegt beim Behaupter. 3) Wäre es mit der Beweislast nicht so, könnte jedermann berechtigt behaupten, es gibt den Yeti, körperlose Gnome, geistige Klaubautermänner usw. Die Beweislast läge dann ständig bei demjenigen, der all dies für nicht existent hält. Zudem bringt Hoerster zahlreiche andere Aspekte in die Diskussion (z.B. Begründung der Moral; Sinn des Lebens). Auch sie ergeben nichts. Da stimmt man dann gerne dem Titel der Besprechung Pawliks zu: Halten wir es doch einfach wie mit dem Yeti. Solange kein stichhaltiger Beleg vorliegt, gehen wir davon aus, dass es weder den Yeti noch Gott gibt. Man lese dazu auch: |
| Die Frage nach Gott ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle (keine Einschränkung hier, da ich meine, dass diese Frage so wichtig ist, dass sie jeden Menschen interessieren muss). |
| Links |
| Norbert
Hoerster: |
| Müller, Klaus (2007): "Neuer
Atheismus? Alte Klischees, aggressive Töne, heilsame Provokationen".
Herder Korrespondenz. Monatshefte für Gesellschaft und Religion 11,
S. 552-557 |
| Besprechungen |
| Literatur |
| Aus dem Verzeichnis der zitierten
Literatur empfiehlt Norbert Hoerster besonders: Armin Kreiner: Gott im Leid. Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente John Leslie Mackie: Das Wunder des Theismus. Argumente für und gegen die Existenz Gottes Gerhard Streminger: Gottes Güte und die Übel der Welt. Das Theodizeeproblem Richard Swinburne: Gibt es einen Gott? Alle diese Titel und noch sehr viel mehr findet man auf |
| Joerg H. Y. Fehige (2006): "Die Frage nach Gott und eine Kritik der überzogenen Antwort von Norbert Hoerster". Theologie und Philosophie 81.1. S. 93-103 |
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