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Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss
[Traité d'athéologie: Physique de la métaphysique] München: Piper, 2006. Broschiert, 319 Seiten. Bertold Galli, Übs.
onfray Linksonfray Literatur
Der französische Philosoph Michel Onfray will in diesem Buch nicht nachweisen oder auch nur glaubhaft machen, dass es keinen Gott gibt. Seine Stoßrichtung setzt schon voraus, dass es keinen Gott gibt, zumindest nicht einen, der von den monotheistischen Religionen vertreten wird. Onfray zeigt, dass die Monotheismen auf Lug und Trug basieren, bisher überwiegend Leid brachten, die Leute durch Verweis aufs Jenseits benebeln und man daher ehrlicherweise Atheist sein muss.
Die Vernunft hat sich bisher nicht durchgesetzt, weil es sich mit einem vorschreibenden Glauben einfacher leben läßt, die Menschheit verharrt in einem mentalen Infantilismus (S. 19). Die Vernunft würde jedes magische Denken verhindern (S. 104-105).
In einem historischen Rückblick zeigt er
• einerseits, dass viele von den Atheisten gerne vereinnahmten Personen keine Atheisten waren. Als ersten Atheisten der Neuzeit zeichnet der Autor Jean Meslier (1664-1729; S. 53ff; onfray Links) aus.
• Andrerseits stellt er die Existenz Jesus in Frage, demontiert die Lichtgestalt des Saulus aka Paulus und zeigt, dass die heiligen Bücher Thora, Bibel und Koran voller Widersprüche stecken und kaum göttlich inspiriert sein können.
Gerne nahm ich Onfrays Bälle zur Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche auf. Schon Baron von Holbach (1723-1789; S. 56; onfray Links) prangerte sie an.
Monotheistische Religionen und die Wissenschaften
Die Kirche irrte in ihrer Haltung zur Wissenschaft seit jeher. Sie verfolgte die Wissenschaftler und Entdecker. Sie verwarf das heliozentrische Weltbild und verurteilte die moderne Genetik. Onfray: "25 für die Menschheit vertane Jahrhunderte" (S. 125), ein stark überzogenes Urteil.
Als neue Zukunftsprognose erwartet Onfray keinen Kampf der Kulturen, kein Kampf der Religionen (siehe Victor Trimondi, Victoria Trimondi: Krieg der Religionen unter onfray Links) oder Westen gegen Taliban, sondern eine Auseinandersetzung der vereinten Monotheismen Moses, Jesus, Mohammed gegen die aufgeklärte säkulare Welt (S. 62, 67). Diese Religionen preisen ein fiktives Jenseits und verhindern damit ein Diesseits in vollen Zügen (S. 102).
Der stereotypen Meinung vom unmoralischen Atheisten (»Ohne Gott ist alles erlaubt«) hält Onfray entgegen, dass der Glaube an einen gewalttätigen, eifersüchtigen und intoleraten einzigen Gott geradezu der Garant für Radikalismus und Terrorismus ist (S. 69).
Durchgehend greift Onfray die Jenseitsversprechungen der Monotheismen an. Das Leben auf der Erde ist ungerecht und mündet in den Tod. Daher richten die Monotheismen den Blick ihrer Gläubigen aufs Jenseits, wo alles picobello sein wird. Das führt aber dazu, dass
• das diesseitige Leben wenig gilt im Vergleich mit der ewigen Seligkeit (Pascals Wette, pascal Links; Versprechungen fürs Jenseits für Terroristen im Namen des Herrn),
• die Ungerechtigkeiten dieser Welt mehr oder weniger akzeptiert werden (man denke an die Sklaven in Nordamerika, die sich nach ihrer Bekehrung Spirituals und Gospel erfanden).
Onfray fasst dies zusammen: "Die Realität gilt nichts, die Fiktion ist alles" (S. 270).
Interessanterweise benutzte Joseph Ratzinger aka Papst Benedikt XVI. diese Gedanken in seiner Enzyklika Spe Salvi, Dezember 2007, siehe pascal Argument für den Atheismus.
Kritik an Wir brauchen keinen Gott
Vieles kann man an Wir brauchen keinen Gott kritisieren. Ich meine, die historische Gestalt Jesus abschnittsweise in Frage zu stellen oder Paulus eine mentale Krankheit zuzuschreiben, ist vergeblich und daher müssig. Beides ist nicht entscheidend für die heutige Funktion der Religion und für die Beurteilung der Wirkung. Manches ist Onfray zu weitschweifig und redundant geraten. Manche seiner Gedankengänge sind (für mich) nicht nachvollziehbar. Beispiel: Warum Mt 22,21 die Umkehrung von Joh 18,36 sein soll (S. 247) leuchtet mir nicht ein. Das katholische Dogma der Unfehlbarkeit (so fragwürdig, ja verfehlt, es auch sein mag) hat Onfray offensichtlich nicht verstanden (S. 254).
Oft wird Onfray in Buchbesprechungen vorgeworfen, dass er sich das Schlechte an den Monotheismen herauspickt. Nun, dies greift nicht. Wer eine weltanschauliche oder politische Position kritisiert, wird immer gerade die negativen Seiten betonen.
Zu kurz (wenn auch wichtig und in religionskritischen Werken kaum erwähnt) kaum mir Onfrays feststellung, dass die Vertreter des Laizismus den Vertretern der Kirchen oft zum Verwechseln ähnlich agieren (S. 292-293). Kritik an Richard Dawkins wird dann schnell zur Gotteslästerung onfray.
Das Literaturverzeichnis ist zwar kommentiert und weist auf ansonsten weniger geläufige Bücher hin, hätte aber für den deutschen markt bearbeitet werden müssen. Ein Index fehlt.
Wir brauchen keinen Gott bringt frischen argumentativen Wind in die Kontroverse religiös versus areligiös bzw. antireligiös. Ein wichtiges Verdienst sehe ich darin, dass Onfray
• die Geschichte des Atheismus schildert ohne jeden, der eine fuzzykleine religionskritische Äußerung machte, gleich zum Atheisten zu erklären.
• die religiöse Basis des Nationalsozialismus benennt (z.B. S. 254-255) und fragt, warum alle möglichen (harmlosen) Schriften auf den Index der katholischen Kirche kamen, nicht aber Adolf Hitlers Mein Kampf.
Links
atheismus Argument für den Atheismus von Joseph Ratzinger aka Papst Benedikt XVI.
onfray Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche
OnfraySabine Günther: „Widerstand und Lebenslust - Der zeitgenössische französische Philosoph Michel Onfray“
Haught John F. Haught: God and the New Atheism: A Critical Response to Dawkins, Harris, and Hitchens
OnfrayBaron d'Holbach
OnfrayJean Meslier
Michel Onfray: OnfraySite officiel de Michel Onfray et de l'Université Populaire de Caen
 – OnfrayWikipedia
Pascals Wette – Pascal's Wager
PascalFragmente zu einem Fragment
PascalPascals Wette @Kreudenstein
PascalPhilos
PascalWikipedia
PascalDie Wette des Blaise Pascal

onfray Religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
onfray Victor Trimondi, Victoria Trimondi: Krieg der Religionen
onfray Zitate
Rezensionen
OnfrayMartin A. Hainz: "»Abrakadabra-Theologien«. Warum man Michel Onfrays Buch Wir brauchen keinen Gott nicht lesen muss", Literaturkritik 10, Oktober 2006
OnfrayKai Köhler: "Philosophischer Atheismus. Michel Onfray verkennt die Funktionalität von Religion", Literaturkritik 10, Oktober 2006
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onfray OnfrayMichel Onfray: Traité d'athéologie : Physique de la métaphysique. Hachette Diffusion 2006. Taschenbuch: 315 Seiten onfray2
Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss. München: Piper, 2007. Broschiert, 319 Seiten. Bertold Galli, Übs. Onfray
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.12.2007