| Christopher Hitchens: God Is Not Great:
The Case Against Religion [deutsch: Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet] London: Atlantic, 2007. 307 Seiten |
| Mit Richard Dawkins, Daniel Dennett und Sam Harris zählt Christopher Hitchens zu den Four Horsemen (siehe
Christopher Hitchens vertritt die These, dass der Atheismus nicht nur endlich toleriert werden sollte, sondern weitergehend, dass Religion für viele Übel in Geschichte und Gegenwart verantwortlich ist. Obwohl er am ehesten Thomas Hobbes zustimmt, der das Böse in allen Menschen angelegt sah (also nicht pauschal die Gottesgläubigen alleine als böse abkanzelt wie es Richard Dawkins tut), meint Hitchens, dass Religionen genau dieses Böse im Menschen verstärken oder zumindest eine große Gefahr dafür besteht. Er führt dazu sehr viele Beispiele aus den grossen Religionen an. Im Gegensatz zu z.B. Sam Harris ( Er weist für alle Religionen darauf hin, dass sie den Opferkult pflegen. Eines der schlimmsten Beispiele ist wohl Abraham, der ohne zu Zögern auf bloßen göttlichen Befehl seinen Sohn opfern will. Der Angriff am 11.9. ist nur quantitativ schlimmer. Zu den Vorwürfen an alle Religionen gehört das Belohnungs- und Strafsystem. An verschiedenen Stellen gibt Hitchens der ethischen Grundhaltung, sich human zu verhalten, weil Belohnung winkt oder Bestrafung droht, starke Fragezeichen. Der Einwand der Gläubigen, sie machen es nicht (nur) deshalb zählt nicht, weil sie ihren Glauben (mit) darauf gründen, dass ohne Gott alles erlaubt wäre und sich dazu auf Dostojewskis Die Brüder Karamasow berufen ( Hitchens belegt auch die These (wenn sie denn noch weiterer Belege bedarf), dass die Wissenschaft viele religiöse Mythen als falsch erwiesen hat und zudem Erklärungen lieferte, die der Mythen nicht mehr bedürfen um die Welt zu erklären (S. 151). Ein wichtiger Beitrag war für mich, dass auch die östlichen Religionen nicht viel besser als die uns bekannten Weltreligionen sind (Kap. 14). Oft fliehen ja Menschen unseres Kulturkreises, enttäuscht von den christlichen Religionen und Kirchen, in solche es asiatischen Ostens (Buddhismus, Konfuzianismus, Hinduismus). Hitchens schreibt beispielsweise, dass der Vatikan Lügenpropaganda verbreitet. Er bestätigt damit die gleichlautende Feststellung in Hippler, Grill: Gott, Aids, Afrika ( Hitchens erschütterte mein Argument zur Verteidigung (!) der Gottesgläubigen in der Frage der Theodizee. Ich meine, Gottes Einschätzung von Gut und Böse müsse nicht mit der unseren übereinstimmen. Dem steht freilich schon immer die Gottesebenbildlichkeit des Menschen entgegen. Allgemeiner also sind Gottes Eigenschaften für den Menschen nicht begreifbar. Hitchens meint, Gott ist dem Menschen keine Erklärung schuldig (S. 268). Doch beiden Verteidigungen der Theodizeefrage steht entgegen, dass die Gläubigen behaupten, über Gottes Eigenschaften und Absichten sehr viel zu wissen. Man kann nicht beides haben: Gott als den Unerklärlichen hinstellen (damit die Theodizeefrage nicht gestellt werden kann) und zu behaupten, seine Absichten zu kennen und zu wissen, was er von uns verlangt. Ein anderes Argument der Gläubigen zerstreut Hitchens ebenfalls. Es wird oft eingewendet, dass große Naturwissenschaftler und Philosophen Gläubige waren; ebenso viele Künstler. Die Erklärung ist dreifach: Das ist nicht verwunderlich, angesichts der Repression, der sich bis heute bekennende Atheisten ausgesetzt sehen. Früher war dieses Bekenntnis wie man nur zu gut weiß sogar lebensgefährlich. Es ist auch nicht verwunderlich, angesichts der religiösen Indoktrination ab der Wiege (Zwangstaufe!) über Kindergarten (in Deutschland oft von religiösen Trägern) bis zur Schule. Zum Dritten zeigt Hitchens besonders an Charles Darwin und Albert Einstein, dass ihre öffentlichen Gottesbekenntnisse im Tagebuch als nur erzwungen entlarvt wurden (Darwin) oder gleich gar gefälscht waren (Einstein; S. 242-243; 271). Albert Einstein hat einen personalen Gott immer abgelehnt. Man kann ein Viertes hinzufügen, das Hitchens gelegentlich anführt. Weder die Gläubigkeit einzelner Nobelpreisträger noch der Agnostizimus oder Atheismus von Geistesgrössen sagt Entscheidendes darüber, was man letztlich von der Gott, ewigem Leben oder ewiger Hölle zu halten hat. Hitchens Werk wird glaubhafter, da Hitchens einige Beispiele einstreut, die seiner Argumentation entgegenstehen, z.B. der peinlich ehrliche muslimische Taxifahrer. Auch die christlichen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus würdigt er; weiß aber zu Franz Jägerstätter (siehe Insgesamt unterstreicht Hitchens durchgehend das am Buchanfang abgedruckte Gemälde von Francisco de Goya (1746 1828): El sueño de la razón produce monstruos. Goya kommentiert sein Bild so: "Die Phantasie, verlassen von der Vernunft, erzeugt unmögliche Ungeheuer; vereint mit ihr ist sie die Mutter der Künste und Ursprung der Wunder". Hitchens belegt damit seine Ansicht, dass Religionen Menschenwerk sind. |
| Kritik Die Kapitel mit den Mini-Religionen (fast hätte ich geschrieben: der obskuren Mini-Religionen, doch das wäre ein schwarzer Rappe) hätte sich der Autor sparen können (Kap. 11-12). |
| Wie unterscheiden sich die drei
Werke mit ähnlicher Stoßrichtung aus den Jahren 2006/2007? Sie
schreiben für unterschiedliche Zielgruppen, bzw. kommen bei diesen Gruppen
am besten an. Richard Dawkins: Atheisten Sam Harris: Atheisten, Agnostiker, politisch Interessierte Christopher Hitchens: Atheisten, Agnostiker, religiös Gläubige Christopher Hitchens kommt das Verdienst zu, als einziges alle drei Gruppen zum Zweifeln bringen zu können und es bietet am meisten Neues. Sehr empfehlenswerte und ungemein anregende Lektüre! |
| Christopher Hitchens erklärt
kurz vor seinem Tode, was er als seine Lebensaufgabe ansah: combating superstition and religious totalitarianism. |
| Militante Atheisten |
| Sam Harris, Richard Dawkins und
Christopher Hitchens werden von Theisten zu militanten Atheisten gemacht:
"Militant atheists such as Harris, Dawkins, and Hitchens ..." (Fiala 2009, S.
139). Oder sie werden zu: "aggressive New Atheists" ( Eine Begründung fehlt meist, manchmal wird der missionarische Eifer angeführt. Ein anderer Vorwurf lautet, dass sie oft dogmatisch ihre kognitive Überlegenheit betonen. Es sei dahingestellt, ob die beiden Aussagen "missionarischer Eifer" und "dogmatisch" auf die drei Atheisten zutreffen: auf die Christen passen sie schon zwei Jahrtausende lang. Wer im Glashaus sitzt sollte nicht mit Steinen werfen! |
| Vergleichsliteratur |
| Jennifer Michael Hecht: Doubt: A History. The Great Doubters and Their Legacy of Innovation from Socrates and Jesus to Thomas Jefferson and Emily Dickinson |
| Bertrand Russell: Why I Am Not a Christian [Warum ich kein Christ bin] |
| Links |
| Literatur |
| Fiala, Andrew (2009): "Militant atheism, pragmatism, and the God- shaped hole". International Journal for Philosophy of Religion 65, S. 139-151. |
| Gopal Kripalani (2008): "Christopher Hitchens, Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet". Aufklärung und Kritik 1. S. 267-269 |
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| Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion
die Welt vergiftet. Blessing 2007. Anne Emmert, Übs. Broschiert, 352
Seiten
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