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Spaemann
Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht.
Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne
Stuttgart: Klett-Cotta, 2007. 263 Seiten – spaemann Linksspaemann Literatur
Hier sind einige Aufsätze des Philosophen Robert Spaemann aus den Jahren 1985 bis 2006 zusammengefasst. Alle sind – einschließlich des abschließenden Interviews – schon zuvor erschienen. Der Titel täuschte mir eine homogene Ausarbeitung zur Frage nach Gott vor. Da wurde ich enttäuscht. Gemeinsam ist allen Aufsätzen ein theologisches Thema auf hohem Abstraktionsniveau. Es war für mich teilweise zu abstrakt, zu sehr von einem Bibelzitat zum anderen springend.
In allen Aufsätzen geht Spaemann bezüglich Gott von (s)einer Glaubensgewissheit und einer argumentativ gut begründeten erzkatholischen Position aus.
Glaubensgewissheit
Hier verfällt Spaemann in die verbreitete Kritik der Wissenschaft, die – das ist korrekt – keine letzte Gewissheit bieten kann; stille Folgerung: also tritt das, was dem Gläubigen die letzte Begründung bietet (Gott) in die so entstandene Lücke. Ausführlich geht er darauf im Gespräch mit David Seeber von der Herder Korrespondenz ein (S. 255). Er betont dabei den Modellcharakter der Wissenschaft, der immer unter dem Vorbehalt des möglichen Irrtums steht. Zugestanden, nur: die Theologie hilft da keinen Deut weiter.
Beispiel: "Für den, der an Gott glaubt wird aus der wahrscheinlichen Hypothese unvermeidlich Gewißheit, weil er betet." Er begründet dies unmittelbar so: "Man kann nicht im Ernst dauerhaft und mit wachsender Intimität auf jemanden hören und mit jemandem sprechen, dessen Existenz den Status einer Hypothese hat" (S. 30-31). Wichtig ist hier der Beginn: "Für den". Das ist gleichzeitig fatal, denn der Betende schwingt sich in eine Scheingewissheit ein und des einen ("der an Gott glaubt") Gewissheit widerspricht der Gewissheit des anderen ("der an Gott glaubt") und schon ist der Konflikt gelegt.
Erzkatholische Position
Zum Christentum nimmt er ausdrücklich und in erfreulich klaren Worten Stellung:
"Christentum ist keine poetische Weltanschauung, kein Mythos, kein Lebensgefühl, sondern der Glaube an eine reale Offenbarung Gottes über sein eigenes Wesen, über Ursprung und Ziel des Menschen, über seinen Fall und über seine Erlösung." S. 65
Wie diese "reale Offenbarung" übermittelt wird, führt der Autor leider nicht aus. Es wäre umso dringender, da viele Christen – auf alle die Grausamkeiten Gottes in der Bibel angesprochen – diese nur als inhomogenes Sammelsurium einstufen. Im gesamten Sammelwerk versteht Spaemann die Erfahrung als gleichwertig mit der Offenbarung; vielleicht priorisiert er sogar die Offenbarung (z.B. S. 70). Was unter diese "reale Offenbarung" fällt wird nicht konkretisiert.
Freilich führt die erzkatholische Position zu fragwürdigen Ansichten, so wenn er die Menschenausrottungen im 20. Jhdt. in einem Satz mit "der Tendenz zur Freigabe von Abtreibung und Euthanasie" nennt (S. 163). Hier verschwimmen der Katholischen Kirche die Massstäbe. Wie die Katholische Kirche befürwortet auch Robert Spaemann das ungeborene Leben vorbehaltslos zu schützen (S. 250-251). Für das geborene Leben gilt das aus jener Sicht bekanntlich nicht. Es wäre interessant zu erfahren, was Spaemann zu den Panzer segnenden Militärbischöfen sagt.
In allen Aufsätzen treibt den Autor das menschliche Selbstverständnis um. Die naturwissenschaftlichen Erklärungen genügen ihm nicht, deshalb hält er am Gottesglauben fest. Damit dieser aber in sein oben zitiertes Bild vom Christentum passt, muss Spaemann den gesamten "Überbau" der Katholischen Kirche schlucken: oberstes Lehramt durch den Papst, Erbsündenlehre ("Sippenhaftung", S. 196), Theodizee, ...
Theodizee
Hier teilt Spaemann eine bekannte und griffige Position. Er setzt dem Leid den Glauben an den Trost im Jenseits entgegen (S. 179). Doch dies wird ja den Religionen oft vorgeworfen: sie beschwichtigen die Armen und Notleidenden dieser Welt mit der Aussicht auf das Jenseits. Damit wird das Leben der Armen und Leidenden trivialisert: »Alles halb so schlimm! Jetzt ist der Klerus reich und fett, im Jenseits dürft ihr auch mal!« So Gott will gott.
Noch krasser ist das Leiden als Strafe für die Sünde. Das ist dem Autor so peinlich, dass er es länger erläutert (S. 218f). Abschließend zitiert er: "Durch Leiden hat er Gehorsam gelernt", Hebr 5,8. Das formuliert der Volksmund (besonders in Ludwig Thomas Filserbriefe) passend so: "Da wird er dann schon katholisch werden!"
Trotz geschliffener, hintergrundreicher Argumentation unterlaufen Spaemann Ungenauigkeiten oder gar Widersprüche.
Ungenauigkeit / Mehrdeutigkeit
"Religion also widersetzt sich der Trivialisierung durch Reduktion des Unbekannten auf das Bekannten auf das Bekannten, des Lebendigen auf das Tote, während der Weg der Wissenschaft [...] gegenläufig definiert ist" (S. 167).
Hier ist zweideutig ob es so zu lesen ist: widersetzt sich (der Trivialisierung durch Reduktion des Unbekannten auf das Bekannte, des Lebendigen auf das Tote) oder so widersetzt sich der Trivialisierung (durch Reduktion des Unbekannten auf das Bekannte, des Lebendigen auf das Tote). Gegen den ersten Fall spricht das gegensätzliche "während" (denn dann wäre ja das in der Klammer bereits die Vorgehensweise der Wissenschaft); im zweiten Fall sehe ich nicht, wo die Religion das Lebendige aus das Tote reduziert. Umgekehrt wird ein Schuh daraus.
Widerspruch
Ein Beispiel für Widersprüchliches findet am auf der gerade zitierten Seite: "Für die Wissenschaft gibt es das Neue nicht" (S. 167). Da wider spreche ich: gerade davon lebt die Wissenschaft. Doch das ist nicht der Punkt. Spaemann widerlegt sich durch die sofort folgende Explikation, was die Wissenschaft mit dem Neuen macht: sie versucht es auf Bekanntes zurückzuführen. Sehr wohl; kein Wissenschaftler will sich auf Götter berufen.
Entschuldigung der Inquisition gegenüber Galileo Galilei (spaemann Links)
Spaemann schließt sich einer heutzutage oft gebrauchten Entschuldigung der Inquisition gegenüber Galilei an. Theorien, die gegen ein kirchliches Dogma stehen, dürfen nur als hypothetisch vorgebracht werden. Die Inquisition hätte Galilei unbehelligt lassen, wenn er seine Theorie nur als Hypothese bezeichnet hätte (S. 69). Dagegen kann man dreierlei vorbringen.
1) Diese Entschuldigung schiebt unfairerweise dem Opfer den "schwarzen Peter" zu.
2) Weder den Kardinälen noch Galilei stand das begriffliche nach-poppersche Instrumentarium zur Verfügung. Der Vorwurf an Galilei ist anachronistisch.
3) Warum bezeichneten und bezeichnen andrerseits die Kirchenvertreter ihre Dogmen nicht auch als Hypothesen? Galilei konnte seine Theorie massiv empirisch untermauern, die Dogmen sind Glaubenssache.
Die Aufsatzsammlung ist aktuell und bereichernd, da Spaemann oft katholischer als viele Katholiken ist. Die vorgebrachten Positionen sind gut begründet, wenn auch oft zu akademisch schwer verständlich. Der Aufsatzcharakter verhindert es, dass ein Themenfeld umfassend behandelt wird.
Mit diesen Einschränkungen ist das Buch lesenswert.
Links
spaemannforum-grenzfragen.de: Spaemann: Das unsterbliche Gerücht
spaemann Galileo Galileispaemann Der Fall Galilei
spaemann Gottesbeweise: Links und Literatur
spaemannChristian Haneder: "Der große Aberglaube der Moderne. Robert Spaemann sprach in Mainz über die Rationalität des Gottesglaubens und die Unlogik der Wissenschaftsgläubigkeit".
Die Tagespost, 09.3.2004
spaemannReplik: Volker Dittmar: Was ist Wissenschaftsaberglaube? Wissenschaftsgläubigkeit - der Aberglaube der Moderne?
spaemann Die Katholische Kirche und die Wissenschaften
spaemann Religiöser Glaube und Vernunft
spaemannProf. Dr. Robert Spaemann: "Der Gottesbeweis. Warum wir, wenn es Gott nicht gibt, überhaupt nichts denken können" Die Welt 26.3.2005 – pdf
spaemann Zitate von Robert Spaemann
Literatur
Arndt, Martin (2008): "Buchbesprechungen. Robert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht". Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 60:3, S. 266-267.
Ollig, H.-L. (2009): "R. Spaemann, Das unendliche Gerücht". Theologie und Philosophie 84:1, S. 103-106.
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spaemann SpaemannRobert Spaemann: Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne. Stuttgart: Klett-Cotta, 2007. Gebunden, 263 Seiten
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