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Bucher
Rainer Bucher: Hitlers Theologie
Würzburg: Echter, 2008. Gebunden, 228 Seiten – rezension Linksrezension Literatur
Die zentrale These der Studie Hitlers Theologie: Vom Beginn an bis zu seinen letzten Äußerungen verkündigte Hitler seinen Wahn im Namen eines Gottes, konzipierte und legitimierte er den Wahn über theologische Begriffe. Diese spielten eine zentrale und tragende Rolle.
Religion schlägt oft in die Ausübung des Bösen um. Religion und deren theoretischen Konzepte sind weder harmlos noch gewaltfrei (S. 32). Das ist heute nach zweitausend Jahren Religionskriegen und dem 11. September 2001 ein Gemeinplatz. Gerne werden von Religiösen dagegen die Verbrechen des 20. Jahrhunderts, wie sie im Nationalsozialismus, Bolschewismus und Kommunismus verübt wurden, aufgerechnet. Nach dem Motto: wir haben gelernt, aber die Atheisten sind noch viel böser. Zumindest im Fall des Nationalsozialismus wird diese Riposte durch Rainer Bucher glänzend widerlegt.
Autor Rainer Bucher wollte die folgenden Fragen klären:
  • Was brachte Theologen dazu, Hitler begeistert zu begrüßen? Dazu ist bemerkenswert bis bestürzend, dass es diese Hitleranhänger waren, die als Wegbereiter des 2. Vatikanischen Konzils gelten (S. 131).
  • Welche religiösen Strukturen wies Hitlers Projekt auf? (S.12)
Beide Frage hat er ausgezeichnet beantwortet. Die Parallelen zwischen Christentum und Hitlers Weltanschauung sind frappierend: Berufung auf eine Vorsehung, Sendungsbewusstsein, Legitimität aus Gottes Hand, Reklamation der Wahrheit. Noch frappierend und bedenkliche ist freilich, dass all dies fragwürdige Gedankengut im Christentum weiter vorherrscht.
Die Analyse in Hitlers Theologie erscheint mir genau und ehrlich. Bucher stellt fest, dass Hitlers Angebote für seine Zeitgenossen attraktiver war, als es rückblickend erscheinen mag oder dargestellt wird (S. 12). Hitlers Kritik an der Demokratie teilte er mit der fundamentalkonservativen Rechten, der katholischen Kirche und der radikalen Linken (S. 19).
Mit Claus-Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus (rezension Literatur) teilt Bucher die These, dass Hitlers spezifischer Glaube an Gott für sein Handeln massgeblich war (S. 178). Auch Michael Faulhaber (rezension Links) bescheinigte nach seinem Besuch Hitlers am Obersalzberg am 4. 11. 1936: "Der Reichskanzler lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott" (S. 29). Hitler beginnt und schließt seine Reden oft mit einem ausdrücklichen Gottesbezug (S. 91-92).
Dabei ist Hitler natürlich weder christlicher noch wissenschaftlicher Theologe (S. 34), sondern auch auf diesem Gebiet Dilettant. Andrerseits lehnte Hitler (im Gegensatz zur Meinung in Michael Hesemann: Hitlers Religion, rezension Literatur) die neuheidnische, völkische Religiösität ab (S. 65).
Hitlers Weltanschauung = Religion und Ziele
  • Hitler war von einem göttlichen Sendungsbewusstsein erfüllt. Der schwerwiegendste Grund für Hitlers politisches Projekt ist seine Überzeugung von seiner göttlichen Legitimation (S. 68). "... es kann niemand Völker- und Weltgeschichte machen, wenn er nicht zu seinem Wollen und Können den Segen der Vorsehung hat" (S. 82; Adolf Hitler: Mein Kampf, S. 516).
  • Er hat mit dem Offenbarungsreligionen den messianischen Erwählungsgedanken (bei ihm ist das deutsche Volk das erwählte) gemeinsam (S. 73).
  • Die göttliche Substanz der arischen Rasse, die damit allen anderen überlegen ist
  • Eroberung von Lebensraum im Osten für die arische Rasse
  • Die Juden sind Ursache des Übels (allen Übels): sie sind zu entfernen und zu vernichten. “Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.” (Adolf Hitler: Mein Kampf, Bd.1. S. 70). Wer "Jude" ist definiert die Führung des Nationalsozialismus.
Damit ist klar: Wer sich gegen Hitler und den Nationalsozialismus erhebt, stellt sich gegen Gott (S. 83). Eingebunden war Hitlers Projekt in einen kruden Sozialdarwinismus, einen starker Bezug auf die Volksgemeinschaft und ein "Persönlichkeitsprinzip": nur einzelne herausragende Persönlichkeiten gestalten Geschichte (S. 147-148).
Hitler und Katholizismus und Protestantismus
Hitler hatte in den beiden grossen christlichen Konfessionen Katholizismus und Protestantismus immer nur eine kleine Gegnerschaft. "Die Mehrheit arrangierte sich mit ihm" (S. 23). Gegnerschaft in den Kirchen provozierte er immer dann, wenn er den Religionen offene Konkurrenz oder die Ausübung ihrer Rituale einschränkte (Verbot des Schulgebetes und des Kreuzbildes in der Schule, siehe Hitler Links).
Die Rezensenten des Werks fühlen sich oft in einer Zwickmühle. Einerseits wollen sie Buchers Ausführungen neutral besprechen, andrerseits wollen sie jegliche Verbindung zwischen Hitler und einer Religion, hier besonders seine katholische Religion, der er bis zum letzten Atemzug angehörte, und der katholischen Kirche, für die er bis zuletzt Kirchensteuern zahlte, relativieren oder gar abreden.
Hitlers theologische und religiöse Grundlagen werden überzeugend herausgearbeitet. Wer mit offenen Synapsen liest wird die Parallelen zu den grossen Religionen nicht übersehen, auch wenn bekanntlich eine Religion der anderen immer den richtigen Status aberkannt, Absurditäten oder gar Aberglauben zuschreibt. Nach der Lektüre sieht man den Balken bei Hitler; man sollte weiterdenken.
Links
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Seitschek, Hans Otto: "Politischer Messianismus. Heilsvorstellungen in politisch-weltlichen Systemen". Deutsche Gesellschaft für Philosophie e.V. (DGPhil) XXI. Kongress 2008, Universität Duisburg-Essen, Hitleronline (pdf)
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hesemann Hitler Michael Hesemann: Hitlers Religion. Pattloch 2004. Gebunden, 480 Seiten Läpple
Alfred Läpple: Adolf Hitler. Psychogramm einer katholischen Kindheit. Stein am Rhein: Christiana, 2001. Taschenbuch, 226 Seiten Hitler
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Prolingheuer Hitler Hans Prolingheuer, Thomas Breuer, Hg.: Dem Führer gehorsam: Christen an die Front: Die Verstrickung der beiden Kirchen in den NS-Staat und den Zweiten Weltkrieg. Studie und Dokumentation. Publik-Forum, 2005. Taschenbuch, 272 Seiten rissmann
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veritas Hitler Theophil Veritas: Katholik Hitler: Über eine der Wurzeln von Adolf Hitlers Wahnsystem. Hamburg: Tredition, 2008. Broschiert, 172 Seiten – rezension Rezension voegelin
Eric Voegelin: Die politischen Religionen. Peter J. Opitz, Hg. München: Fink, 2007. Taschenbuch, 150 Seiten Hitler
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