C. S. Lewis:
Miracles In: C. S. Lewis, Hg.: The
Complete C. S. Lewis Signature Classics. New York: Harpercollins, 2007. S.
297-462. Ursprünglich 1940 erschienen und 1960 vom Autor
überarbeitet. Links
Literatur |
Spätestens seit
David Hume On Miracles, in:
An Enquiry Concerning Human Understanding die Möglichkeit von
Wundern argumentativ rigoros eingeschränkt hat, wurde es schwierig den
immer wieder auftauchenden Wunderberichten Glauben zu schenken. Ganz kurz
zu Humes Argument: Die Naturgesetze sind empirisch hervorragend
bestätigt (für Popperianer: bewährt). Ein Wunder ist
per Definition ein Geschehen, das ein Naturgesetz verletzt. Man muss
bei einem Wunderbericht abwägen: was ist mehr wahrscheinlich: dass ein
Naturgesetz durchbrochen wird oder dass der Wunderbericht glaubwürdig ist?
Hume: "That no testimony is sufficient to establish a miracle, unless the
testimony be of such a kind, that its falsehood would be more miraculous, than
the fact, which it endeavours to establish...." |
C. S. Lewis unternimmt es heroisch
diese Argumentation zu erschüttern. Er scheitert. Allerdings muss man
ihm zugute halten:
- selten unternimmt es ein Religiöser überhaupt
für seinen Glauben vernünftig zu argumentieren (trotz der vielfach
betonten Übereinstimmung des religiösen Glauben mit der Vernunft);
meist wird nur der Gegner schlecht gemacht (hat keine Ahnung;
bringt uralte Argumente, ...)
- sein Versuch ist sehr gut durchdacht und er benutzt Wege, die
bedeutend fruchtbarer wären, als die bekannten Versuche, wenn sie denn
durchgingen.
- er führt sein Vorhaben bemerkenswert durchsichtig aus.
Man ist gewohnt, dass Apologeten zu einer undurchsichtigen, metaphernreichen
Sprache greifen.
All dies vermeidet Lewis bewusst. In einem anderen
apologetischen Werk, im 11. Kapitel "Faith" von Mere Christianity
formuliert Lewis seine Absicht so:
| "I am not asking anyone
to accept Christianity if his best reasoning tells him that the weight of the
evidence is against it." |
Daran werden wir uns erinnern, wenn Miracles gelesen
ist. |
Lewis geht davon aus,
dass es unfruchtbar ist, wenn der Naturalist oder strenge Empirist von
vornherein Wunder nahezu ausschließt, der Theist und Wunderverteidiger
andrerseits die Wundermöglichkeit unter seine Prämissen aufnimmt.
Er beschreitet daher den folgenden Weg: er legt fest, was für ihn ein
Wunder ist; dann weist er nach, dass es Übernatürliches gibt; dann
will er glaubhaft machen, dass das Übernatürliche per Wunder auf die
Welt einwirkt. Nach dieser gewaltigen Argumentationskette ist es nur noch ein
kleiner Schritt Berichten über Wunder eine sehr viel größere
Wahrscheinlichkeit zuzubilligen als es Hume tut. Begleiten wir Lewis auf
seinen Weg. |
Wunder ist ein Eingriff in die Natur durch eine
übernatürliche Kraft (supernatural power; S. 305).
Der Naturalist behauptet, es gibt nichts über die Natur hinaus; der
Supernaturalist sagt, es gibt etwas über die Natur Hinausgehendes. Beides
führt Lewis näher aus. Für die naturalistische Auffassung des
Seins prägt er das griffige »the whole show«. Der
Supernaturalist sagt, das kann nicht alles sein, es müsse etwas als
Startpunkt für alles geben.
| Damit freilich gibt Lewis
einen bekannten Ansatz für Kritik, die sich lapidar zu "Wer schuf den
Schöpfer?" zusammenfassen lässt. Es ist eines der Hauptargumente in
Richard Dawkins: The God Delusion. Einige Riposten vorwegnehmend ist es,
auf die provokativ gemeinten Fragen folgenden Dialog zu führen: Theist:
"Und woher kommt das alles (»the whole show«), wer meinst du hat
das alles gemacht?" Naturalist: "Genau dasjenige/derjenige, der deinen Gott /
deine Götter gemacht hat". Theist: "Der braucht so etwas nicht".
Naturalist: "Genau das reklamiere ich dann für »the whole
show«". |
Zum ersten Mal an dieser Stelle und im weiteren Verlauf seiner
Argumentation noch sehr oft, läßt Lewis sein Etwas (als
Erklärung für den gesuchten transzendenten Startpunkt) im Singular
oder er fasst es so nebenbei in eins zusammen. Der Supernaturalist hält
über die Dinge, die zur Natur gehören noch eine andere Klasse von
Entitäten für vorhanden. Sie enthält "things or (more probably)
One Thing" (S. 307). Die Floskel "things or (more probably) One Thing"
wiederholt Lewis. Irgendwann läßt er sie weg, der Leser wird es wohl
gefressen haben. Diese Verengung beeinträchtigt sein Argument kaum, ist
aber ein enormes stillschweigendes Zugeständnis an alle Monotheisten.
Selbst wenn man Lewis beiden
Argumentationen (Vernunft / Moral) folgen würde, bleibt offen: Warum
ist der Ursprung der Vernunft mit dem Ursprung der Moral identisch? Warum ist
es jeweils nur ein Ursprung? |
Den Naturalismus greift Lewis dann mehrfach an. Er will auf zwei
Wegen (Vernunft / Moral) zeigen, dass die Natur nicht alles sein kann. Zuerst
argumentiert er mit den Zufälligkeiten der Quantenphysik (ohne sie so zu
nennen) und dem Wahrscheinlichkeitscharakter von Gesetzen auf Quantenebene. Er
führt das aber dann auf unser Nichtwissen zurück (S. 312-313).
Der erste durchgeführte Weg geht über das vernünftige
Denken. Es ist zusammen mit unseren Wahrnehmungen der einzige Zugang, ja Garant
dafür, dass wir etwas über die Natur wissen. Unless human
reasoning is valid no science can be true (S. 313). Diese Garantie (ich
gebe es verkürzt wieder) kann nur von außen kommen. Daher: der
Naturalismus läßt etwas aus, was er selbst dringend braucht.
| Hier übersieht Lewis
mindestens zweierlei: die Poppersche Konzeption, dass all unser Wissen nur
Vermutungswissen ist. Wir wissen tatsächlich nur in Ausnahmefällen,
dass wir wissen. Man kann also Lewis durchaus zustimmen: richtig, Garantie gibt
es keine (es gibt sie aber noch viel weniger da keine Belege pro vorliegen
für Übernatürliches), aber wir haben die Folgerung auf die beste
Erklärung. Für alles, was wir wahrnehmen und daraus folgern, gibt es
eine Folgerung auf : "Das ist »the whole show«" als einfachste und
beste Erklärung. Wir haben sogar eine gute und ausreichende Erkärung,
warum unsere Vernunft oft (meist) so erfolgreich ist: sie ist ein Produkt der
Evolution. |
Lewis selbst gibt die evolutive Erklärung (S. 317). Er folgert
weiter: wenn wir in der Evolution zurückgehen, kommt der Punkt, wo unser
Denken noch nicht vernüftig war. Es kam also irgendwann die Vernunft
(Lewis: als Teilhabe an der übernatürlichen Vernunft) hinzu (S. 317).
Hier übersieht oder
würdigt Lewis zu wenig, dass dies kein plötzlicher Übergang sein
muss, sondern, wie man am jetzigen Tierreich sieht, durchaus ein gradueller
Vorgang gewesen sein kann. Alles natürlich entstanden. Sowohl bei der
Vernunft als auch bei der Moral gibt es diachronisch gleitende
Übergänge oder sie sind zumindest vorstellbar. Früher war
Sklaverei sogar laut Bibel moralisch einwandfrei, heute sind wir
da weiter. Bei der Vernunft gibt es zudem einen synchronen Übergang:
manchen Tierarten kann man Ansätze von Vernunft kaum absprechen. Siehe
dazu: Felipe Fernandez-Armesto: So You Think You're Human? A Brief History
of Humankind, unter Links. |
Der nächste Schritt (Kap. 4 Nature and
Supernature) ist es, zu zeigen, dass die menschliche Vernunft nicht
selbst verursacht sein kann, sondern etwas Übernatürliches die
Ursache sein muß. Für ihn bleibt dann nur die Folgerung, dass Gott
die Natur erschaffen haben muss (S. 328). Im Kapitel 5 A Further
Difficultiy in Naturalism führt Lewis ein ähnliches Argument
mit der Moral aus. Sie muss von außerhalb der Natur kommen. Das
menschliche Gewissen kann kein Produkt der Natur sein (S. 334).
Hier unterliegt Lewis einer
häufigen Fehleinschätzung 1) von Theisten:
wenn es kein Gut / Böse per se gibt (wie es viele Naturalisten behaupten),
wozu dann moralisch sein? Er übersieht, dass man sich per Vernunft selbst
Prämissen vorgeben kann und daraus moralische Urteile ableiten kann,
beispielsweise den Kategorischen Imperativ. Kant leitet ihn geradezu
exemplarisch aus einfachen, einsichtigen Prämissen ab. 2) die das Gewissen als Moralinstanz ausmacht. Doch sind die
Gewissenseinschätzungen der Menschen recht unterschiedlich und vielfach
arg bezweifelbar. Man denke beispielsweise an die Abgeordneten, die nur ihrem
Gewissen verpflichtet sind und heute für Nichtraucherschutz stimmen,
morgen dagegen. |
Lewis behandelt in der Folge noch viele Einwände zu seiner
Position, kleinere Ableitungen usw. Sie sind alle sehr instruktiv und zeigen,
dass er umsichtig und redlich argumentiert. Er scheut sich nicht heikle Punkt
des Christentums, wie die Jungfrauengeburt Jesus und weiteres, um das andere
Apologeten sich gerne herumschwindeln, anzusprechen und zu erklären.
Da aber seine beiden Hauptargumente (Vernunft / Moral) scheitern, kommt
alles andere nicht mehr zur Auswirkung. |
Bemerkenswert, dass auch der
Naturforscher Alfred Russel Wallace schon
etwa achtzig Jashre vor C. S. Lewis der evolutiven Selektion nicht zutraute,
das menschliche Gehirn und noch viel weniger Moral und Rationalität
bewirkt zu haben (siehe: David Quammen: The Reluctant Mr. Darwin: An
Intimate Portrait of Charles Darwin and the Making of His Theory of
Evolution, S. 215). |
Durchaus lesenswert. Für Theisten,
um mal eine Pro-Argumentation nachzuvollziehen, die man im Kirchenblatt, -forum
oder -blog vergeblich sucht, auch wenn sie meist nur von zwei
gegensätzlichen Möglichkeiten ausgeht Für Agnostiker,
um Entscheidungshilfen zu erhalten Für Naturalisten, um sich
über gute Einwände gegen die eigene Position zu informieren. |
| Links |
John Beversluis: C.S. Lewis and the Search for Rational
Religion |
dangerous idea This is a blog to discuss philosophy,
chess, politics, C. S. Lewis, or ... |
Richard Dawkins:
The God Delusion |
Fernandez-Armesto,
Felipe: So You Think You're Human? A Brief History of Humankind |
Gottesbeweise:
Links und Literatur |
A.C. Grayling:
Against All Gods: Six Polemics on Religion and an Essay on
Kindness |
David Hume: An Enquiry concerning Human Understanding |
David Hume: Of Miracles |
David Johnson: Hume, Holism,
and Miracles |
An
Archival Treasure of Resources by and about C. S. Lewis |
C.S. Lewis Quotations, leider
ohne Quellenangabe |
C.S. Lewis: The
Screwtape Letters |
Literatur zu
Religiöser Glaube und Vernunft Faith and Reason |
Religiöser Glaube und Vernunft |
Erik J. Wielenberg:
God and the Reach of Reason: C.S. Lewis, David Hume, and Bertrand
Russell |
Bruce Russell reviews Erik
Wielenberg's God and the Reach of Reason |
Zitate
von C.S. Lewis |
| Literatur |
| Bendicks, Christina: Die Apologie
des Christentums bei C. S. Lewis und ihre möglichen Auswirkungen auf die
religionspädagogische Praxis. Universität Hamburg, Institut
für Praktische Theologie, 2000. Examensarbeit. |
| Hambourger, Robert
(1980): "Belief in Miracles and Hume's Essay". Noûs 14.4, S.
587-604. |
| Hattrup, Dieter (1992): "Neues von der
Jungfrauengeburt". Theologie und Glaube 82, S. 249-255. |
Hájek, Alan
(2008): "Are Miracles Chimerical?". In: Jon Kvanvig, Hg.: Oxford Studies in
Philosophy of Religion. 30 Seiten.
Online verfügbar (pdf) |
| Kieran, Matthew (2001): "Review: Hume,
Holism, and Miracles By David Johnson". Philosophy 76:296, S.
312-316. |
| Larmer, Robert A.
(2008): "Miracles, physicalism, and the laws of nature". Religious
Studies 44, S. 149-159. |
| McDermid, Kirk (2008): "A Reply to
Robert Larmer". Religious Studies 44, S. 161-164. |
| McDermid, Kirk
(2008): "Miracles: metaphysics, physics, and physicalism". Religious
Studies 44, S. 125-147. |
| Peddicord, Clark (1999): Die
Wunderkritik Immanuel Kants. Justus Liebig Universität, Giessen. |
| Weintraub, Ruth
(1996): "The Credibility of Miracles". Philosophical Studies 82.3, S.
359-375. |
| Wunder, Tyler (2008): "Anti-naturalism
and proper function". Religious Studies 44, S. 209-224. |