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Corlett
J. Angelo Corlett: The Errors of Atheism
New York, London: Continuum, 2010. Taschenbuch, 248 Seiten – Corlett LinksCorlett Literatur
J. Angelo Corlett ist Professor für Philosophie an der San Diego State University mit dem Schwerpunkt auf Ethik, Gesellschafts-, Religions- und politischer Philosophie (siehe Corlett Links). Er beherrscht offenkundig sein Metier und hat einen guten Überblick zum Stand der Forschung, den er auch an den Leser vermitteln kann. Sein The Errors of Atheism überzeugt jedoch nur eingeschränkt.
Die Fehler der Atheisten aufzuzeigen ist nur ein Teil dieses Buchs, wenn es auch ein durchgängiger Faden ist. Eine weitere Absicht des Autors ist es eine weichere Gottesvorstellung zu zeigen, die er „hybrid minimalist theism“ nennt, die gegen viele Einwände der Atheisten und andere immun ist. Schließlich zieht er die Folgerung: wer sich mit seinem „hybrid minimalist theism“ nicht anfreunden kann, muss einen Neuen Agnostizismus vertreten, da weder das traditionelle, christliche Gottesbild, noch der starke Atheismus überzeugen können.
Traditionelles, orthodoxes, christliches Gottesbild
Bevor die Fehler der Atheisten besprochen werden können, die Corlett ausgemacht hat, ist es wichtig Corletts traditionelles, orthodoxes, christliche Gottesbild zu beleuchten. Er versteht darunter:
• Gott ist allmächtig, allgegenwärtig, allwissend und allgütig
• Die Bibel (Heilige Schrift) ist göttlich inspiriert und massgeblich (S. x – xi).
• Andere traditionelle christliche Glaubensgrundsätze (Jungfrauengeburt, Jesus ist Sohn Gottes Auferstehung, etc.) werden nicht explizit einbezogen.
Corlett unterstellt durchgehend, dass diese Gottesvorstellung nicht haltbar ist. Die Attribute allmächtig, allgegenwärtig, allwissend und allgütig passen nicht zusammen, was man schon am Problem der Theodizee feststellen kann.
Theismus, Atheismus, Agnostizismus
Dann vorab noch Corletts Begriff von Theist, Agnostiker und Atheist. Ganz elementar: der Theist behauptet: „Gott existiert“, während der Atheist behauptet: „Es ist nicht der Fall, dass Gott existiert“. Der Agnostiker enthält sich des Urteils. Über diese Kategorisierung wird noch zu diskutieren sein.
Fehler der Atheisten
Corlett wirft den Atheisten (er beruft sich auf sehr viele, im wesentlichen jedoch auf Richard Dawkins, Anthony Flew, J. L. Mackie und Kai Nielsen) die folgenden vier Fehler vor:
  1. Strohmann
  2. Zweiteilung (“bifurcation”)
  3. Äquivokation = Gleichsetzung
  4. vorschnelles Folgern.
Zu 1. Strohmann
Mit Strohmann meint Corlett, dass die Atheisten vornehmlich das orthodoxe, christliche Gottesbild angreifen, nicht aber die vielen anderen möglichen Gottesbilder. Eine andere Möglichkeit, die die Vorwürfe der Atheisten unterläuft, zeigt er dann mit dem „hybrid minimalist theism“.
Zu 2. Zweiteilung
Die Atheisten unterstellen eine Zweiteilung: hier das orthodoxe, christliche Gottesbild, das sie widerlegen, dort der Atheismus. Doch das ist verfehlt, da es viele andere Gotteskonzepte gibt, die die Atheisten ignorieren und schließlich gibt es auch noch die Urteilsenthaltung.
Zu 3. Äquivokation
Der Vorwurf der Gleichsetzung ist der Folgende: Atheisten bezeichnen sich oft fälschlich als solche. Sie sind Agnostiker. Dazu muss man Corletts oben lapidar gegebene Kategorisierung näher ansehen. Corlett sieht den Existenzbehaupter und den Atheisten als Endpunkte einer Skala. Der eine behauptet Gott existiert. PUNKT, der andere genau das Gegenteil Gott existiert nicht. PUNKT. Alles dazwischen ist Agnostik. Sein Argument: Wenn Atheismus und Theismus graduell wären: wie sollte man sie vom Agnostizismus unterscheiden? (S. 216). Dadurch wird sein Vorwurf der Gleichsetzung verständlich. Wer – wie beispielsweise Richard Dawkins – die Nicht-Existenz Gottes „nur“ für hochwahrscheinlich hält ist für Corlett ein Agnostiker. Er verwechselt Agnostizismus mit Atheismus und setzt sie sozusagen gleich. Man muss Corlett darin nicht folgen. Ein andere Position bezüglich der Definition eines Atheisten wird beispielsweise hier vertreten: “I shall use the term ‘atheist’ to mean not someone who thinks that God’s existence can be disproved, or who is absolutely certain that God does not exist, but someone who thinks it at least more likely than not that God does not exist. And I shall use the term ‘agnostic’ to mean someone who thinks that God’s existence and his non-existence are equally probable.” (Everitt 2004 S. 14)
Ich meine, auch ein fallibler Atheist ist einer. Der Atheist kann sehr wohl offen sein für eine Revision seines Urteils. Auch wenn man die Existenz des Ungeheuers von Loch Ness leugnet, kann man zugestehen, dass es morgen auftauchen könnte und man dann seine Ansicht ändern würde. Deshalb kann man aber nicht sagen, man sei Agnostiker bezüglich des Ungeheuers von Loch Ness. Der fallibilistisch gegen Gottes Existenz Argumentierende ist dadurch nicht schon Agnostiker (Nielsen 1985, S. 15). Dieser Position schließe ich mich – entgegen Corlett – an.
Zu 4. Vorschnelles Folgern
Das vorschnelle Folgern ist eigentlich kein neuer Fehler, sondern ein Teil der beiden ersten Fehler. Man hat nur einen Strohmann widerlegt und folgert vorschnell: „Also: Gott existiert nicht“. Man unterstellt eine Zweiteilung und folgert vorschnell, wenn das eine nicht zutrifft muss es das andere. Corlett fasst diesen Fehler am Ende zusammen. Der Atheist müßte mit induktivem Folgern vertraut sein. Wie kommt er dazu, zu meinen, wenn ein paar populäre Gottesvorstellung widerlegt sind, das widerlege alle? Wie kann er da sagen Gott existiert nicht oder es ist wahrscheinlich, dass Gott nicht existiert? (S. 217) Doch genau das ist induktives Folgern. Aus einer vergleichweisen kleinen Teilmenge folgert man: „Alle Raben sind schwarz“ und das gilt so lange, bis jemand einen nicht-schwarzen Raben gefunden und andere davon überzeugt hat.
Diskussion der verbleibenden Fehlern der Atheisten
Es bleiben die beiden ersten Fehler: Strohmann und Zweiteilung.
Wer nur 1 Gottesbild widerlegt und dann folgert: Gott existiert nicht, argumentiert überheblich, dumm und oberflächlich. (S. 17). Da macht es Corlett dem Atheisten zu schwer. Immerhin gibt es bekannte 500.000 Götter, die in 100.000 veerschiedenen Glaubensgemeinschaften verehrte werden (Quelle: Andreas Kilian: Die Logik der Nicht-Logik. Wie Wissenschaft das Phänomen Religion heutee biologisch definieren kann. Aschaffenburg: Alibri, 2010). Wieviele dieser 500.000 Götter muss man unwahrscheinlich machen ohne sich den Strohmann-Schuh anziehen zu müssen?
1) Beleglast – "burden of proof"
Ich bin der Überzeugung, dass derjenige, der eine Existenzbehauptung aufstellt, die Beleglast trägt. Dieser grundsätzliche Punkt kann hier nicht näher ausgeführt werden. Corlett ist – wie viele andere – dagegen der Ansicht, die Beweis(Beleg)last sei verteilt. So wie der Theist den „burden of proof“ für seine Behauptung „Gott existiert“ hat, so hat auch der Atheist den „burden of proof“ für seine Verneinung dieser Behauptung (S. 60, S. 142). Corlett geht sogar weiter: Wenn man ein plausibles Gotteskonzept vorlegt, dann liegt der „burden of proof“ beim Atheisten. Denn der Atheist habe nur einen Strohmann widerlegt (S. 92). Da gebe ich Corlett nicht recht: selbst wenn ein plausibles Gotteskonzept entworfen wurde ist der „burden of proof“ noch nicht beim Atheisten. Es muss auch einiges dafür sprechen, dass dieses Gotteskonzept realisiert ist. Erst dann ist der Schwarze Peter beim Atheisten.
Ein spezielles Beispiel Corletts zeigt sowohl seine Denkweise als auch, weshalb sie scheitert.
  1. X behauptet die Existenz von Aliens spezieller Art –––> burden of proof liegt bei X;
  2. X hat den burden of proof nicht erfüllt –––> also folgt: keine Aliens im All (S. 140).
Diese Folgerung weist Corlett zurecht zurück. Es folgt nicht. Es folgt nur, dass es diese Aliens spezieller Art nicht gibt. ABER ein Vertreter von X hat immer den „burden of proof“ für die Aliens-These, da X eine Existenzbehauptung aufstellt.
Eine noch krassere Position zur Beleglast nimmt beispielsweise Alvin Plantinga ein: “... it is entirely right, rational, reasonable, and proper to believe in God without any evidence or argument at all;” (Plantinga 1983. S17). Allerdings setzt Plantinga an der zitierten Stelle widersprüchlich oder zumindest verwirrend fort mit: “... in this respect belief in God resembles belief in the past, in the existence of other persons, and in the existence of material objects.” (Plantinga 1983. S17). Für all die genannten Überzeugungsfelder kann und muss man sehr gute Argumente bringen.
2) "Moving target"
Man wird zudem irgendwann müde die Behauptungen und Begründungen von X anzuhören. Man hat ein „Moving target“. Immer wenn man ein Konzept inplausibel gemacht hat ruft der Theist: “Halt, ich habe da noch ein anderes Gotteskonzept. Bevor du nicht auch dieses widerlegt hast, kannst du keinen atheistischen Standpunkt einnehmen”. Auf diese Argumentationsfigur beruft sich Corlett durchgehend. Nur ein Beispiel: „Why does not atheism follow from the defeat of theisms worthy of the name? Because it might be that there are other theisms that are not implausible and are rationally acceptable, but have yet to be dicovered.“ (S. 50).
Wenn der Theist jedoch darauf besteht, dass man erst jegliches Gotteskonzept (potentiell also unendlich viele) widerlegen müsse um gerechtfertigt zu behaupten: "Gott existiert nicht", dann nimmt der Nicht-Gottesgläubige am besten die folgende Haltung ein.
The Atheist does not say "There is no God," but he says: "I know not what you mean by God; I am without idea of God; the word 'God' is to me a sound conveying no clear or distinct affirmation. I do not deny God, because I cannot deny that of which I have no conception, and the conception of which by its affirmer, is so imperfect that he is unable to define it to me."
Charles Bradlaugh: "A Plea For Atheism", 1864
Corletts Forderung ist, man müsse – um die Existenz Gottes gerechtfertigt verneinen zu können – zuvor alle vorgeschlagenen und überhaupt vorstellbaren Gotteskonzepte widerlegen oder zumindest inplausibel machen. Ich meine, diese Forderung ist unzulässig, da sie den Atheisten (oder UFO-Kritiker oder Yeti-Leugner oder ...) vor eine unlösbare Aufgabe stellt. Diese Forderung immunisiert die Behauptung der Existenz Gottes.
Corletts hybrider minimalischer Theismus
Corlett sieht mit den Atheisten das traditionelle, mit Attributen überfrachte Gottesbild als widerlegt an. Ein wichtiges Argument ist das Theodizee-Problem gegen einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott. Corlett entwirft mit dem „hybrid minimalist theism“ ein geschmeidigeres Gotteskonzept, das immun gegen zahlreiche Vorwürfe zum traditionellen Konzept ist. Er gibt die „hyperbolic“ Gottesattribute auf und naturalisiert Gott. Er ist nicht mehr außerhalb der Welt oder transzendent oder was immer man sich da vorstellt, sondern in der Welt.
Der hybrid minimalistische Theist akzeptiert die Wissenschaften und gibt ihr Priorität.
Mit seinem naturalisierten Prozess-Gotteskonzept beruft sich Corlett stark auf Alfred N. Whitehead: Process & Reality (Corlett Literatur).
Corlett stellt die gängige creatio ex nihilo in Frage und legt ein weicheres Gottesbild zugrunde. Gott als Schöpfer in der Welt (S. 145). Die De-Mythologisierung und Naturalisierung des Theismus muss von einer politischen Theologie ergänzt werden. Genau das leistet die Befreiungstheologie. (S. 149). Dieses Gotteskonzept wurde bisher von den Atheisten nicht ernst genommen. Bis sie das nicht tun, sind sie nicht gerechtfertigt zu behaupten: Gott existiert nicht (S. 125).
Kritik
• Ganz abgesehen davon, dass das Theodizee-Problem etwas anders immer noch besteht ist es das Hauptmanko, dass Corlett nicht glaubhaft gemacht, dass dieser Gott existiert. Die Möglichkeit „Er könnte so existieren“ oder die Riposte „Er wurde nicht widerlegt“ genügt nicht.
• Corlett sieht es nicht so, sondern: Atheismus ist nicht gerechtfertigt, außer wichtige ungelöste Probleme entstehen bei den plausibelsten Gottesvorstellungen (S. 225). Er sieht also, nachdem plausible Gotteskonzepte vorgebracht wurden, den “burden of proof” beim Atheisten (wurde oben schon zurückgewiesen).
• Dann verfällt Corlett selbst in eine Zweiteilung: Weder orthodoxer christlicher Glaube noch Atheismus sind plausibel, also: Neuer Agnostizismus (S. 225).
Corlett zeigt markante und ernste Fehler der Atheisten auf. Diese sind aber behebbar, wenn man die Beweislastverteilung fair angeht. Für Existenzbehauptungen – die sich nicht auf ein recht begrenztes Raum- Zeit-Gebiet beschränken – liegt sie beim Behaupter. Das läßt Corlett unberücksichtigt. Bezeichnend dazu ist, dass „burden of proof“ im Index nicht auftaucht.
Selbst wenn man da nicht mitgeht kann man nicht immer neue Gottesbilder aufbauen und Widerlegung verlangen und solange einen Agnostizismus einfordern. Corletts Gottesbild ist diskutierbar hat aber anscheinend nicht so viele Anhänger. Dabei fällt Corlett selbst in den Fehler der Zweiteilung. Er macht nicht glaubhaft, dass dieser Gott auch wirklich existiert.
Insgesamt ist Corletts Werk ein interessanter Versuch. Jeder Atheist kann seine Argumentation auf die Fehler hin untersuchen und sie verbessern. Zum Agnostiker oder gar Befürworter des naturalisierten Gottesbildes Corlettscher Prägung muss keiner werden.
Links
CorlettProfessor J. Angelo Corlett
CorlettReviewed by Bradley Monton, University of Colorado at Boulder and Rebecca Chan, University of Colorado at Boulder
CorlettCharles Bradlaugh: "A Plea For Atheism", 1864
Corlett Burden of proof
Corlett Gottesbeweise: Links und Literatur
Corlett Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
Corlett Religion und Wissenschaft
Literatur
Everitt, Nicholas: The Non-Existence of God: An Introduction. Routledge Chapman & Hall 2004. Taschenbuch, 336 Seiten, siehe unter Corlett Gottesbeweise: Links und Literatur.
Flew, Antony (1976): Presumption of Atheism and Other Essays. Pemberton.
Griffin, David Ray (2001): "Process philosophy of religion". International Journal for Philosophy of Religion 50, S. 131-151.
Levine, Michael P. (2000): "Contemporary Christian analytic philosophy of religion: Biblical fundamentalism, terrible solutions to a horrible problem, and hearing God". International Journal for Philosophy of Religion 48, S. 89-119.
Mawson, T. J. (2011): "Review: The Errors of Atheism. By J. Angelo Corlett". The Journal of Theological Studies to be printed, 3 Seiten
Mesle, C. Robert (2011): "Book Review: J. Angelo Corlett: The errors of atheism". International Journal for the Philosophy of Religion 70, S. 91-95.
Nielsen, Kai (1985): Atheism & Philosophy. Prometheus. 269 Seiten. Neuauflage 2005;
siehe Corlett Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft.
Plantinga, Alvin (1983): "Reason and Belief in God". In: Alvin Plantinga, Nicholas Wolterstorff, Hg.: Faith and Rationality: Reason and Belief in God. Notre Dame, London: University of Notre Dame, S. 16-93. Siehe Corlett Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft.
Nachfolgend werden nur Werke aufgeführt, die für Corlett: The Errors of Atheism relevant sind und weder unter "Gottesbeweise: Links und Literatur" noch unter "Literatur zu religiöser Glaube und Vernunft" oder "Religion und Wissenschaft" (alle siehe oben unter Corlett Links) aufgeführt sind.
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corlett CorlettJ. Angelo Corlett: The Errors of Atheism. New York, London: Continuum, 2010. Taschenbuch, 248 Seiten
kenny CorlettAnthony Kenny: What I Believe. Continuum, 2007. Taschenbuch, 184 Seiten swinburne
Richard Swinburne: Concept of Miracle. Macmillan, 1971. Taschenbuch, 86 SeitenCorlett
whitehead CorlettAlfred North Whitehead: Process and Reality. Gifford Lectures Delivered in the University of Edinburgh During the Session 1927-28. Free Press, 1979. Corrected 1979. Taschenbuch. 413 Seiten whitehead
Elizabeth Kraus, Robert Cummings Neville: Metaphysics of Experience: A Companion to Whitehead's Process and Reality. Fordham 1998. Taschenbuch, 190 Seiten Corlett
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