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Beckwith
Francis J. Beckwith: David Hume's Argument Against Miracles. A Critical Analysis
Lanham, MD: UP of America, 1989. 151 Seiten – Beckwith LinksBeckwith Literatur
BeckwithEilige Leser überspringen die ausführliche Besprechung und gehen gleich zum Fazit. Wer dagegen eine noch ausführlichere Besprechung lesen will, der wende sich per Email an mich.
1 Introduction
“Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.” 1 Kor 15,14. Paulus verknüpft die Überzeugungskraft der christlichen Lehre mit der Auferstehung Jesus von den Toten und damit an ein Wunder.
Der Essay “Of Miracles” von David Hume versucht die Möglichkeit eines Wunder zu widerlegen.
Für die Christen ist es daher wichtig, diesen epochalen Essay zu entkräften. Das unternimmt Francis J. Beckwith. Er beschäftigt sich (S. 2) mit
  1. Humes Argument gegen Wunder
  2. Die zeitgenössischen Versuche Hume zu rehabilitieren
  3. Das epistemologische Problem mit den Begriff des Wunders.
2 Defining the Miraculous
Das Wunder zu definieren ist nicht so einfach. Es als Verletzung eines Naturgesetzes aufzufassen ist problematisch. Ein Naturgesetz gilt per Definition immer und überall. Wenn es verletzt werden würde, wäre es kein Naturgesetz. So aufgefasst ist eine Verletzung eines Naturgesetzes nicht möglich. Damit wären Wunder ausgeschlossen.
Hume definiert das Wunder anscheinend so, hat es aber wohl anders gemeint, beispielsweise:
  • “Ein Wunder ist ein göttlicher Eingriff, der gegen den regulären Verlauf der Natur innerhalb eines historisch-religiösen Kontextes erfolgt” (S. 7).
Beckwith fordert für ein Wunder die folgenden drei Bedingungen:
(1) nicht erklärbar durch eine wissenschaftliches Gesetz
(2) passiert innerhalb eines wesentlichen historisch-religiösen Kontextes
(3) Gott ist dafür verantwortlich.
(S. 7)
Mit den Bedingungen (2) und (3) stellt Beckwith sofort den starken religiösen und göttlichen Bezug her und legt damit die Konklusion schon in die Bedingungen; die Petitio principii winkt.
Eine weitere Definition des Wunders:
  • “Ein Wunder ist ein einzelnes Ereignis, das mit gegenwärtig nicht erklärbar ist” (S. 9).
Das läßt offen, dass heutige Wunder später naturgesetzlich erklärt werden.
Agnostisches Wunderargument
Schwierig ist es die dritte Bedingung für ein Wunder akzeptabel zu machen: Für das unerklärte Ereignis ist ein Gott verantwortlich. (S. 7). Die Alternativen sind:
a) natürliche Erklärung, evtl. später
b) natürliche, extraterristische Erklärung
c) andere übernatürliche Kräfte Wenn es gelingt, will jeder Theist noch seinen speziellen Gott verantwortlich zeichnen lassen. Doch das gilt für viele rivalisierende Gotteskonzepte (S. 12).
Graham Oppy gab ein Argument für den starken religiösen Agnostizismus (Oppy 2009, S. 15). Das kann auch auf die Akzeptanz von Wundern gewendet werden.
Dazu gilt folgendes Prinzip zur Akzeptanz von Überzeugungen:
Wenn die vorhandenden Belege die untereinander unverträglichen Propositionen p1... pn mehr oder weniger gleich stützen, dann ist aus epistemischer Sicht Urteilsenthaltung notwendig.
Argumentation
(1) Die vorhandenen Belege unterstützen Wunder innerhalb zahlreicher nicht kompatibler historisch-religiöser Kontexte und Gotteskonzepte.
(2) Die vorhandenen Belege unterstützen die Wunder innerhalb dieser zahlreichen nicht kompatiblen Konzepte gleich stark/schwach.
(3) Das Prinzip zur Akzeptanz von Überzeugungen zwingt zur Urteilsenthaltung bezüglich jeglichen Gotteskonzeptes.
Von den möglichen Einwänden gegen diese Argumentation stützt sich Beckwith auf den folgenden:
Das Argument schließt nicht aus, dass man aufgrund unabhängiger theistischen Argumente und der Tatsächlichkeit gewisser Wunder, einen besonderen Gott für mehr wahrscheinlich hält (S. 12).
Einige christliche Apologeten berufen sich dabei speziell auf die Auferstehung Jesus:
(1) Es ist das qualitativ beste Wunder.
(2) Kein Wunder einer anderen Religion kann sich damit messen (S. 17, Fn. 21).
Davon später mehr.
Vorgehen
Beckwith rekonstruiert die Argumentation Humes und diskutiert sie. Zur Stützung seiner Argumentation gibt er im fünften Kapitel unabhängige Argumente für Existenz Gottes. Dann diskutiert er andere moderne Rehabilitierungen Humes. In zwei kurzen abschließenden Kapiteln fasst er seine Position zusammen.
3 Hume's Argument, Part 1: Epistemology and the In-principle Argument
Beckwith gliedert Humes Argumentation gegen Wunder in zwei Teile (S. 24). Im 1. Teil argumentiert Hume a priori: Über Wundern kann man nichts wissen. Beckwith nennt es das grundsätzliche Argument (“in-principle argument”). Selbst wenn es Belege für Wunder gibt, die uns unter normalen Umständen glauben lassen würden, dass das Ereignis stattgefunden hat, schenkt die vernünftige Person den Berichten darüber keinen Glauben.
Abwägung
Belege für ein Naturgesetz >>> Belege für ein Wunder.
Das Abwägen der Wahrscheinlichkeit spricht für die Beibehaltung des Naturgesetzes und die Ablehnung des Wunderberichts.
Im 2. Teil legt Hume die Kritierien fest, die erfüllt sein müssen, damit man Wunderberichte als solche akzeptieren kann. Beckwith nennt es das Argument der historischen Kritierien (“historical-criteria argument”). Hume stellt fest, dass es tatsächlich keine solchen glaubwürdigen (gemessen an den Kritierien) Wunderberichte gibt. Die in Teil 1 berufene Abwägung hat tatsächlich noch nie ein Überwiegen für den Wunderbericht ergeben. Die beiden Argumente geben Hume eine mächtige Waffe gegen den Supernaturalismus.
Zu Teil 1
Die Außergewöhnlichkeit des Wunders spricht schon gegen es. Sie verlangt so sichere Belege, dass die Abwägung immer für das Naturgesetz spricht (S. 26). Im folgenden Abschnitt vertritt Hume den Standpunkt, dass die Außerordentlichkeit eines seltenen Ereignisses gegen die die Glaubwürdigkeit der Aussage, das Ereignis habe stattgefunden, spricht.
Wenn zwei Piloten auf einem regnerischen Nachtflug etwas sehen, dass sie für einen fliegenden Elefanten halten und darüber berichten, spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie sich irren. Fliegende Elefanten passen nicht in unsere Erfahrung, aber irrende Piloten schon (S. 26).
Kritik des grundsätzliches Arguments in Teil 1 (S. 28f)
Einige sehen in Humes Argumentation eine Petitio principii. Hume definiert oder beschreibt die Natur als “uniform”, d.h. naturgesetzlich ohne Ausnahmen: es kann also kein Wunder geben.
Die Interpretatoren Humes sind sich nun uneinig. Läßt Hume Ausnahmen zu oder nicht? Beckwith interpretiert Hume so, dass er Ausnahmen zuläßt. Andernfalls wäre Humes Argument tatsächliche eine Petitio principii:
• Naturgesetz ==> keine Ausnahme
• Ausnahme also ==> kein Naturgesetz
• Daher: Wunder sind unmöglich.
Das kann der Theist gelassen sehen (S. 30).
Auflösung der Petitio principii
Man erklärt Naturgesetze so, dass sie nicht wiederholbare Ausnahmen (wiederholbare wären Anomalien) zulassen / denkbar sind.
Man kann Hume nach der lockeren Lesart interpretieren. Dann ergibt aber auch die Abwägung der Belege:
Naturgesetz >>> Belege Wunder
Daher: dem Wunderbericht kann nicht geglaubt werden.
Beckwith übersieht:
• unwahrscheinliche Ereignisse wie ein Royal Flush passieren; gegenüber der Auferstehung sind sie banale, alltägliche Ereignisse
• Wunderberichte können zwar für den Augenzeugen glaubhaft sein (sie/er traut den Augen sehr viel zu; er zeigt wenig Bescheidenheit, indem er keine Halluzination oder ähnliches einkalkuliert, wenn er fliegene Elefanten sieht), aber nicht mehr für die Empfänger der Berichte aus 2. und 3. Hand.
Beckwiths Mörderfall (S. 33-34)
Fünf Zeugen sahen den Angeklagten den Mord verüben, 925 bestätigen, dass er ein angesehener einwandfreier Mensch sei. Das Gericht muss den 5 trauen.
Ein faires Beispiel wäre freilich, wenn man Augenzeugen miteinander vergleicht.
Fünf Zeugen sahen den Angeklagten den Mord verüben, 925 Zeugen sahen ihn zum Zeitpunkt der Tat woanders, weit weg. Das Gericht wird den 925 glauben.
Hume gesteht unwahrscheinliche Ereignisse zu, aber er plädiert für eine natürliche Erklärung (S. 34). Das diskutiert Beckwith an verschiedenen Stellen, doch schenkt er dieser Möglichkeit zu wenig Gewicht.
Argument der konvergierenden Wahrscheinlichkeit – Konvergenzbeweis (Joseph Butler: Probabilitätenbeweis)
Dazu beruft sich Beckwith auf John Henry Newman, kann aber nicht überzeugen. Siehe Newman und Grammar of Assent, unter Beckwith Links.
Zusammenfassung des Arguments von David Hume im Teil 1 “Of Miracles” (S. 49)
(1) Naturgesetze werden gefunden aufgrund ausnahmsloser Erfahrung (Hume bezeichnet dies als “proof”).
(2) Wunder sind vermutete Ausnahmen zu einem oder mehreren Naturgesetzen (und sind daher extrem selten).
(3) Daher überwiegen die Belege pro Naturgesetz immer die für ein besonderes Ereignis, d.h. ein Wunder.
(4) Der weise Mensch sollte immer das glauben, was das größere Beleggewicht hinter sich hat.
(5) Daher kann ein weiser Mensch nie ein Wunder glauben.
4 Hume's Argument, Part 2: The Historical-Criteria Argument
In der Einleitung zum Teil 2 stellt Hume die These auf, dass tatsächlich “there never was a miraculous event established on so full an evidence.” Aufgrund der Abwägung in Teil 1 könnte man zum Glauben an ein bestimmtes Wunder kommen. Doch dieser Fall sei nie eingetreten. Er gibt diese Gründe an (S. 49):
a) Es gibt nicht genügend Wunderzeugen.
b) Die menschliche Natur neigt zur Übertreibung.
c) Wunderberichte werden fast immer durch ungebildete und unwissende Zeugen gegeben.
d) Wunderberichte aus verschiedenen, sich widersprechenden Religionen heben sich gegenseitig auf.
Dem füge ich hinzu:
e) Zeitgenössische Wunderheilungen (für die evtl. a) bis c) nicht zutreffen) betreffen immer “innere” Krankenheiten. Nie kam ein Beinamputierter mit zwei neuen natürlichen Beinen aus Lourdes zurück.
f) Berufungen auf Wunder erfolgen ausnahmslos auf für den Überbringer günstig erscheinende Ereignisse.
Zu a) und c)
Nun reklamiert Beckwith, dass für die Auferstehung Jesus a) und c) nicht zutreffen. Es gibt genügend verläßliche, wohl erzogenen Zeugen.
Wenn man sich die widersprechenden Berichte der Evangelien durchliest kommt man zu einer anderen Auffassung. Ob die Zeugen – wie viele Juden jener Zeit – eine gute Erziehung erhalten hatten, ist umstritten. Jesus sammelte Fischer und andere einfache Leute um sich. Diese waren damals Analaphabeten. Daraus kommen die primären Zeugen. Wir haben dagegen verschlimmernd, ausschließlich Berichte nach einer Kette von ungebildeten Zeugen.
Zu b)
Hume argumentiert dagegen: “But if the spirit of religion join itself to the love of wonder, there is an end of common sense; and human testimony, in these circumstances, loses all pretensions to authority.” David Hume: “Of Miracles”
Beckwith argumentiert, man dürfe nicht alle Wunderberichte über einen Kamm scheren. Er verweist auf
1) “Vatican's rigorous scrutiny of miracle-claims” (S. 52).
• Dies scheint mir recht ad-hoc um die katholischen Wunderberichte zu sanktionieren.
• Die Praxis bei der Seligsprechung Karol Wojtyla (aka Johannes Paul II.) im Jahre 2011 spricht gegen Beckwiths Einwurf.
2) darauf, jeden einzelnen Fall anzusehen.
Das stimmt, doch dient IMO nur dazu, die christlichen Wunder als echt, die anderen als nicht echt anzusehen.
Zu c)
wirft Beckwith Hume vor Ad hominem zu argumentieren (S. 53). Das trifft zu, ist aber hier voll berechtigt, da es genau um die Glaubwürdigkeit der Zeugen geht.
Entgegen seiner Behauptung hat Beckwith nicht angemessen ausgeräumt, dass die in den Evangelien genannten Wunderzeugen gebildet genug waren. Die Apostel und Frauen am Grab waren nicht gebildet genug um die Universalität eines Naturgesetzes entsprechend zu würdigen und mit ihren Wahrnehmung abzuwägen.
Zu d)
Jedem Wunderbericht der Religion R1 stehen zahllose Wunderberichte aus den Religionen R2 .. Rn gegenüber. Sie sollen die jeweilige Religion fundieren und bestätigen. R1 ... Rn widersprechen sich, nur eine kann wahr sein. Der Wunderbericht zu R1 – wenn er denn wahr ist – widerlegt damit alle anderen. Vergleiche dazu Hume Agnostisches Wunderargument, weiter oben.
So wie sich die Religionen gegenseitig ausschließen und damit jegliche Religion unglaubwürdig machen, so schließen sich auch die Wunder gegenseitig aus und machen sich gegenseitig unglaubwürdig. Beckwith gibt zu bedenken:
• Es gibt Religionen, die den grossen Weltreligionen als Einheit sehen (S. 68). Das führt Beckwith nicht weiter aus. Denkt man diesen Einwand konkret durch, ist er keiner. Selbst wenn einige Religionen denselben Gott verehren: in ihrem eigenen Verständnis sind es unterschiedliche Religionen (ansonsten könnten sie sich zusammentun). Warum sollte der eine Gott die Menschen verwirren und unterschiedliche Religionen mit Wundern bedienen?
• Hume zeigt nur, dass Wunder nicht die religiöse Wahrheit belegen können (S. 55). Hier ist das “nur” unklar. Wenn sie nicht der religiösen Wahrheit dienen, was dann?
• Hume greift nicht die Wunder per se als solche an. Hier ist an Beckwiths Bedingungen für ein Wunder zu erinnern:
• passiert innerhalb eines wesentlichen historisch-religiösen Kontextes
• Gott ist dafür verantwortlich. (S. 7).
Das schließt eigentlich Wunder per se ohne religiösen Hintergrund per definitionem aus. Zudem verwendet Beckwith Wunder ständig um die göttliche Urheberschaft abzuleiten. Wenn Humes Einwand zurückgewiesen wird, weil er zwar den göttlichen Ursprung ausschließt, nicht aber den Wunderbericht per se angreift, dann bricht vieles in Beckwiths Argumentation zusammen.
• Humes Einwand schließt nicht aus, dass alle die Götter, die den Religionen R1, ... Rn zugrunde liegen, existieren und sie alle Wunder ausüben. D.h. die Wunderberichte können alle wahr sein (S. 55). Das scheint mir ein absonderlicher ad-hoc-Einwand zu sein.
• Hume unterstellt, dass alle Wunderberichte von derselben Qualität seien. Beckwith wirft ein, das sei nicht so. Das christliche Wunder der Auferstehung ist außerordentlich. Es ist von existenieller Bedeutung und menschlicher Unmöglichkeit. (S. 55).
Dem ist entgegenzuhalten:
* jede Religion reklamiert die Außerordentlichkeit für sich.
* es gibt auch zahlreiche Auferstehungswunder
* menschlich unmöglich sind (siehe Definition!) alle Wunder, nicht nur die christlichen.
Der Argumentation – je dreister das Wunder, desto überzeugender – folge ich nicht.
• Hume hätte recht, wenn die meisten berichteten Wunder wirklich zuträfen. Wenn jedoch die Religion R2 überzeugendere Wunderberichte hat, kann man sie nicht mit den Berichten der Religion R1 aufrechnen (S. 56-57).
Dieser Einwand ist der vorherige in anderem Gewand. Der Clou von Humes Einwand ist es gerade, dass alle Religionen ihre eigenen Wunderberichte als exklusiv wahr ansehen. Der unvoreingenomme Beobachter hat kein Kriterium zwischen ihnen zu unterscheiden und muss sich des Urteils enthalten. Ja, mehr: Da alle Wunderberichte mehr oder weniger überzeugend klingen und die jeweils anderen Wunderberichte ihrer Wahrheit berauben, sind sie alle unglaubwürdig.
• Zudem ist dieser Einwand konträr zum vorherigen, der allen Wunderberichten Wahrheit zusprach.
Die Kritik an Humes Punkte a) bis d) ist schwach. Auch wenn Beckwith einen der vier Punkte bei bestimmten Wundern als nicht erfüllt ansieht (und wir ihm zustimmen): nicht alle vier Punkte a) bis d) müssen immer auf einen Wunderbericht zutreffen um ihn unglaubwürdig zu machen.
Die Punkte e) und f) wurden von mir hinzugefügt.
Punkt e) wurde schon oft vorgebracht. Er gibt zu denken und unterstreicht die Punkte b) und c).
Punkt f) Wenn ein unverhofftes günstiges Ereignis eintritt dankt man Gott. Beckwith berichtet über die vielen Gläubigen, die alle voneinander unabhängig vom Kirchenbesuch abgehalten werden: die Kirche stürzt ein. Das ist Gott zu verdanken. Was ist mit der einstürzenden Kirche?
Oder: jemand passiert ein Verkehrsunglück wegen überhöhter Geschwindigkeit. Man darf nicht Gott verantwortlich machen. Jeder hat seinen freien Willen und kann so schnell fahren wie er will. Bleibt der Raser (wie durch ein Wunder!) unverletzt, so hatte er einen guten Schutzengel, oder Gott hatte seine Hand über ihn oder es war ein Wunder.
Beispiel
Bei der TV-Sendung “Wetten, dass..?” im Dezember 2010 verunglückte Samuel Koch schwer. Nach langer Rehabilitierung sitzt er im Rollstuhl. Peter Hahne, ein unverwüstlicher Apologet, fragte Koch ob der Bibelvers “Niemand kann tiefer fallen als in Gottes Hand” auf ihn zuträfe.
Darauf Samuel Koch: “Ich atme, also auf jeden Fall ja.”
Peter Hahne: “Das ist doch alles ein Wunder, dass das so wunderbar ausgegangen ist.”
Koch meinte: “Ich bin 500, 600 Mal über Autos gesprungen. Jeder Skiurlaub war riskanter als das Autogehüpfe.”
Demnach wäre der Unfall ein Wunder, da so extrem selten. Dieser exemplarische Fall zeigt, dass das Günstige, Angenehme, als Wunder erklärt wird, dagegen nicht der auslösende Unfall.
Samuel Koch bei “Peter Hahne”, Beckwith Links. – Wunder-TV - Wie Peter Hahne im ZDF den gelähmten Samuel Koch befragt, SZ, 27. Juni 2011, S. 10
Teleological Significance and Religious Context (S. 62-63)
Auf den komplexen informationsübertragenden Kontext geht Beckwith in diesem Kapitel ein. Eine wichtige Information ist für ihn, dass die Wunder belegen, dass der Wundertäter von Gott auserkoren ist und dann das vom Wundertäter Gesprochene als Gottes Botschaft interpretiert werden muss/kann/soll. Dazu trägt das Konvergenzargument bei. Jede andere Erklärung wäre eine Lückenfüller-Naturalismus (S. 63).
Doch wenn der informationsübertragende Kontext so bedeutend ist, dann stellen sich die folgenden Fragen:
• warum sind diese Wunderberichte so mangelhaft dokumentiert?
• nur in fremder Sprache?
• werden sie erst Jahrzehnte nach den Ereignissen aufgeschrieben (Evangelien)?
• werden sie eher zufällig nach Jahrhunderten aufgefunden?
• nicht für jede Generation, Sprache und Kulturraum wiederholt?
Seit der Roten-Meer-Teilung, dem Wasser in Wein verwandeln und der Auferstehung ist es fast 2000 Jahren wie abgeschnitten.
Alles was Beckwith allenfalls gezeigt hat, ist eine nicht-menschliche Ursache der berichteten Wunder. In seiner Zusammenfassung des Kapitels 4 setzt er dafür wieder unzulässig “göttlich” ein.
Die Argumentation in “4 Hume's Argument, Part 2: The Historical- Criteria Argument” für Wunder ist schwach und nicht überzeugend. Richtig schätzt Beckwith daher ein: wenn Gott anderweitig vernünftig glaubhaft gemacht werden kann, gibt das den Wunderberichten ein unabhängiges Fundament. Das versucht der Autor nun im Kapitel 5.
5 The Rationality of Belief and the Existence of God
Plan: glaubhaft machen, dass ein Gott existiert, der Wunder bewirken kann. Dann ist plausibler zu glauben, dass dieser Gott Wunder bewirkt(e).
Der religiöse Evidentialismus sagt, der Gottesglaube ist nur dann gerechtfertigt, wenn man dafür gute Gründe geltend machen kann. Diese Position muss – zur Vermeidung Agrippas Trilemma – dann Überzeugungen angeben, die keiner weiteren Begründung bedürfen.
Der Fideismus hält schon die religiösen Grundüberzeugungen für solche, die keiner weiteren Begründung bedürfen. Auf eine Begründung durch die natürliche Erkenntnis wird daher verzichtet oder stärker, die religiösen Wahrheiten werden für unbegründbar gehalten.
• Evidentialist: “Gott existiert” ist nicht begründbar, daher ist es nicht vernünftig zu glauben, dass Gott existiert.
• Fideist: “Gott existiert” bedarf keiner Begründung.
Der Evidentialist hält nur evidente und unkorrigierbare Überzeugungen für nicht begründbar. Alvin Plantinga sagt nun,
  1. die Behauptung “Nur evidente und unkorrigierbare Überzeugungen bedürfen keiner Begründung” fällt selbst nicht in die Klasse der evidenten und unkorrigierbaren Überzeugungen.
  2. Würde man diese Position streng durchziehen, wären viele Überzeugungen nicht in dieser Klasse, aber auch nicht begründbar. Beispiele: die physikalischen Objekte sind dauerhaft, auch dann wenn sie nicht wahrgenommen werden; die anderen Personen ähneln mir; die Welt existiert länger als 5 Minuten; ...
Daher folgert Plantinga, man muss sehr viel mehr Propositionen als grundlegend (keiner Begründung bedürfend) ansehen. Da das Kriterium des Evidentialismus inadäquat ist, kann der Evidentialist nicht a priori ausschließen, dass der Gottesglaube fundamental in dem Sinne ist, dass er keiner Begründung bedarf. Doch Plantingas Position ist unbefriedigend:
  • Die Überzeugungen unter 2. sind als IBE (inference to the best explanation) abgeleitet.
  • Man kann – wenn man Plantinga folgt – auch nicht a priori ausschließen, dass der Glaube an Gnome, Elfen und Klabautermänner fundamental in dem Sinne ist, dass er keiner Begründung bedarf.
  • Plantingas Argumentation ist rein negativ gegen den Evidentialismus gerichtet. Der Gottesglaube bedarf daher anderer, anderweitiger Begründung.
Dazu erörtert Beckwith das Kalam Kosmologische Argument.
The Kalam Cosmological Argument (S. 73-84)
(1) Alles, das zu existieren beginnt, tut diese nur durch eine Ursache.
(2) Das Universum hat einen Beginn
(3) Daher hat das Universum eine Ursache, für das man bestimmte Eigenschaften ableiten kann.
Zu (1) Das Argument geht von einem strengen Determinismus aus. Die Physik ist inzwischen vom strengen Determinismus weit entfernt, beispielsweise radioaktiver Zerfall, quantenmechanischer Zufall, siehe Zufall unter Links.
Zu (2) sieht Beckwith diese Optionen (S. 76):
(a) Das Universum begann aus dem Nichts heraus zu existieren.
(b) Das Universum hat keinen Beginn.
(c) Das Universum begann zu existieren; die Ursache liegt aber außerhalb.
Wenn man den strengen Determinismus verworfen hat, ist (a) keinesfalls absurd, wie Beckwith behauptet.
Die Argumentation gegen (b) ist schwach. Über das Unendliche fehlt uns oft die Intuition. Das aktual Unendliche wird für uns unvorstellbar, da wir selbst endlich sind. Alles was gegen (b) vorgebracht wird, geht auch gegen Gott.
Beckwiths Beispiel gegen das aktuale Unendliche (Autofahrt Los Angeles nach Las Vegas, S. 77) setzt einen Startpunkt voraus. Wenn man beim Zählen bei 1 beginnt kommt man nie ins Unendliche. Doch die Behauptung (b) lehnt einen Startpunkt ab. Wenn ich bei 1 bin, kann es sein, dass ich vom Unendlichen im Minus kam. Beckwith behauptet dagegen: “the problems involved in traversing an actual infinite occur precisely because there is no beginning” (S. 81). Wie gerade gezeigt, setzt Beckwith im Beispiel Los Angeles nach Las Vegas einen Beginn voraus.

Beckwith argumentierte gegen das nicht verursachte Universum. Wie immer, müssen Theisten dann doch einen Stopp einlegen: “there cannot be an infinite series of events in the past, there must be a cause which is uncaused” (S. 82).Wenn man doch eine unverursachte Entitiät einführen muss, warum nicht einen Schritt bevor dem Postulat von Gott, dem “uncaused beeing” (S. 82)?
Die Entität ist zudem ohne Veränderung (per Postulat); wenn keine Veränderung, dann keine Zeit, also war vor der Schöpfung keine Zeit (S. 83). Es kommt noch dicker: dieser persönliche Agent entschied frei, dass er etwas in der Zeit schaffe (S. 83). Wenn die unverursachte Ursache ein persönliche Agent ist, wird's noch schwieriger: er agierte immerwährend und entschied: Jetzt schaffe ich noch nichts.
Die Zuschreibung einer Persönlichkeit für die unverursachte Ursache (S. 83-84) ist extrem anthropomorph gedacht.
Polytheismus, Pantheismus und jede Menge personaler Götter wischt Beckwith mit lockerer Hand hinweg.
6 Contemporary Rehabilitations of Humes Argument
Bei der Rekonstruktionen des Humeschen Arguments muss man vemeiden ein Petitio principii einzuflechten. Wunder sind zwar physikalisch unmöglich, aber logisch möglich, daher kann man sie nicht a priori ausschließen.
Beckwith beschreibt eine (vorgebliche) Wunderheilung. Dazu führt er (A) bis (I) Ereignisse an. Das Ereignis (C) ist das Gebet eines Pastors, das vor der Heilung geschah. Er begründet jedoch nicht, warum (C) die Ursache der Heilung sein soll. Vielleicht ist gleichzeitig ein Schamane in der Mongolei in Trance gefalle und das ist die Ursache. Oder eine ganz anderes Ereignis, das nicht in (A) bis (I) aufgeführt ist, ist die Ursache. Man muss keinen der Punkte (A) bis (I) bestreiten und kann trotzdem die Ursache (C) für das Wunder bestreiten.
Die Auferstehung von den Toten durch Jesus
Das eingangs zititierte Postulat Paulus im 1. Korintherbrief und zahlreiche Argumentationen unterwegs zeigten die enomre Wichtigkeit des Wundernachweises für die Auferstehung von den Toten durch Jesus. Diesen versucht Beckwith daher noch extra zu erbringen. Wie kaum anders zu erwarten misslingt dies.
Beckwith gibt folgende Indizien (S. 99):
  1. Die Juden und Römer agierten so, wie man es erwartet, wenn so eine Auferstehung stattfindet.
  2. Die Schüler Jesus' waren nach dem Tod Jesus verzweifelt, folgten ihm aber kurz darauf in den Märtyrertod. Das ist psychologisch unerklärlich, außer durch die Auferstehung.
  3. Die Auferstehung ist die plausibelste Erklärung.
Auch dies sind wieder sehr schwache Argumente.
Zu 1.: Es ist völlig unklar, welches Verhalten man bei einem so ungeheuren Wunder wie einer Auferstehung von den Toten erwartet.
Zu 2.: Viele Schüler anderer Lehrer riskieren für ihren Meister den Tod. Dazu genügt eine Verblendung, rigorose Erziehung usw. Die schriftlichen Belege für all diese Indizien wurden Jahrzehnte nach dem Ereignis geschrieben usw.
Die Wunderzuschreibung zu Gott (Bedingung 3 für ein Wunder)
ist durchgängig unzureichend ausdiskutiert. Vom Naturalisten fordert Beckwith: um zu zeigen, dass ein Ereignis natürlich ist, muss die Verursachungskette angegeben werden (S. 107).
(a) Man geht zunächst davon aus, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Die Belegpflicht hat eigentlich derjenige, der Übernatürliches reklamiert.
(b) Umso mehr gilt für den Supernaturalisten, die Übernatürlichkeit glaubhaft zu machen.
Der Wundergläubige muss zeigen, dass sein Wunder einmalig abnormal war. Doch wie kann er dies zeigen? Wenn er sich auf die Zukunft beruft und behauptet, es wird nie wieder auftreten, kann sein Gegner auch reklamieren: Das werden wir zukünftig schon noch natürlich erklären.
7 Miracles and Evidence
Zusammenfassung des Autors
(1) Naturgesetze beruhen auf gewissen Regularitäten, die gut bewährt sind.
(2) Wunderberichte beruhen auf gewissen Regularitäten, beispielsweise der Verläßlichkeit von Zeugen.
Einzelne Wunderberichte wiegen (1) nicht auf, aber
• wenn viele Wunderberichte vorliegen und
• durch andere Umstände verstärkt werden und
• die Wundererklärung eine gute, passende Erklärung bietet, und
• eine Leugnung des Wunders nur eine Lücken-Naturalismus-Erklärung ist,
• dann ist es vernünftig, an das Wunder zu glauben. (S. 122, S. 125)
Beckwith ist empfindlich gegen Wunderberichte besonders der Bahai- Religion und der Mormonen.
Man muss – so der Autor – Wunderberichte ins Kreuzfeuer nehmen,wie beispielsweise Berichte über UFOs. UFO Berichte erwiesen sich oft als betrügerisch (S. 130). Es bleibt unerklärt, warum diese Analogie nur für “gegnerische” Wunderberichte gilt.
8 Conclusion
“Chapter X of David Hume's Enquiry Concerning Human Understanding, “Of Miracles,” is without a doubt the most influential work writte in defense of the position that belief in supernatural occurrences is not resonable” (S. 139). Dieses hohe Lob spricht Beckwith aus, da er meint, Hume widerlegt zu haben. Dies trifft aber keinesfalls zu.
Fazit
Humes Argumentation wird sorgfältig rekonstruiert und nach Ansicht des Autors widerlegt oder zumindest soweit erschüttert, dass den christlichen Wunderberichten volles Vertrauen geschenkt werden kann.
Die Abwägung des verletzten Naturgesetzes gegen die Wunderberichte muss nicht zugunsten des Naturgesetzes ausschlagen. Beckwith macht deutlich, dass jeder einzelne Fall abgewägt werden muss, eine a priori Entscheidung gegen Wunder ist unstatthaft. Der Autor meint, einige christliche Berichte belegen ausreichend die geschehenen Wunder und insbesondere die Auferstehung Jesus' von den Toten.
Dieser Beurteilung kann man nach sorgfältiger Lektüre nicht folgen.
  • Die Glaubwürdigkeit der überlieferten Berichte wird vom Autor weit überschätzt.
  • Die Berichte über Wunder aus anderen Religionen und Kulturkreisen wird dagegen zu schnell als belanglos abgetan.
  • Der Übergang zur dritten Bedingung, das ist die Gottesurheberschaft der Wunder ist gegenüber den Alternativen nicht überzeugend.
Das Buch diskutiert um Ausgleich bemüht einige Interpretationen der Humeschen Argumentation in “Of Miracles”. Beckwiths eigene Argumentation überzeugen dagegen nicht.
Links
Francis J. Beckwith: a philosopher, specializing in politics, jurisprudence, religion, and applied ethics.
BeckwithFrancis J. BeckwithBeckwithWikipedia
Beckwith Anmerkungen zur Rhetorik und informalen Argumentationstheorie
Beckwith Argument für den starken religiösen Agnostizismus
BeckwithJulian Baggini: Hume on religion, Beginnend mit Part 1: The agnostic philosopher, guardian.co.uk, Monday 9 February 2009. Die weiteren Teile bis Part 8 What did he believe? Monday 30 March 2009 sind dort verlinkt.
Fideismus: BeckwithdeutschBeckwithenglischBeckwithEnzy
BeckwithGrammar of Assent
Beckwith David Johnson: Hume, Holism, and Miracles
Beckwith David Johnson: Truth Without Paradox
BeckwithSamuel Koch bei “Peter Hahne: »Über Wunder spricht man nicht«”, Focus online, 26.6.2011
BeckwithWallace, Alfred Russel (1870): An Answer to the Arguments of Hume, Lecky, and Others, Against Miracles
Zufall: Beckwith Über den ZufallBeckwith Literatur zum Zufall
Literatur
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BeckwithWikipedia – Text online Beckwith1Beckwith2
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BeckwithReviewed by Richard Otte
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Beckwith BeckwithFrancis J. Beckwith: David Hume's Argument Against Miracles. A Critical Analysis. Lanham, MD: UP of America, 1989. 151 Seiten Hume
Kulenkampff , Jens (1997): David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Oldenbourg. Broschiert, 295 Seiten Beckwith
Hume BeckwithStreminger, Gerhard (1995): David Hume."Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand". Ein einführender Kommentar. Paderborn: Schöningh. Broschiert 253 Seiten Hume
Streminger, Gerhard (2011): David Hume. München: Beck. Gebunden, 796 Seiten Beckwith
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 28.6.2011