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Nagasawa
Yujin Nagasawa: The Existence of God. A Philosophical Introduction
London, New York: Routledge, 2011. 189 Seiten – Nagasawa LinksNagasawa Literatur
Wie Yujin Nagasawa im Vorwort betont diskutiert er ausgewählte Argumente für die Existenz Gottes. Er setzt dabei keine speziellen Kenntnisse, weder in Philosophie noch den Naturwissenschaften voraus. Dafür bettet er die jeweiligen Argumente in ihren historischen Kontext und beschäftigt sich auch mit der menschlichen Seite derjenigen, die sich mit diesen Argumenten herumschlugen. Und er will die eventuellen Auswirkungen der Argumente auf unser gesellschaftliches Leben zeigen. All dies gelang. Doch der Argumentation um die Existenz Gottes hilft das kaum weiter.
Nagasawa gliedert den Stoff in vier Teile:
Nagasawa I An armchair proof of the existence of God
Nagasawa II 'Follow the evidence wherever it leads': evolution vs. intelligent design
Nagasawa III The big bang, infinity and the meaning of life
Nagasawa Conclusion – Additional arguments for and against the existence of God
I An armchair proof of the existence of God
Nach einem Einstieg mit Kurt Gödel wird hier der ontologische Gottesbeweis des Anselm von Canterbury OGAC diskutiert (S. 3ff). Er wurde schon so oft zerlegt (auch in auf diesem Webauftritt besporchenen Büchern, siehe unter Nagasawa Links), dass ich mich auf Stichpunkte beschränke.
• Ein fundamentaler Fehler des OGAC ist die Petitio principii (S. 25-28).
• Ein weiterer fundamentaler Fehler: „existieren“ wird höher bewertet als „nicht existieren“. Also „existieren“ >>> „nicht existieren“, lies: „existieren“ ist perfekt gegenüber „nicht existieren“. Anselm und seine Schüler lassen sich da von der Sprache blenden. Das „nicht“ erscheint ihnen abwertend, weniger und unterlegen zu sein. Doch nimmt man ein anderes Wort kann man zu ziemlich das Gegenteil belegen: „fehlen“ >>> „nicht fehlen“. Damit wäre es für eine Entität perfekter zu fehlen. Dann ist der Gottesbeweis von Douglas Gasking (siehe Gottesbeweise und Gegenbeweise unter Nagasawa Links) keine Parodie mehr, sondern greift ähnlich wie der OGAC.
• Nagasawa greift die „parodistische“ Variante mit der größtmöglichen Insel, die Gaunilo von Marmoutiers in die Diskussion brachte, auf (S. 28-34). Seine Zurückweisung (S. 33) ist voreingenommen. Vor allem ist sein intrinsisches „great“ (S. 32) nicht einsichtig. Gross ist etwas immer in Bezug auf etwas anderes oder für jemandem. Alles andere ist ein Spiel mit Worten.
• Ist „existieren“ überhaupt eine Eigenschaft? Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Nagasawa diskutiert diese S. 22-25
• Der OGAC folgert von einem Begriff (der sich beliebig gestalten läßt) auf das Sein. Das erscheint mehr als verwegen.
• Warum soll das, was ich denken kann auch existieren? Das hat im OGAC nur deshalb Kraft, da über das „perfekte Wesen“ das „existieren“ (siehe unter 2) mit hereingeholt (siehe unter 1) wird.
• Ob die Nicht-Existenz zum Schlimmsten-Denkbaren gehört (S. 33) bezweifle ich.
Kognitive und evolutionäre Ursprünge
Wohl um dem Gottesbegriff Reputation zu verleihen, ihn empirisch zu belegen und damit aus der reinen Vorstellung des Anselm von Canterbury zu holen, zeigt Nagasawa, dass der Gottesbegriff kognitive und evolutionäre Ursprünge hat. Nach Forschungen des Pädagogen Jean Piaget schreiben Kindern zunächst den Erwachsenen göttliche Eigenschaften zu (Allwissenheit, Allmacht und wohl auch moralische Güte). Sie korrigieren das erst später (S. 6-7).
Ergänzung zur Forschung von Piaget
Die Realität zeigt den Kindern allmählich etwas anderes, der Religionsunterricht gibt ihnen Ersatzobjekte: die Götter, Engel und Teufel. Diese Metamorphose machen vernünftige Erwachsene später nochmals durch. Sie erkennen – diesmal ist das „Erwachen“ radikaler – dass es Götter, Engel und Teufel nicht gibt.
Der Schlenker zu Piaget und der Hinweis auf die entwicklungpsychologischen Ursprünge des Gottesglauben ist ein Schuß nach hinten. Daniel Dennett u.a. sehen ein Problem: wenn Gott nicht existiert, warum konnte dann der Gottesglaube in der menschlichen Evolution so mächtig und wirkungsvoll werden? Das scheint den Prinzipien der Evolution zu widersprechen. Siehe dazu Dennett 2006 unter Nagasawa Literatur und eben Piaget (S. 6-7).
Missverständnis der Apologeten
Diese Erklärungen der Entstehung des Gottesglauben – bei Piaget ontogenetisch, bei Dennett phylogenetisch – werden von Apologeten häufig abgekanzelt: die Entstehung des Glaubens an die Götter sage wenig über deren Existenz. Das ist richtig, doch die Genese wird als Antwort auf eine apologetische Frage gegeben. Die Göttergläubigen fragen die Agnostiker / Atheisten zurecht: Wenn es keine Götter gäbe, wie ist dann der weit verbreitete (zeitlich, geografisch) Götterglaube zu erklären? Damit hat die Erklärung der Entstehung des Götterglaubens – ohne deren Existenz vorauszusetzen – eine hohe Bedeutung.
II 'Follow the evidence wherever it leads': evolution vs. intelligent design
Über die Evolution und ID habe ich schon so vieles an Aufklärungsarbeit geleistet, dass ich mit einem Hinweis auf "Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus" (siehe Nagasawa Links) mir die Argumentation des Teils II bis auf die folgenden kurzen Anmerkungen erspare.
Ein Einwand gegen die ID-Kritiker (S. 84):
einerseits sagen die Kritikier des ID: die Argumentation zeige nicht die Existenz Gottes,
andrerseits wollen sie das ID aus dem Unterricht heraus haben, da es ein religiöses Argument sei.
Der Einwand ist gut, aber
  1. die ID Vertreter fassen den intelligenten Designer immer als irgendeine göttliche Macht auf (diejenigen, die Außerirdisches zulassen, sind wenige) ohne sich da vorher festzulegen
  2. die ID Vertreter sind oft diejenigen, die zuvor einen Kreationismus in die Schulen bringen wollten, als dies in den USA für unzulässig erklärt wurde, schwenkten sie auf ID um
  3. die ID Argumentation hört beim intelligenten Designer auf und müßte dann fragen: woher kommt dieser?
Genau die 3. Frage behandelt YN. Er empfiehlt einfach einen Stopp einzulegen: der Designer braucht keinen Designer per definitionem (S. 85). Dann bricht aber Paleys Analogieargument mit dem Uhrmacher zusammen: die Uhr braucht einen Uhrmacher und der einen Uhrmacher-Macher.
Fazit
• Hume zeigte, dass die Analogie des Design nicht passend ist.
• Darwin zeigte, wie das offensichtliche Design ohne Designer entstand.
III The big bang, infinity and the meaning of life
Zum Big Bang bemerkt Nagasawa: „The big bang is therefore not an instance of an explosion, because it does not fill up empty space that is already there; the big bang is an expansion of space and time.“ (S. 106)
Ich denke, das ist noch nicht scharf genug formuliert. Mit dem Big Bang entstehen erst Zeit und Raum. Und auch die Naturgesetze. Deshalb kann man all den Kosmologischen Argumenten pro Gott entgegensetzen: das Kausalitätsprinzip – eine entscheidende Prämisse im kosmologischen Argument – entsteht erst mit dem Big Bang. Es ist völlig unklar, was das klassische Universum ohne Universum, Zeit und Raum überhaupt sein soll. Es gibt dann kein Zuvor und das Kausalitätsprinzip kann nicht benutzt werden um auf einen Schöpfer zu schließen (Grünbaum 1990; Morriston 2000).
Allgemein ist zur Argumentation mit dem Kausalitätsprinzip und dem strengen Determinismus durch die Apologeten zu bemerken:
• wenn der Indeterminismus der Quantenphysik gelegen kommt, berufen sich die Apologeten darauf (Freier Wille, Wundereingriffe Gottes),
• ansonsten nehmen sie den Determinismus als Prämisse und folgern auf die Erstursache Gott.
Argument von William Lane Craig
Auch die Verbesserung eines Unterarguments durch William Lane Craig „An actual infinity cannot exist“ (S. 131) scheitert: wenn es keine aktuale Unendlichkeit gibt, was ist dann mit Gott, dem sehr viele Unendlichkeits-Attribute (unendlich gütig, allwissend, ...) zugeschrieben werden?
• Die gesamten Diskussionen und Argumente um die Unendlichkeit sind bezweifelbar, weil sie vom Standpunkt des endlichen Menschen aus geführt werden. Nagasawa läßt hier einige Vorstellungskraft vermissen.
• Es ist nicht so klar, wie der Autor vorgibt, dass eine zeitliche Folge vergangener Ereignisse begonnen worden sein muss (S. 136).
• Viele der hier eingesetzten Prämissen (beispielsweise 1, S. 129; 2.11, S. 130; 2.21, S. 135) bezweifle ich stark.
• Nagaswaya argumentiert zu sehr aus einer endlichen menschlichen Position und Denkweise.
Ein weiteres „Argument“ von Willaim Lane Craig
An dieser Stelle sei ein weiteres „Argument“ für Gottes Existenz von Willaim Lane Craig erwähnt.
William Lane Craig, Religionsphilosoph, Biola University (USA)  und Ansgar Beckermann
Philosoph, Universität Bielefeld, diskutierten am 29.10.2015 in München: "Gibt es Gott? Argumente für und gegen die Existenz Gottes". Beckermann vertrat die Ansicht (so laut Craig im Interview), dass das Universum ohne Grund einfach da war. Dazu Craig: „Das ist armseliger als Zauberei. Der Atheismus geht davon aus, dass das Universum aus dem Nichts kam, ohne irgendwelche Gründe. Ich finde das verrückt.“
Craigs Stellungnahme ist aus zwei Gründen angreifbar:
1) Wenn Craig recht hätte, dann wäre der Glaube an einen Gott, der einfach da ist (ohne einen Grund oder eine Ursache) ebenso verrückt.
2) Richard Dawkins und anderen Atheisten wird (auch von Craig) vorgeworfen, sie seien aggressiv und beleidigend (The God Delusion). Allerdings sind "armselig" und "verrückt" auch nicht respektvoll.
"Ein Urknall aus dem Nichts ist armseliger als Zauberei". Interview mit William Lane Craig. Pro – Christliches Medienmagazin, 4/2015, S. 23–24.

Conclusion – Additional arguments for and against the existence of God
Im vierten Teil behandelt Nagasawa einige wichtige Argumente pro und contra Gott recht kurz.
Yujin Nagasawa bereitet den Stoff sehr gut auf. Jeder kann der Diskussion in den vier Teilen folgen. Nagasawa bietet dazu viele Gedanken, Einwände und Unterargumente. Als Einführung in die Thematik anhand dreier ausgewählter Argumente ist The Existence of God gut geeignet. Allerdings stellt man sich unter dem Buchtitel und Untertitel eine umfassendere Einführung vor.
Links
Nagasawa Evolution – Anthropisches Prinzip – Intelligent Design – Kreationismus
Nagasawa Gottesbeweise: Links und Literatur
Nagasawa Gottesbeweise und Gegenbeweise - nicht ganz ernsthaft
NagasawaDie traditionellen Gottesbeweise und ihre Kritik (pdf)
NagasawaDer kosmologische Gottesbeweis: Was versteht man darunter? (pdf)
NagasawaMartin Neukamm: Kosmologischer Gottesbeweis. Gibt es kosmologische Argumente für die Existenz eines Schöpfers?
Nagasawa Religiöser Glaube und Vernunft – Faith and Reason
Literatur
Cock, Albert A. (1917-18): "The Ontological Argument for the Existence of God". Proceedings of the Aristotelian Society 18, S. 363-384.
Craig, William Lane (1979): The Kalam Cosmological Argument. Barnes and Noble, New York.
Dennett, Daniel (2006): Breaking the Spell: Religion as a Natural Phenomenon. Viking.
Findlay, J. N. (1948): "Can God's Existence Be Disproved?". Mind 57:226, S. 176-183.
Grant, C. K. (1957): "The Ontological Disproof of the Devil". Analysis 17:3, S. 71-72.
Grünbaum, Adolf (1990): "Pseudo-Creation of the Big Bang". Nature 344, 821-822.
Malcolm, Norman (1960): "Anselm's Ontological Arguments". The Philosophical Review 69:1, S. 41-62.
Millican, Peter (2004): "The One Fatal Flaw in Anselm’s Argument". Mind 113:451, S. 437-476.
Millican, Peter (2007): "Ontological Arguments and the Superiority of Existence: Reply to Nagasawan". Mind 116:464, S. 1041-1053.
Morriston, Wes (2000): "Must the Beginning of the Universe Have a Personal Cause? A Critical Examination of the Kalam Cosmological Argument". Faith and Philosophy 7:2, S. 149-169.
Nagasawa, Yujin (2007): "Millican on the Ontological Argument". Mind 116:464, S. 1027-1039.
Nagasawa, Yujin (2010): "The Ontological Argument and the Devil". The Philosophical Quarterly 60:238, S. 72-91.
Oderberg, David S. (2001): "The Kalam Cosmological Argument. Neither Bloodied Nor Bowed. A Response to Graham Oppy". Philosophia Christi 2:1, S. 193-196.
Oppy, Graham (1996): "Gödelian Ontological Arguments". Analysis 56:4, S. 226-230.
Sontag, Frederick (1967): "The Meaning of `Argument' in Anselm's Ontological "Proof"". The Journal of Philosophy 64:15, S. 459-486.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.8.2015