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Einfalt
Olivier Roy: Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen
München: Siedler, 2010. Gebunden, 334 Seiten
[La sainte ignorance. Le temps de la religion sans culture] Ursel Schäfer, Übs. – Einfalt LinksEinfalt Literatur
Derzeit (2011) kursieren zwei Thesen:
• Die Menschen wenden sich vermehrt den Religionen zu und
• die sogenannten Neuen Atheisten und religöse Gleichgültigkeit gewinnen Boden.
Der französische Politikwissenschaftler, Spezialist für den Islam, Olivier Roy widerspricht der ersten These und unterstützt damit Warnungen des Papstes Joseph Ratzinger aka Benedikt XVI. Er vertritt: Das Religöse hat sich gewandelt. Es gibt ein breites Angebot an Religionen und viele suchen sich ihre aus oder basteln aus dem Angebot ein individuelles Gebräu.
Mit dieser Abtrennung des Religösen von den kulturellen Traditionen, mit denen sie gross wurden, sieht der Autor einen Übergang in den Fundamentalismus. Joseph Ratzinger warnt in diesem Zusammenhang etwas holzschnitzartig vorm "Individualismus".
Die Säkularisierung hat also – so Roy – das Religiöse nicht aufgelöst, sondern in die Privatsphäre verschoben. Statt vermuteter Wiederkehr des Religiösen stellt Roy eine Veränderung fest (S. 21; passim gesamtes Werk). Oliver Roy will diese Entwicklung aufzeigen und die Beziehung zwischen Religion und Kultur verdeutlichen (S. 48). Diesen Zug zur Fundmentalisierung sieht der Autor als Gefahr und als Herausforderung für Staat und Gesellschaft.
Der Autor verfügt offensichtlich über ein enormes Wissen zum Thema und einen guten Überblick der Zusammenhänge. Aus der Fülle seines Gedankenmatrials greife ich dies heraus.
Er kritisiert die Christen, die die ganze Entwicklung nicht erfassen. Sie lassen den christlichen Glauben in die Verfassungen aufnehmen. Der Vatikan pocht auf die christlichen Wurzeln Europas (S. 168). Auch die Politiker berufen sich auf diese Wurzeln (meine Anmerkung: wobei sie geschickt die griechische Antike als Wiege der Philosophie und Demokratie und plötzlich auch das Judentum (!) einschließen). Das Religöse wird damit verallgemeinert und allen zur Verfügung gestellt. Andrerseits fühlen sich nicht wenige Christen angegriffen, wenn auch andere über diese verallgemeinerten religösen Symbolen verfügen, sie auf- und angreifen. Wenn dann darauf verzichtet wird und beispielsweise „Merry Christmas“ durch „Season's Greetings“ oder bei uns das Christkind durch den Weihnachtsmann ersetzt wird, passt es den Christen ebenfalls nicht.
Die Sprache des Autors ist allerdings sehr technisch, die Inhalte sehr voraussetzungsreich. Unter „Dekulturation“ kann man sich – Roy wiederholt es oft genug – bald etwas vorstellen, beispielsweise hier: Das Band zwischen Religion und einer Kultur wird aufgelöst: „Ein Algerier ist nicht mehr automatisch Muslim, ein Russe orthodox, ein Pole katholisch“ (S. 37).
Doch Roy kreiert auch weitere zusammengesetzte Begriffe mit „Kulturation“ und noch mehr Fachbegriffe, wie beispielsweise „Deterritorialisierung“ (S. 47) u.v.a. Für Spezialisten sind diese Begriffe vielleicht vertraut, mir als Laien waren sie oft unverständlich.
Heilige Einfalt kann ein blitzgescheites Buch sein. Mir war es zu voraussetzungsreich. Man könnte es dem Leser nahelegen, sich in die Thematik vorher einzuarbeiten und sich vorab zum Fachmann zu machen. Doch der Buchtitel Heilige Einfalt spricht den Laien an.
Obwohl ich Roys These, dass es die behauptete Rückkehr des Religösen so nicht gebe, gerne lese und höre, kann ich das Werk nur Experten empfehlen.
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roy RoyOlivier Roy: Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen. München: Siedler, 2010. Gebunden, 334 Seiten. Ursel Schäfer, Übs. roy
Olivier Roy: Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen. Pantheon, 2011. Ursel Schäfer, Übs. Broschiert, 336 SeitenRoy
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.10.2011