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Gert Scobel: Der Ausweg aus dem Fliegenglas:
Wie wir Glauben und Vernunft in Einklang bringen können

Frankfurt: Fischer, 2010. Gebunden, 463 Seiten – Scobel LinksScobel Literatur
Die zu  religiösem Glauben und Vernunft vertretenen Positionen sind kaum vielfältiger vorstellbar. Während Joseph Ratzinger in einer Art Vorwärtsverteidigung Glaube und Vernunft nahezu gleichsetzt, sehen andere zwei autonome Geistesbereiche (Gould 1977), wobei sie je nach Provenienz in Streitfällen dem einen oder dem anderen den Vorzug geben. Andere sehen keine Diskrepanz zwischen den beiden Bereichen, sondern, dass sie gut zusammenpassen. Diese Postion vertritt auch der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel, obgleich er sich in  Der Ausweg aus dem Fliegenglas selten zu expliziten Stellungnnahmen hinreißen läßt.
Lassen sich religiöser Glaube und Vernunft vereinen? Wenn ja, wie? Darauf will Scobel antworten. Er stellt zunächst seine Absicht dar, dann gibt er eine Hinführung zum Thema und behandelt es naheliegend in den zwei Blöcken.
I Vernunft
II Glauben
Das umfangreiche Buch behandelt inhaltsreich sehr viele Fragen, die eine nahezu ebenso umfangreiche Besprechung erfordern würde. Ich greife hier nur einiges heraus, verkürze vieles und stelle Thesen heraus, die Scobel an vielen Stellen ausufernd bespricht. Oft haben sie – selten direkt ausgesprochen – diese Botschaft: Da kann der Glaube mithalten oder einspringen.
Eine umfangreichere Besprechung maile ich auf Anfrage gerne zu. Wem auch diese Besprechung zu ausführlich ist lese sofort das Scobel Fazit.
Absicht
Scobel will die Konflikte zwischen Vernunft & Glauben zeigen, aber auch, dass diese Konflikte „in weiten Teilen auf irrigen Annahmen und Illusionen beruhen“ (S. 11-12).
In der Einleitung stimmt der Autor aufs Thema ein. Er verdeutlicht das mit zwei Metaphern: das berühmte Schiff Otto Neuraths und das Fliegenglas von Ludwig Wittgenstein.
“Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.” (Neurath 1932, S. 206).
“Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.”  (Wittgenstein 2011 [1953] Nr. 309).
Zum Schiff findet Scobel einen guten Vergleich. Der Religiöse betrachtet das Schiff als etwas Vorläufiges, das im Jenseits überwunden sein wird. Der Atheist hält es für alles, das wir haben (S. 33).
Scobel knetet die folgenden Botschaften in die Leser:
  • Sperrige Fragen erfordern ungewöhnliche Lösungen (siehe Fliegenglas)
    Die Wissenschaft ist das Fliegenglas, von dem wir uns befreien müssen. Das Denken wurde früher durch die kirchliche Autorität und Theologie eingeengt, jetzt durch die Wissenschaft: Unser Denken und Handeln wird faktisch von einer Art wissenschaftlichem Fliegenglas gefangen (S. 88).
    Sotto voce: die Absurditäten des religiösen Glaubens befreien aus dem Fliegenglas.
  • Jedes Ding hat zwei Seiten. Dazu bemüht er die Kippfigur des dänischen Psychologen Edgar Rubin und diejenige Wittgensteins aus den Philosophischen Untersuchungen.
  • Gleichstufigkeit (–wertigkeit) von Glaube und Vernunft: Durchwegs stellt Scobel den Glauben auf Augenhöhe mit der Vernunft ohne dies überzeugend zu rechtfertigen. Er  nennt Glauben und Vernunft in einem Atemzug, wie beispielsweise hier: „ Glauben und Vernunft teilen sich diese eine Erde“ (S. 204). Und er setzt gleich hinzu, „dass es keine Teilung im strengen Sinne gibt“ (S. 204). An noch anderer Stelle versteigt sich der Autor – unter Berufung auf Augustinus und Thomas von Aquin – gar zur These, der Glaube gehe der Vernunft voraus (S. 247).
    Damit entsteht der Eindruck, man habe die gleichwertige Wahl zwischen beiden und man kann Glaube & Vernunft vereinen. Einige Beispiele:
    a) Glaube & Vernunft ist in einem gemeinsamen (!) Prozess über Milliarden von Jahren entstanden (S. 8).  Scobel meint an anderer Stelle, die Entstehung von Glaube und Vernunft kann man nicht in Vorher und Nachher trennen und er hält dies gar für evident (S. 215).
    • Es könnte auch sein – und dafür plädiere ich –, dass der Glaube erst sehr viel später kam, als die Vernunft in die Naturgewalten etwas hineininterpretieren wollte.
    b) Vernunft und Wissenschaft setzen Glauben voraus
    Die Vernunft und die Wissenschaft kann nicht voraussetzungslos agieren. Sie benötigt immer auch schon Geglaubtes. Immer wieder betont der Autor, dass auch die Wissenschaft Glauben voraussetzt. Wissenschaft zehrt von der Kraft des Glaubens (S. 204).
    Sotto voe: Na also, dann kann man auch Götter annehmen und ist mit der Wissenschaft auf Augenhöhe.
    • Da ist prinzipiell zuzustimmen, allerdings in Frage zu stellen, ob dieser Glaube mit dem religiösen Glauben gleichzusetzen ist. Wir haben nichts Anderes und vor allem nichts Besseres als die Vernunft um überhaupt eine Chance zu haben, der Wahrheit näher zu kommen. Alles andere wäre Raten.
    c) Die Vernunft wenig hilft bei den Fragen nach einem guten, gelungenen Leben (S. 77).
    • Das stimmt nur teilweise. Mit der Vernunft kann man sich der Antwort annähern. Man mag zu keiner objektivierbaren Wahrheit im obigen Sinn (S. 75) kommen, aber es hilft nichts, dann mit Vermuten und Raten und Luftschlössern weiter zu machen.
  • Zahlreiche Interpretationen der Vernunft: Die Vernunft wurde immer verschieden aufgefasst und interpretiert. Wer sich also auf eine (heutige, wissenschaftliche) Vernunft beruft, vergisst alle anderen Formen der Vernunft, wie beispielsweise die narrative Erzählung. (S. 78).
    „Die Vernunft ist nicht mehr eine, sondern viele. Dies zu verkennen, ist eine der größten Illusionen der Wissenschaft und einer Rationalität, die als »modern« bezeichnet wird“ (S. 80).
    Scobel scheint hier fast für ein „Anything goes“ zu  plädieren. Damit schafft er wieder den Freiraum für den religiösen Glauben.
  • Pluralismus der Zugangsweisen (in Ausweitung von: Jedes Ding hat zwei Seiten):
    Narrative {Erzählung, Legende} sind gleichbedeutend mit der wissenschaftlichen Weltauffassung. Bibel, Koran, Edda, neben Physiklehrbuch.
  • Grenzen der Vernunft
    Scobel gesteht zu: „Wer Grenzen der Vernunft aufweist, beweist damit keinesfalls den Glauben“ (S. 92).
    Sotto voce: aber der Glaube füllt die Lücken.
    • Die Grenzen der Vernunft öffnen ein Tor für den Glauben, doch dieser müßte erst noch zeigen, dass er keine Grenzen hat und dass er Fragen wahrheitsnäher beantworten kann.
    • Scobel setzt  stark auf andere Disziplinen und alltägliche Aktivitäten, die die Zustimmung der Leser haben: Dichtung (S. 84), Philosophie, Kochen, Sex, Musik usw. (S. 85). Da ist der Boden bereitet, dass er die Theologie ins Boot holen kann (S. 86-87).
    • Dass man hier nicht immer die Wissenschaft benötigt (ja, oft ist sie hier fehl am Platz), zeigt aber nicht, dass man mit der Methodik dieser Disziplinen oder des Alltags Antworten über die Wissenschaft hinaus erlangen kann.
  • Kein absoluter archimedischer Punkt der Gewissheit
    Sotto voce:
    a) also stellt Euch nicht so, alles ist ungewiss, glaubt an die Götter!
    b) Theisten, Agnostiker und Atheisten stehen in einem ähnlichen Netz von Annahmen.
  • Vorwurf des Szientismus
    Viele reden – meist abwertend – vom Szientismus. Der Begriff ist jedoch keinesfalls so scharf umrissen, wie manche meinen. Scobel versteht darunter – wenn ich richtig gelesen habe – diese sehr weitreichende Bedeutung:
    • Der Szientismus fordert (ausschließlich) wissenschaftliche Methoden in allen Disziplinen einzusetzen, auch in Politik, Soziologie und Kultur. Dieser Forderung liegt die These zugrunde: objektiv verläßliches Wissen erlangt man nur mittels wissenschaftlicher Methodik.
    • Szientismus kann man auch enger auffassen, beispielsweise: Wissenschaftlichkeit ist zwar die bevorzugte Methodik für Wissen, doch auch andere Disziplinen können gerechtfertigte Wissensansprüche erheben. Damit ist der Szientismusvorwurf weitgehend entkräftet.
    Daniel Dennett über den Szientismus als Vorwurf: „It's an all-purpose, wild-card smear. It's the last refuge of the sceptic. When someone puts forward a scientific theory that they really don't like, they just try to discredit it as »scientism«. But when it comes to facts, and explanations of facts, science is the only game in town.“ (Byrnes 2006)
  • Reduktionskeule
    Der Vorwurf des Reduktionismus ist derzeit nicht nur in der apologetischen Literatur, sondern auch in Foren und Leserbriefen beliebt. Wer sich Geister nicht hinzudenkt, dem wird Reduktionismus vorgeworfen. Er denke zu naiv, zu einfach (S. 335). Scobel bereitet die Reduktionismuskeule in einem eigenen Kapitel vor: "Gott, Komplexität und die Aufgabe der Theologie". Die Hauptthese dieses Kapitels lautet:
  • Die Welt ist komplex. Es ist fraglich, ob wir sie je naturwissenschaftlich erklären können.
    • Zugestanden, doch was folgt daraus? Für Scobel zeigt es, dass es etwas außerhalb der Welt gibt (siehe Scobel richtige Gottesvorstellung).
    • Eine Folgerung zieht Scobel doch aus der verwirrenden Komplexität der Welt: Dem Glaubenden entsteht aus seiner Gottesvorstellung eine Beruhigung (S. 357). Das ist freilich eine bescheidene Funktion. Ich meine, dass die nicht völlig erfassbare Komplexität der Welt nicht dadurch begreifbarer wird, dass man sich mit Gott noch etwas Komplexeres vorstellt. Die Religion als Beruhigungsmittel hat außerdem zu starke Nebenwirkungen.
  • Demontage des „naiven“ Weltbilds
    Zur Desavouierung der Wissenschaft gehört nicht nur das Aufzeigen der Grenzen, sondern auch, dass sie selbst uns zeigen: das naive Alltagsweltbild ist falsch.
    Sotto voce: also kann das Weltbild mit Gnomen und Göttern vielleicht wahr sein, jedenfalls hat es genauso seine Berechtigung wie das alltägliche Weltbild (S. 98).
Religiöser Glaube in positiver Bestimmung als eigene Domäne
Die obigen Thesen sind meist negativer Natur. Sie bereiten den Boden vor für Scobels positive Aussagen zum religiösen Glauben und dessen Inhalten.
  • Glaube ist keine abgeschwächte Art von Wissen, „sondern muss als ein viel tiefer reichendes, weil grundlegendes Vertrauen verstanden werden“ (S. 215).
  • Die richtige Gottesvorstellung ist völlig außerhalb der menschlichen Sphäre, also sozusagen überkomplex. Das übersieht den Witz der von Scobel genannten (und so oft geschmähten) Gedankenexperimente (Fliegendes Spaghettimonster, Russells Teekanne): wenn wir Visionen und Vorstellungen nur deshalb akzeptieren, weil sie vorstellbar sind, öffnen wir – Gleichbehandlung vorausgesetzt – die Tür für  Spaghettimonster und Teekannen.
  • Die Wahrheiten,. um die es in Theologie und Philosophie geht, liegen nicht im Zielbereich der Vernunft (S. 120).
Irritierende bis widersprüchliche Thesen
  • Scobels Plädoyer für die Vernunft: „Am Ende bleibt die Einsicht, dass die Vernunft uns einen privilegierten Zugang zur Erkenntnis, ja zu absoluter und richtiger Erkenntnis garantieren kann“ (S. 90) ist irritierend. Ich vermute, hier baut Scobel eine Position auf, die er selbst nicht teilt. Er formuliert sie so rigoros (privilegiert, absolut, ...) um Widerspruch hervorzurufen. Mit den Grenzen der Erkenntnis, die er aufzeigt, wird diese Position dekonstruktiert. Seine Einsicht, dass nur die Vernunft uns Erkenntnis garantiert, vergisst er. Siehe hier:
  • Unser Erkenntnisvermögen behindert die Erkenntnis der eigentlichen Natur, der objektiven Welt (S. 117). Dazu beruft sich der Autor auf Colin McGinn (1996): Die Grenzen vernünftigen Fragens. Grundprobleme der Philosophie.
  • Ein vernünftiges Gespräch erfordert gleiche Regeln für alle Teilnehmer, insbesondere diejenige, die jeweiligen Behauptungen zu begründen (S. 77). Scobel wird später den religiösen Glauben von der Begründungspflicht ausnehmen! Ein bedeutender Theologe des 20. Jhdts. stellte fest: „Wer durch Gründe bewogen wird, Gottes Wirklichkeit zu glauben, der kann sicher sein, daß er von der Wirklichkeit Gottes nichts erfaßt hat“ (Bultmann 1925).
    Ist damit ein vernünftiges Gespräch über den religiösen Glauben unmöglich?
  • Während sich Scobel an vielen Stellen auf die Gleichursprünglichkeit von Glaube und Vernunft beruft (siehe oben Scobel Gleichstufigkeit (–wertigkeit) von Glaube und Vernunft), gesteht er an anderer Stelle zu, dass unklar ist, wann und wie sich Bewusstsein, Denken und Glauben im Laufe der Evolution realisiert haben (S. 211-212).
  • „Glaube im religiösen Sinne ist kein Wissen – in welchem Grad oder in welcher Form auch immer“ (S. 264) – „Glaube unterscheidet sich deshalb auch nicht primär von Wissen oder Meinen ...“ (S 264).
  • Glauben ist keine geistige Tätigkeit (S. 268) – Glauben ist ein Geschehen (S. 271)
  • Gott entzieht sich jeder Beschreibung. Scobel stellt ihn wieder in die narrative Beschreibung zurück durch die Todesbeschreibungen von Jorge Semprún und Dietrich Bonheffer. Das alles gipfelt in der Metapher von Gottes Anwesenheit im Modus der Abwesenheit (S. 316). Das versteht wer kann.
  • Subtile Formulierung zum Transport der These
    Scobel bedient sich – ich hoffe unbewusst – subtiler Formulierungen, die zwar kaum getadelt (oder gar zurückgewiesen) werden können, aber doch die gewünschte These transportieren.
    Beispiel: Mit Hilfe der Annahme der Existenz von Geistern könne man „die ein oder andere Frage möglicherweise sogar lösen“ (S. 139).
    Man muss diese Aussage genau lesen, damit man  nicht auf Abwege gerät. Scobel formuliert sie um- und vorsichtig genug. Nur mit Hilfe der Annahme der Existenz von Geistern könne man Antworten geben. Das schränkt er zudem mit „möglicherweise“ ein. Und er setzt mit einem Bekenntnis zum  hypothetischen Naturalismus nach: die Annahme von Geistern ist in der  Naturwissenschaft nicht zugelassen. Es muss befürchtet werden, dass viele diese These Scobels nicht so genau lesen und meinen, mit der Annahme von Geistern könne man Antworten geben. Warum sollte man das nicht tun, wenn es weiterführt? Doch man vergisst zu leicht, dass damit nur eine Implikation eingeführt werden kann, beispielsweise: Wenn es Engel gibt, dann können sie eingreifen.
Vier einfache Fragen
Scobel stellt vier einfache Fragen:
  1. Gibt es Suppenwürfel? 
  2. Gibt es den Weihnachtsmann? 
  3. Gibt es Einhörner? 
  4. Gibt es einen Gott? (S. 133).
Diese werden erläutert (S. 133-134). So weit, so gut. Doch dann folgt ein langer Exkurs um die Diskussion in seine gewünschte Richtung zu bringen zu Hermeneutik, Wissenschaftstheorie, Bibel usw.
Scobel plädiert dafür, dass man die Frage nach dem  Weihnachtsmann, Einhörnern und Gott in einen anderen Kontext stellen und beantworten muss (S. 139). Dabei gesteht er den hypothetischen Naturalismus zu, aber wie es scheint nur im Kontext der Naturwissenschaft (S. 139). Der Autor erkennt dann, dass die jeweiligen Fragen immer innerhalb eines Bezugrahmens beantwortet werden. Dieser bestimmt den Ort der Suche. Weihnachtsmann, Einhörner und Götter sollte man daher nicht in der freien Natur suchen, sondern im Fabelbuch (S. 142).
Doch dabei bleibt es nicht. Fast alle religiös Gläubigen behaupten auch, dass ihre Götter in der Welt wirken. Darauf fusst eben die Argumentation des vielgeschmähten Richard Dawkins: Wer die Wirkung der Götter in unserer Welt behauptet, muss akzeptieren, dass man in der realen Welt nach dieser Wirkung sucht. Auch Scobel geht zur Wirkungsbehauptung über.
„Ein Gott, der nur vorgestellt wird, kann kein richtiger Gott sein. Es muss etwas Wirkliches geben, dem der Begriff entspricht – sonst ist er ein bloßer Begriff.“ (S. 149). 
Ambiguität von Glauben
Nachdem Scobel schon viele Kapitel über Glauben geschrieben hat thematisiert er endlich die Ambiguität von Glauben (S. 254). Er hat sich im Laufe seines Textes schon oft darauf berufen, dass auch Vernunft und Wissenschaft nicht ohne Glauben auskommen und dabei übersehen, dass zwischen Glauben (im Sinne von gerechtfertigter Überzeugung) und religösem Glauben zu unterscheiden ist. 
Scobel spielt die Ambiguität von Glauben mit dem Argument herunter, dass beide Arten von Glauben auf Vertrauen basieren. Dazu wende ich ein,
• Auch das Vertrauen ist mehrdeutig. Im Falle des Glaubens ist es grundlos (darauf kommt Scobel später); das Vertrauen der Wissenschaft ist begründet und bewährt. Mein Vertrauen darauf, dass der Modus ponens funktioniert ist immer wieder erfolgreich.
• Der Glaube, dass die Sonne auch morgen aufgehen wird (im Endeffekt also, dass die Naturgesetze auch morgen gelten werden), ist gut begründbar und bewährt sich jeden Tag.
• Auf einem fernen Planeten würden intelligente Lebewesen irgendwann ebenfalls den Satz des Pythagoras entdecken (und ihn anders benennen). Ob sie auch auf die Idee der Dreifaltigkeit (eine zentrale Aussage des christlichen Glaubens) kommen würden bezweifle ich stark.
• Das fünfte Kapitel beleutet das Glauben im religiösen Sinn. Der Glauben bleibt mysteriös, da Scobels Ausführungen (S. 257ff) mystisch und oft unklar ist. Warum beispielsweise der Unterschied des christliche Glaubens zum jüdischen in „Ihr habt Zukunft“ liegt, bleibt mir völlig unerklärlich (S. 258-259). Scobel erläutert es nicht. Ebenso begründet er nicht auch nur ansatzweise das Zitat von Gerhard Ebeling, Glaube „ist der schärfste Feind von Aberglaube und Illusion“ (S. 259; Ebeling 1959, S. 71). Handfestes gibt es in diesem Kapitel wenig, außer:
„Glaube im religiösen Sinne ist kein Wissen – in welchem Grad oder in welcher Form auch immer“ (S. 264).
Im Kapitel „Glauben im religiösen Sinn“ will Scobel zeigen, dass religiöser Glaube etwas ganz eigenes ist. Das kognitiv-propositionale Modell des Glaubens ist falsch (S. 282). Leider wird nicht deutlich, was Glaube dann ist, es sei denn man folgt Scobel auf der mystischen Reise in ein Glauben-Wolkenkuckucksheim.
Deshalb ist Scobel auch nach fast 30 Seiten kaum weiter: „Glauben ist eben nicht ein Für-wahr-Halten mehr oder weniger abstruser Sätze, sondern – was eigentlich?“ Nur in Klammern wagt er eine Antwort: „Ein Vertrauen darauf, dass es etwas gibt, das trägt“ (S. 284).
Welt-Systemanalyse nach Niklas Luhmann
Scobel hofft, dass Luhmanns Analyse helfen kann, die Ausführungen zur Gottesvorstellung besser zu verstehen. Diese Hoffnung trägt, vielleicht nicht ganz im Sinne des Autors. Die Quintessenz daraus scheint mir zu sein:
  1. Alles, was man erkennt, kann man nur von innerhalb des Systems erkennen.
  2. Wenn man die Grenze auflösen will, vernichtet man zugleich die Grundlage des Erkennens (S. 364).
Ich denke, Scobel wollte mit der Luhmannschen Systemanalyse sotto voce vermitteln: das außerhalb unser Erkenntnis Liegende können wir nicht erkennen, also könnte es doch so sein, wie die Religion behauptet.
Daran ist offen oder unklar:
• gibt es etwas außerhalb?
• Wenn man darauf mal hypothetisch mit „ja“ antwortet, gilt: Wenn wir es nicht erkennen können, können wir dazu nur mutmassen (Türe auf für das  Spaghettimonster!?).
• Die Religionen behaupten ganz Unterschiedliches zum Jenseits.
Ich meine, die Folgerung aus den Überlegungen mit Luhmann kann nur sein: Religion ist ein aussichtsloses Unterfangen. Scobel zieht sich so aus der Falle: Religion ist ein Trick (S. 366).
Immunisierung des christlichen Glaubens
Scobels Abgrenzung des religiösen Glaubens zum Spaghettimonster ist einfach:
Glaubt nicht alles Beliebige! Er wird genauer: beliebig ist das, was nichts mit dem Kern des christlichen Glauben zu tun hat.
Damit hat er den christlichen Glauben völlig immunisiert: Was nichts mit dem Kern des christlichen Glauben zu tun hat ist beliebig und sollte nicht geglaubt werden!
Theologie ist die kritische Auseinandersetzung mit Phantasien (S. 390). Das stimmt nur in so weit, als dies immer nur für die Phantasien der anderen gilt (siehe Immunisierungsgrundsatz).
Der Abschnitt über den Glauben endet mit der kaum zu widersprechenden Forderung: Mit Intelligenz, Mitgefühl und Weisheit müssen die dogmatischen Glaubensvorstellungen überwunden werden (S. 409). Scobel ist wohl bewusst, dass alle Jenseitsbehauptung reine Fantasie sind: „Denn über ein sagenhaftes Jenseits, ein Erleben nach dem Tod kann man viel behaupten, ohne je etwas wirklich belegen zu können“ (S. 413).
Höhepunkte
  • Kapitel 3: Von der Methode, richtig zu denken, und was daraus folgt
  • Zwischenspiel: Was man von Lisa Simpson über Kant, die Religion und ihr Verhältnis zur Wissenschaft lernen kann
    Unter vielem anderen zitiert Scobel hier Kant:
    „Denn wenn Gott zum Menschen wirklich spräche, so kann dieser doch niemals wissen, daß es Gott sei, der zu ihm spricht. Es ist schlechterdings unmöglich, daß der Mensch durch seine Sinne den Unendlichen fassen, ihn von Sinnenwesen unterscheiden und ihn woran kennen solle. – Daß es aber nicht Gott sein könne, dessen Stimme er zu hören glaubt, davon kann er sich wohl in einigen Fällen überzeugen; denn wenn das, was ihm durch sie geboten wird, dem moralischen Gesetz zuwider ist, so mag die Erscheinung ihm noch so majestätisch und die ganze Natur überschreitend dünken: er muß sie doch für Täuschung halten.“
    Kant: Der Streit der Fakultäten, 1798, Kapitel „Friedensabschluß und Beilegung des Streits der Facultäten“
  • Analyse der heutigen Situation von Religion und Theologie (S. 391-392)
Naturalistischer Fehlschluss
Scobel bekennt sich zur These: aus einem Ist-Zustand kann kein Sollen im ethischen Sinne abgeleitet werden (S. 89).
Er meint jedoch fälschlich, die Wissenschaft würde diesen Fehlschluss begehen. Richtig ist gerade umgekehrt (wobei er vereinzelt auch bei Wissenschaftler anzutreffen ist, insbesondere solchen, die religiös gläubig sind), die christliche Dogmatik vertritt eine Naturlehre. So wird die Sündhaftigkeit der Homosexualität biblisch begründet, die Verwerflichkeit aber auch dadurch gerechtfertigt, dass man (fälschlicherweise) konstatiert: gibt's in der Naur nicht, also naturwidrig, also verwerflich.
Ohne Gott keine Moral
Scobel erteilt erfreulicherweise der hanebüchenen These „Ohne Gott keine Moral“ eine Absage.
“Diese Ansicht, dass ohne Gott keine (christliche) Moral zu denken und erst recht nicht unter die Leute zu bringen sei, erfreut sich, so unberechtigt sie ist, bis heute großer Beliebtheit – insbesondere bei denen, die den Glauben in der traditionellen Form zu verteidigen haben. Wenn theologische Argumente nicht ausreichen, führen moralische Bedenken zunächst weiter.” S. 235
Andrerseits beruft sich Scobel mehrmals auf Kant, der Gott postulierte um die Moral zu retten (S. 152). Der Autor hält es da eher mit Keuner von Bertolt Brecht (S. 152, siehe Scobel Links).
Die Frage, ob es einen Gott gibt
Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage fallenlassen. Würde es sic händern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, daß ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“
Die Quintessenz scheint zu sein: wer schon ohne Gott moralisch ist, braucht keinen. Nur derjenige, der ohne Gott dauernd Banken überfallen würde (wie es prominent Manfred Lütz in Gott: Eine kleine Geschichte des Größten propagiert), benötigt als Korrektiv einen Gott, der ihm sagt, wo's lang geht.
Kant, Nietzsche, Wittgenstein
Scobels Leib- und Magenphilosophen – zumindest zu den hier behandelten Themen – sind Friedrich Nietzsche, Ludwig Wittgenstein und Immanuel Kant. Auf sie beruft er sich gerne und oft. So auch im Exkurs S. 152ff. Nicht nur der Leser verliert dabei den Faden (Um was geht es gerade?), ich bekam auch den Verdacht, Scobel habe ihn verloren. Immer mehr geschichtliches Wissen breitet der Autor aus. Er folgert richtig, der Gottlose bringt durch seine Verneinung keinen Sinn hervor. Den muss sich der Gottlose selbst geben (S. 169). So ist es.
Methodik
  • Oft zieht Scobel keine Folgerungen aus seinen Thesen, sondern drängt den Leser in eine bestimmte Richtung. Dazu stellt er Fragen, wie beispielsweise nach der zutreffenden Beschreibung der Komplexität unserer Welt (7. Kapitel): „Könnte es nicht sein, dass die Vorstellung der religiös Gläubigen zutreffen?“ (S. 347).
    • Das kann man schlecht bestreiten. Es könnte sein. Doch was sein könnte, kann ein Vernünftiger nicht schon alleine deshalb in sein Überzeugungssystem aufnehmen.
Gesamteindruck
• Scobel versteht es zutreffende Zusammenhänge so zu formulieren, dass der Realist kaum etwas dagegen haben kann und der (Aber)Gläubige zustimmend mit dem Kopf nickt. Es entsteht aber beim Leichtgläubigen zu schnell ein Bestätigungseffekt. Ein Beispiel:
„Vielleicht waren die Kräfte am Himmel, die die Sterne bewegten, genau die, die auch die Schicksale auf der Erde bestimmten (was in gewisser Weise gar nicht falsch ist, wenn man an Newtons Bewegungsgesetze denkt).“ (S. 213).
• Scobel hat mit „vielleicht“ und einer Univerumssicht die Zustimmung der Realisten. Schließlich wird keinem geringeren als Werner Heisenberg das Bonmot der universalen Wirkung zugeschrieben: „Wenn ein Kind seine Puppe aus der Wiege wirft, dann wackelt der Sirius!“ Die Astrologen fühlen sich ebenfalls bestätigt: die Himmelskräfte bestimmen menschliche Schicksale.
• Scobel ist offen und erfreulich undogmatisch. Mancher Kritik entkommt er durch einen gewissen – er wird es nicht gerne hören – Synkretismus und Relativismus.
Doch Scobels Befund:
„Statt auf dogmatische Lehrsätze und die Lehren der Religion zu starren wie das Kaninchen, das vor der teuflischen Schlange der Unorthodoxie Angst hat, ist es befreiender und vor allem auch lohnender, sich mit den Weisheitstraditionen in Verbindung zu setzen.“ S. 399
kann man wohl nur als einen Aufruf deuten, sich aus den Weisheitstraditionen zu bedienen.
Scobel hat für einen Journalisten umfangreiches Wissen, das er geschickt einsetzt. Wo er Thesen benötigt, verfügt er darüber und verblüfft damit wohl die Leser, die mit dem jeweiligen Kontext nicht vertraut sind. So glänzt er damit, dass die Intuitionen des Alltags „schlicht falsch“ sind: es gibt keine Tische als feste Körper (S. 97). Nun, ganz so ist es nicht. Tische sind feste Körper.
Editorische Aufbereitung
Literaturverzeichnis und Index vermisst man. Die Literaturangaben steckte man in die Fussnoten. Das ist unübersichtlich und führt zu Nachlässigkeiten. Beispiel: Fussnote 80, S. 441, führt Joachim Bromand, S. 93f an. Wenn ich es richtig sehe, fehlt der zugehörige Literaturhinweis.
Fazit
Vergleicht man  Scobels Der Ausweg aus dem Fliegenglas mit Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam oder mit Manfred Lütz: Gott: Eine kleine Geschichte des Größten dann gewinnt Scobel mit weitem Abstand.
Dieses Werk ist bedeutend aufgeschlossener, ehrlicher und kundiger als die beiden genannten.
Scobel mäandert zwar oft in Geschichte und Philosophie und er versucht – ich nehme an unbewusst – seine These von der Gleichwertigkeit von Glauben und Vernunft mit manchen Tricks anzubringen, aber er bringt anregende Gedanken für die Debatte.
• Scobel hat seine These der Vereinbarkeit von Vernunft und Glaube insofern erreicht, als er die Domäne des Glaubens außerhalb unserer Wirklichkeit stellt und eine Begründungspflicht verneint. Damit ist der Glaube jeder Kritik entzogen.
• Kaum ein Gläubiger wird ihm da folgen.
• Außerdem hat er damit das Tor für jede Phantasterei geöffnet und sie legitimisiert.
• Kaum ein Vernünftiger wird ihm da folgen.
Zu empfehlen ist Der Ausweg aus dem Fliegenglas denjenigen Lesern, die dem Autor seine Abschweifungen nachsehen oder denen sie sogar willkommen sind. Lehrreich sind diese Exkurse immer dann, wenn sie nicht zu schwammig oder mystisch werden. Seine Absicht, den Glauben gleichberechtigt neben die Vernunft zu stellen (Motto: „Glaube bringt's und ist der Vernunft mindestens ebenbürtig“), kann er freilich nicht erfüllen.
Links
Scobel Agrippas Trilemma, Münchhausen Trilemma
ScobelBertolt Brecht - Geschichten von Herrn Keuner
BultmannRudolf Bultmann
BultmannHerbert Gerl: Rezension – Christlicher Glaube als Weisheitslehre? 20.12.2010
Scobel Gottesbeweise
Scobel Werner Heisenberg, Zitate
Scobel Immanuel Kant
Scobel Keine Religion —> keine Moral
Scobel Alexander Kissler: Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam
Scobel Manfred Lütz: Gott: Eine kleine Geschichte des Größten
ScobelNiklas Luhmann
ScobelHans-Dieter Mutschler: Ursprungsfrage theistisch und naturalistisch. Transkript eines frei gehaltenen Vortrags anlässlich der Tagung „Universum aus dem Nichts – Stephen Hawkings Weltformel der Physik auf dem Prüfstand“, 14. Januar 2011, Tagungszentrum Hohenheim
Scobel Naturalistischer Fehlschluss – Sein-Sollen Fehlschluss
Scobel Sir Karl Raimund Popper
Scobel Religiöser Glaube und Vernunft
ScobelSzientismus
Scobel Rezensionen philosophischer Werke
Scobel Rezensionen politischer und anderer Sachbücher
Literatur
Byrnes, Sholto (2006): "When it comes to facts, and explanations of facts, science is the only game in town - Daniel Dennett is the “good cop” among religion’s critics (Richard Dawkins is the bad cop), but he still makes people angry. Sholto Byrnes met him". New Statesman 10. April
ScobelOnline verfügbar
Ebeling, Gerhard (1959): Das Wesen des christlichen Glaubens. Mohr Siebeck.
Gould, Stephen Jay (1977): “Nonoverlapping Magisteria”. Natural History 106, S. 16-22.
McGinn, Colin (1996): Die Grenzen vernünftigen Fragens. Grundprobleme der Philosophie. Stuttgart: Klett-Cotta. Siehe englisches Original unter: Problems in Philosophy. The Limits of Inquiry.
Neurath, Otto (1932): “Protokollsätze”. Erkenntnis 3, S. 204-214.
, Rudolf (1925): "Welchen Sinn hat es von Gott zu reden?" In: Andreas Lindemann, Hg.: Neues Testamen und christliche Existenz. Theologische Aufsätze. Tübingen 2002. S. 1-12.
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Scobel ScobelGert Scobel: Der Ausweg aus dem Fliegenglas: Wie wir Glauben und Vernunft in Einklang bringen können. Frankfurt: Fischer, 2010. Gebunden, 463 Seiten Scobel
Gert Scobel: Der Ausweg aus dem Fliegenglas: Wie wir Glauben und Vernunft in Einklang bringen können. Frankfurt: Fischer, 2012. Broschiert: 464 SeitenScobel
Ergänzende Literatur, auf die sich Gert Scobel bezieht
Albert ScobelHans Albert: Traktat über kritische Vernunft. Stuttgart: UTB, 1991. Taschenbuch, 303 Seiten Kant
Immanuel Kant: Der Streit der Fakultäten. Der Streit der Fakultäten in drei Abschnitten. Piero Girodanetti, Hg. Hamburg: Meiner, 2005. Taschenbuch, 216 SeitenScobel
McGinn Scobel Colin McGinn: Problems in Philosophy. The Limits of Inquiry. Wiley, Taschenbuch, 172 Seiten Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. Berlin: Suhrkamp, 2011. Joachim Schulte, Hg. Gebunden, 300 Seiten Scobel
Scobel Anfang


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