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Deutsche Leitkultur
leitkultur
Leitkultur LinksLeitkultur Literatur
"Am deutschen Wesen soll die Welt genesen."
Kaiser Wilhelm II.
"Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen."

geibelEmanuel Geibel
“Macht Platz dem deutschen Geist”
Erlanger Tagblatt, 27.4.1933
“Wir werden ihn stets bewahren
den echten, den deutsche Geist”

Schluß eines Gedichts von O.Mußgiller, Erlanger Tagblatt, 13.5.1933
"Ich plädiere für eine multikulturelle Gesellschaft"
Michel Friedman, CDU, friedman weitere Zitate
»Aber die Frage ist die«, unterbrach ihn Peszow mit seinem Baß, der immer bestrebt war, das große Wort zu führen und seine ganze Seele in das, was er vorbrachte, hineinzulegen, »was man eigentlich unter höherer Kultur versteht. Der Engländer, der Franzose, der Deutsche - wer von ihnen steht auf einer höheren Entwicklungsstufe und ist befähigt, dem anderen seine Kultur aufzuzwingen?
Leo Tolstoi: Anna Karenina, Leo Tolstoi Rezension

“Kultur ist die Gesamtheit
aller Formen der Kunst, der Liebe
und des Denkens, die, im Verlaufe
von Jahrtausenden, dem Menschen
erlaubt haben, weniger Sklave zu sein.”
Andre Malraux, französischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Filmregisseur, Abenteurer und Politiker.
Die Deutsche Leitkultur hat Tradition. Innenminister Wilhelm Frick, setzte sich schon 1933 dafür ein.
"Jeder aber, der sich gegen Deutschland wendet, soll wissen,
dass er als Feind des Volkes aus der Volksgemeinschaft ausgemerzt wird."
FrickBiografieFrickWikipedia  
Hilfreiche Unterscheidung zum Begriff der Deutschen Leitkultur. Man kann darunter verstehen:
  • deutschnational: Leitkultur sind verschiedene speziell deutsche Merkmale, an die man sich anpassen muss.
  • verfassungspatriotisch: man erkennt die Werte des Grundgesetzes an.
  • universalistisch: überzeugt sein vom guten Leben aller Menschen.
Frei nach Hans Joas: "Wie wichtig sind Vorbilder?", S. 14, philosophie Magazin 2012:2
Fraglich ist, was an der universalistischen Deutung noch deutsch ist.
Eine Position zwischen der verfassungspatriotischen und universalistischen ist diese:
Die humanistischen Werte:
Solidarität, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Weltoffenheit, Toleranz, Religionsfreiheit
und die Grund-, Menschen- und Bürgerrechte genügen als Leitkultur.

Bayerisches Integrationsgesetz grenzt die bayerische Regierung und die CSU aus

Das Bayerische Integrationsgesetz geht von einem schwammigen Begriff von Leitkultur aus:
  • Leitkultur = Verfassung
    Die im Bayerischen Integrationsgesetz proklamierte Leitkultur geht selten (nie?) über die Verfassung hinaus. So in der Präambel: „(Leitkultur) im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung”, im Absatz „Zu Art. 7 – Schulen”: „der Werteordnung der Verfassung”.
    Da jede*r Bürger*in Bayerns der Verfassung verpflichtet ist, bringt die Orientierung an der Leitukultur nichts. Bei einiger Interpretation kann man auch „zentrale Elemente der christlich-abendländischen Kultur” (Art. 6) zur CSU–Leitkultur gehörig sehen.
  • Leitkultur ohne deutsche Sprache?
    In Art. 10: „Die Angebote in Rundfunk und Telemedien sollen einen Beitrag zur Vermittlung der deutschen Sprache und der Leitkultur leisten”. Abgesehen davon, dass diese Forderung kaum minimalistischer sein kann (schon die Vorabendsendung „Betthupferl” in deutscher Sprache genügt), stellt Art. 10 die deutsche Sprache außerhalb der Leitkultur. Dies wird im Art. 9 und im Absatz „Zu Art. 9 - Verantwortung der Wirtschaft” wiederholt.
  • CSU und bayerische Regierung außerhalb der Leitkultur
    Bayerns Minister Horst Seehofer, CSU, verkündete, dass "das Ende der Willkommenskultur notariell besiegelt" sei (siehe CSU im Zick-Zack-Kurs und Rolle rückwärts: unzuverlässig und wetterwendisch). Damit ist eine Vorstufe der christlichen Nächstenliebe (den Nächsten willkommen zu heißen) – wenn  Horst Seehofer recht hat – für die CSU beendet. Den Ehrenamtlichen, Hilfsorganisationen, Tafeln, den vielen Helfer und Organisationen und den beiden großen christlichen Kirchen mit Caritas und Diakonie werden von der bayerischen und deutschen Politik immer wieder Knüppel in den Weg geworfen. Ihr karitatives Wirken im Sinne einer  Willkommenskultur für Flüchtlinge und andere, wird durch das Verkünden des Endes der Willkommenskultur torpediert und lächerlich gemacht. Die CSU und die bayerische Regierung stellen sich immer wieder außerhalb der Orientierung an der selbstpropagierten Leitkultur. Die christlich-abendländische Kultur ist ohne Menschlichkeit, christlicher Nächstenliebe und der Vorstufe dazu, der Willkommenkultur, nicht zu haben.
Wer dazu auffordert, einer anderen Rechtsordnung - etwa der Scharia - zu folgen, dem könnten nach dem Bayerischen Integrationsgesetz bis zu 50 000 Euro Geldbuße drohen. Da das TTIP eine eigene Rechtsordnung vorsieht, drohen TTIP-Befürwortern Geldbußen.

Grundtenor des Bayerischen Integrationsgesetz: Von Migranten wird einiges gefordert, wofür aber oft kein Angebot vorhanden ist. Keines der vollmundig angekündigten Integrationsangebote soll einklagbar sein.

 IntegrationBayerisches Integrationsgesetz (pdf) – Leitkultur "das Ende der Willkommenskultur notariell besiegelt"Leitkultur Die CSU ist nicht auf dem Boden des GrundgesetzesIntegrationSo will die CSU Druck auf Flüchtlinge machen, SZ 1.6.2016
Zwei Stimmen zur Deutschen Leitkultur vom Verfassungstag am 1.12.2015

Das Motto der diesjährigen Verfassungsfeier lautete:
"Leitkultur – Bewährung, Bewahrung und/oder Wandel?"
  • Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte, der Begriff Leitkultur sei nie ihr Favorit gewesen. Für Frau Knobloch genügt ein aufgeklärter Patriotismus mit einem historisch geläuterten deutschen Selbstbewusstsein. Unentbehrlich hält sie die Freiheitsrechte und Sicherung der Partizipation der Bürger. Eine Verselbständigung der Staatsmacht muss verhindert werden.
  • Für Florian Besold, Vorsitzender der überparteilichen Bayerischen Einigung, die alljährlich den Verfassungstag ausrichtet, genügt die Bayerische Verfassung.
Knobloch"Antisemitismus ist wieder salonfähig" Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, warnt vor einem fahrlässigen Umgang mit Werten, SZ, 3.12.2015, S. 44
Familienministerin Kristina Schröder, CDU, lehnt Leitbilder ab
Kristina Schröder schwang sich selbst zur Gouvernante der Nation auf und schrieb das Buch: Danke, emanzipiert sind wir selber (Leitkultur Kristina Schröder, CDU: Gouvernante der Nation). In einem Interview mit Welt Online baute sie ihre Gouvernantenrolle aus:
„Ich sage: Wir brauchen keine Leitbilder und keine Bevormundung. Dass ich als Ministerin natürlich auch Vorbildfunktion habe, ist doch klar. Aber ich erhebe mein Lebensmodell eben nicht zum einzig richtigen.“
Wer kann auch schon von der Schulbank weg quasi direkt Ministerin werden? Schröder
Weiter im Interview:
„Diese tiefe Sehnsucht in Deutschland nach dem einzig selig machenden Leitbild, die ist irre.“
schröder"Mutter, Karriere, Geliebte. Das erschlägt Frauen", Welt Online 21.4.2012
Christlich-jüdisches Leitbild in Frage gestellt
Das oft beschworene christlich-jüdische Leitbild wird von einigen FDP- Politiker als ungenügend eingestuft. Marco Buschmann, Christian Lindner, Stefan Ruppert, Serkan Tören und Johannes Vogel, alle FDP und MdB, geben in »Sechs Thesen für ein republikanisches Integrationsleitbild« zu Bedenken:
“Das Grundgesetz verlangt jedoch nach einem Leitbild, das unabhängig von der Religion oder persönlichen religiösen Überzeugungen ist.” Zudem: Menschen, die weder Christen noch Juden sind können sich ausgegrenzt fühlen.
Das christliche Leitbild führt oft zu sozialer Härte und Kälte (Leitbild CSU & Alte, Kranke und Behinderte).
Die FDP Politiker stellen dafür Weltoffenheit, Toleranz und Leistung als Leitbild zur Diskussion. Dagegen wetterte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Johannes Singhammer, CSU. Die CSU will verständlicherweise auch weiterhin gegen Ausländer, Behinderte und sozial Schwache vorgehen. Weltoffenheit und Toleranz stehen dabei im Wege.
FDP beanstandet christliches Leitbild, SZ 9.12.2010, S. 6 – fdpFDP-Thesen werden abgewatscht. CSU-Politiker warnt vor Abschaffung des christlich-jüdischen Leitbilds 9.12.2010
fdpKritik an christlich-jüdischem Leitbild. FDP provoziert Kulturkampf, SPIEGEL Online, 9.12.2010
Friedrich Wilhelm Graf, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der LMU München, zur Floskel: "Grundgesetz, das auf unserm christlich-jüdischen Erbe beruht" (Volker Kauder, CDU, u.v.a. Politiker): “zunächst muss man sagen, dass die Behauptung einfach falsch ist. Der moderne Verfassungsstaat, und speziell der Rechtsstaat in Deutschland, ist weithin gegen die Kirchen durchgesetzt worden. So wurde etwa noch weit bis in die fünfziger Jahre in den Diskursen beider großen Kirchen der Begriff »Menschenrechte« eher kritisch gesehen, als liberalistische Verirrung des modernen Menschen.” – "Wir sollten das Grundgesetz nicht taufen", SZ, 13.10.2010, S. 13
"Die Rede von den Werten bringt nicht so wahnsinnig viel, wenn es um die tatsächliche Lebenspraxis geht. Und da scheint mir das Recht wichtiger fast zu sein als die Werte. Wenn wir heute reden immer von Europa als Wertegemeinschaft zucke ich immer zusammen." - spaemann Robert Spaemann, 10.2.2007, SWR
Ursprünglich wurde der Begriff "Leitkultur" 1998 vom Göttinger Islamforscher Bassam Tibi im Sinne einer „europäischen Leitkultur“ geprägt. Er meinte damit die Demokratie, den Laizismus und die Menschenrechte. Diese Punkte sind in Deutschland nicht realisiert. Friedrich Merz, CDU, engte daher auf eine „deutsche Leitkultur“ ein und ließ offen, was er darunter versteht.
Die Politiker verstehen unter deutscher Leitkultur meist den Standort Deutschland:
siehe HoffmannWikipedia
Oder eine Monokultur, die sich besser überwachen und steuern lässt.
"Eine Nation stellt eine Ansammlung uneinheitlicher Kollektive dar. Ohne einen einzigen Einwanderer zu benötigen, bildet sie ein multikulturelle Gesellschaft."
Klaus P. Hansen, Professor für Amerikanistik an der Universität Passau, SZ 19.8.2006, S. 2
Zum Fahnenwahn anlässlich der Fussballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland
"In Ost-Berlin sind übrigen an vielen Wohnungen aus NS- und DDR-Zeiten noch Fahnenhalterungen befestigt. Man musste also nur noch die neuen Fahnen reinstecken."
Wolfgang Wippermann, Prof. für Neuere Geschichte, FU Berlin, OVB 13.6.2006, S. 3
Während sich viele Politiker auf die christlichen Werte des Abendlandes berufen und alle anderen deutschen Bürger darauf verpflichten wollen, aber die Werte wohlweislich nicht nennen, wagte es Bernd Neumann, CDU. Allerdings nannte er in einem Spiegel-Interview vornehmlich keine christlichen Werte.
"Wir müssen verstärkt den Dialog suchen, verstärkt in Schulen und darüber hinaus über unsere kulturellen Werte aufklären, über die Bedeutung von Demokratie, Freiheit und Toleranz, über die Ablehnung von Hass und Ressentiments gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen. Wir müssen aber auch von allen, die in unserer Gesellschaft leben, die Akzeptanz dieser Werte einfordern."
Bernd Neumann, CDU, Staatsminister für Kultur, im Interview mit neumannSpiegel Online, 22. Februar 2006

Daniel Bogner: "Leitkultur per Anordnung. Das Konzept eines von oben vorgegebenen Kanons ist ärgerlich, denn damit gäbe der Staat die nötige Selbstbeschränkung auf". Süddeutsche Zeitung, 18.2.06, S. 2
Daniel Bogner: Theologe, Referent in der internationalen Abteilung der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn
Links
LeitkulturBayerische Einigung
LeitkulturDie Legende vom christlichen Abendland – gbs-Broschüre in deutscher und englischer Sprache 
LeitkulturDie Legende vom christlichen Abendland – Broschüre (pdf) als download
leitkulturWo finde ich Hintergrund-Informationen zur Diskussion zum Thema Leitkultur?
leitkulturEuer Deutschland - Unser Deutschland
Hilmar Hoffmann, ehem. Präsident des Goethe-Institut bezeichnete den Begriff "deutsche Leitkultur" als »verheerend«, Hoffmanndpa-Gespräch, 3.11.2000
HoffmannHilmar Hoffmann: "Deutsche Leitkultur ist nichts für Stammtische", Rheinischer Merkur Nr. 44, 3.11.2000, S.17
HomannRudolf Homann: Deutsche Leitkultur und Ausgrenzung, 2014-01-15
humanismusLeitkultur Humanismus
NegtOskar Negt: Was ist das: Kultur? 29.11.1996
sartoriusJoachim Sartorius, ehem. Generalsekretär des Goethe-Institut: "Leidkultur, Light-Kultur und Leitkultur: Plädoyer für eine Kultur ohne Hegemonialanspruch", Frankfurter Rundschau, 21.11.2000

toleranzLink- und Literaturliste zu 9.1. Toleranz und soziale Integration
becksteinGünther Beckstein: Annäherung an die Leitkultur
Leitkultur Gesinnungstest
LeitkulturLeitkultur. Vom Schlagwort zur Sache, 3.5.2006
Leitkultur Literatur
ZuwandererPatriotismus - Nationalismus
Zuwanderer Philosophie für Zuwanderer und Eingeborene: Test zu einem Ausschnitt deutschen Kultur
LeitkulturWertevermittlung – Werteunterricht

Literatur
Bedeutend mehr Literatur zum Thema siehe unter werte Literatur zu Werte und Wertevermittlung
Heiner Bielefeldt: Einbürgerungspolitik in Deutschland: Zur Diskussion über Leitkultur und Staatsbürgerschaftstests. Deutsches Institut für Menschenrechte 2006. 16 Seiten
Deutsches Institut für Menschenrechte
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Benz Christlich-abendländischUte und Wolfgang Benz, Hg.: Stolz, deutsch zu sein? Berlin: Metropol, 2005. 192 S. Bergmeier
Rolf Bergmeier: Christlich-abendländische Kultur - eine Legende: Über die antiken Wurzeln, den verkannten arabischen Beitrag und die Verklärung der Klosterkultur. Aschaffenburg: Alibri, 2013. Broschiert, 238 Seiten lammert


lammert
Norbert Lammert, Hg.: Verfassung, Patriotismus, Leitkultur. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2006. Broschiert, 308 Seiten lammert
Oberndörfer dieterDieter Oberndörfer: Deutschland in der Abseitsfalle. Poltische Kultur in Zeiten der Globalisierung. Freiburg: Herder, 2005. Broschiert, 189 Seiten
leitkultur Rezension
salomon
Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur. Aschaffenburg: Alibri, 2006. 2. Aufl. Broschiert: 196 Seiten leitkultur
senocak SenocakZafer Senocak: Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift. Edition Körberstiftung, 2011. Gebunden, 190 Seiten
leitkulturChristiane Florin: "Geist statt Geld und Gene", DLF 28.3.2011
 
"Der Witz an der Leitkultur – oder der Unwitz eigentlich daran – war, dass man eine Fiktion aufbaut: Es gibt etwas, das man in Deutschland haben muss, und wenn man das nicht hat, dann gehört man nicht hier her. Und das ist das Ekelige daran, weil es völlig undefiniert ist und auch noch den Kulturbegriff missbraucht." Prof. Dr. Thomas Raff, Kunstgeschichtler (Universität Augsburg) und Vorsitzender des Heimatvereins Dießen am Ammersee, in: "Nation der Dichter und Denker? Deutschland zwischen Leitkultur und Leidkultur ", BR alpha 24.6.2005
Selbstverursachte schwere Zeiten für Deutsch Deutsch als Wissenschaftssprache
Dieter Bohlen 1: 800.000 Auflage; Dieter Bohlen 2 Hinter den Kulissen: 250.000 Auflage (davon 20.000 ohne Striche verkauft; bohlen Angegriffene Literatur in der Bundesrepublik)
Nobelpreisträger J. M. Coetzee: seit 1995 bei S.Fischer. Kein Buch wurde mehr als 10.000 verkauft. Coetzee Rezension: J. M. Coetzee. Disgrace.
Focus 41/2003, S. 14 u. 16
SZ: Herr Stoiber, können Sie sich nun unter dem deutschen Weg etwas Konkretes vorstellen?
Edmund Stoiber, CSU: Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen." SZ, 14.8.2002, S.6
Stoiber scheiterte an einer einfachen Frage zu zehn Geboten, die ohne Zweifel zur abendländischen Kultur gehören. stoiber Stoibers Unkenntnis der elementarsten christlichen Gebote
Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) forderte erneut, Ausländer müssten die deutsche Leitkultur anerkennen. „Unsere westliche Zivilisation, geprägt durch Christentum, Aufklärung und den Humanismus, die muss jeder anerkennen, sonst hat er bei uns nichts zu suchen“, sagte Beckstein im Deutschlandradio. SZ, 1.7.2002, S.6
Meine Reaktion (Samstag, 6.7.2002, SZ, Leserbriefe): "Will Beckstein jetzt alle Nicht-Christen hinauswerfen? Oder will er gar sich selbst ausweisen?"
Otto F. Best, Literaturwissenschaftler, 1980: "Wobei es, dezenterweise, angebracht wäre, vom jüdisch-christlichen Erbe zu sprechen und auch der relevanten islamischen Tradition den ihr gebührenden Platz zuzubilligen." Das Groteske in der Dichtung. Darmstadt 1980. S.1 – otto best Zitate Otto F. Best
Die von der CDU und CSU immer wieder eingeklagten Werte wie Disziplin und Ordnung sind genau die von den afghanistanischen Taliban geforderten Werte und führen zu blinden Gehorsam und Intoleranz. "Die deutsche Leitkultur ist mit Ronald Schill und Otto Schily jedenfalls wieder im 19. Jahrhundert angekommen!" Leserbrief an die SZ von Anton Reutlinger, Landsham, 20.12.2001, S.13
"Wenn die Fahne fliegt, ist der Verstand in der Trompete [Zitat von Konrad Lorenz]. Genau da ist aber der Verstand unserer Politiker, wenn sie von deutscher Leitkultur sprechen." Heiner Geißler, CDU, Münchner Merkur, 7.12.2001, S.35
Richard Rorty, US-amerikanischer Philosoph, verteidigt eine universal gültige, westliche Leitkultur.
Roland Koch, CDU, Lügner und Politiker (ist das eine Tautologie?), fordert, "dass Schüler und Schülerinnen Respekt vor unserer Fahnen haben" (hat Koch getrunken?), außerdem sollen die Kinder "das Deutschlandlied können" (alle Strophen?). SZ, 10.9.2001, S.5
Opfer des von Deutschland angezettelten 2. Weltkriegs: 60 Millionen Menschen, darunter 20 Millionen Sowjetbürger und 6 Millionen planmäßig ermorderter Juden und Zigeuner. Der Spiegel 36, 2001, S.165 Für wen soll das ein Leitbild sein???
"Weil der Mensch in den verschiedensten kulturellen Phänomenen die unendliche Kreativität Gottes nachahmt, diese aber unerreichbar bleibt, kann keine konkrete Kultur die letztgültige sein und über alle anderen einen Absolutheitsanspruch erheben. Die Vielfalt der Kulturen ist für Cusanus vielmehr der positive Wert, denn in ihr spiegelt sich die Unerschöpflichkeit der Unendlichkeit des Schöpfergottes." Dr. Martin Thurner, LMU München, im Vortrag Nikolaus von Kues"Einheit von Philosophie und Theologie – Nikolaus von Kues" an der Katholischen Akademie in Bayern, Br-alpha, 22.8.2001 – nikolaus von kues Zitate Nikolaus von Kues
Eine Zitate Albert SchweitzerAuswahl von ca. 50 Zitaten wie z.B. "Die Wissenschaft, richtig verstanden, heilt den Menschen von seinem Stolz; denn sie zeigt ihm seine Grenzen." (Albert Schweitzer)
Edmund Stoiber, CSU, hat sich gegen eine multikulturelle Gesellschaft in Deutschland ausgesprochen. Der Begriff der deutschen Leitkultur sei der Gegenentwurf zum Nebeneinander verschiedener Kulturen. Einheitsbrei statt Vielfalt ist geboten. Süddeutsche Zeitung, 10.2.2001, S.5
"Multikulturell heißt, dass es zur nächsten Kebab-Bude nie weiter als zwei Häuserblocks ist. Integration heißt, dass man dort in akzentfreiem Deutsch bedient wird." Der Spiegel 4/2001, S.20
  • Tankstellen dürfen 24 Stunden 365 Tage im Jahr geöffnet sein,
  • Bibliotheken und Buchhandlungen nur in einem begrenzten Zeitrahmen.

Heiner Geißler, CDU: "Unsere Kultur war 130 Jahre lang geprägt von einem hohen Maß an Intoleranz und defizitärer Information". – "Wenn Missbrauch dazu berechtigte, andere Menschen abzufackeln, totzuschlagen, Häuser anzuzünden, müsste Deutschland ein Schlachtfeld sein". Süddeutsche Zeitung, 12.1.2001, S.9
"Zu diesen Grundnormen gehören für Beckstein: die Beherrschung der deutschen Sprache als unverzichtbare Grundvoraussetzung für Kommunikation, die Achtung der Grundwerte unserer Verfassung, insbesondere Menschenwürde, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit, ..." Pressemitteilung, 21. November 2000 zur Leitkultur"Grundlage unserer Leitkultur" (Vorsicht: rechtsradikaler Inhalt nicht ausgeschlossen; ich distanziere mich). Damit müßte sich Günther Beckstein – siehe seinen beckstein Kampf gegen Rechtsstaat und Demokratie – eigentlich selbst ausweisen!
"»doof sagen« heißt »merzen«" Dieter Hildebrandt, Scheibenwischer, ARD, 13.12.2000. Womit Hildebrandt auf Friedrich Merz, CDU, abzielt.
In Bayern: Multikultur von Anfang an
"... dann bleibt keine andere Annahme als die, daß die Bayern im wesentlichen das keltoromanisch-römisch-germanische Mischvolk sind, das sich in den Süddonaulanden seit dem Abzug der Römer (um 480) noch mit germanischen Elementen angereichert haben mag, ..." (S. 23).
Karl Bosl. Bayerische Geschichte. München, 1971
"Es war ein buntes Völkergemisch, das da während der römischen Jahrhunderte in Raetien lebte. Neben Kelten und Römern gab es Besatzungssoldaten aus allen Provinzen des großen Imperiums. In Straubing waren zum Beispiel die aus dem Orient stammenden kanathischen Bogenschützen stationiert ... In Passau wiederum lagen Bataver vom Niederrhein, die den Donau-Übergang beschützen mußten. Es sind meist Zufallsfunde, die über die Herkunft einer Einheit Auskunft geben. Auf diese Weise erfuhr man, daß bei Rosenheim zumindest eine Zeitlang dalmatische Soldaten stationiert waren und daß sich auf der Fränkischen Alb Breuker-Kohorten aus Kroatien und in Künzing thrakische Reiter vom südöstlichen Balkan aufhielten. Nach Baiern abkommandiert waren aber auch Truppen aus der Gegend von Alexandria, Aquitanier aus den westlichen Pyrenäen und Lusitanier aus dem heutigen Portugal. Und weil man im Allgäuischen die Knochen von einigen Kamelen fand, kann man für diese Gegend Truppen aus Nordafrika annehmen." (S.87). Hans F. Nöhbauer. Die Bajuwaren. München 1979.
"Zwingend ist, dass sie [Ausländer] Deutsch lernen und unsere Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten akzeptieren." Friedrich Merz, CDU, plädiert für eine Wertediktatur. Süddeutsche Zeitung, 4.12.2000, S.6

Der bayerische Kunstminister Hans Zehetmair, CSU, hat seine ablehnende Haltung zum Amt eines Bundeskulturministers bekräftigt. "Deutschland braucht einen Bundeskulturbeauftragen so dringend wie Österreich einen Marineminister", sagte er. Münchner Merkur, 27.11.2000, S.33
Merke: wo kein Meer, da kein Marineminister, wo keine Kultur, da kein Kulturminister.
Für März und Co. gehören u. a. "Christentum, Judentum und antike Philosophie" zu jener Leitkultur, die Einwanderer zu akzeptieren haben. Aber was heißt es. Ich bin weder Christ noch Jude, ganz im Gegenteil: Jede Religion ist mir suspekt. Gehöre ich da nicht dazu, in diesem Land. Und schlimmer noch "antike Philosophie", welche meinen sie, die indische, die chinesische, die japanische. Und mal angenommen, die griechische ist gemeint, welche genau: Platon, Aristoteles, Demokrit? Oder einer der Philosophen, die mir näher sind: Sokrates, Pyrrhon, Timon, Arkesilaos, Karneades, Agrippa, Krates und Diogenes von Sinope?
Ich schlage vor dass alle Kinder in der Schule Sextus Empiricus lesen, um in der deutschen Leitkultur unterrichtet zu werden. Vielleicht hat die CDU ja recht und Diogenes in seiner Tonne gehört zur deutschen Leitkultur. Nur war Diogenes dort freiwillig, die unter der Brücke schlafenden aber nicht.
Uwe Wiedemann, in philtalk@egroups.de, 12.11.2000
Die Aufforderung an Ausländer in Deutschland, sich der deutschen Leitkultur unterzuordnen, stammt von Friedrich Merz, CDU. Das haben vergessen oder verdrängt: Alois Glück und Michael Glos, beide CSU: sie werfen Paul Spiegel "Polarisierung" und "überspitzt formuliert" vor. Süddeutsche Zeitung, 13.11.2000, S.1
Paul Spiegel beim Richtfest zur Eröffnung eines Dokumentationszentrums am ehemaligen NS-Reichsparteitagsgelände in Nürnberg: Die Nationalsozialisten hätten in Nürnberg die Grundsätze ihres Terrorsystems bestimmt und damit die Leitkultur des Dritten Reiches. Dies habe zur Ermordung von Millionen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder geführt. Süddeutsche Zeitung, 16.11.2000, S.2
Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrats der Juden auf der Berliner Grossdemonstration gegen Rassismus, 9.11.2000: "»Wollen Sie von Glatzköpfen und deren Vordenkern regiert werden?«, fragte er die Bürger, obwohl Neonazis und Rechtsextreme politisch völlig isoliert sind. Zugleich griff er den von der CDU benutzten Begriff der »deutschen Leitkultur« scharf an und gab der Union eine indirekte Mitschuld an den Gewalttaten, indem er fragte, ob es deutsche Leitkultur sei, wenn Fremde gejagt und Synagogen angezündet würden." Neue Zürcher Zeitung, 10.11.2000, S.2
Diskussion in BR II am Donnerstag, 9.11.2000 mit Dr. Berndt Ostendorf, Prof. für Amerikanistik an der LMU, München. Ostendorf gestand gegenüber einem Anrufer, der keine amerikanische Kultur sehen konnte, auch den australischen Aborigines selbstverständlich zu. Dazu folgender Hinweis aus Texas. Kinky Friedman schreibt in einem Buch, was ein Weißer alles braucht, bevor er sich in den australischen Busch aufmacht: Nahrung, Kleidung, feste Schuhe, Taschenlampe, Medikamente usw. "And what does the aborigine need? A stick."
"Ist eine »deutsche Leitkultur« aus den Ereignissen der beiden Weltkriege abzuleiten? Ist das so genannte Dritte Reich Teil einer »deutsche Leitkultur«? Sind die sechs Millionen ermordeter Juden Teil einer »deutsche Leitkultur«? Fast die gesamte erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war, was Deutschland betrifft, ziemlich negativ geprägt – eine äußerst zurückhaltende Formulierung" Michael Cornelius, Todtmoos, Süddeutsche Zeitung, 4.11.2000, S.13
"Die CDU mag einer Führung derzeit bedürfen, Deutschland sicherlich nicht mehr." Klaus Topitsch, Münster, Süddeutsche Zeitung, 4.11.2000, S.13
"Die Leitkultur in Deutschland, wenn es denn wirklich eine solche die ganze Gesellschaft überwolbende gibt, ist seit Jahrzehnten amerikanisch. Insofern ist die Verbindung von »deutsch« und »Leitkultur« eine anachronistische Konjunktion." Joachim Güntner, Neue Zürcher Zeitung, 2.11.2000, S.33
SZ: Seit Tagen wird von einer deutschen Leitkultur geredet. Haben Sie eine Ahnung, was damit gemeint ist?
Said: Leit- oder Leidkultur, mit "d" oder mit "t" geschrieben? Aber im Ernst: Ich habe wirklich keine Vorstellung, was das sein soll. Im übrigen erinnert mich der Begriff an einen anderen Spruch: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen." – "Ich meine, dass diese Herren die geistigen Brandstifter benötigen. Deswegen beliefern sie diese Leute ja auch mit solchen Begriffen."
Said, in München lebender Schriftsteller, Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Süddeutsche Zeitung, 31.10.2000, S.22
"Leitkultur ist ein Totschlags-Wort: Wer von Leitkultur redet, will nicht integrieren, sondern provozieren. Leitkultur ist ein Wort der Überhebung, der Überheblichkeit, der Null-Toleranz. Wer nur darlegen will, dass Einwanderer in Deutschland deutsch lernen und der Werteordnung des Grundgesetzes zustimmen müssen – der braucht für solche Selbstverständlichkeiten das Wort Leitkultur nicht." Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung, 30.10.2000, S.4
Friedrich Merz, CDU, fordert die in Deutschland lebenden Ausländer offen zu Judenverfolgung und Neorassismus auf: sie hätten sich an die deutsche Leitkultur anzupassen. Und die war im 20.Jahrhundert von Krieg und Holokaust geprägt. Süddeutsche Zeitung, 23.10.2000, S.6
Vergleiche dazu die Bemerkung des Soziologen Wolf Lepenies (Lepenies Zitate Lepenies) zum universellen Wertekosmos.
Paul Spiegel, Präsident des Zentralsrats der Juden, kritisierte scharf die "Eliten-Fremdenfeindlichkeit" in Deutschland. Münchner Merkur, 20.10.2000, S.4
 

Deutsche Leitkultur
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.6.2016